4. Zusammenfassung und Bewertung unserer Ergebnisse

Ausgangspunkt unserer Untersuchung war, herauszufinden, was es mit dem Phänomen des modernen Wagenlebens auf sich hat, welchen Reiz dieses Wohnen auf Rädern ausübt, welche Faszination mit dem Wohnen auf anscheinend so beengtem Raum verbunden ist. Die Überlegung, die dahinter steckte, war, ob sich auf diesem Wege, aus der Vielzahl von individuellen Lebensexperimenten - so auch das äußere Erscheinungsbild, das wir in der Einleitung zeichneten - auf gemeinsame Motive oder gar Dispositionen schließen lasse, die eine - im optimalen Falle - von vielen getragene Bewegung anregen und umsetzen kann.

Im ersten Schritt haben wir versucht, herauszufinden, ob sich historische Vorläuferformen finden lassen, die es uns ermöglichen, so sich denn nicht Traditionen finden lassen, die ungebrochen ihre Fortsetzung erfahren, etwaige Parallelen zu ziehen. Schnell ergab sich jedoch, daß die in diesem Zusammenhang betrachtete Geschichte der Fahrenden kaum Parallelen mit dem modernen Wagenleben aufwies, wenngleich ausgewählte Kulturelemente der ersteren, insbesondere der Berufsgruppen der Gaukler und Spielleute, zuweilen doch adaptiert wurden.
Doch scheinen dies nur romantische Anwandlungen weniger zu sein, es sei denn, sie üben einen dieser Berufe tatsächlich aus (10 %). Auch in unser eigenen Erhebung (sowohl in den Interviews wie bei der Beantwortung des Fragebogens - äußerten nur wenige (13 %), daß sie sich in der Tradition der Fahrenden stehend sehen.

Nach unserer Auffassung ist aber das entscheidendste Argument, daß gegen ein Aufeinanderaufbauen beider Lebenswelten spricht, dies: Die Mobilität der Fahrenden, zumindest gilt dies vom ausgehenden Spätmittelalter bis zur Neuzeit, ist dem Zwang geschuldet , dem existentiellen Elend, der Armut, zu entkommen. Ähnliches läßt sich zu den Beispielen "des Wilden Wohnens", "Barackia" und Hamburg, ausführen. Die optionale Mobilität (1) der heutigen Wagenbewohner versteht sich hingegen als Lebensexperiment. Armut und Wohnungsnot als entscheidende Faktoren spielen eine geringe Rolle.(2)

Doch sei an dieser Stelle eine Einschränkung erlaubt. Während bei unseren Besuchen in den urbanen Wagendörfern, selbst in jüngster Vergangenheit, die Bedeutung der beiden Faktoren Wohnungsnot und Armut, wenngleich auch mit einer leichten Zunahme, von den Bewohnern weiterhin als gering eingestuft wurden, obgleich von ihnen selber diese Argumente bei den politischen Auseinandersetzungen um die Wagenplätze immer wieder ins Feld geführt werden, meinen wir beobachtet zu haben, daß die Anzahl derjenigen, die aus diesen Gründen ein Wagenleben aufnehmen müssen, erheblich wächst. Auch wenn wir diese Beobachtung nicht mit Zahlen untermauern können, so mögen doch die Vorgänge um die beiden Berliner Wagendörfer "East Side Gallery" und "Engelbecken" als Beispiel dienen.(3)

In Berlin werden die Wagendörfer von der Behördenseite, so der dafür zuständige Referent im Sozialdezernat des Senats, Thomas Brauner (4), sowieso nur als Ausdruck von Verarmung und Obdachlosigkeit wahrgenommen. Doch könne man ihnen durchaus auch eine positive Seite abgewinnen, stellten sie doch so etwas wie ein soziales Netz dar, das doch etliche Menschen auffangen könne, wenn auch auf unterster Stufe. Zwar nicht im Innenstadtbereich, doch an den Rändern müsse man, wie jede andere Metropole auch, als Ausdruck von Wohnraumverknappung und echter Armut, solche Erscheinungen dulden.

Hier deutet sich etwas an, was als Gefahr gesehen und gewertet werden muß: Städte und Kommunen könnten versucht sein, mit Hilfe der Duldung von Wagendörfern, Räume zu schaffen, in die die verschiedensten Randgruppen relativ kostengünstig zentriert werden können. Sicherlich ist es sinniger, wenn z.B. ein Wohnungsloser in kreativer Form seinen Wohnraum kostengünstig selber schafft, als auf 2 Pensionsquadratmetern teuer vor sich hin zu vegetieren, allerdings muß man darauf achten, nicht zur "sozialen Müllkippe" zu werden, mit deren Hilfe soziale undhygienische Standards, was, so man freiwillig auf sie verzichtet, völlig in Ordnung ist, weiter herunter geschraubt werden können.

Allerdings halten wir es nachwievor für falsch, in Armut und Wohnungsnot die Hauptmotive zu sehen. Wir denken, daß die Freude am Experimentieren und der Versuch andere, als die von der Gesellschaft vorgezeichneten Lebenswege zu gehen, die Hauptmotive darstellen. Ähnlich wird dies auch von Teilen der Wagenbewohner wahrgenommen. Ohne die Gefahr der "Verslumung" in Abrede zu stellen, wird in einem Beitrag in der Vogelfrai vom Mai 1994 ausgeführt:

" Wir stellen ... fest, daß die gesellschaftspolitischen Entwicklungen der letzten Jahre ihre Spuren auch auf den Plätzen hinterlassen haben. Verstärkter Individualismus und Rückzug sind die Folgen. Teilweise kriegen Plätze den Charakter von Abstellflächen. Das Leben findet nicht mehr auf den Plätzen statt, sondern an Orten ausserhalb. Eine hohe personelle Fluktuation führt dazu, daß es schwierig, bis unmöglich wird, dass eine Weiterentwicklung im positiven Sinne stattfindet. Wir sind ein Freiraum für Menschen, die das Bedürfnisse haben, ausserhalb der traditionellen Familien-Strukturen zusammen oder einzeln zu wohnen. Bauwagenplätze als Familienersatz! Wir sind ein Auffangbecken für Menschen, deren Geschichte nicht erst mit Wagenplätzen angefangen hat und die darin eine Fortsetzung ihrer Geschichte sehen, ... Wir sind ein lebendiges Beispiel dafür, dass ein anderes leben möglich ist und geben dadurch einen Nachahm-Effekt für andere Menschen. Wir sind ein Versuch anders, miteinander und anders miteinander zu leben!!!!!! Wir sind eine kurz-mittel- und langfristige Perspektive für viele viele Menschen, die mal mehr und dann wieder weniger werden, bis sie ganz ganz viele sind und die aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten stammen. ... Wir wohnen in Bauwägen. nicht aufgrund materieller Bedürfigkeit, sondern als bewußte Entscheidung, aufgrund unserer Wünsche und Bedürfnisse! (Aber wir müssen aufpassen) nicht als Vorreiter-Rolle für soziale Verelendung zu dienen."(5)

In dieser Textpassage wird deutlich, "daß nicht Mangel an Gütern, unzureichende oder unwürdige materielle Lebensbedingungen", sondern" die materielle Überflußsituation" der Gesellschaft Motive für diese Art des Lebens sind. Sie sind Folge "der Unzufriedenheit und Unerfülltheit mit der bloß materiellen Absättigung und Lebensorientierung und der damit verbundenen Konformität." (6)
Folgen wir den Auffassungen von Kurz weiter, die wir im übrigen teilen, so erfahren wir, daß dies der Nährboden progressiver Subkulturen ist. (7) Im Unterschied zu Subkulturen als bloßen Teilkulturen werden diese zur Gegenkultur, wenn sie bestrebt sind, als Träger von politischen, diese Gesellschaftsform überschreitenden, bzw. verändernden Intentionen und Aktionen eine Kultur im vollen Sinne zu werden. (8) In diesem Sinne verstehen sich auch große Teile der Wagenkultur als Gegenkultur.

Noch mit einer anderen Frage, die für unsere Arbeit sehr wichtig war, beschäftigt sich oben angeführter Artikel: die Frage nach der "Bewägung". Die Antwort darauf lautet: " Es gibt keinen gemeinsamen Grundkonsens, ausser der Tatsache, dass wir in Wägen wohnen und dort wohnen bleiben wollen ... Ziele und Perspektiven sind nicht klar definiert. Es gibt auch keine Diskussion über diese Fragen. ... Es gibt die Tendenz, sich eher über seine Trennungen, als über seine Gemeinsamkeiten zu definieren. Aufgrund dessen, stellen wir fest, daß dieser Zustand, auf dauer, keine erfolgsversprechende Strategie sein kann, Bauwagenplätze, mit der ganzen Bandbreite ihrer Inhalte durchzusetzen!" (9)

Auch wir waren angetreten, diese Frage zu klären, mußten aber alsbald erfahren, daß sich diese für viele Wagenbewohner so gar nicht stellt. Etliche der hauptsächlich in einem ländlichen Umfeld lebenden, einzelnstehenden Wagenbewohner der ersten Generation (Ende der 70er bis Mitte der 80er Jahre), die sich als gesellschaftspolitisch durchaus stark interessiert begriffen und eine starke Affinität für soziale Bewegungen aufwiesen (10), gaben an, diese Wohnform gewählt zu haben, um sich dem bewegungspolitischen Alltag zu entziehen. Dieser habe sie ob der geringen Möglichkeiten der Einflußnahme enttäuscht. Ein Leben, geführt in "materieller Armut, aber in spirituellem Reichtum", in Harmonie mit den Naturkräften, könne da beispielhafter und weitreichender sein. Ob diese Aussage lediglich zur Entschuldigung des Rückzuges ins Private diente oder innerer Überzeugung entsprach, sei hier dahingestellt. Dennoch stand man dem Versuch über eine Vernetzung mittels Schaffung einer Kommunikationsplattform eine "Wägler-Bewegung" zu initiieren, die "W.I.S.H. Initiative, wohlwollend gegenüber, doch reichte dies nicht aus, um Aktivitäten frei zu setzen.

Ein anderes Moment mag dazu beigetragen haben, daß man seine Überzeugungen nicht forciert in die Öffentlichkeit tragen mußte. Die meisten Wagenbewohner schienen zu dieser Zeit keine nennenswerten Probleme mit Nachbarn, Anwohner oder Behörden gehabt zu haben. (11)
Eine Überzeugungsarbeit mußte somit nicht geleistet werden.

Dies änderte sich Mitte bis Ende der 80er Jahre mit dem vermehrten Auftreten von Wagendörfern. Diese standen quasi per se im Lichte der Öffentlichkeit. Nicht mehr Hecken und Scheunen verbargen den einzelnen Wagen, sondern Dutzende von Wagen standen nun auf mehr oder weniger öffentlichen Plätzen. Auch umgab sie nicht mehr der Charme des pfiffigen Provisoriums a la "Peter Lustig" (Ausnahme mag hier das schon sehr früh entstandene Dorf der "Rollheimer" auf dem Potsdamer Platz in Berlin sein), sondern der Ruch "Schrottplatz", wozu sicher in dem einen oder anderen Fall das Aussehen der Plätze beitrug, und "Hort des Kriminellen" (CDU Berlin-Kreutzberg) zu sein. Letztere Aussage ist sicherlich auch im Zusammenhang mit der politischen Nähe zur Hausbesetzerszene zu sehen.

Diese Anfeindungen machten es nun notwendig, selbst Gegenöffentlichkeit herzustellen. Das hierbei gewählte Mittel war die Außendarstellung als Bewegung - analog zu anderen "neuen sozialen Bewegungen" (12). Mit der Parole gegen Wohnungsnot und Armut anzutreten, versuchte man, die Solidarität der Bevölkerung einzufordern - insbesondere der wie auch immer ausgeprägten "Szene". Zuweilen warf man sich auch das Mäntelchen des Öko-Projektes über, um die durchaus legitime Forderung nach einem naturnahen Raum zur Selbstverwirklichung möglichst öffentlichkeitswirksam zu präsentieren, obwohl kaum Ansätze dieser Art gegeben waren (Köln). Das wir uns hier nicht mißverstehen: Den einzelnen Wagenmenschen sprechen wir ihr ehrliches Bemühen um die hier angesprochenen Bereiche nicht ab, aber als Projekt oder gar Bewegung sehen wir hier kaum ein Engagement. Und auch Wagendörfer die u.E. dem ökologischen Projektgedanken am nähsten kommen, wie in Bremen-Lesum, hat der Konflikt zwischen "Schrauber-" und "Öko-Fraktion" (13), der ja sogar soweit geführt hat, daß es Anwälte benötigt, um zu kommunizieren, deutlich gemacht, daß sich das einzige gemeinsame Ziel dieser "Bewegung" scheinbar tatsächlich in der Forderung nach einem Platz erschöpft. Unterstrichen wird dies auch noch dadurch, daß, wenn ein Wagendorf sich erst einmal einen Platz erkämpft hat, gemeinsame (politische) Aktivitäten - wohlgemerkt als Platz - häufig genug kaum noch stattfinden. So führt ein Bewohner der "Wagenburg Wilder Süden" wie folgt aus:

"So. Jetzt haben wir ihn endlich,unseren langersehnten festen Platz ... Wir richten uns hier ein,versuchen langsam es uns gemütlich zu machen ... Aber es ist ganz seltsam hier.Es brennt kein Feuer mehr (stört die Nachbarn), und so ist auch die Stimmung. Wir sind grad einfach auf der Suche nach dem was wir mit nem festen Platz und eben mit uns wollen. Der Punkt der uns bisher verbunden hat,nämlich Durchsetzung von nem Platz,fällt weg." (14)

Und zwei Jahre später stellt eine andere Stuttgarterin resigniert fest: "Für mich ist der Kampf um die Burg mehr als nur das durchsetzen einer rückzugsidylle. Es ist ein Angriff gegen den staat. Das ging nicht nur mir so - wir waren größtenteils ziemlich politisch, teilweise linksradikal... Wenn wir nicht um unseren platz kämpften, gab es genügend andere Dinge, die wichtig waren (sind!). Flüchtlingswohnheime schützen, gegen burschis angehen, für politische Gefangene demonstrieren... Wir stehen jetzt seit 2 1/2 jahren auf einem -im vergleich zu anderen- sicheren platz. Irgenwann versandete der wunsch des Umgangs miteinander. ... Mittlerweile wohnen in der umgebung ca. 50 leute im Wagen. Vielleicht 10 lassen sich mobilisieren, wenn irgendwo die kacke am dampfen ist. Die Wichtigkeit andere Kämpfeist aus dem Bewußtsein gerückt. Nicht einmal mehr zu räumungen anderer plätze gehen von unserer -einst ach so radikaler burg- mehr wie drei. Was ist Solidarität? Solidarität ist eine Waffe? Solidarität scheint eine lästige angelegenheit zu sein,die beim nachmittagskiff und plaudern über kinderhaltung stört. Wir machen uns etwas vor. Wir tun als wären wir anders. Aber wir sind es nicht. Wir spielen umgang miteinander. Aber den haben wir nicht. Wir predigen ökologie,aber wir sind weit davon entfernt. Wir sagen, daß unsere Kinder ein besseres leben haben. Aber sie erleben genauso die dominanz der Mütter und anderererwachsenen. Sie erleben nach wie vor, daß wir aneinander Vorbei leben. Daß wir menschen ausgrenzen. Daß wir eigentlich im Grunde garnicht MITEINANDER leben wollen. ... Zu lernen, daß das wofür eine gekämpft hat, dabei ist, sie kaputt zu machen, ist bitter. Deswegen laufe ich vorbei an den anderen, mit denen mich nichts verbindet, wie in einer reihenhaussiedlung." (15)

Und auch in "Bankfurt" (Frankfurt a.M.) verhält es sich ähnlich:
"Nur wenige von uns begreifen den Platz noch als einen Ort des Widerstands gegen das herrschende System. Viele begreifen unsere "Gruppe" eher als eine sich durch sympathie und freundschaft aufbauende und weniger als eine sich durch gleichgesinung und gleiche (politische) ziele bildende.(...) es scheint so, zu sein, daß wir erst aktiv werden, wenn irgendwo streß ansteht. gibt es nur widerstand oder sonst nichts? uns fehlen gemeinsame perspektiven oder ein konkretes verständnis zu den aufgaben, die der wagenplatz haben kann."

Was zumindest das Auftreten in der Öffentlickeit angeht, wird dies durch Beobachtungen auf anderen Plätzen unterstrichen. So tritt beispielsweise das Oldenburger Wagendorf, seit sie ihren Platz haben, kaum noch als solches in Erscheinung.

Tatsächlich scheint es somit nur eine Zielprojektion zu geben, nämlich die Erlangung eines Platzes. Ob dies allerdings ausreicht, um sich als Bewegung zu konstituieren und weite Teile der Bevölkerung für sich einzunehmen, scheint doch mehr als zweifelhaft.

Auch eine gemeinsame Strategie, wie das Ziel zu erreichen sei, gibt es nicht. Die Positionen reichen von Platzbesetzungen - "und nur ein besetzter Platz ist ein guter Platz" - bis zum "Arrangement mit dem Kapital". Dazwischen wird noch die Möglichkeit über Vereinskonstrukte Pacht- oder Mietverträge abzuschließen erwogen. Die Alternative, sich schlicht unsichtbar zu machen, läßt sich, wenn überhaupt, nur von Einzelstehenden realisieren.

Ein Vorschlag und die Reaktionen hierauf seien hier vorgestellt: "Der Besetzungstip: Seid lieb zu den Kapitalisten - weils sich lohnt! ...Wir müssen uns nicht immer wieder neu beweisen lassen, daß die mehr Macht haben als wir. Warum sich nicht mit den Herren Bonzen arrangieren? Auf dem Gut Wienebüttel... haben wir recht gute Erfahrungen damit gemacht. ... Weder von den Besitzern noch von den Behörden bekommen wir irgendwelche Auflagen oder Kontrollen; Maßstäbe und Richtlinien setzen wir uns selber: ... Illegale Drogen, auch Hasch, lehnen wir auf dem Gelände ab, weil wir Kiffer nicht eben als die Konstuktivsten und Tatkräftigsten erlebt haben. Den Eigentümern haben wir zugesichert, bei Baubeginn ohne offene Konfrontation und Häuserkampf-Tralala wieder zu gehen. Das gibt sowohl den Eigentümern als auch uns, die wir nicht ständig mit Räumungsangst im Rücken leben müssen einige Sicherheit. Die Zeit, die wir sparen, weil wir nicht ständig um unseren Wohnraum kämpfen müssen, können wir für konstruktivere Dinge verwenden (Umweltarbeit, Kunstproduktion, Gemüsegarten, Studium, Faulenzen etc.). (...) wir wollen unseren Ruf als "sympathische Hausbesetzer" nicht sinnlos ruinieren. (...) wir haben Eigenschaften, die auch in der Marktwirtschaft geschätzt werden: wir sind flexibler und schneller und unkomplizierter als das big business. Wenn wir uns, mit diesen Eigenschaften, unsere Nischen und Zwischenräume schaffen, können wir eine Subkultur aufbauen, die mehr ist als "das ist unser Haus!" zu grölen und Barrikaden zu bauen. (...) die Idee von anderen lebenswerten, z.b. gelebt in Bauwägen, soll die Menschen beindrucken, nicht Mauern schaffen! " (16)

Dieses "statement" brachte das Blut in Wallung. Während man sich in dem Beitrag "Seid lieb sagte der Henker zum Schaf auf dem Weg zur Schlachtbank" (17) noch versuchte inhaltlich "auszukotzen", beließ es ein anderer Verfasser "sachlich" bei folgenden an die "arschlöcher" vom Gut Wienebüttel adressierten Zeilen: "ich hätte es nie für möglich gehalten, daß sich solche idioten wie ihr es seid, unter uns schleichen. die pest wüsch ich euch an den hals!" (18)

Während also die Diskussion um den "richtigen" Weg zwischen den Protagonisten der verschiedenen Positionen mit Vehemenz ausgetragen wird - vor allem in der Vogelfrai -, läßt sie doch die meisten Wagenbewohner kalt. Vor allem die Einzelstehenden betrifft dies gar nicht, da ihr Leben ohne ein wie auch immer geartetes Arrangement mit Haus- oder Grundstücksbesitzer gar nicht durchzuhalten wäre. Doch auch die große Teile der städtischen Wagendorfbewohner verfährt eher nach dem Motto: Was kommt, das kommt. Eine gemeinsame, von vielen getragene Strategie läßt sich nicht feststellen.

Eigentlich scheint es somit müßig zu sein, der Frage, ob sich aus dem Phänomen des Wagenlebens eine soziale Bewegung entwickeln könne, weiter nachzugehen, doch wollen wir auch noch einige andere Merkmale kurz andiskutieren, die Brand et.al. als Katalog von Minimalanforderungen zur Identifizierung einer Bewegung anführen.(19)
Neben der schon angesprochenen gemeinsamen Zielvorstellung, die von größeren gesellschaftlichen Gruppen als nachvollziehbar und erstrebenswert eingeschätzt werden sollte, sind dies noch ein Minimum an organisatorischer Struktur, die über das gemeinschaftliche Handeln eine kollektive Identität entwickeln kann, eine bestimmte sozialstrukturell identifizierbare Gruppe, die sie trägt, und ihr Auftreten im Rahmen eines umfassenderen Protestzyklus.

Betrachten wir das letztgenannte Merkmal, so müssen wir konstatieren, daß das Auftreten des Wagenlebens eingebettet ist in den umfassenderen Protest dessen, was sich Alternativbewegung nannte, und daß das Auftreten der Wagendörfer in direktem Zusammenhang mit der Hausbesetzerbewegung steht.(20)
Auch lassen sich die Wagenbewohner, was ihre Herkunft angeht, klar der Mittelschicht (73 %) (21) zuordnen. Sozialstrukturell betrachtet, ist die Sache nicht ganz so eindeutig. Doch möchten wir auf den hohen schulischen Bildungsgrad, - 86,5 % (22) verfügen über einen Real-, Fachoberschulabschluß oder Abitur (58,1 %) - , und den großen Anteil (38 %) (23) derer, die sich noch in der Ausbildung befinden, hinweisen.
Nimmt man nur diese beiden Merkmale als Hinweis, würde einiges auf einen Bewegungscharakter hindeuten.

Betrachten wir aber noch das letzte Merkmal: Die Forderung nach einer zumindest minimalen Organisationsstruktur. Trotz Versuche einer Vernetzung, wie die vierteljährlich stattfindenden "Wagentage", und der Schaffung eines Kommunikationsmediums in der "Vogelfrai", ist es nicht gelungen, dieser Forderung zu genügen.
"Wagentage" und "Vogelfrai" repräsentieren darüberhinaus nur einen Teil der insgesamt im Wagen lebenden Menschen. Andere Versuche, wie die "W.I.S.H.-Initiative" in den 80er Jahren, sind mangels Engagement gescheitert.

Schlußendlich bleibt uns nur festzustellen: Wir halten die sich in Teilen selbst so nennende "Wagenbewegung" nicht für eine Bewegung im Sinne der "Neuen Sozialen Bewegungen". Weder gemeinsame Zielvorstellungen - mit Ausnahme der Forderung nach einem Platz und die dürfte wohl kaum genügen, um bei weiten Bevölkerungsteilen auf Sympathie zu stoßen -, noch ein Minimum an organisatorischer Struktur lassen sich ausmachen. Wir halten sie vielmehr für ein gegenkulturelles Phänomen, das in seinem Auftreten versucht, der Gesamtgesellschaft alternative kulturelle Werte zu vermitteln. Hierbei steht sie allerdings ständig in Gefahr, so diese alternativen Werte verlorengehen, nur Subkultur im Sinne einer randständigen Teilkultur zu sein.

Auch wenn wir dem Wagenleben kritisch gegenüberstehen, wollen wir dennoch eine grundsätzliche Sympathie nicht verhehlen. Es gehört viel Mut und Kraft dazu, in dieser Gesellschaft (s)einen eigenen Weg zu suchen und die ausgetretenen Pfade zu verlassen.


Anmerkungen:

(1)
Ca. 2/3 der Befragten gaben an, daß sie diese nur in Anspruch nähmen, wenn sie, z.B. per amtlicher Verfügung o.ä., dazu gezwungen würden

(2) Vgl. Graphik 3, S. 56

(3) Vgl. Kap. 3.5.1

(4) Seine Aussagen sind dem Dokumentarfilm "Zwischen Schrott und Sperrmüll - Leben und Überleben in Wagenburgen" entnommen.

(5) Vgl. Vogelfrai, Mai 1994, S. 36.

(6) Kurz, 1978, S. 19.

(7) In Anlehnung an Schwendter, und ihn zitierend, charakterisiert sie progressive Subkulturen, diese vom Begriff der Subkultur als bloßer Teilkultur unterscheidend, als: " Die Normen, Institutionen etc. der progressiven Subkulturen dienen diesen dazu, den gegenwärtigen Stand der Gesellschaft aufzuheben, weiterzutreiben, einen grundsätzlich neuen Zustand zu erarbeiten.` Progressiv bezeichnet eine Fortschrittlichkeit im Sinne der Erlangung einer humanen, lebenswerten Gesellschaft. Darunter sind sehr verschiedenartige Tendenzen und Wege eingeschlossen: marxistische, evolutionistische, anarchistische esoterische, technologisch-futuristische." Kurz, 1987, S. 9.

(8) Vgl. Kurz, 1987, S. 15.

(9) Vgl. Vogelfrai, Mai 1994, S. 34.

(10) Vgl. Graphik 7, S. 60

(11) Vgl. S. 61

(12) Während wir im ersten Teil der Arbeit noch den Begriff der Alternativbewegung verwendeten, so wie er in den 70er Jahren von uns und den anderen in dieser Bewegung aktiv gewesenen Menschen gebraucht wurde, hat sich in der Bewegungsforschung der Begriff "Neue Soziale Bewegungen" durchgesetzt, unter die eine Vielzahl von Teilbewegungen, wie z.B. Ökologie-, Friedens- oder Frauenbewegung, subsumiert werden, wobei das "Neue" in erster Linie die Absetzung zu den "alten" sozialen Bewegungen, wie z.B. die Arbeiterbewegung (Vgl. Nullmeier/Raschke, Kurseinheit 3, 1988, S. 9), verdeutlichen soll.

(13) Vgl. Kap. 3.5.3.2.

(14) Vogelfrai 3/92, S. 21.

(15) Vogelfrai September 94, S. 18ff.

(16) Vogelfrai, Sommer 94, S. 10f.

(17) Vogelfrai, September 94, S. 6ff.

(18) . Ebenda, S. 14.

(19) Brand et.al., 1986, S. 36f.

(20) Vgl. S. 41 u. 148

(21) Vgl. S. 50

(22) Vgl. S. 49

(23) Vgl. S. 50


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