Ausgangspunkt unserer Untersuchung war, herauszufinden, was es mit dem
Phänomen des modernen Wagenlebens auf sich hat, welchen Reiz dieses
Wohnen auf Rädern ausübt, welche Faszination mit dem Wohnen auf
anscheinend so beengtem Raum verbunden ist. Die Überlegung, die dahinter
steckte, war, ob sich auf diesem Wege, aus der Vielzahl von individuellen
Lebensexperimenten - so auch das äußere Erscheinungsbild, das
wir in der Einleitung zeichneten - auf gemeinsame Motive oder gar Dispositionen
schließen lasse, die eine - im optimalen Falle - von vielen getragene
Bewegung anregen und umsetzen kann.
Im ersten Schritt haben wir versucht, herauszufinden, ob sich historische
Vorläuferformen finden lassen, die es uns ermöglichen, so sich
denn nicht Traditionen finden lassen, die ungebrochen ihre Fortsetzung
erfahren, etwaige Parallelen zu ziehen. Schnell ergab sich jedoch, daß
die in diesem Zusammenhang betrachtete Geschichte der Fahrenden kaum Parallelen
mit dem modernen Wagenleben aufwies, wenngleich ausgewählte Kulturelemente
der ersteren, insbesondere der Berufsgruppen der Gaukler und Spielleute,
zuweilen doch adaptiert wurden.
Doch scheinen dies nur romantische Anwandlungen weniger zu sein, es sei
denn, sie üben einen dieser Berufe tatsächlich aus (10 %). Auch
in unser eigenen Erhebung (sowohl in den Interviews wie bei der Beantwortung
des Fragebogens - äußerten nur wenige (13 %), daß sie
sich in der Tradition der Fahrenden stehend sehen.
Nach unserer Auffassung ist aber das entscheidendste Argument, daß
gegen ein Aufeinanderaufbauen beider Lebenswelten spricht, dies: Die Mobilität
der Fahrenden, zumindest gilt dies vom ausgehenden Spätmittelalter
bis zur Neuzeit, ist dem Zwang geschuldet , dem existentiellen Elend, der
Armut, zu entkommen. Ähnliches läßt sich zu den Beispielen
"des Wilden Wohnens", "Barackia" und Hamburg, ausführen.
Die optionale Mobilität (1) der heutigen Wagenbewohner versteht
sich hingegen als Lebensexperiment. Armut und Wohnungsnot als entscheidende
Faktoren spielen eine geringe Rolle.(2)
Doch sei an dieser Stelle eine Einschränkung erlaubt. Während
bei unseren Besuchen in den urbanen Wagendörfern, selbst in jüngster
Vergangenheit, die Bedeutung der beiden Faktoren Wohnungsnot und Armut,
wenngleich auch mit einer leichten Zunahme, von den Bewohnern weiterhin
als gering eingestuft wurden, obgleich von ihnen selber diese Argumente
bei den politischen Auseinandersetzungen um die Wagenplätze immer
wieder ins Feld geführt werden, meinen wir beobachtet zu haben, daß
die Anzahl derjenigen, die aus diesen Gründen ein Wagenleben aufnehmen
müssen, erheblich wächst. Auch wenn wir diese Beobachtung nicht
mit Zahlen untermauern können, so mögen doch die Vorgänge
um die beiden Berliner Wagendörfer "East Side Gallery" und
"Engelbecken" als Beispiel dienen.(3)
In Berlin werden die Wagendörfer von der Behördenseite, so der
dafür zuständige Referent im Sozialdezernat des Senats, Thomas
Brauner (4), sowieso nur als Ausdruck von Verarmung und Obdachlosigkeit
wahrgenommen. Doch könne man ihnen durchaus auch eine positive Seite
abgewinnen, stellten sie doch so etwas wie ein soziales Netz dar, das doch
etliche Menschen auffangen könne, wenn auch auf unterster Stufe. Zwar
nicht im Innenstadtbereich, doch an den Rändern müsse man, wie
jede andere Metropole auch, als Ausdruck von Wohnraumverknappung und echter
Armut, solche Erscheinungen dulden.
Hier deutet sich etwas an, was als Gefahr gesehen und gewertet werden muß:
Städte und Kommunen könnten versucht sein, mit Hilfe der Duldung
von Wagendörfern, Räume zu schaffen, in die die verschiedensten
Randgruppen relativ kostengünstig zentriert werden können. Sicherlich
ist es sinniger, wenn z.B. ein Wohnungsloser in kreativer Form seinen Wohnraum
kostengünstig selber schafft, als auf 2 Pensionsquadratmetern teuer
vor sich hin zu vegetieren, allerdings muß man darauf achten, nicht
zur "sozialen Müllkippe" zu werden, mit deren Hilfe soziale
undhygienische Standards, was, so man freiwillig auf sie verzichtet, völlig
in Ordnung ist, weiter herunter geschraubt werden können.
Allerdings halten wir es nachwievor für falsch, in Armut und Wohnungsnot
die Hauptmotive zu sehen. Wir denken, daß die Freude am Experimentieren
und der Versuch andere, als die von der Gesellschaft vorgezeichneten Lebenswege
zu gehen, die Hauptmotive darstellen. Ähnlich wird dies auch von Teilen
der Wagenbewohner wahrgenommen. Ohne die Gefahr der "Verslumung"
in Abrede zu stellen, wird in einem Beitrag in der Vogelfrai vom Mai 1994
ausgeführt:
" Wir stellen ... fest, daß die gesellschaftspolitischen
Entwicklungen der letzten Jahre ihre Spuren auch auf den Plätzen hinterlassen
haben. Verstärkter Individualismus und Rückzug sind die Folgen.
Teilweise kriegen Plätze den Charakter von Abstellflächen. Das
Leben findet nicht mehr auf den Plätzen statt, sondern an Orten ausserhalb.
Eine hohe personelle Fluktuation führt dazu, daß es schwierig,
bis unmöglich wird, dass eine Weiterentwicklung im positiven Sinne
stattfindet. Wir sind ein Freiraum für Menschen, die das Bedürfnisse
haben, ausserhalb der traditionellen Familien-Strukturen zusammen oder
einzeln zu wohnen. Bauwagenplätze als Familienersatz! Wir sind ein
Auffangbecken für Menschen, deren Geschichte nicht erst mit Wagenplätzen
angefangen hat und die darin eine Fortsetzung ihrer Geschichte sehen, ...
Wir sind ein lebendiges Beispiel dafür, dass ein anderes leben möglich
ist und geben dadurch einen Nachahm-Effekt für andere Menschen. Wir
sind ein Versuch anders, miteinander und anders miteinander zu leben!!!!!!
Wir sind eine kurz-mittel- und langfristige Perspektive für viele
viele Menschen, die mal mehr und dann wieder weniger werden, bis sie ganz
ganz viele sind und die aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten
stammen. ... Wir wohnen in Bauwägen. nicht aufgrund materieller Bedürfigkeit,
sondern als bewußte Entscheidung, aufgrund unserer Wünsche und
Bedürfnisse! (Aber wir müssen aufpassen) nicht als Vorreiter-Rolle
für soziale Verelendung zu dienen."(5)
In dieser Textpassage wird deutlich, "daß nicht Mangel an Gütern,
unzureichende oder unwürdige materielle Lebensbedingungen", sondern"
die materielle Überflußsituation" der Gesellschaft Motive
für diese Art des Lebens sind. Sie sind Folge "der Unzufriedenheit
und Unerfülltheit mit der bloß materiellen Absättigung
und Lebensorientierung und der damit verbundenen Konformität."
(6)
Folgen wir den Auffassungen von Kurz weiter, die wir im übrigen teilen,
so erfahren wir, daß dies der Nährboden progressiver Subkulturen
ist. (7) Im Unterschied zu Subkulturen als bloßen Teilkulturen
werden diese zur Gegenkultur, wenn sie bestrebt sind, als Träger von
politischen, diese Gesellschaftsform überschreitenden, bzw. verändernden
Intentionen und Aktionen eine Kultur im vollen Sinne zu werden. (8)
In diesem Sinne verstehen sich auch große Teile der Wagenkultur
als Gegenkultur.
Noch mit einer anderen Frage, die für unsere Arbeit sehr wichtig war,
beschäftigt sich oben angeführter Artikel: die Frage nach der
"Bewägung". Die Antwort darauf lautet: " Es gibt keinen
gemeinsamen Grundkonsens, ausser der Tatsache, dass wir in Wägen wohnen
und dort wohnen bleiben wollen ... Ziele und Perspektiven sind nicht klar
definiert. Es gibt auch keine Diskussion über diese Fragen. ... Es
gibt die Tendenz, sich eher über seine Trennungen, als über seine
Gemeinsamkeiten zu definieren. Aufgrund dessen, stellen wir fest, daß
dieser Zustand, auf dauer, keine erfolgsversprechende Strategie sein kann,
Bauwagenplätze, mit der ganzen Bandbreite ihrer Inhalte durchzusetzen!"
(9)
Auch wir waren angetreten, diese Frage zu klären, mußten aber
alsbald erfahren, daß sich diese für viele Wagenbewohner so
gar nicht stellt. Etliche der hauptsächlich in einem ländlichen
Umfeld lebenden, einzelnstehenden Wagenbewohner der ersten Generation (Ende
der 70er bis Mitte der 80er Jahre), die sich als gesellschaftspolitisch
durchaus stark interessiert begriffen und eine starke Affinität für
soziale Bewegungen aufwiesen (10), gaben an, diese Wohnform gewählt
zu haben, um sich dem bewegungspolitischen Alltag zu entziehen. Dieser
habe sie ob der geringen Möglichkeiten der Einflußnahme enttäuscht.
Ein Leben, geführt in "materieller Armut, aber in spirituellem
Reichtum", in Harmonie mit den Naturkräften, könne da beispielhafter
und weitreichender sein. Ob diese Aussage lediglich zur Entschuldigung
des Rückzuges ins Private diente oder innerer Überzeugung entsprach,
sei hier dahingestellt. Dennoch stand man dem Versuch über eine Vernetzung
mittels Schaffung einer Kommunikationsplattform eine "Wägler-Bewegung"
zu initiieren, die "W.I.S.H. Initiative, wohlwollend gegenüber,
doch reichte dies nicht aus, um Aktivitäten frei zu setzen.
Ein anderes Moment mag dazu beigetragen haben, daß man seine Überzeugungen
nicht forciert in die Öffentlichkeit tragen mußte. Die meisten
Wagenbewohner schienen zu dieser Zeit keine nennenswerten Probleme mit
Nachbarn, Anwohner oder Behörden gehabt zu haben. (11)
Eine Überzeugungsarbeit mußte somit nicht geleistet werden.
Dies änderte sich Mitte bis Ende der 80er Jahre mit dem vermehrten
Auftreten von Wagendörfern. Diese standen quasi per se im Lichte der
Öffentlichkeit. Nicht mehr Hecken und Scheunen verbargen den einzelnen
Wagen, sondern Dutzende von Wagen standen nun auf mehr oder weniger öffentlichen
Plätzen. Auch umgab sie nicht mehr der Charme des pfiffigen Provisoriums
a la "Peter Lustig" (Ausnahme mag hier das schon sehr früh
entstandene Dorf der "Rollheimer" auf dem Potsdamer Platz in
Berlin sein), sondern der Ruch "Schrottplatz", wozu sicher in
dem einen oder anderen Fall das Aussehen der Plätze beitrug, und "Hort
des Kriminellen" (CDU Berlin-Kreutzberg) zu sein. Letztere Aussage
ist sicherlich auch im Zusammenhang mit der politischen Nähe zur Hausbesetzerszene
zu sehen.
Diese Anfeindungen machten es nun notwendig, selbst Gegenöffentlichkeit
herzustellen. Das hierbei gewählte Mittel war die Außendarstellung
als Bewegung - analog zu anderen "neuen sozialen Bewegungen"
(12). Mit der Parole gegen Wohnungsnot und Armut anzutreten, versuchte
man, die Solidarität der Bevölkerung einzufordern - insbesondere
der wie auch immer ausgeprägten "Szene". Zuweilen warf man
sich auch das Mäntelchen des Öko-Projektes über, um die
durchaus legitime Forderung nach einem naturnahen Raum zur Selbstverwirklichung
möglichst öffentlichkeitswirksam zu präsentieren, obwohl
kaum Ansätze dieser Art gegeben waren (Köln). Das wir uns hier
nicht mißverstehen: Den einzelnen Wagenmenschen sprechen wir ihr
ehrliches Bemühen um die hier angesprochenen Bereiche nicht ab, aber
als Projekt oder gar Bewegung sehen wir hier kaum ein Engagement. Und auch
Wagendörfer die u.E. dem ökologischen Projektgedanken am nähsten
kommen, wie in Bremen-Lesum, hat der Konflikt zwischen "Schrauber-"
und "Öko-Fraktion" (13), der ja sogar soweit geführt
hat, daß es Anwälte benötigt, um zu kommunizieren, deutlich
gemacht, daß sich das einzige gemeinsame Ziel dieser "Bewegung"
scheinbar tatsächlich in der Forderung nach einem Platz erschöpft.
Unterstrichen wird dies auch noch dadurch, daß, wenn ein Wagendorf
sich erst einmal einen Platz erkämpft hat, gemeinsame (politische)
Aktivitäten - wohlgemerkt als Platz - häufig genug kaum noch
stattfinden. So führt ein Bewohner der "Wagenburg Wilder Süden"
wie folgt aus:
"So. Jetzt haben wir ihn endlich,unseren langersehnten festen Platz
... Wir richten uns hier ein,versuchen langsam es uns gemütlich zu
machen ... Aber es ist ganz seltsam hier.Es brennt kein Feuer mehr (stört
die Nachbarn), und so ist auch die Stimmung. Wir sind grad einfach auf
der Suche nach dem was wir mit nem festen Platz und eben mit uns wollen.
Der Punkt der uns bisher verbunden hat,nämlich Durchsetzung von nem
Platz,fällt weg." (14)
Und zwei Jahre später stellt eine andere Stuttgarterin resigniert
fest: "Für mich ist der Kampf um die Burg mehr als nur das
durchsetzen einer rückzugsidylle. Es ist ein Angriff gegen den staat.
Das ging nicht nur mir so - wir waren größtenteils ziemlich
politisch, teilweise linksradikal... Wenn wir nicht um unseren platz kämpften,
gab es genügend andere Dinge, die wichtig waren (sind!). Flüchtlingswohnheime
schützen, gegen burschis angehen, für politische Gefangene demonstrieren...
Wir stehen jetzt seit 2 1/2 jahren auf einem -im vergleich zu anderen-
sicheren platz. Irgenwann versandete der wunsch des Umgangs miteinander.
... Mittlerweile wohnen in der umgebung ca. 50 leute im Wagen. Vielleicht
10 lassen sich mobilisieren, wenn irgendwo die kacke am dampfen ist. Die
Wichtigkeit andere Kämpfeist aus dem Bewußtsein gerückt.
Nicht einmal mehr zu räumungen anderer plätze gehen von unserer
-einst ach so radikaler burg- mehr wie drei. Was ist Solidarität?
Solidarität ist eine Waffe? Solidarität scheint eine lästige
angelegenheit zu sein,die beim nachmittagskiff und plaudern über kinderhaltung
stört. Wir machen uns etwas vor. Wir tun als wären wir anders.
Aber wir sind es nicht. Wir spielen umgang miteinander. Aber den haben
wir nicht. Wir predigen ökologie,aber wir sind weit davon entfernt.
Wir sagen, daß unsere Kinder ein besseres leben haben. Aber sie erleben
genauso die dominanz der Mütter und anderererwachsenen. Sie erleben
nach wie vor, daß wir aneinander Vorbei leben. Daß wir menschen
ausgrenzen. Daß wir eigentlich im Grunde garnicht MITEINANDER leben
wollen. ... Zu lernen, daß das wofür eine gekämpft hat,
dabei ist, sie kaputt zu machen, ist bitter. Deswegen laufe ich vorbei
an den anderen, mit denen mich nichts verbindet, wie in einer reihenhaussiedlung."
(15)
Und auch in "Bankfurt" (Frankfurt a.M.) verhält es sich
ähnlich:
"Nur wenige von uns begreifen den Platz noch als einen Ort des
Widerstands gegen das herrschende System. Viele begreifen unsere "Gruppe"
eher als eine sich durch sympathie und freundschaft aufbauende und weniger
als eine sich durch gleichgesinung und gleiche (politische) ziele bildende.(...)
es scheint so, zu sein, daß wir erst aktiv werden, wenn irgendwo
streß ansteht. gibt es nur widerstand oder sonst nichts? uns fehlen
gemeinsame perspektiven oder ein konkretes verständnis zu den aufgaben,
die der wagenplatz haben kann."
Was zumindest das Auftreten in der Öffentlickeit angeht, wird dies
durch Beobachtungen auf anderen Plätzen unterstrichen. So tritt beispielsweise
das Oldenburger Wagendorf, seit sie ihren Platz haben, kaum noch als solches
in Erscheinung.
Tatsächlich scheint es somit nur eine Zielprojektion zu geben, nämlich
die Erlangung eines Platzes. Ob dies allerdings ausreicht, um sich als
Bewegung zu konstituieren und weite Teile der Bevölkerung für
sich einzunehmen, scheint doch mehr als zweifelhaft.
Auch eine gemeinsame Strategie, wie das Ziel zu erreichen sei, gibt es
nicht. Die Positionen reichen von Platzbesetzungen - "und nur ein
besetzter Platz ist ein guter Platz" - bis zum "Arrangement mit
dem Kapital". Dazwischen wird noch die Möglichkeit über
Vereinskonstrukte Pacht- oder Mietverträge abzuschließen erwogen.
Die Alternative, sich schlicht unsichtbar zu machen, läßt sich,
wenn überhaupt, nur von Einzelstehenden realisieren.
Ein Vorschlag und die Reaktionen hierauf seien hier vorgestellt: "Der
Besetzungstip: Seid lieb zu den Kapitalisten - weils sich lohnt! ...Wir
müssen uns nicht immer wieder neu beweisen lassen, daß die mehr
Macht haben als wir. Warum sich nicht mit den Herren Bonzen arrangieren?
Auf dem Gut Wienebüttel... haben wir recht gute Erfahrungen damit
gemacht. ... Weder von den Besitzern noch von den Behörden bekommen
wir irgendwelche Auflagen oder Kontrollen; Maßstäbe und Richtlinien
setzen wir uns selber: ... Illegale Drogen, auch Hasch, lehnen wir auf
dem Gelände ab, weil wir Kiffer nicht eben als die Konstuktivsten
und Tatkräftigsten erlebt haben. Den Eigentümern haben wir zugesichert,
bei Baubeginn ohne offene Konfrontation und Häuserkampf-Tralala wieder
zu gehen. Das gibt sowohl den Eigentümern als auch uns, die wir nicht
ständig mit Räumungsangst im Rücken leben müssen einige
Sicherheit. Die Zeit, die wir sparen, weil wir nicht ständig um unseren
Wohnraum kämpfen müssen, können wir für konstruktivere
Dinge verwenden (Umweltarbeit, Kunstproduktion, Gemüsegarten, Studium,
Faulenzen etc.). (...) wir wollen unseren Ruf als "sympathische Hausbesetzer"
nicht sinnlos ruinieren. (...) wir haben Eigenschaften, die auch in der
Marktwirtschaft geschätzt werden: wir sind flexibler und schneller
und unkomplizierter als das big business. Wenn wir uns, mit diesen Eigenschaften,
unsere Nischen und Zwischenräume schaffen, können wir eine Subkultur
aufbauen, die mehr ist als "das ist unser Haus!" zu grölen
und Barrikaden zu bauen. (...) die Idee von anderen lebenswerten, z.b.
gelebt in Bauwägen, soll die Menschen beindrucken, nicht Mauern schaffen!
" (16)
Dieses "statement" brachte das Blut in Wallung. Während
man sich in dem Beitrag "Seid lieb sagte der Henker zum Schaf auf
dem Weg zur Schlachtbank" (17) noch versuchte inhaltlich "auszukotzen",
beließ es ein anderer Verfasser "sachlich" bei folgenden
an die "arschlöcher" vom Gut Wienebüttel adressierten
Zeilen: "ich hätte es nie für möglich gehalten, daß
sich solche idioten wie ihr es seid, unter uns schleichen. die pest wüsch
ich euch an den hals!" (18)
Während also die Diskussion um den "richtigen" Weg zwischen
den Protagonisten der verschiedenen Positionen mit Vehemenz ausgetragen
wird - vor allem in der Vogelfrai -, läßt sie doch die meisten
Wagenbewohner kalt. Vor allem die Einzelstehenden betrifft dies gar nicht,
da ihr Leben ohne ein wie auch immer geartetes Arrangement mit Haus- oder
Grundstücksbesitzer gar nicht durchzuhalten wäre. Doch auch die
große Teile der städtischen Wagendorfbewohner verfährt
eher nach dem Motto: Was kommt, das kommt. Eine gemeinsame, von vielen
getragene Strategie läßt sich nicht feststellen.
Eigentlich scheint es somit müßig zu sein, der Frage, ob sich
aus dem Phänomen des Wagenlebens eine soziale Bewegung entwickeln
könne, weiter nachzugehen, doch wollen wir auch noch einige andere
Merkmale kurz andiskutieren, die Brand et.al. als Katalog von Minimalanforderungen
zur Identifizierung einer Bewegung anführen.(19)
Neben der schon angesprochenen gemeinsamen Zielvorstellung, die von
größeren gesellschaftlichen Gruppen als nachvollziehbar und
erstrebenswert eingeschätzt werden sollte, sind dies noch ein Minimum
an organisatorischer Struktur, die über das gemeinschaftliche Handeln
eine kollektive Identität entwickeln kann, eine bestimmte sozialstrukturell
identifizierbare Gruppe, die sie trägt, und ihr Auftreten im Rahmen
eines umfassenderen Protestzyklus.
Betrachten wir das letztgenannte Merkmal, so müssen wir konstatieren,
daß das Auftreten des Wagenlebens eingebettet ist in den umfassenderen
Protest dessen, was sich Alternativbewegung nannte, und daß das Auftreten
der Wagendörfer in direktem Zusammenhang mit der Hausbesetzerbewegung
steht.(20)
Auch lassen sich die Wagenbewohner, was ihre Herkunft angeht, klar der
Mittelschicht (73 %) (21) zuordnen. Sozialstrukturell betrachtet,
ist die Sache nicht ganz so eindeutig. Doch möchten wir auf den hohen
schulischen Bildungsgrad, - 86,5 % (22) verfügen über
einen Real-, Fachoberschulabschluß oder Abitur (58,1 %) - , und den
großen Anteil (38 %) (23) derer, die sich noch in der Ausbildung
befinden, hinweisen.
Nimmt man nur diese beiden Merkmale als Hinweis, würde einiges auf
einen Bewegungscharakter hindeuten.
Betrachten wir aber noch das letzte Merkmal: Die Forderung nach einer zumindest
minimalen Organisationsstruktur. Trotz Versuche einer Vernetzung, wie die
vierteljährlich stattfindenden "Wagentage", und der Schaffung
eines Kommunikationsmediums in der "Vogelfrai", ist es nicht
gelungen, dieser Forderung zu genügen.
"Wagentage" und "Vogelfrai" repräsentieren darüberhinaus
nur einen Teil der insgesamt im Wagen lebenden Menschen. Andere Versuche,
wie die "W.I.S.H.-Initiative" in den 80er Jahren, sind mangels
Engagement gescheitert.
Schlußendlich bleibt uns nur festzustellen: Wir halten die sich in
Teilen selbst so nennende "Wagenbewegung" nicht für eine
Bewegung im Sinne der "Neuen Sozialen Bewegungen". Weder gemeinsame
Zielvorstellungen - mit Ausnahme der Forderung nach einem Platz und die
dürfte wohl kaum genügen, um bei weiten Bevölkerungsteilen
auf Sympathie zu stoßen -, noch ein Minimum an organisatorischer
Struktur lassen sich ausmachen. Wir halten sie vielmehr für ein gegenkulturelles
Phänomen, das in seinem Auftreten versucht, der Gesamtgesellschaft
alternative kulturelle Werte zu vermitteln. Hierbei steht sie allerdings
ständig in Gefahr, so diese alternativen Werte verlorengehen, nur
Subkultur im Sinne einer randständigen Teilkultur zu sein.
Auch wenn wir dem Wagenleben kritisch gegenüberstehen, wollen wir
dennoch eine grundsätzliche Sympathie nicht verhehlen. Es gehört
viel Mut und Kraft dazu, in dieser Gesellschaft (s)einen eigenen Weg zu
suchen und die ausgetretenen Pfade zu verlassen.
Anmerkungen:
(1) Ca. 2/3 der Befragten gaben an, daß sie diese nur in Anspruch
nähmen, wenn sie, z.B. per amtlicher Verfügung o.ä., dazu
gezwungen würden
(2) Vgl. Graphik 3, S. 56
(3) Vgl. Kap. 3.5.1
(4) Seine Aussagen sind dem Dokumentarfilm "Zwischen Schrott
und Sperrmüll - Leben und Überleben in Wagenburgen" entnommen.
(5) Vgl. Vogelfrai, Mai 1994, S. 36.
(6) Kurz, 1978, S. 19.
(7) In Anlehnung an Schwendter, und ihn zitierend, charakterisiert
sie progressive Subkulturen, diese vom Begriff der Subkultur als bloßer
Teilkultur unterscheidend, als: " Die Normen, Institutionen etc. der
progressiven Subkulturen dienen diesen dazu, den gegenwärtigen Stand
der Gesellschaft aufzuheben, weiterzutreiben, einen grundsätzlich
neuen Zustand zu erarbeiten.` Progressiv bezeichnet eine Fortschrittlichkeit
im Sinne der Erlangung einer humanen, lebenswerten Gesellschaft. Darunter
sind sehr verschiedenartige Tendenzen und Wege eingeschlossen: marxistische,
evolutionistische, anarchistische esoterische, technologisch-futuristische."
Kurz, 1987, S. 9.
(8) Vgl. Kurz, 1987, S. 15.
(9) Vgl. Vogelfrai, Mai 1994, S. 34.
(10) Vgl. Graphik 7, S. 60
(11) Vgl. S. 61
(12) Während wir im ersten Teil der Arbeit noch den Begriff
der Alternativbewegung verwendeten, so wie er in den 70er Jahren von uns
und den anderen in dieser Bewegung aktiv gewesenen Menschen gebraucht wurde,
hat sich in der Bewegungsforschung der Begriff "Neue Soziale Bewegungen"
durchgesetzt, unter die eine Vielzahl von Teilbewegungen, wie z.B. Ökologie-,
Friedens- oder Frauenbewegung, subsumiert werden, wobei das "Neue"
in erster Linie die Absetzung zu den "alten" sozialen Bewegungen,
wie z.B. die Arbeiterbewegung (Vgl. Nullmeier/Raschke, Kurseinheit 3, 1988,
S. 9), verdeutlichen soll.
(13) Vgl. Kap. 3.5.3.2.
(14) Vogelfrai 3/92, S. 21.
(15) Vogelfrai September 94, S. 18ff.
(16) Vogelfrai, Sommer 94, S. 10f.
(17) Vogelfrai, September 94, S. 6ff.
(18) . Ebenda, S. 14.
(19) Brand et.al., 1986, S. 36f.
(20) Vgl. S. 41 u. 148
(21) Vgl. S. 50
(22) Vgl. S. 49
(23) Vgl. S. 50
Hier
geht es zurück zum Inhaltsverzeichnis der Studie "Wagenleben
- das Leben wagen!?"