3.8. Medien- und Literaturanalyse

Da wir, wie in Kapitel 2 schon angerissen, so gut keine wissenschaftlich fundierten Literaturquellen für unsere Untersuchung zu Rate ziehen konnten, waren wir gezwungen, auf die diversen Pressepublikationen vor Ort zurückzugreifen.

Im einzelnen sind dies: -Zeitungsartikel -Zeitschriften- und Magazinbeiträge -Fernseh- und Videoberichte -Selbstdarstellungen (Flugblätter etc.) bzw. Eigenpublikationen der Wägler (W.I.S.H., VOGELFRAI, Videos) Diesbezügliche Presseerzeugnisse liegen uns erst ab 1987 vor - was natürlich nicht heißen soll, es hätte davor keine gegeben.(1)

Anscheinend wurde es für die einschlägige Presse erst interessant, nachdem sich die ersten Wagendörfer gebildet hatten und so mögliche Auseinandersetzungen vorprogrammiert waren und zu einem öffentlichen Ereignis wurden.

Im folgenden wollen wir versuchen, zu analysieren, wie es um den Wahrheitsgehalt der Artikel steht, welche Inhalte "zwischen den Zeilen" transportiert werden, wie die jeweilige politisch motivierte Intention aussieht und wie Sympathien und Antipathien erzeugt bzw. gepflegt werden. Und schließlich: Welche Wirkung soll durch die Berichterstattung bei den Lesern erzeugt werden?


Printmedien

Hier müssen wir unterscheiden zwischen der positiven, sympathischen Berichterstattung (bevorzugt im Feuilleton-Teil), wo in der Regel über skurile, nicht alltägliche Menschentypen und deren Erlebnisse berichtet wird, die wir, die Zeitungsleser, so gerne, am Früstückstisch mit Kaffee und frischen Brötchen sitzend, schmunzelnd und zur allgemeinen Erbauung zur Kenntnis nehmen und der negativen - und oftmals leider nicht vorurteilsfreien Berichterstattung über aktuelle Vorkommnisse, z.B. Räumung von Wagendörfern etc., die vor allem im Lokal-Teil plaziert werden.

So berichtet z. B. die Badische Zeitung (2) über zwei "moderne Nomaden", die, fellbekleidet und nach alter, keltischer Art lebend, mit ihrem Wagen-Gespann in Freiburg Station machten: "

Sie brauchen kein elektrisches Licht, keine Zentralheizung; sie verlangen kein Wohngeld und wollen auch keine Sozialhilfe beziehen. Was ihnen fehlt ist einzig und allein ein freier Platz, wo sie mit ihren 2 Zirkuswagen und den Traktoren über den Winter stehenbleiben können. Sie - das sind Cù Chulainn und Beate Predöhl. Fast könnte man meinen, sie seien einer anderen Zeit entsprungen: mit ihren Felljacken und ihren langen Haaren gleichen sie ganz den keltischen Nomaden von einst."

So beginnt der, im großen und ganzen wohlwollende Bericht über die beiden Zirkusbewohner, die als Straßenkünstler durch die Lande ziehen... und bald wieder verschwunden sind, ohne irgendwelche Ansprüche an die Stadt, deren Bürger oder sonstwen zu stellen. Dies macht sie unverdächtig und läßt die Leser lächeln ob dieser naiv erscheinenden Ungebundenheit und Freiheitsliebe der beiden. "Natürschützer seien sie, Strom brauchten sie nicht und wollten leben bei Kerzenlicht im Einklang mit der Natur".

Ähnlich sympathisch erscheint uns, den Lesern, auch Ralf aus Bremerhaven, den ein Redakteur einer norddeutschen Zeitung (3) mit der Kamera "einfing". Auch "Individualist" Ralf, seit 2 Jahren im Wagen wohnend, mit Bauwagen und betagtem Trakor unterwegs, verzichtet "im Gegensatz zu modernen Caravan-Reisenden, bewußt auf Fernsehen und Radio" und will weiterziehen nach Frankreich. Sanft ironisch wünscht ihm der Redakteur gute Fahrt und hofft, Ralf möge nicht in "gebirgigen Gegenden" wie der sanften Hügellandschaft der Börde Lamstedt steckenbleiben.

Ein weiteres Beispiel "positiv sympathischer Berichterstattung" liefert uns die Frankenpost v. 16. 08.1989: Unter dem Titel "Mit dem Traktor nach Polen" beschreibt die Redakteurin einen 33jähr. "pfiffigen Studiosus der Soziologie", der, ebenfalls mit Bauwagen und Traktor, sich ins 1050 km entfernte Polen aufgemacht hat und beim Grenzübertritt abgelichtet worden ist.

Zu guter Letzt ein Bericht der Südwest-Presse. (4)
Eine ganze Zeitungsseite opfert die Redakteurin dem Akteur Michael, 28 Jahre und Student der Biologie, der auf einem Parkplatz, mitten in der Neu-Ulmer Stadt, mit seinem Bauwagen samt Traktor, Ziege "Määäh-rgrit" und einigen Hühnern sein Lager aufgeschlagen hat und der herbeigeeilten Reporterin und den Lesern bereitwillig Einblick in sein Leben gewährt.
"Der Vollkorn-Pfannkuchen brutzelt in der Pfanne. Margit, die Ziege, klettert an dem Holzfeuerherd hoch und knabbert an dem Fladen. Den fünf Meter langen Bauwagen hat er sich mit allem eingerichtet, was er zum Leben braucht: Der Herd, der auch als Ofen dient, ist von Regalen und und alten Holzschränkchen umgeben. Die Küchenausstattung könnte aus Omas Speicher stammen. Der Eßtisch steht am Fenster neben dem Bett. Auch ein Radio und ein Bücherregal sind da. Durchaus gemütlich ist es hier. Eine Idylle mitten in der Stadt", befindet die Reporterin und beschreibt den Lesern mit sichtbarer Sympathie ausführlich die Lebensbiographie des "Aussteigers" und wie er in die Stadt kam.

Bei allen diesen Beispielen steht die oft exotisch angehauchte und teilweise feuilletonistisch verklärende, aber in sich völlig unpolitische "Geschichte" im Vordergrund, ohne allzu tief in wie auch immer geartete Problematiken eintauchen zu müssen. Wie z.B. die Ankündigung des Zirkus, der in die Stadt kommt ( und dann auch bald wieder verschwindet), wird hier eine "fremde" Welt beschrieben, in die wir eintauchen und sie betrachten können, ohne daß diese uns auf Dauer gefährlich werden könnte.

Auch die frühen Zeitungsberichte über das "Rollheimer Dorf", die erste Wagensiedlung in Berlin, waren noch bestimmt vom positiven Image vom Austeigen aus einer, von vielen Lesern ebenfalls so empfundenen, kaputten Welt, vom Traum von Selbstbestimmung und freiem Leben. So klangen die ersten Titelüberschriften in der Tagespresse anfangs noch verheißungs- geheimnisvoll: "Rolling Home - Rollheimer Dorf: Oase am Potzdamer Platz" (5), "Mobile Idylle im Herzen Berlins" (6), "Mauerplausch mit Grepos" (7), "Leben zwischen Illegalität und Märchen-Idylle" (8), "Die Träumer vom Potsdamer Platz" (9) oder etwa "Anja und die Rollheimer" (10)

Auch inhaltlich wurde der alternativen Lebensweise Tribut gezollt: "Dort, wo früher das legendäre 'Haus Vaterland' stand, ist ländliche Idylle: selbstgepflanzte Birken wackeln im Wind, Gartenstühle wie in einer Sommerlaube, ein Kinderspielplatz mit Rutsche, Steinskulpturen und Tonfiguren" (Brigitte, mit vielen illustrierenden Bildern). Die TAZ versichert: "Ihr Traum, den sie leben, ist das Leben auf Rädern in einer offenen Gesellschaft", und auch die Morgenpost betont den unbedenklichen Charakter der Siedlung denn, "es geht zu wie in einem richtigen Dorf. (...)
Seit fünf Jahren lebt die rollende Laubenpiepergemeinde auf dem Privatgelände.(...) haben sie ein 5000 qm großes Gelände mit Rasen, Hecken und Bäumen begrünt. Drei Telefonleitungen, eine Wasser-Standleitung, die in einen 2000 Liter Tank entleert werden, stehen zur Verfügung. Alle zwei Monate kommt eine Firma und entsorgt."

BILD, wie immer am Herzen der Leser, beschreibt die Berufe der Bewohner mit Bauleiter, Zimmermann, Schauspieler, Uni-Mitarbeiter und bescheinigt ihnen so eine unbedenkliche Seriosität. Für BILD-Leser ganz wichtig: "Der Teppich wird regelmäßig gesaugt." Und auch die FR beruhigt die Volksseele und lobt das Dorf in höchsten Tönen: "Es handelt sich jedoch nicht um Zigeuner oder anderes fahrende Volk. Zimmermannleute und städtische Angestellte, Lebenskünstler und lebenslänglich Verbeamtete, Künstler und auch von der Stütze lebende Arbeitslose teilen sich diesen Flecken grüner Oase direkt an der deutsch-deutschen Grenze (...)
In der Großstadt leben und trotzdem Natur genießen - das ist der Reiz, den die Bewohner wohl am meisten an ihrer Lebensform schätzen. (...) Eine aktive Opposition gegen herrschende Gesellschafts- und Wohnformen sind die Rollheimer ganz sicher nicht. Und doch, bei näherem Betrachten zeigt sich, daß diese paar qm am Ende der Welt einen Freiraum darstellen, eine Enklave in der Enklave West-Berlin sind. (...) Die Rollheimer zeigen durch ihren zurückhaltenden, aber doch ungewöhnlichen Wohn- und Lebensstil, wie sparsam und auf das Wichtigste reduziert man leben kann. Sie heben sich ab und stellen, ohne dies lautstark zu demonstrieren, übliche Wohnformen dadurch in Frage. Gerade in Berlin, wo Wohnungs- und Mietpolitik eine entscheidene Rolle spielen und Wohnraum in höchstem Maße knapp ist, könnte das Beispiel Schule machen..."

Auch die anderen peu à peu entstandenen republikanischen Wagendörfer partizipieren von dem guten Image der "Rollheimer", deren Ruhm durch das ganze Land hallt und genießen noch Schonzeit. Sogar die für ihre "Unabhängigkeit und Überparteilichkeit" berüchtigte NWZ gibt sich moderat bei der Beschreibung der Wagenszene: "Ihre Dörfer tragen Namen wie Hoppetosse, Kreuzburg und Wilder Süden, Ihr Zentralorgan heißt 'Vogelfrei'. Immer mehr junge Leute entscheiden sich für ein Leben auf Rädern. Auf acht qm erfüllen sie sich in Bau- oder Zirkuswagen ihren Traum vom Eigenheim ohne Grundsteuer, Wasser- und Stromrechnung. (...) Nachbarschaftshilfe steht hoch im Kurs. Fehlt einem Wagenbewohner mal das nötige Kleingeld, so unterstützen ihn die anderen.(...) die nötigen Tips für den Alltag, gibt den Wagenbürglern 'Vogelfrei'."

Das allgemeine Stimmungs-Klima ändert sich aber mit dem Maße der zunehmenden Neugründungen von Wagendörfern, in denen jetzt auch immer mehr soziale Problemfälle wie Obdachlose, Drogen- und Alkoholabhängige anzutreffen sind. Die verschiedenen Wagendörfer werden zunehmend in gute und schlechte unterteilt und so bekommen viele Berichte eine andere Qualität, indem den Lesern eine Bedrohung suggeriert wird, der man nicht entfliehen kann. Und bedrohlich kann sie, diese fremde Welt, die die Journalisten beschreiben, auch wirken. Der Ton in der Berichterstattung wird zunehmend härter, die Intentionen verändern sich. Je nach politischer Ausrichtung wird gestreichelt oder ausgeteilt, gelobt oder getobt.
Die ZEIT z.B. betitelt eine Hintergrund-Reportage mit "Wagendörfer - Deutschlands erste Slums?" (11) und versucht, eine Art Bestandsaufnahme der verschiedenen Wagensiedlungen anzufertigen, wobei der Schwerpunkt allerdings auf Obdachlosigkeit und drohende Verslumung gelegt wird: " Eine neue Art der Obdachlosigkeit breitet sich aus: junge Leute in Bauwagen siedeln sich auf innerstädtischen Brachen an.
Die einen suchen Freiheit; die anderen finden Armut, Elend und Alkoholismus. Und entsetzte Nachbarn rufen nach der Polizei". Die Redakteuerin bemüht sich zwar redlich, einen objektiven Augenzeugenbericht zu liefern, verfällt aber immer wieder in Stereotype, z.B. wenn sie Wagendorfbewohner interviewen will: "'verpiss dich!' zischt der Typ mit den kurzen Haaren und den glasigen Augen." Und sie hat anscheinend wirklich Schwierigkeiten "...als Journalist mit den Bewohnern von zu Slums verkommenen Wagendörfern ins Gespräch zu kommen..."
Da interviewt sie dann lieber die Anwohner, die der "Dreck" des "arbeitsscheues Gesindels" und "Kanaken" und das "heruntergekommene Viertel" stört, und berichtet von Ladendiebstählen, die erst aufhörten, als die betreffende Wagenburg umgesiedelt worden war, oder von den "hygienischen Zuständen wie in Afrika" auf den "von Hundekot und leeren Bierdosen verdreckten Straßen", oder von den "Punk-Männlein wie -Weiblein, die ungeniert ihre Hosen herunterzögen, um ihr Geschäft zu verrichten".
Wenn sie auch konstatiert, daß jedes Wagendorf sich anders zusammensetzt und die äußere Erscheinung des Platzes und das Binnenklima dementsprechend unterschiedlich sind, so macht sie doch nicht den geringsten Versuch, auch die andere, die positive Seite, zu benennen. Selbst die Wagenplätze, die eigentlich eine in sich soziale Stabilität aufweisen wie der von ihr besuchte Platz in Köln (den wir im übrigen selbst auch in Augenschein genommen haben und ausnehmend zuvorkommend behandelt worden sind) kommen eher schlecht weg.
Anscheinend hat sie aber auch den falschen Moment für ihren Besuch ausgesucht: "Es ist regnerisch und kühl, die Trampelpfade zwischen den Wagen sind matschig; jemand wirft ein paar Holzscheite in den alten Küchenofen, durch den dünnen Holzboden zieht es kalt hoch." (Vielleicht hätte sie an einem sonnigeren Tag ihren Besuch wiederholen sollen...) Berichte dieser Art häufen sich mehr und mehr und an die Stelle der positiv, sympathischen Sichtweise tritt eine negative Berichterstattung nach dem Motto: "only bad news are good news".
Diesen Eindruck bekommt man, wenn man sich die schier unübersehbare Anzahl der Zeitungsartikel der bundesdeutschen Tagespresse zum Thema "Wagendörfer - Wagenburgen" zu Gemüte führt, die in der letzten Zeit erschienen sind. (12)
Da heißt es unter der Überschrift "Die Wagenburg aus Wracks wird immer größer - aber geräumt werden darf nicht (13), "Ausgebrannte Lastwagen, Reisebusse, Autowracks - seit Monaten steht...eine Wagenburg, über der eine Totenkopf-Flagge weht. Die hygienischen Voraussetzungen sind katastrophal. Es ist ein Schandfleck." oder einfach plakativ "Endlich, das Chaos-Dorf kommt weg!" (14)

Immer mehr werden die Wagendörfer, besonders in Berlin, mit Kriminalität aller Art in Verbindung gebracht. Als im Juli 1996 die Wagenburg an der "East-Side-Gallery" geräumt wird, wird aus der bislang eher präzis knappen und halbwegs "neutralen" Polizeiberichterstattung eine aufgepuschte "Kriegsberichterstattung", in der alle gängigen Klischees verarbeitet sind. So weiß der SPIEGEL (15) von "Großstadt-Nomaden" und "halbwilden Hunden, manche ponygroß", zu berichten und beschwört "ein Stück dritte Welt im Zentrum der Hauptstadt" mit "Slumcharakter" herauf. Fast alle Zeitungen Deutschlands berichten von diesem "Schandfleck für ganz Berlin" (16) und drucken Bilder vom "Hygiene- und Kriminalitäts-Pfuhl" (17) Differenzierter, wenn auch in der Regel eindeutig Partei ergreifend für die Wagendörfler, gehen da die zahlreichen Stadt- und Szenemagazine vor.(18)
Hier lassen sich eher die bei der Tagespresse vermißten Hintergrundberichte finden und auch ausreichender Raum für Selbstdarstellungen der Wägler ist dort gegeben.
So bringt die Berliner Obdachlosenzeitung "MOTZ" ein - im übrigen vorzügliches -Sonderheft zur Wagendorfproblematik heraus (19) , in dem alle Aspekte des Wagenlebens mehr oder weniger erschöpfend beleuchtet werden und auch die Betroffenen selbst ausführlich zu Worte kommen. Ähnlich der Oldenburger "STACHEL".
Während der Auseindersetzungen um den "Blöden Butterpilz" (20) verstrich fast kein Monat, wo nicht über die Wagenproblematik und immer sehr subjektiv aber sachlich richtig berichtet worden wäre. Aber auch einige der "Provinz-Blätter" nehmen sich der Wägler an. Unbelastet von der "explosiven" Großstadtsituation beschreiben hier Wagenbewohner aus der eher ländlichen Umgebung (in einem Themen-Schwerpunkt-Heft der Monatszeitung "Torfkurier" (21) ihr Leben und berichten von ihren Erfahrungen, Ängsten und Sorgen im alltäglichen Überlebenskampf. 3.8.2.
Die Macht der Bilder - Fernseh- und Videoberichte im Blick von Außen Wenn es zur genuinen Eigenart von Zeitungsartikeln gehört, schnell, präzise und aktuell zu berichten (denn nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern!) so gilt dies für die visuellen Medien wie Fernsehen etc. nicht unbedingt. Gerade die Kombination von Wort und Bild bleibt besonders tief und lange im Gedächtnis haften und so verwundert es nicht, daß es ab 1991, kurz nach dem "Wagendorf-Boom", zu einer Reihe von einschlägigen Reportagen zum Thema gekommen ist, von denen allein vier Fernsehdokumentationen 1992 im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gesendet worden sind:

- z.B. "Trecker Becker & CO" (22):
Schon in der Anmoderation erfahren wir, was uns in den nächsten 30 Minuten erwarten wird: "In Paris sind es die Clochards und in Berlin sind es die Leute um Trecker-Becker & Co vom sog. 'East-Side-Place' in Berlin. Susanne Köpke hat die Berliner Typen und Exoten in ihrer Wagenburg einen Tag lang beobachtet." Und diese beschreibt im folgenden in lockerem Ton, aber mit sichtbarer und einfühlsamer Sympathie ihre Eindrücke. OFF: "Ihr Anderssein fasziniert und proviziert zugleich. Es passt nicht so recht in die gesellschaftliche Norm, aber Assoziale sind die Leute v. East-Side-Place gewiss nicht. Auch keine Sozialromantiker.
Eher ein Querschnitt vieler gesellschaftlicher Randgruppen. Die Klischeevorstellungen und Vorurteile gegen sie sind groß, die gesellschaftliche Akzeptanz gering. Ein Leben auf dem Präsentierteller. Das Leben findet, so es das Wetter zuläßt im Freien statt. Ihre Gemeinschaft funktioniert durch gegenseitige Akzeptanz. Die Gesellschaft toleriert sie bestenfalls als touristische Attraktion hinter der Restmauer. Tatsächlich sind sie die ungeliebten Schmuddelkinder in der großen Stadt. Wer in dieses Milieu eintaucht, entdeckt vieles Liebevolles.
Eine unbekannte Kietzkultur. Ein Zuhause auf Zeit, die jeder von ihnen aus den unterschiedlichsten Gründen gewählt hat. Sie wohnen in ausrangierten Bussen oder LWSs, in alten Zirkus- oder Bauwagen. Die Fahrzeuge sind mehr als ein Dach über dem Kopf. Sie sind ihr Zuhause. Wer hier kampiert, ist irgendwann bewußt oder notgedrungen aus dem normalen bürgerlichen Alltag ausgestiegen. Fernab vom Großstadtstress genießen sie ihr Anderssein.
Sie sind Sammler aus Leidenschaft. Jeder Müll, der anfällt, könnte ja irgendwann einmal gebraucht werden. Die Wagenburg: Ein malerisches Bild. Die Typen, die hier wohnen, gehören zum Flair der Großstadt, und die Wagenburg auf dem 'East-Side-place'ist ein Stück berliner Realität geworden, zugegeben ein Stück exotischer Wirklichkeit. Schon vor der Wende gab es solche Plätze in West-Berlin, im Schatten der Mauer, am Rande der Stadt.
Mit der Widervereinigung sind sie in den geograpfischen Mittelpunkt gerutscht. Doch ihre Zukunft auf einem attraktivem Stück Land, am Ufer der Spree, im Zentrum der Bundesdeutschen Hauptstadt ist ungewiss. Irgendwann wird auch diese Großstadtidylle der modernen Architektur weichen. Moderne Büroräume werden diese bunte Welt wegschieben. Die Weltstadt Berlin wird dann um einen Farbtupfer ärmer sein."
Leute wie 'Trecker Becker' sind Berliner Originale. Schade, wenn sie vertrieben würden." Eingebettet in diese Beschreibung werden die einzelnen Bewohner interviewt, wobei sie sich besonders einen, den "Trecker Becker", herausgreift und diesen in allen seinen Schattierungen portraitiert: Ein liebenswerter, sympatischer Mensch, 32 Jahre alt, intelligent und schlitzohrig, mit Schlapphut und Vollbart...und Europieper, denn "Trecker Becker" ist Fuhrunternehmer und fährt Sperrmüll, Bauschutt, Trinkwasser für die Bewohner der verschiedenen Wagenburgen.
Aber auch die anderen, Frauen wie Männer wirken auf eine besondere Art normal. Die Kamera schwenkt über den Platz und gibt Einblicke frei: die (Wohn)-Wagen, Menschen beim Kochen und Essen und Abwaschen, Bewohner, die Autos und Zugmaschinen reparieren, Kinder, die spielen und Hunde. Köpke zeichnet ein Bild, wie wir es gerade aus der "East-Side" nicht erwartet haben.
Der Platz ist zwar nicht besonders schön -es gibt kein Grün und es liegt auch Müll herum- aber es ist kein Müllplatz. Das Kameraauge sieht und registiert alles, aber es bewertet nicht! Es zeigt den Platz und die Bewohner, Menschen wie Du und Ich, mit all ihren Problemen und Sorgen, aber ohne erhobenen Finger. Und das macht diesen Film so liebenswert.

- z.B. "Harte Zeiten..."
Ein ähnliches Bild wird in der Dokumentation von Thomas Crecelius "Harte Zeiten für wilde Herzen - Maria, Kamillo und die Rebellen von der Wagenburg" (23) gezeichnet. Auch er benutzt die Form des persönliches Portraits, um die Situation in der (1993 geräumten) Wagenburg am Engelbecken zu beschreiben und versucht, sich dem Alltag der kleinen, verfemten Gesellschaft zu nähern, in dem er die Geschichte von Maria und Kamillo erzählt.
Diese beiden gehören der ordensähnlichen katholischen Johannes-Gemeinde an und leben, barfuß und in schlichte braune Kutten gekleidet, als Arme unter Armen ("und sich dennoch auf der reichen Seite des Lebens wähnend") auf dem Wagenplatz.
Der Film zeigt, wie die beiden eine Bauwagen- Kapelle (!) bauen, ein großes Holzkreuz errichten und, wie in alten Zeiten, mit einem selbstgebauten Pflug aus Holz ein kleines Stück Land bestellen. Nebenbei missionieren sie im Dorf. Sie erzählen über ihre Vergangenheit (Kamillo hat Theologie studiert und arbeitet als Pförtner im Krankenhaus, Maria, Ex-Junkie, vorbestraft, lebt vom Verkauf von handgeknüpften Rosenkränzen) und über ihr jetziges Zusammenleben auf dem Platz.
In beeindruckenden Schwarz-weiß-Sequenzen wird gezeigt, wie die beiden in ihrer Mönchskutte barfuß (!) mit ihrem Karren zum Wasserholen durch die Stadt ziehen oder, inmitten einer springer- und schnürstiefelbewerten Delegationsgruppe, mit Vertretern der Stadtverwaltung für ihre Interessen und die der anderen Wagendörfler eintreten. Beindruckend deswegen, weil durch dieses Spielen mit dem altertümlichen Wochenschaueffekt dieser an sich fast schon surrealistisch anmutenden Situation ein Element der Rührung und wahrhaften Aufrichtigkeit beigemengt ist. Fast scheint es, der heilige Franziskus von Assisi und seine Gefährtin Klara selbst wären auferstanden und wollten ihren Brüdern und Schwestern beistehen im Kampf um deren Rechte. Daneben werden auch die anderen Bewohner interviewt und in ihrem alltäglichem Überlebenskampf gezeigt, wie z.B. Olaf, der seit Jahren von dem Erlös vom Herauslösen von Kupfer aus gesammelten Kabeln lebt.(24) Insgesamt scheint es hier rauher und trostloser zuzugehen.
Ein Kameraschwenk zeigt das Dorf in der Totale, das schon eher wie eine Mischung aus Notunterkünften und Obdachlosenquartieren wirkt denn als frei gewähltes Siedlertum. Ein großer Eintopfkessel köchelt vor sich hin, der Koch (?) rührt mit einem umgedrehten Besen hingebungsvoll darin herum, von allen Seiten ertönt Lärm und laute Musik. Wild angemalte und tätowierte Gesellen laufen ums Lagerfeuer herum und Feuerspuckfontänen erhellen die Nacht. Endzeitstimmung mit Lagerfeuerromantik.

- z.B. "Zwischen Schrott und Sperrmüll"(25)
Die uns schon bekannte Uta Claus (ZEIT) verfasste diesen ebenfalls 1992 entstandenen Fernsehbeitrag und liefert damit ein visuelles Pendant zu ihrem Zeitungsartikel. OFF" Es gibt sie fast in allen deutschen Großstädten: Ansammlungen von alten Bauwagen, umgeben oft von Schrott und Sperrmüllabfällen unserer Gesellschaft (wobei sie wohl nicht nur den tatsächlich anfallenden Wohlstandmüll meint). Anwohnende Nachbarn und örtliche Boulevard-Presse beschweren sich meist über diese Dörfer und ihre Bewohner."
Der Film beginnt mit einem Kameraschwenk über das "East-Side-Wagendorf" und, obwohl im selben Jahr wie "Trecker-Becker" (s.o.) entstanden, zeigt sich uns ein völig anderes Bild: Überall liegen Berge von Abfall und Müll und Unrat herum. Man glaubt kaum, daß dieser Müllplatz jenes liebenswerte , uns schon bekannte Dorf sein soll. Weiter Uta Claus: " ...das "East-Side". Eines der Wagendörfer, die wir jeweils für ein paar Tage besucht haben. Wir wollten herausfinden, wer die Bewohner der Wagendörfer sind, wie sie leben und warum sie im Wagen wohnen. Wir haben festgestellt, daß sich die einzelnen Plätze nicht nur äußerlich sondern auch von ihren Bewohnern her unterscheiden. Weder gibt es das typische Wagendorf, noch den typischen Wagenbewohner. Fast alle Wagenbewohner sagen, daß sie freiwillig so leben, tatsächlich haben viele von ihnen auch keine bessere Alternative. Auf dem Platz sucht sich jeder die Leute, mit denen er gut kann. So entstehen überall kleine Gruppen. Die verschiedenen Gruppen leben jeweils nach eigenen Regeln."
Nach und nach führt sie die verschiedenen Bewohner ein und läßt sie ihre Geschichte erzählen, wie z.B. die von Dany, 28 J., Mutter Alkoholikerin, Vater Rumtreiber, von den Behörden ins Heim gesteckt, danach Rumtreiberei im In- und Ausland, Häuserkampf- und Besetzerszene und jetzt: das Wagendorf als vorläufige Endstation. (Irgendwie haben wir es aber auch nicht anders erwartet, bei diesen Bildern).
Claus portraitiert immer schön ausgewogen: Obdachlosigkeit und freie Entscheidung - Trebegängerin und Studentin. "East-Side" versus "Rollheimer Platz", die nächste Station der Entdeckungsreise durch die Wagendörfer: Auch hier stellt sie die Situation des Platzes und der Bewohner dar und gibt Einblicke in die unterschiedliche Lebensart der "Edelrollheimer, wie sie von den anderen Dörfern genannt werden": z.B. Gerhild, 41 Jahre Arzthelferin, 2 Kinder, Durch Reisen im Süden an das Leben im Bus gewöhnt, lebt jetzt im großen Reisebus im Dorf.
Aber auch hier zeigt sie schnell die anderen Seite, in diesem Fall das "Unterdorf, wo die wohnen, die keine andere Alternative sehen" und resümiert: "Wer andere Lebensmöglichkeiten für sich sieht, zieht weg. Andersherum drängen immer mehr Menschen aus Wohnungsnot in die Wagendörfer. Das macht es immer schwerer, die erworbenen sozialen Strukturen zu erhalten. Eine Gefahr für die innere Stabilität der Wagendörfer."
Wobei sie denn auch schon bei der dritten und letzten Wagenburg ihres Besuches durch die Anderswelt anlangt: der Wagenburg in der Waldemarstraße. "Das Dorf an der Waldemarstraße ähnelt inzwischen einem Slum. Andere Wagenbewohner zogen schnell wieder weg. Der harte Kern, der blieb, ist hart. Und der ist weiklich hart. Keiner der Bewohner arbeitet. Der Konsum von Alkohol und weichen Drogen ist beträchtlich, die Aggressivität hoch, vor allem Außenstehenden gegenüber. Das haben auch wir zu spüren bekommen. Manche Anwohner und Politiker verlangen die umgehende Räumung. Andererseits karren Sightseeing-Busse photographierende Touristen vorbei."
Dazu interviewt sie den Referenten im Sozialdezernat, Thomas Brauner: "Das ist ein Ausdruck von Verarmung und Obdachlosigkeit. Andererseits bedeutet es aber eine Stabilisierung von Gruppen auf unterster Schwelle mit eigenen sozialem Netz." und beendet ihre Reportage (nicht ohne vorher gezeigt zu haben, wie eine Gruppe "Wilder" aus der Walmarstraße das Fernsehteam beschimpft und ihnen Schläge androht, wenn diese nicht sofort verschwänden) mit einem Resümee, daß allen Seiten gerecht werden soll: "Keiner will sie haben. Vielleicht aus Angst vor dem Ungewohnten, vielleicht aus Unwissen, vielleicht aus Ignoranz... Das trifft sie alle; diejenigen die aus Not im Wagen wohnen und die, die es aus freien Stücken tun."
Claus ist objektiv in ihrer Beschreibung, das kann man ihr nicht absprechen. Aber jubketiv in der Einseitigkeit ihrer Wahrnehmung. Sie zeigt die düstere Seite des Wagenlebens, die Welt der Schmuddelkinder im modernen Wohlfahrtstaat und reduziert dabei die Lebensart auf die reine Wohnform und mehr noch: auf die bloße Wohnhülle.

- z.B. Dünne Haut (26)
Auch Norbert Buse dokumentiert in seinem für Arte (und damit auch für Frankreich) gedrehten Film die bundesdeutsche Wagendorfproblematik an Hand von Beispielen aus dem "Wilden Süden" (Stuttgart) und dem kühlen Norden (Hamburg) und garniert dieses mit Statesments aus politischem (Oberbürgermeister von Stuttgart und Vorsitzender des deutschen Städttages, Manfred Rommel:" In einem so dicht besiedelten Land wie der Bundesrepublik, in dem man großen Wert darauf legen muß, daß nicht unnötiger Flächenverbrauch durchs wilde Siedeln erfolgt, in solch einem Land kann man nicht in einer Wagenburg leben wollen.
Es sei denn, man findet einen Platz, an dem das baurechtlich zulässig ist.) und betroffenem Mund (Wagenbe- wohnerin aus Hamburg: "Das Leben im Wagen ist etwas viel offeneres. Die Wagenwände sind viel dünner als beim Haus. Ich krieg da viel mehr mit als wenn ich im Haus lebe. Und vom Leben findet viel draussen statt.") Daneben zeigt er aber auch, daß das Phänomen des Lebens im Wagen nicht nur auf Deutschland alleine beschränkt ist, sondern auch z.B. in Frankreich nicht unbekannt zu sein scheint, wenn zum Teil auch "nur" als "Importprodukt":
Berliner Aussteiger haben in Südfrankreich ihr Lager aufgeschlagen, und das im wörtlichen Sinne: Sie leben im Tipi (und z.T. auch in alten Bauwagen) und haben für sich und ihre Kinder das neue (alte?) Stammesleben der Indianer wieder entdeckt.
Nach Nomadenart ziehen sie so an den Flußufern entlang und haben buchstäblich mit der sog. Zivilisation gebrochen. Buse zeigt den Bau eines Tipi und das Leben darinnen. Seine Kamera zeichnet dazu in malerischen Farben eine Idylle, die wir gar nimmer für möglich hielten, wenn wir sie nicht gerade sehen würden: Grünes Land - Gesundes Land, Kinder, in Indianerkleidern auf Ponies reitend, braungebrannt und gutgelaunt, Relaxed und ausgeglichen wirkende Erwachsene, Urlaub auf Lebenszeit.
Eine Tipi-Bewohnerin (ca. Mitte 30) erzählt: "Das Wallie besteht seit der 68er Bewegung und wurde für eine experimentelle Lebensweise gekauft, was es allerdings heute nicht mehr ist. Im Wallie ist alles vertreten: Ein Alternativ-Hof, oben im Wallie, als auch die Zirkusleute, die vor allem im Haus leben als auch uns Tipileuten. Vom Steinhaus zum Holzhaus zum Tipi. Das Tipi lebt sich schlecht alleine. Es braucht einen Zirkel dazu, d.h. eine Gemeinschaft und soziales Leben und Kommunikation. Zusammen Leben, zusammen Lachen, zusammen Singen, zusammen Essen. Wir leben heute und jetzt machen wir, was zu tun ist. Wir leben auf der Mutter Erde. Wir haben nichts zwischen der Erde und uns. Da ist kein Holzfußboden oder sonst etwas. Wir sind direkt auf der Erde und das hat auch wieder seine spirituelle Auswirkung auf Dich, d.h. die Energie kommt aus der Erde, geht in die Füße und geht in den Kopf und geht oben aus der Krone [des Tipi]. Und damit bist Du ein perfektes Kettenglied. Du ermöglichst es den Energien, einen Zirkel zu schlagen. Je weiter Du dich entfernst von der Erde und den Bakterien, die in der Erde sind, desto anfälliger wirst Du. Unsere Kinder sind praktisch nie krank, außer mal 'nen Schnupfen oder Husten natürlich aber das hat ja auch etwas mit der Umwelt zu tun. Es ist schon rüder. Du bist jedem Wetter ausgesetzt. Sobald Du raus bist, bist Du wirklich draußen. Du mußt Dir Holz machen und Du mußt es selber tragen, Du mußt das Wasser holen (wir haben natürlich keinen Wasserhahn). Wir versuchen, wenn es möglich ist ist, neben dem Fluß zu wohnen, damit es nicht allzu weit vom Wasser weg ist. Das Leben ist schon schwieriger. Das zerrt schon mehr am Körper. Man muß schon mehr tun für seinen Körper, als z.B. unter anderen Verhältnisssen."
Buse ist Dokumentator im wahren Sinne: Er beläßt es den von ihm Interviewten, ihr eigenes Weltbild und ihre Sicht der Dinge darzustellen. Er beschreibt nur in Bildern, ohne diese selbst zu zu kommentieren oder gar zu interpretieren (außer durch die Bilder selber) und überläßt es allein dem Zuschauer, sich eine Meinung zu bilden. Seine Sympathie aber liegt augenscheinlich bei den Deutsch-französischen "Indianern", deren Lebenswelt so exotisch erscheint und doch nicht einer gewissen Logik entbehrt: "Back to the roots"... und es geht doch!

- z. B. Nachrichten (27)
Zum Thema in einer aktuellen Nachrichtensendung werden die Wägler erst dann, wenn es "Zoff" gibt. Und den gibt's genug: Anläßlich der Räumung der "East-Side-Gallery" waren natürlich auch die Kamerateams der verschiedenen Fernsehsender zahlreich vertreten.
Ob TAGESSCHAU oder ZDF oder VOX, alle waren sie da und berichteten von der Front: ZDF: "Polizeieinsatz am Morgen. 150 Polizeibeamte im Anmarsch. Ihr Auftrag: Räumung der Wagenburg. Seit 5 Jahren existiert das Rollheimer Dorf im Schutze der Mauer, mitten im Berliner Bezirk Friedrichshain. Bis zu 200 Menschen haben hier gelebt zwischen Autowracks und Müller jeder Art. Mit alternativer Idylle hat das wenig zu tun. Allein in diesem Jahr wurden 40 Straftaten begangen..." So beginnt der Fernseh-übliche "1.30" Beitrag (hier war es sogar 1 Minute mehr) und beschreibt in mit Bildern gewürzter Kürze worum es geht: Mord, Raub, Straftäter im allgemeinen, ein gefährlicher Ort im Speziellen, katastrophale hygienische Verhältnisse und eine Umweltkatastrophe durch angeblich abgelassenes Altöl, 3,5 Mill. DM für Räumung und Beseitigung der Zustände u. Sanierung des Platzes.
VOX braucht für die gleiche Meldung (Tuberkuloseverdacht, 250 Punker, Autonome und Aussteiger, 4 Festnahmen, Zwangsuntersuchungen auf Tbc, Drogen und Waffenfunde, 160 Beamte im Einsatz) nur 45 sec., süffisant untermalt von elend aussehenden und in der Ecke auf ihren Abtransport wartenden, aus Dosen saufenden Punks. Ganze 30 Sekunden nur benötigt die ARD, um 250 Polizisten im Einsatz, 100 Bewohner und 2 Festnahmen, den Hinweis auf Tbc-Verdacht u. Schwerpunkt der Hauptstadtkriminalität, Drogen u. Waffenfunde ins wohnstubengerechte Bild zu setzen. Zusammengefaßt und im Vergleich zu 1996 läßt sich sagen, daß die 1992er Filmbeiträge insgesamt und trotz des augenscheinlichen Anspruches auf eine gewisse Beständigkeit und Allgemeingültigkeit jeweils doch nur eine Momentaufnahme darstellen, und je nach Blick- und Standpunkt eine postive oder eben auch negative Ausrichtung bekommen. Die Situation gerade in den Wagendörfern hat sich seit 1992 grundlegend verändert, z.B. weil sich viele der Berliner "Engelbeckener " nach der Räumung in die "East-Side" geflüchtet haben, ist das Konfliktpotential explosionsartig gewachsen.
So erklärt sich, wieso die aktuellen Bilder (z.B. SPIEGEL TV, Nachrichten etc) so sehr von den 1992ern abweichen.

3.8.3. Gegendarstellung

- z.B. "VOGELFRAI"
Der Macht der Bilder und des Wortes haben die Betroffenen, ob sie nun im Wagendorf oder alleine stehend leben, nur wenig entgegenzusetzen...und wollen es häufig auch gar nicht. So ist die, jeweils auf den mehrmals im Jahr stattfindenden sog. Wagentagen entstehende Zeitschrift "VOGELFRAI" ausdrücklich nur für den internen Gebrauch gedacht (28) .
Dabei wollen wir es denn auch belassen und "nur ein bißchen an der Oberfläche kratzen", ohne allzu geheime Interna oder noch geheimere Geheimnisse zu offenbaren. Zur VOGELFRAI deshalb nur soviel: Die Idee zu dem Rundbrief - oder auch "Fachschrift für Wagen(un)wesen", oder "Orkan der westeuropäischen antiimperialistischen Wagenfront" wie er von einigen Wäglern genannt wird - entstand auf dem ersten internationalen Wagenburgtreffen, welches wiederum im Rahmen der sog. internationalen Häusertage im Dezember 1990 in Hamburg stattfand.
Aus der Erstausgabe:" Auf diesem Treff konkretisierte sich die Idee eine intern. (vorerst brd & Schweiz) Wagenburgzeitung zu machen. Sie soll als Infotausch, Diskussionsstandinfo, Tauschbörse,... genutzt werden. Klartext, es kann für Plätze in der eigenen Isoliertheit nicht mehr weitergehen. Das heißt, wir müssen national/international gemeinsame Perspektiven und Forderungen entwickeln. Denn um etwas an unserer Situation zu ändern, müssen wir zusammen daran arbeiten. Alleine geht bald nix mehr. Gedacht ist sich kontinuierlich ca. alle 3 Monate auf einer anderen Wagenburg zu treffen, um andere Plätze & Leute kennenzulernen und die nächste Zeitung zusammenzustellen! Wichtig für uns ist der Infoaustausch, um kontinuierlich voneinander zu hören, sich aufeinander zu beziehen, zu agieren, auf Sachen, die uns alle angehen, zu reagieren z.B. Räumung."
Seitdem erscheint die VOGELFRAI mehrmals aber unregelmäßig im Jahr, geplant, gelayoutet und versandt von der Wagenburg, in der die Treffen jeweils statt- finden. Inhaltlich werden Wagenplatz-spezifischen Problemen, vor allem die (eigentlich immer) bevorstehenden Räumungen, der größte Platz eingeräumt. Grundsätzliche, politische Standortbestimmungen oder Bewegungs-Strategie-Diskussionen findet man vergebens, allenfalls oberflächlich angerissen oder als persönliche Statements formuliert. Ansonsten werden Flugblätter und Selbstdarstellungen, Tips und Tricks und Weisheiten aller Art vorgestellt und zur allgemeinen Diskussion gestellt.

- z.B. "W.I.S.H."
Schon Jahre vor der "VOGELFRAI" gab es den Versuch, einer möglichen Wagenbewegung Leben einzuhauchen. Wie in der Vorbemerkung schon angerissen, entstand 1989/1990 die von H. Kropp initiierte sog. WäglerInnenSelbstHilfe (W.I.S.H.).
Die Grundidee dabei war, die "alten" Ideale vom selbstbestimmten Leben in kommunitären Strukturen mit einem mehr individualistisch geprägtem Element zu verbinden. Der Kommunegedanke also sollte neu angedacht und definiert werden. Eine Kommune auf Rädern sollte entstehen; quasi eine Bewegung in Bewegung. Mittels eines Rundbriefes, -gedacht als Vorstufe zu einer eigenständigen Zeitschrift von WagenbewohnerInnen für WagenbewohnerInnen jeglicher Coleur-, sollten möglichst viele Gleichgesinnte angesprochen und ein Austausch über die jeweiligen Erfahrungen, Erlebnisse, Probleme etc. herbeigeführt werden.


Aus der Erstausgabe: "Der W.I.S.H. (..) soll Kontakte (..) knüpfen, einer Vernetzung aller (..) dienen und ein Forum für alle Beteiligten sein. So kommt der der -in der Regel im Verborgenen ruhenden- Wagenkultur eine neue, weitere Gewichtung zu. Immer mehr Menschen leben inzwischen im Wagen, aus den unterschiedlichsten Gründen. Aber durch die in der Regel isolierte Wohnlage (Stellplätze) der meisten von uns, ist es schwer, untereinander in Kontakt zu kommen und die wagenspezifischen Probleme und mögliche Lösungen diskutieren zu können. Wer weiß schon von den Nöten der anderen (und deren Lösungen), von den Träumen und Phantasien, von Ideen und Gedanken. Der W.I.S.H. also soll Forum sein, soll Fragen aufwerfen und kontroverse Diskussionen auslösen. Dies kann (und wird) Kritik herausfordern, aber das soll es auch. Die einen wollen keine schlafenden Hunde (sprich: Schergen aller Art) wecken, und die anderen sind es leid, immer nur in geduldeten Nischen leben zu dürfen und suchen die Kontroverse (und- wenn es nötig ist, auch die Konfrontation!)"
Diesen Rundbrief also verschickte H. Kropp an ca. 150, ihm auf eine diesbezügliche Anzeige in der TAGESZEITUNG (TAZ) anwortenden, Wagenbewohner, bzw. verteilte ihn an die ihm schon bekannten Wägler aus dem nachbarlichen Umland. Die Reaktion darauf war recht positiv und einige bekundeten sogar, aktiv mitarbeiten zu wollen. Durch Mundpropaganda -jeder kannte wiederum andere, die ebenfalls im Wagen lebten-, und erneute Anzeigen in der TAZ meldeten sich immer mehr bei ihm und schon bald gab es einen Interessentenkreis von über 300 Wagenbewohnern, die an einem weiteren Austausch interessiert waren.
Bis auf einige Ausnahmen allerdings war die angekündigte Mitarbeit eher lau bis gar nicht vorhanden. Allenfalls gab es zuhauf Zusendungen für die angedachte Kleinanzeigenrubrik (Kaufe, Suche etc.), so daß der Redaktion, die in erster Linie noch immer nur aus dem Herausgeber bestand, nach recht kurzer Zeit der "Stoff" für den eigentlich wichtigen, redaktionellen Teil ausging und H. Kropp mit der dritten Ausgabe das sprichwörtliche Handtuch warf und es aufgab, den überregionalen Vernetzungsgedanken weiterhin zu verfolgen.
Aus dem zweiten Rundbrief: "Es ist ja nun schon fast ein halbes Jahr her, daß sie erschienen ist die Null-Nr. des W.I.S.H. Eigentlich sollte die erste reguläre Ausgabe werden, aber... Die Resonanz war äußerst dürftig und, wenn es auch durchweg positive Reaktionen gab ( bis auf einen Leser, der sich von dem 'Werbeblatt Internationalistischer Sozialistischer Hochrufer' (???-!) angepinkelt gefühlt haben muß, so war die Auswertbarkeit - von den vielen Kleinanzeigenwünschen mal abgesehen - doch eher bescheiden. Aus Dankschreiben kann ich eben keine Artikel basteln! Dieses (Euer) Verhalten erscheint mir aber für die heutige Zeit symptomatisch zu sein. In einer Zeit, wo Anzeigen- und Werbeblätter wie (Un)kraut aus dem Boden schießen und Konsum alles ist, scheint auch der die "sog. Individual/Alternativ-Szene" von diesem Wahn wohl nicht ausgenommen zu sein. Da wird gesagt:' mach weiter so!', 'finde ich toll, schick mir mal gleich die nächste Nr. rüber', 'würdest Du bitte folgende Kleinanzeige abdrucken?' etc. So weit, so gut. Aber: Habt Ihr sonst nichts zu sagen? Wo bleibt die politische Diskussion, wo bleibt die Kritik? Etwas mehr inhaltliche Beiträge hätte ich mir gewünscht. Oder wenigstens einige praktische Tips aus dem WäglerInnenleben, die es wert wären, auch uns anderen bekannt zu werden. Kleinanzeigen sind wichtig, aber eben nur das Salz in der Suppe, satt werden kann ich davon nicht. Unter einer Selbsthilfe von und für WäglerInnen stelle ich mir etwas anderes vor!"
Da auch dieser Apell ungehört blieb, stellte H. Kropp mit dem dritten Rundbrief als letzten, aber vergeblichen Versuch, das Projekt aufrechtzuerhalten, den W.I.S.H. endgültig ein. Aber noch Jahre danach bekam er Post von interessierten Wäglern, die den Rundbrief abonnieren wollten und Kleinanzeigenwünsche abgedruckt haben wollten! Als positives Resumee bleibt ihm, daß eine Vielzahl von zwischenmenschlichen Kontakten geknüpft und vielleicht notwendige Diskussionen innerhalb der Wagen- szene in Gang gesetzt werden konnten.

-z.B. Kleinanzeigen:
Mitte bis Ende der achtziger Jahre gab es einen regelrechten Kleinanzeigenboom zum Thema "Wagenleben", vor allem in der TAZ. Unter der eigens eingerichteten Rubrik "Bauwagen" oder "Zirkuswagen" wurden Bauwagen verkauft und Zirkuswagen gesucht und umgekehrt. Zugmaschinen wollten ihren Besitzer wechseln oder Wohnwagen sollten durch die Republik gezogen werden. Es gab Stellplatzangebote und -gesuche. In der Regel wurde am Samstag annonciert und es verging keine Woche, wo nicht mindestens 1- 3 diesbezüglicher Anzeigen in der TAZ abgedruckt waren. Aber Anfang der Neunziger ebbte der Boom so plötzlich wie er gekommen war auch wieder ab.

z.B. selbstproduzierte Videofilme:
Auch die Wägler haben die Macht der Bilder erkannt und sich zu eigen gemacht. Im Laufe der letzten Jahre sind so eine Vielzahl von eigenproduzierten (29) Videofilmen entstanden, der Bekanntheitsgrad allerdings bleibt in der Regel auf die eigene Szene beschränkt. Nur in Ausnahmefällen gelingt es, eigenverantwortliche und professionell gestaltete Beiträge in Massenmedium Fernsehen lancieren zu können, wie z.B. einen 6-min-Beitrag im Fernsehmagazin "TWIST" (30) über das Bauwagendorf in Köln (1996) oder einen vom Arbeitskreis Medienpädagogik e.V. produzierten Film über Wagendörfer im Berlin des Jahres 1996. (31)
Waren diese beiden noch ähnlich konventionell konzipiert wie die "Professionellen" (s.o.), d.h. Beschreibung einer Situation, Interviews etc., so sind daneben auch experimentielle Filme, regelrechte Kunstwerke, entstanden. Besonders hervorgetan hat sich hierbei die Kölner Wagengruppe.
Mit professionellem Geschick, künstlerischem Elan und sehr viel Liebe zum Detail stellten sie - mit Hilfe des Kölner "Jugendclubs Courage" - gleich eine ganze Reihe von Animations- und "Propaganda"-Filmen zum Thema "Leben im Wagen" her, u.a. einen Trickfilm, in dem Spielzeug-LEGO-Figuren eine Räumung des Wagendorfes durchführten und somit in das Thema einführten. (32)
"Wir befinden uns im Jahre 1991 nach Christus. Spekulanten, Staatsknechte, Geldsäcke, Bürokraten und Sklavenhändler haben ganz Köln besetzt. Ganz Köln? Nein. Ein von einer wilden Horde mit Bauwägen besetzter Platz hört nicht auf, den feindseligen Betonmischern Widerstand zu leisten. Das Leben ist nicht leicht für die Büttel der Herrschenden, die dem subversivem Treiben der Bauwäglerinnen Einhalt gebieten wollen."
Frei nach "ASTERIX" beginnt so der Videofilm "Zucker in Beton - oder Wem gehört die Welt" und mit ihm überaus vergnügliche 50 Minuten, in denen die Wagenbewohner ihren Platz und das tagtägliche Gemeinschafts-Leben, eingebettet in eine Spielhandlung mit Slapstick-Einlagen der Bewohner, vorstellen Leider haben diese Filmproduktionen, so gut gemacht sie auch sein mögen, keine Chance, einem größeren Publikum zugänglich gemacht zu werden.
Zu groß sind scheinbar die Vorbehalte der großen Medienanstalten gegenüber den "Schmuddelkindern, allenfalls ein "Freiraum" im Rahmen von (nächtlichen) Magazinsendungen wird ihnen unter Umständen gewährt. Und so braten die autonomen Kunstwerke denn gleichsam im eigenen Saft und werden wohl nur in der "Scene" die Anerkennung finden, der ihnen gebührt.

3.8.4. Peter, der Lustige
Wer das "Leben im Wagen" beschreiben will, kommt an ihm nicht vorbei: Peter Lustig, der wohl bekannteste Wägler des elektronischen Zeitalters, nur noch übertroffen von der Mutter aller Wagenbewohner, der unerreicht Berühmten, der Landstörzerin, Marketenderin und Wagenbewohnerin aus dem 30jährigem Krieg, Courasche.(33)
Anfang der achtziger Jahre startete im ZDF eine Kinder- und Jugend-Sachkunde-Serie namens "Pusteblume", später in "Löwenzahn" umbenannt, die sich auch heute, fast 20 Jahre später, immer noch an der Beliebtheitsspitze bei den Kindersendungen behaupten kann. "Löwenzahn" war damals die Sendung, die erstmals "grüne" Akzente in die bis dahin eher triste und moralinsaure Fernsehlandschaft einbrachte und eine allgemein kritische Grundhaltung geradezu herausforderte. "Held" der Serie ist ein gewisser Peter Lustig (richtiger Name unbekannt), der, in einem Bauwagen wohnend, durch seine ungewöhnliche Wohn- und Lebensphilosophie den Kindern die Welt auf eine neue, eine kritische Art näherbringt und Umweltprobleme und deren mögliche Lösungen beschreibt. In einer der ersten Sendungen erfahren wir, wie der erste Kontakt mit dem "normalem" Umfeld, und dies auch gleich in Person eines deutschen Beamten, eines Postboten, aussieht:

Postbote: " Also, das ist ihr Haus?!"

Peter L.: " Ja, das ist mein Haus. Es hat 4 Ecken, wie jedes anständige Haus. Es hat Fenster, 'ne Türschwelle, Tür...und etwas, was andere Häuser nicht haben: 4 Räder.

Postbote: " Lustig, sehr lustig. Aber: der Briefkasten fehlt. Und die Nr., die Hausnummer. Wenn Sie hier länger wohnen wollen, dann brauchen Sie eine Hausnummer...kann ich mal darein [in den Bauwagen] schauen? Schön!!! Wie ist das mit dem Licht? Sind ja gar keine Steckdosen da! Ja, Strom brauchen Sie außerdem. Und? Na? Abfälle! Ja, die Abfälle. Was meinen Sie, was da täglich anfällt. Wurstpelle, Kartoffelschalen und Konservendosen. Sehn Sie. Stinkt doch! Das muß weg! Was brauchen Sie also? einen Abfalleimer! Wo ist der? Ordnung muß eben sein."

Penetrant freundlich ist er, der Beamte. Und hat die Grundproblematik des Wagenwohnens (wenigstens, wie es sich für den "Normalbürger" darstellt) in wenigen Worten auf den Punkt gebracht.
Und Peter Lustig hat genügend Lehrstoff für den Rest der Sendung. Brillant!
Im Zuge der Fernsehvermarktung wurde auch eine Buchserie (34) aufgelegt, die sich inhaltlich eng an die Fernsehserie anlehnt und ebenfalls einen großen Bekanntheitsgrad besitzt.
Hier wird z.B. auch der Grund des Einzuges in den Bauwagen genannt: Peter will nicht länger hinnehmen, daß sein Haus mitten in einer Flugschneise des Flughafens liegt (Problematik Lärm etc.) und da er sein Haus nicht dorthin mitnehmen kann, wo es ruhiger ist, besorgt er sich einen Bauwagen und wohnt ab sofort im Garten einer Freundin.
Peter Lustig im Gespräch mit Hausbewohnern: "Es ist schön, wenn man so viele Zimmer hat. Aber ich bin sicher nicht der einzige, der in einem Raum lebt. Viele leben in winzigen Häusern, in Wohnwagen, in Bussen oder in Zelten wie die Indianer."
Durch diese Fernsehserie stieg die Akzeptanz den (einzelstehenden) Wagenbewohnern gegenüber gewaltig an. "Wer wie Peter Lustig wohnt, der kann so falsch nicht sein." Diese Erfahrung haben viele der von uns Befragten gemacht....

3.8.5. Kunde von Irgendwo (Spaziergänge im INTERNET):
Im Zeitalter der überall und jederzeit verfügbaren Informationen darf das weltweite, elektronische Computer-Datennetz, das sog. INTERNET, natürlich nicht ausgespart werden und viele der von uns recherchierten Informationen (35) haben hier ihren Ursprung.
Auch die sog. "Szene", und mit ihr viele der Wagenbewohner, haben in der letzten Zeit die Vorteile der schnellen Nachrichtenübermittlung für sich entdeckt und nutzen diese, da der Computer im Wagen mit Internetanschluß heutzutage kein Problem mehr für den technisch versierten Wägler darstellt, weidlich aus.
Eine Vielzahl von Zeitungs- und Magazinartikel, oder auch persönliche Berichte zum Thema "Wagenleben", wie z. B. die Wagenburgen in der Berliner City (36) oder die "travelling people" in Großbritannien (37), sind so jederzeit, das technische Equipment vorausgesetzt, abzurufen. Zum Beispiel waren die Rede- und Diskussionsbeiträge anläßlich der bundesweiten "Wagentage" in Berlin im April 1996 schon tags darauf im Internet (38) - und damit weltweit abrufbar - im Archiv des, nur im Internet vertretenen, Online-Magazins "Trend" (http://www.berlinet.de/trend/) verfügbar.
Aber auch andere Archive, wie das der Berliner Zeitung (http://www.BerlinOnline.de), SPIEGEL (http://www.spiegel.de/), STERN (http://www.stern.de/), Tageszeitung (TAZ) (http://taz.de) oder die des linken Spektrums wie dem NADIR-Archiv (http://www.nadir.org) bieten eine Fülle von Informationen, zu welchemThema auch immer.
Ein Kuriosum soll auch nicht verschwiegen werden: Beim Recherchieren im INTERNET (39) fanden wir die "offizielle" Adresse samt Photo der Wagenburg "Hoppentosse" . Erst nach dem Aufrufen dieser Seite fanden wir heraus, daß die dazugehörige "homepage" die der Heidelberger CDU und dessen Lokalpolitiker Werner Pfisterer gehörte und diese, als Abschreckung quasi, ein Photo der Wagenburg angefügt hatten. (40)


Anmerkungen:

(1)
Aber zu vermuten ist: wenn überhaupt, werden es Darstellungen der "exotischen" Art gewesen sein. Tatsache ist, daß wir, trotz mannigfaltigen Versuchen, kein für uns relevantes Material haben finden können. Über die Entstehungszeit z.B. des "Rollheimer Dorfes" in Berlin ( 1983 - 1988) kann man nur vermuten, daß darüber berichtet worden ist, allein: wir wissen es nicht.

(2) Badische Zeitung v. 19.01.1989

(3) Der Bericht liegt uns vor, leider fehlen Angaben über Zeitung und Ort, 1984

(4) "Ein Aussteiger muß erstmal parken", Südwestpresse v. 9.10.1989

(5) TAZ v. 04.10.1988

(6) Berliner Morgenpost v. 06.11.1988

(7) BILD v. 17.11.1988

(8) NWZ v. 08.03.1991

(9) Brigitte 26/1988

(10) FR o.J.( ca. Ende 1988/Anfang 1989)

(11) ZEIT v. 05.02.1993; die Reporterin Uta Claus zeichnet auch für das Video "Zwischen Schrott u.Sperrmüll" (s.u.) verantwortlich.

(12) siehe bibliographischen Anhang

(13) BZ v. 14.11.1988

(14) BILD v. 18.04.1996

(15) SPIEGEL 21/1996

(16) Süddeutsche Zeitung v. 18.97,1996

(17) Neues Deutschland v. 18.07.1996

(18) vgl. hierzu die Reportagen und Berichte in Contraste, Scheinschlag, Stachel etc. (Im Anhang aufgeführt)

(19) MOTZ 22/96

(20) vgl. Kap. 3.5.2.2.

(21) Torfkurier 33/1996

(22) Sender Freies Berlin (SFB), 1992 (30 min)

(23) NDR, 1992 (45 min)

(24) hier fühlt man sich gar in einen Film der englischen "Amber Film Group" versetzt, die das Leben englischer "Underdogs" auf einer städtischen Müllkippe und deren Probleme zum Inhalt hat: Seacoal, Amber Films, Great Britain 1985

(25) Zwischen Schrott und Sperrmüll - Leben und Überleben in Wagenburgen, ZDF 1992 (45 min)

(26) ZDF/ARTE 1992 (45 min)

(27) ZDF, VOX, ARD v. 17.07.1996

(28) In der VOGELFRAI v. August 1995 heißt es dazu: "Vogelfrai - ein neuer Stern am Zeitschriftenhimmel??? Es ist zwar schön, wenn sich viele leute für unsere Zeitung interessieren, aber ich/wir denken, daß wir immer noch selber entscheiden wollen, wann und wo wer diese (unsere) Zeitung liest...und darum wurde auf dem Abschlußplenum nochmals beschlossen, das die Zeitung für die Plätze und Leute in denWägen ist und nicht ein Infoblatt für jedeN." und auch die uns schon bekannte Anonyma aus Berlin gibt ähnliche Anweisungen im Umgang mit ihrer Diplom-Arbeit: "Ich habe die DA an der UNI sperren lassen, damit ist sie dort nicht einsehbar. Trotzdem wünsche ich mir, daß viele menschen, die einen direkten Bezug zu Wagenburgen und Wagenleben haben, sie lesen. Um das ein bißchen zu kontrollieren, kann die DA direkt über den 'Schwarzen Kanal' bezogen werden. Diejenigen, die sie erwerben, sollten bitte auch darauf achten, daß damit verantwortlich umgegangen wird: also nicht an Medien, Forschungsprojekte, SozialarbeiterInnen u.s.w."

(29) "Eigen- oder selbstproduziert" soll bedeuten, daß diese Film- und Videoproduktionen entweder von den Wagendörflern selbst, oder von ihnen nahestehenden oder mit ihnen sympathisierenden Gruppen mit medialem Hintergrund und professionellem Equipment (z.B. Medienwerkstätten etc.) produziert und hergestellt worden sind. Genauere Unterscheidungen können wir leider nicht

vornehmen, da uns die Hintergründe der jeweiligen Entstehungsgeschichte nicht näher bekannt sind. (30) Szene-Magazinsendung im KANAL 4 (nächtlicher Sondersendeplatz im Programm von RTL)

(31) "Standort Freiraum - Wagendörfer in Berlin. Videofim v. Manuel Zimmer, Berlin 1996 (25 min)

(32) Platz UP (Video-Clip), 1995 (5 min) Wem gehört die Welt (Animationsfilm) 1994 (8 min)

Zucker in Beton (Videofilm), 1991 (50 min)

(33) vgl.: Grimmelshausen, Hans Jakob Christoffel von: Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courasche (1670) Ausg. - Tübingen : Niemeyer, 1967 vgl.: Brecht, Bertolt: Mutter Courage und ihre Kinder : e. Chronik aus d. 30jährigen Krieg. Berlin : Suhrkamp, 1961. - 116 S.

(34) vgl: Röthemeyer, Gabriele, 1983

(35) vgl. die im Anhang aufgeführten bibliographischen Angaben.

(36) http://userpage.fu-berlin.de/~ifred/hmob/

(37) http://ourworld.compuserve.com/homepages/tash_lodge/

(38) Leider hat das INTERNET - als ein in sich chaotisches System in einem sich permanent änderndem Medium - die Eigenheit, daß die heute noch aktuellen Adressen und Seiten morgen schon ungültig, d.H. nicht mehr auffindbar sein können, sei es, daß der Computer mit den jeweiligen Daten nicht mehr existent ist oder gewechselt hat, sei es, daß eine (wie auch immer) existierende Zensur ein Aufrufen der indizierten Seiten unter Strafe stellt (wie z.B. im Fall der linken Zeitschrift "Radikal") sei es, daß die Daten an sich als inzwischen überholt angesehen werden.

(39) Mit Hilfe von sog. "Suchmaschinen" ( das sind im INTERNET zum Einsatz gebrachte Computerprogramme, die das NET auf Stichworte etc. hin absuchen, z. B. : http://www.hotbot.com oder http://www.fireball.de) können so die für jeweilige Recherche nötigen Quellen aufgespürt werden.

(40) Kuriosum im Internet: http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~cn8/wagenburg.htm


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