Da wir, wie in Kapitel 2 schon angerissen, so gut keine wissenschaftlich fundierten Literaturquellen für unsere Untersuchung zu Rate ziehen konnten, waren wir gezwungen, auf die diversen Pressepublikationen vor Ort zurückzugreifen.
Im einzelnen sind dies: -Zeitungsartikel -Zeitschriften- und Magazinbeiträge
-Fernseh- und Videoberichte -Selbstdarstellungen (Flugblätter etc.)
bzw. Eigenpublikationen der Wägler (W.I.S.H., VOGELFRAI, Videos) Diesbezügliche
Presseerzeugnisse liegen uns erst ab 1987 vor - was natürlich nicht
heißen soll, es hätte davor keine gegeben.(1)
Anscheinend wurde es für die einschlägige Presse erst interessant,
nachdem sich die ersten Wagendörfer gebildet hatten und so mögliche
Auseinandersetzungen vorprogrammiert waren und zu einem öffentlichen
Ereignis wurden.
Im folgenden wollen wir versuchen, zu analysieren, wie es um den Wahrheitsgehalt
der Artikel steht, welche Inhalte "zwischen den Zeilen" transportiert
werden, wie die jeweilige politisch motivierte Intention aussieht und wie
Sympathien und Antipathien erzeugt bzw. gepflegt werden. Und schließlich:
Welche Wirkung soll durch die Berichterstattung bei den Lesern erzeugt
werden?
Printmedien
Hier müssen wir unterscheiden zwischen der positiven, sympathischen
Berichterstattung (bevorzugt im Feuilleton-Teil), wo in der Regel über
skurile, nicht alltägliche Menschentypen und deren Erlebnisse berichtet
wird, die wir, die Zeitungsleser, so gerne, am Früstückstisch
mit Kaffee und frischen Brötchen sitzend, schmunzelnd und zur allgemeinen
Erbauung zur Kenntnis nehmen und der negativen - und oftmals leider nicht
vorurteilsfreien Berichterstattung über aktuelle Vorkommnisse, z.B.
Räumung von Wagendörfern etc., die vor allem im Lokal-Teil plaziert
werden.
So berichtet z. B. die Badische Zeitung (2) über zwei "moderne
Nomaden", die, fellbekleidet und nach alter, keltischer Art lebend,
mit ihrem Wagen-Gespann in Freiburg Station machten: "
Sie brauchen kein elektrisches Licht, keine Zentralheizung; sie verlangen kein Wohngeld und wollen auch keine Sozialhilfe beziehen. Was ihnen fehlt ist einzig und allein ein freier Platz, wo sie mit ihren 2 Zirkuswagen und den Traktoren über den Winter stehenbleiben können. Sie - das sind Cù Chulainn und Beate Predöhl. Fast könnte man meinen, sie seien einer anderen Zeit entsprungen: mit ihren Felljacken und ihren langen Haaren gleichen sie ganz den keltischen Nomaden von einst."
So beginnt der, im großen und ganzen wohlwollende Bericht über
die beiden Zirkusbewohner, die als Straßenkünstler durch die
Lande ziehen... und bald wieder verschwunden sind, ohne irgendwelche Ansprüche
an die Stadt, deren Bürger oder sonstwen zu stellen. Dies macht sie
unverdächtig und läßt die Leser lächeln ob dieser
naiv erscheinenden Ungebundenheit und Freiheitsliebe der beiden. "Natürschützer
seien sie, Strom brauchten sie nicht und wollten leben bei Kerzenlicht
im Einklang mit der Natur".
Ähnlich sympathisch erscheint uns, den Lesern, auch Ralf aus Bremerhaven,
den ein Redakteur einer norddeutschen Zeitung (3) mit der Kamera
"einfing". Auch "Individualist" Ralf, seit 2 Jahren
im Wagen wohnend, mit Bauwagen und betagtem Trakor unterwegs, verzichtet
"im Gegensatz zu modernen Caravan-Reisenden, bewußt auf Fernsehen
und Radio" und will weiterziehen nach Frankreich. Sanft ironisch wünscht
ihm der Redakteur gute Fahrt und hofft, Ralf möge nicht in "gebirgigen
Gegenden" wie der sanften Hügellandschaft der Börde Lamstedt
steckenbleiben.
Ein weiteres Beispiel "positiv sympathischer Berichterstattung" liefert uns die Frankenpost v. 16. 08.1989: Unter dem Titel "Mit dem Traktor nach Polen" beschreibt die Redakteurin einen 33jähr. "pfiffigen Studiosus der Soziologie", der, ebenfalls mit Bauwagen und Traktor, sich ins 1050 km entfernte Polen aufgemacht hat und beim Grenzübertritt abgelichtet worden ist.
Zu guter Letzt ein Bericht der Südwest-Presse. (4)
Eine ganze Zeitungsseite opfert die Redakteurin dem Akteur Michael,
28 Jahre und Student der Biologie, der auf einem Parkplatz, mitten in der
Neu-Ulmer Stadt, mit seinem Bauwagen samt Traktor, Ziege "Määäh-rgrit"
und einigen Hühnern sein Lager aufgeschlagen hat und der herbeigeeilten
Reporterin und den Lesern bereitwillig Einblick in sein Leben gewährt.
"Der Vollkorn-Pfannkuchen brutzelt in der Pfanne. Margit, die Ziege,
klettert an dem Holzfeuerherd hoch und knabbert an dem Fladen. Den fünf
Meter langen Bauwagen hat er sich mit allem eingerichtet, was er zum Leben
braucht: Der Herd, der auch als Ofen dient, ist von Regalen und und alten
Holzschränkchen umgeben. Die Küchenausstattung könnte aus
Omas Speicher stammen. Der Eßtisch steht am Fenster neben dem Bett.
Auch ein Radio und ein Bücherregal sind da. Durchaus gemütlich
ist es hier. Eine Idylle mitten in der Stadt", befindet die Reporterin
und beschreibt den Lesern mit sichtbarer Sympathie ausführlich die
Lebensbiographie des "Aussteigers" und wie er in die Stadt kam.
Bei allen diesen Beispielen steht die oft exotisch angehauchte und teilweise
feuilletonistisch verklärende, aber in sich völlig unpolitische
"Geschichte" im Vordergrund, ohne allzu tief in wie auch immer
geartete Problematiken eintauchen zu müssen. Wie z.B. die Ankündigung
des Zirkus, der in die Stadt kommt ( und dann auch bald wieder verschwindet),
wird hier eine "fremde" Welt beschrieben, in die wir eintauchen
und sie betrachten können, ohne daß diese uns auf Dauer gefährlich
werden könnte.
Auch die frühen Zeitungsberichte über das "Rollheimer Dorf",
die erste Wagensiedlung in Berlin, waren noch bestimmt vom positiven Image
vom Austeigen aus einer, von vielen Lesern ebenfalls so empfundenen, kaputten
Welt, vom Traum von Selbstbestimmung und freiem Leben. So klangen die ersten
Titelüberschriften in der Tagespresse anfangs noch verheißungs-
geheimnisvoll: "Rolling Home - Rollheimer Dorf: Oase am Potzdamer
Platz" (5), "Mobile Idylle im Herzen Berlins"
(6), "Mauerplausch mit Grepos" (7), "Leben zwischen
Illegalität und Märchen-Idylle" (8), "Die Träumer
vom Potsdamer Platz" (9) oder etwa "Anja und die Rollheimer"
(10)
Auch inhaltlich wurde der alternativen Lebensweise Tribut gezollt: "Dort,
wo früher das legendäre 'Haus Vaterland' stand, ist ländliche
Idylle: selbstgepflanzte Birken wackeln im Wind, Gartenstühle wie
in einer Sommerlaube, ein Kinderspielplatz mit Rutsche, Steinskulpturen
und Tonfiguren" (Brigitte, mit vielen illustrierenden Bildern). Die
TAZ versichert: "Ihr Traum, den sie leben, ist das Leben auf Rädern
in einer offenen Gesellschaft", und auch die Morgenpost betont den
unbedenklichen Charakter der Siedlung denn, "es geht zu wie in einem
richtigen Dorf. (...)
Seit fünf Jahren lebt die rollende Laubenpiepergemeinde auf dem Privatgelände.(...)
haben sie ein 5000 qm großes Gelände mit Rasen, Hecken und Bäumen
begrünt. Drei Telefonleitungen, eine Wasser-Standleitung, die in einen
2000 Liter Tank entleert werden, stehen zur Verfügung. Alle zwei Monate
kommt eine Firma und entsorgt."
BILD, wie immer am Herzen der Leser, beschreibt die Berufe der Bewohner
mit Bauleiter, Zimmermann, Schauspieler, Uni-Mitarbeiter und bescheinigt
ihnen so eine unbedenkliche Seriosität. Für BILD-Leser ganz wichtig:
"Der Teppich wird regelmäßig gesaugt." Und auch die
FR beruhigt die Volksseele und lobt das Dorf in höchsten Tönen:
"Es handelt sich jedoch nicht um Zigeuner oder anderes fahrende Volk.
Zimmermannleute und städtische Angestellte, Lebenskünstler und
lebenslänglich Verbeamtete, Künstler und auch von der Stütze
lebende Arbeitslose teilen sich diesen Flecken grüner Oase direkt
an der deutsch-deutschen Grenze (...)
In der Großstadt leben und trotzdem Natur genießen - das ist
der Reiz, den die Bewohner wohl am meisten an ihrer Lebensform schätzen.
(...) Eine aktive Opposition gegen herrschende Gesellschafts- und Wohnformen
sind die Rollheimer ganz sicher nicht. Und doch, bei näherem Betrachten
zeigt sich, daß diese paar qm am Ende der Welt einen Freiraum darstellen,
eine Enklave in der Enklave West-Berlin sind. (...) Die Rollheimer zeigen
durch ihren zurückhaltenden, aber doch ungewöhnlichen Wohn- und
Lebensstil, wie sparsam und auf das Wichtigste reduziert man leben kann.
Sie heben sich ab und stellen, ohne dies lautstark zu demonstrieren, übliche
Wohnformen dadurch in Frage. Gerade in Berlin, wo Wohnungs- und Mietpolitik
eine entscheidene Rolle spielen und Wohnraum in höchstem Maße
knapp ist, könnte das Beispiel Schule machen..."
Auch die anderen peu à peu entstandenen republikanischen Wagendörfer
partizipieren von dem guten Image der "Rollheimer", deren Ruhm
durch das ganze Land hallt und genießen noch Schonzeit. Sogar die
für ihre "Unabhängigkeit und Überparteilichkeit"
berüchtigte NWZ gibt sich moderat bei der Beschreibung der Wagenszene:
"Ihre Dörfer tragen Namen wie Hoppetosse, Kreuzburg und Wilder
Süden, Ihr Zentralorgan heißt 'Vogelfrei'. Immer mehr junge
Leute entscheiden sich für ein Leben auf Rädern. Auf acht qm
erfüllen sie sich in Bau- oder Zirkuswagen ihren Traum vom Eigenheim
ohne Grundsteuer, Wasser- und Stromrechnung. (...) Nachbarschaftshilfe
steht hoch im Kurs. Fehlt einem Wagenbewohner mal das nötige Kleingeld,
so unterstützen ihn die anderen.(...) die nötigen Tips für
den Alltag, gibt den Wagenbürglern 'Vogelfrei'."
Das allgemeine Stimmungs-Klima ändert sich aber mit dem Maße
der zunehmenden Neugründungen von Wagendörfern, in denen jetzt
auch immer mehr soziale Problemfälle wie Obdachlose, Drogen- und Alkoholabhängige
anzutreffen sind. Die verschiedenen Wagendörfer werden zunehmend in
gute und schlechte unterteilt und so bekommen viele Berichte eine andere
Qualität, indem den Lesern eine Bedrohung suggeriert wird, der man
nicht entfliehen kann. Und bedrohlich kann sie, diese fremde Welt, die
die Journalisten beschreiben, auch wirken. Der Ton in der Berichterstattung
wird zunehmend härter, die Intentionen verändern sich. Je nach
politischer Ausrichtung wird gestreichelt oder ausgeteilt, gelobt oder
getobt.
Die ZEIT z.B. betitelt eine Hintergrund-Reportage mit "Wagendörfer
- Deutschlands erste Slums?" (11) und versucht, eine Art Bestandsaufnahme
der verschiedenen Wagensiedlungen anzufertigen, wobei der Schwerpunkt allerdings
auf Obdachlosigkeit und drohende Verslumung gelegt wird: " Eine neue
Art der Obdachlosigkeit breitet sich aus: junge Leute in Bauwagen siedeln
sich auf innerstädtischen Brachen an.
Die einen suchen Freiheit; die anderen finden Armut, Elend und Alkoholismus.
Und entsetzte Nachbarn rufen nach der Polizei". Die Redakteuerin bemüht
sich zwar redlich, einen objektiven Augenzeugenbericht zu liefern, verfällt
aber immer wieder in Stereotype, z.B. wenn sie Wagendorfbewohner interviewen
will: "'verpiss dich!' zischt der Typ mit den kurzen Haaren und den
glasigen Augen." Und sie hat anscheinend wirklich Schwierigkeiten
"...als Journalist mit den Bewohnern von zu Slums verkommenen Wagendörfern
ins Gespräch zu kommen..."
Da interviewt sie dann lieber die Anwohner, die der "Dreck" des
"arbeitsscheues Gesindels" und "Kanaken" und das "heruntergekommene
Viertel" stört, und berichtet von Ladendiebstählen, die
erst aufhörten, als die betreffende Wagenburg umgesiedelt worden war,
oder von den "hygienischen Zuständen wie in Afrika" auf
den "von Hundekot und leeren Bierdosen verdreckten Straßen",
oder von den "Punk-Männlein wie -Weiblein, die ungeniert ihre
Hosen herunterzögen, um ihr Geschäft zu verrichten".
Wenn sie auch konstatiert, daß jedes Wagendorf sich anders zusammensetzt
und die äußere Erscheinung des Platzes und das Binnenklima dementsprechend
unterschiedlich sind, so macht sie doch nicht den geringsten Versuch, auch
die andere, die positive Seite, zu benennen. Selbst die Wagenplätze,
die eigentlich eine in sich soziale Stabilität aufweisen wie der von
ihr besuchte Platz in Köln (den wir im übrigen selbst auch in
Augenschein genommen haben und ausnehmend zuvorkommend behandelt worden
sind) kommen eher schlecht weg.
Anscheinend hat sie aber auch den falschen Moment für ihren Besuch
ausgesucht: "Es ist regnerisch und kühl, die Trampelpfade zwischen
den Wagen sind matschig; jemand wirft ein paar Holzscheite in den alten
Küchenofen, durch den dünnen Holzboden zieht es kalt hoch."
(Vielleicht hätte sie an einem sonnigeren Tag ihren Besuch wiederholen
sollen...) Berichte dieser Art häufen sich mehr und mehr und an die
Stelle der positiv, sympathischen Sichtweise tritt eine negative Berichterstattung
nach dem Motto: "only bad news are good news".
Diesen Eindruck bekommt man, wenn man sich die schier unübersehbare
Anzahl der Zeitungsartikel der bundesdeutschen Tagespresse zum Thema "Wagendörfer
- Wagenburgen" zu Gemüte führt, die in der letzten Zeit
erschienen sind. (12)
Da heißt es unter der Überschrift "Die Wagenburg aus Wracks
wird immer größer - aber geräumt werden darf nicht (13),
"Ausgebrannte Lastwagen, Reisebusse, Autowracks - seit Monaten steht...eine
Wagenburg, über der eine Totenkopf-Flagge weht. Die hygienischen Voraussetzungen
sind katastrophal. Es ist ein Schandfleck." oder einfach plakativ
"Endlich, das Chaos-Dorf kommt weg!" (14)
Immer mehr werden die Wagendörfer, besonders in Berlin, mit Kriminalität
aller Art in Verbindung gebracht. Als im Juli 1996 die Wagenburg an der
"East-Side-Gallery" geräumt wird, wird aus der bislang eher
präzis knappen und halbwegs "neutralen" Polizeiberichterstattung
eine aufgepuschte "Kriegsberichterstattung", in der alle gängigen
Klischees verarbeitet sind. So weiß der SPIEGEL (15) von "Großstadt-Nomaden"
und "halbwilden Hunden, manche ponygroß", zu berichten
und beschwört "ein Stück dritte Welt im Zentrum der Hauptstadt"
mit "Slumcharakter" herauf. Fast alle Zeitungen Deutschlands
berichten von diesem "Schandfleck für ganz Berlin" (16)
und drucken Bilder vom "Hygiene- und Kriminalitäts-Pfuhl"
(17) Differenzierter, wenn auch in der Regel eindeutig Partei ergreifend
für die Wagendörfler, gehen da die zahlreichen Stadt- und Szenemagazine
vor.(18)
Hier lassen sich eher die bei der Tagespresse vermißten Hintergrundberichte
finden und auch ausreichender Raum für Selbstdarstellungen der Wägler
ist dort gegeben.
So bringt die Berliner Obdachlosenzeitung "MOTZ" ein - im übrigen
vorzügliches -Sonderheft zur Wagendorfproblematik heraus (19)
, in dem alle Aspekte des Wagenlebens mehr oder weniger erschöpfend
beleuchtet werden und auch die Betroffenen selbst ausführlich zu Worte
kommen. Ähnlich der Oldenburger "STACHEL".
Während der Auseindersetzungen um den "Blöden Butterpilz"
(20) verstrich fast kein Monat, wo nicht über die Wagenproblematik
und immer sehr subjektiv aber sachlich richtig berichtet worden wäre.
Aber auch einige der "Provinz-Blätter" nehmen sich der Wägler
an. Unbelastet von der "explosiven" Großstadtsituation
beschreiben hier Wagenbewohner aus der eher ländlichen Umgebung (in
einem Themen-Schwerpunkt-Heft der Monatszeitung "Torfkurier"
(21) ihr Leben und berichten von ihren Erfahrungen, Ängsten
und Sorgen im alltäglichen Überlebenskampf. 3.8.2.
Die Macht der Bilder - Fernseh- und Videoberichte im Blick von Außen
Wenn es zur genuinen Eigenart von Zeitungsartikeln gehört, schnell,
präzise und aktuell zu berichten (denn nichts ist so alt wie die Zeitung
von gestern!) so gilt dies für die visuellen Medien wie Fernsehen
etc. nicht unbedingt. Gerade die Kombination von Wort und Bild bleibt besonders
tief und lange im Gedächtnis haften und so verwundert es nicht, daß
es ab 1991, kurz nach dem "Wagendorf-Boom", zu einer Reihe von
einschlägigen Reportagen zum Thema gekommen ist, von denen allein
vier Fernsehdokumentationen 1992 im öffentlich-rechtlichen Fernsehen
gesendet worden sind:
- z.B. "Trecker Becker & CO" (22):
Schon in der Anmoderation erfahren wir, was uns in den nächsten 30
Minuten erwarten wird: "In Paris sind es die Clochards und in Berlin
sind es die Leute um Trecker-Becker & Co vom sog. 'East-Side-Place'
in Berlin. Susanne Köpke hat die Berliner Typen und Exoten in ihrer
Wagenburg einen Tag lang beobachtet." Und diese beschreibt im folgenden
in lockerem Ton, aber mit sichtbarer und einfühlsamer Sympathie ihre
Eindrücke. OFF: "Ihr Anderssein fasziniert und proviziert zugleich.
Es passt nicht so recht in die gesellschaftliche Norm, aber Assoziale sind
die Leute v. East-Side-Place gewiss nicht. Auch keine Sozialromantiker.
Eher ein Querschnitt vieler gesellschaftlicher Randgruppen. Die Klischeevorstellungen
und Vorurteile gegen sie sind groß, die gesellschaftliche Akzeptanz
gering. Ein Leben auf dem Präsentierteller. Das Leben findet, so es
das Wetter zuläßt im Freien statt. Ihre Gemeinschaft funktioniert
durch gegenseitige Akzeptanz. Die Gesellschaft toleriert sie bestenfalls
als touristische Attraktion hinter der Restmauer. Tatsächlich sind
sie die ungeliebten Schmuddelkinder in der großen Stadt. Wer in dieses
Milieu eintaucht, entdeckt vieles Liebevolles.
Eine unbekannte Kietzkultur. Ein Zuhause auf Zeit, die jeder von ihnen
aus den unterschiedlichsten Gründen gewählt hat. Sie wohnen in
ausrangierten Bussen oder LWSs, in alten Zirkus- oder Bauwagen. Die Fahrzeuge
sind mehr als ein Dach über dem Kopf. Sie sind ihr Zuhause. Wer hier
kampiert, ist irgendwann bewußt oder notgedrungen aus dem normalen
bürgerlichen Alltag ausgestiegen. Fernab vom Großstadtstress
genießen sie ihr Anderssein.
Sie sind Sammler aus Leidenschaft. Jeder Müll, der anfällt, könnte
ja irgendwann einmal gebraucht werden. Die Wagenburg: Ein malerisches Bild.
Die Typen, die hier wohnen, gehören zum Flair der Großstadt,
und die Wagenburg auf dem 'East-Side-place'ist ein Stück berliner
Realität geworden, zugegeben ein Stück exotischer Wirklichkeit.
Schon vor der Wende gab es solche Plätze in West-Berlin, im Schatten
der Mauer, am Rande der Stadt.
Mit der Widervereinigung sind sie in den geograpfischen Mittelpunkt gerutscht.
Doch ihre Zukunft auf einem attraktivem Stück Land, am Ufer der Spree,
im Zentrum der Bundesdeutschen Hauptstadt ist ungewiss. Irgendwann wird
auch diese Großstadtidylle der modernen Architektur weichen. Moderne
Büroräume werden diese bunte Welt wegschieben. Die Weltstadt
Berlin wird dann um einen Farbtupfer ärmer sein."
Leute wie 'Trecker Becker' sind Berliner Originale. Schade, wenn sie vertrieben
würden." Eingebettet in diese Beschreibung werden die einzelnen
Bewohner interviewt, wobei sie sich besonders einen, den "Trecker
Becker", herausgreift und diesen in allen seinen Schattierungen portraitiert:
Ein liebenswerter, sympatischer Mensch, 32 Jahre alt, intelligent und schlitzohrig,
mit Schlapphut und Vollbart...und Europieper, denn "Trecker Becker"
ist Fuhrunternehmer und fährt Sperrmüll, Bauschutt, Trinkwasser
für die Bewohner der verschiedenen Wagenburgen.
Aber auch die anderen, Frauen wie Männer wirken auf eine besondere
Art normal. Die Kamera schwenkt über den Platz und gibt Einblicke
frei: die (Wohn)-Wagen, Menschen beim Kochen und Essen und Abwaschen, Bewohner,
die Autos und Zugmaschinen reparieren, Kinder, die spielen und Hunde. Köpke
zeichnet ein Bild, wie wir es gerade aus der "East-Side" nicht
erwartet haben.
Der Platz ist zwar nicht besonders schön -es gibt kein Grün und
es liegt auch Müll herum- aber es ist kein Müllplatz. Das Kameraauge
sieht und registiert alles, aber es bewertet nicht! Es zeigt den Platz
und die Bewohner, Menschen wie Du und Ich, mit all ihren Problemen und
Sorgen, aber ohne erhobenen Finger. Und das macht diesen Film so liebenswert.
- z.B. "Harte Zeiten..."
Ein ähnliches Bild wird in der Dokumentation von Thomas Crecelius
"Harte Zeiten für wilde Herzen - Maria, Kamillo und die Rebellen
von der Wagenburg" (23) gezeichnet. Auch er benutzt die Form
des persönliches Portraits, um die Situation in der (1993 geräumten)
Wagenburg am Engelbecken zu beschreiben und versucht, sich dem Alltag der
kleinen, verfemten Gesellschaft zu nähern, in dem er die Geschichte
von Maria und Kamillo erzählt.
Diese beiden gehören der ordensähnlichen katholischen Johannes-Gemeinde
an und leben, barfuß und in schlichte braune Kutten gekleidet, als
Arme unter Armen ("und sich dennoch auf der reichen Seite des Lebens
wähnend") auf dem Wagenplatz.
Der Film zeigt, wie die beiden eine Bauwagen- Kapelle (!) bauen, ein großes
Holzkreuz errichten und, wie in alten Zeiten, mit einem selbstgebauten
Pflug aus Holz ein kleines Stück Land bestellen. Nebenbei missionieren
sie im Dorf. Sie erzählen über ihre Vergangenheit (Kamillo hat
Theologie studiert und arbeitet als Pförtner im Krankenhaus, Maria,
Ex-Junkie, vorbestraft, lebt vom Verkauf von handgeknüpften Rosenkränzen)
und über ihr jetziges Zusammenleben auf dem Platz.
In beeindruckenden Schwarz-weiß-Sequenzen wird gezeigt, wie die beiden
in ihrer Mönchskutte barfuß (!) mit ihrem Karren zum Wasserholen
durch die Stadt ziehen oder, inmitten einer springer- und schnürstiefelbewerten
Delegationsgruppe, mit Vertretern der Stadtverwaltung für ihre Interessen
und die der anderen Wagendörfler eintreten. Beindruckend deswegen,
weil durch dieses Spielen mit dem altertümlichen Wochenschaueffekt
dieser an sich fast schon surrealistisch anmutenden Situation ein Element
der Rührung und wahrhaften Aufrichtigkeit beigemengt ist. Fast scheint
es, der heilige Franziskus von Assisi und seine Gefährtin Klara selbst
wären auferstanden und wollten ihren Brüdern und Schwestern beistehen
im Kampf um deren Rechte. Daneben werden auch die anderen Bewohner interviewt
und in ihrem alltäglichem Überlebenskampf gezeigt, wie z.B. Olaf,
der seit Jahren von dem Erlös vom Herauslösen von Kupfer aus
gesammelten Kabeln lebt.(24) Insgesamt scheint es hier rauher und trostloser
zuzugehen.
Ein Kameraschwenk zeigt das Dorf in der Totale, das schon eher wie eine
Mischung aus Notunterkünften und Obdachlosenquartieren wirkt denn
als frei gewähltes Siedlertum. Ein großer Eintopfkessel köchelt
vor sich hin, der Koch (?) rührt mit einem umgedrehten Besen hingebungsvoll
darin herum, von allen Seiten ertönt Lärm und laute Musik. Wild
angemalte und tätowierte Gesellen laufen ums Lagerfeuer herum und
Feuerspuckfontänen erhellen die Nacht. Endzeitstimmung mit Lagerfeuerromantik.
- z.B. "Zwischen Schrott und Sperrmüll"(25)
Die uns schon bekannte Uta Claus (ZEIT) verfasste diesen ebenfalls
1992 entstandenen Fernsehbeitrag und liefert damit ein visuelles Pendant
zu ihrem Zeitungsartikel. OFF" Es gibt sie fast in allen deutschen
Großstädten: Ansammlungen von alten Bauwagen, umgeben oft von
Schrott und Sperrmüllabfällen unserer Gesellschaft (wobei sie
wohl nicht nur den tatsächlich anfallenden Wohlstandmüll meint).
Anwohnende Nachbarn und örtliche Boulevard-Presse beschweren sich
meist über diese Dörfer und ihre Bewohner."
Der Film beginnt mit einem Kameraschwenk über das "East-Side-Wagendorf"
und, obwohl im selben Jahr wie "Trecker-Becker" (s.o.) entstanden,
zeigt sich uns ein völig anderes Bild: Überall liegen Berge von
Abfall und Müll und Unrat herum. Man glaubt kaum, daß dieser
Müllplatz jenes liebenswerte , uns schon bekannte Dorf sein soll.
Weiter Uta Claus: " ...das "East-Side". Eines der Wagendörfer,
die wir jeweils für ein paar Tage besucht haben. Wir wollten herausfinden,
wer die Bewohner der Wagendörfer sind, wie sie leben und warum sie
im Wagen wohnen. Wir haben festgestellt, daß sich die einzelnen Plätze
nicht nur äußerlich sondern auch von ihren Bewohnern her unterscheiden.
Weder gibt es das typische Wagendorf, noch den typischen Wagenbewohner.
Fast alle Wagenbewohner sagen, daß sie freiwillig so leben, tatsächlich
haben viele von ihnen auch keine bessere Alternative. Auf dem Platz sucht
sich jeder die Leute, mit denen er gut kann. So entstehen überall
kleine Gruppen. Die verschiedenen Gruppen leben jeweils nach eigenen Regeln."
Nach und nach führt sie die verschiedenen Bewohner ein und läßt
sie ihre Geschichte erzählen, wie z.B. die von Dany, 28 J., Mutter
Alkoholikerin, Vater Rumtreiber, von den Behörden ins Heim gesteckt,
danach Rumtreiberei im In- und Ausland, Häuserkampf- und Besetzerszene
und jetzt: das Wagendorf als vorläufige Endstation. (Irgendwie haben
wir es aber auch nicht anders erwartet, bei diesen Bildern).
Claus portraitiert immer schön ausgewogen: Obdachlosigkeit und freie
Entscheidung - Trebegängerin und Studentin. "East-Side"
versus "Rollheimer Platz", die nächste Station der Entdeckungsreise
durch die Wagendörfer: Auch hier stellt sie die Situation des Platzes
und der Bewohner dar und gibt Einblicke in die unterschiedliche Lebensart
der "Edelrollheimer, wie sie von den anderen Dörfern genannt
werden": z.B. Gerhild, 41 Jahre Arzthelferin, 2 Kinder, Durch Reisen
im Süden an das Leben im Bus gewöhnt, lebt jetzt im großen
Reisebus im Dorf.
Aber auch hier zeigt sie schnell die anderen Seite, in diesem Fall das
"Unterdorf, wo die wohnen, die keine andere Alternative sehen"
und resümiert: "Wer andere Lebensmöglichkeiten für
sich sieht, zieht weg. Andersherum drängen immer mehr Menschen aus
Wohnungsnot in die Wagendörfer. Das macht es immer schwerer, die erworbenen
sozialen Strukturen zu erhalten. Eine Gefahr für die innere Stabilität
der Wagendörfer."
Wobei sie denn auch schon bei der dritten und letzten Wagenburg ihres Besuches
durch die Anderswelt anlangt: der Wagenburg in der Waldemarstraße.
"Das Dorf an der Waldemarstraße ähnelt inzwischen einem
Slum. Andere Wagenbewohner zogen schnell wieder weg. Der harte Kern, der
blieb, ist hart. Und der ist weiklich hart. Keiner der Bewohner arbeitet.
Der Konsum von Alkohol und weichen Drogen ist beträchtlich, die Aggressivität
hoch, vor allem Außenstehenden gegenüber. Das haben auch wir
zu spüren bekommen. Manche Anwohner und Politiker verlangen die umgehende
Räumung. Andererseits karren Sightseeing-Busse photographierende Touristen
vorbei."
Dazu interviewt sie den Referenten im Sozialdezernat, Thomas Brauner: "Das
ist ein Ausdruck von Verarmung und Obdachlosigkeit. Andererseits bedeutet
es aber eine Stabilisierung von Gruppen auf unterster Schwelle mit eigenen
sozialem Netz." und beendet ihre Reportage (nicht ohne vorher gezeigt
zu haben, wie eine Gruppe "Wilder" aus der Walmarstraße
das Fernsehteam beschimpft und ihnen Schläge androht, wenn diese nicht
sofort verschwänden) mit einem Resümee, daß allen Seiten
gerecht werden soll: "Keiner will sie haben. Vielleicht aus Angst
vor dem Ungewohnten, vielleicht aus Unwissen, vielleicht aus Ignoranz...
Das trifft sie alle; diejenigen die aus Not im Wagen wohnen und die, die
es aus freien Stücken tun."
Claus ist objektiv in ihrer Beschreibung, das kann man ihr nicht absprechen.
Aber jubketiv in der Einseitigkeit ihrer Wahrnehmung. Sie zeigt die düstere
Seite des Wagenlebens, die Welt der Schmuddelkinder im modernen Wohlfahrtstaat
und reduziert dabei die Lebensart auf die reine Wohnform und mehr noch:
auf die bloße Wohnhülle.
- z.B. Dünne Haut (26)
Auch Norbert Buse dokumentiert in seinem für Arte (und damit auch
für Frankreich) gedrehten Film die bundesdeutsche Wagendorfproblematik
an Hand von Beispielen aus dem "Wilden Süden" (Stuttgart)
und dem kühlen Norden (Hamburg) und garniert dieses mit Statesments
aus politischem (Oberbürgermeister von Stuttgart und Vorsitzender
des deutschen Städttages, Manfred Rommel:" In einem so dicht
besiedelten Land wie der Bundesrepublik, in dem man großen Wert darauf
legen muß, daß nicht unnötiger Flächenverbrauch durchs
wilde Siedeln erfolgt, in solch einem Land kann man nicht in einer Wagenburg
leben wollen.
Es sei denn, man findet einen Platz, an dem das baurechtlich zulässig
ist.) und betroffenem Mund (Wagenbe- wohnerin aus Hamburg: "Das Leben
im Wagen ist etwas viel offeneres. Die Wagenwände sind viel dünner
als beim Haus. Ich krieg da viel mehr mit als wenn ich im Haus lebe. Und
vom Leben findet viel draussen statt.") Daneben zeigt er aber auch,
daß das Phänomen des Lebens im Wagen nicht nur auf Deutschland
alleine beschränkt ist, sondern auch z.B. in Frankreich nicht unbekannt
zu sein scheint, wenn zum Teil auch "nur" als "Importprodukt":
Berliner Aussteiger haben in Südfrankreich ihr Lager aufgeschlagen,
und das im wörtlichen Sinne: Sie leben im Tipi (und z.T. auch in alten
Bauwagen) und haben für sich und ihre Kinder das neue (alte?) Stammesleben
der Indianer wieder entdeckt.
Nach Nomadenart ziehen sie so an den Flußufern entlang und haben
buchstäblich mit der sog. Zivilisation gebrochen. Buse zeigt den Bau
eines Tipi und das Leben darinnen. Seine Kamera zeichnet dazu in malerischen
Farben eine Idylle, die wir gar nimmer für möglich hielten, wenn
wir sie nicht gerade sehen würden: Grünes Land - Gesundes Land,
Kinder, in Indianerkleidern auf Ponies reitend, braungebrannt und gutgelaunt,
Relaxed und ausgeglichen wirkende Erwachsene, Urlaub auf Lebenszeit.
Eine Tipi-Bewohnerin (ca. Mitte 30) erzählt: "Das Wallie besteht
seit der 68er Bewegung und wurde für eine experimentelle Lebensweise
gekauft, was es allerdings heute nicht mehr ist. Im Wallie ist alles vertreten:
Ein Alternativ-Hof, oben im Wallie, als auch die Zirkusleute, die vor allem
im Haus leben als auch uns Tipileuten. Vom Steinhaus zum Holzhaus zum Tipi.
Das Tipi lebt sich schlecht alleine. Es braucht einen Zirkel dazu, d.h.
eine Gemeinschaft und soziales Leben und Kommunikation. Zusammen Leben,
zusammen Lachen, zusammen Singen, zusammen Essen. Wir leben heute und jetzt
machen wir, was zu tun ist. Wir leben auf der Mutter Erde. Wir haben nichts
zwischen der Erde und uns. Da ist kein Holzfußboden oder sonst etwas.
Wir sind direkt auf der Erde und das hat auch wieder seine spirituelle
Auswirkung auf Dich, d.h. die Energie kommt aus der Erde, geht in die Füße
und geht in den Kopf und geht oben aus der Krone [des Tipi]. Und damit
bist Du ein perfektes Kettenglied. Du ermöglichst es den Energien,
einen Zirkel zu schlagen. Je weiter Du dich entfernst von der Erde und
den Bakterien, die in der Erde sind, desto anfälliger wirst Du. Unsere
Kinder sind praktisch nie krank, außer mal 'nen Schnupfen oder Husten
natürlich aber das hat ja auch etwas mit der Umwelt zu tun. Es ist
schon rüder. Du bist jedem Wetter ausgesetzt. Sobald Du raus bist,
bist Du wirklich draußen. Du mußt Dir Holz machen und Du mußt
es selber tragen, Du mußt das Wasser holen (wir haben natürlich
keinen Wasserhahn). Wir versuchen, wenn es möglich ist ist, neben
dem Fluß zu wohnen, damit es nicht allzu weit vom Wasser weg ist.
Das Leben ist schon schwieriger. Das zerrt schon mehr am Körper. Man
muß schon mehr tun für seinen Körper, als z.B. unter anderen
Verhältnisssen."
Buse ist Dokumentator im wahren Sinne: Er beläßt es den von
ihm Interviewten, ihr eigenes Weltbild und ihre Sicht der Dinge darzustellen.
Er beschreibt nur in Bildern, ohne diese selbst zu zu kommentieren oder
gar zu interpretieren (außer durch die Bilder selber) und überläßt
es allein dem Zuschauer, sich eine Meinung zu bilden. Seine Sympathie aber
liegt augenscheinlich bei den Deutsch-französischen "Indianern",
deren Lebenswelt so exotisch erscheint und doch nicht einer gewissen Logik
entbehrt: "Back to the roots"... und es geht doch!
- z. B. Nachrichten (27)
Zum Thema in einer aktuellen Nachrichtensendung werden die Wägler
erst dann, wenn es "Zoff" gibt. Und den gibt's genug: Anläßlich
der Räumung der "East-Side-Gallery" waren natürlich
auch die Kamerateams der verschiedenen Fernsehsender zahlreich vertreten.
Ob TAGESSCHAU oder ZDF oder VOX, alle waren sie da und berichteten von
der Front: ZDF: "Polizeieinsatz am Morgen. 150 Polizeibeamte im Anmarsch.
Ihr Auftrag: Räumung der Wagenburg. Seit 5 Jahren existiert das Rollheimer
Dorf im Schutze der Mauer, mitten im Berliner Bezirk Friedrichshain. Bis
zu 200 Menschen haben hier gelebt zwischen Autowracks und Müller jeder
Art. Mit alternativer Idylle hat das wenig zu tun. Allein in diesem Jahr
wurden 40 Straftaten begangen..." So beginnt der Fernseh-übliche
"1.30" Beitrag (hier war es sogar 1 Minute mehr) und beschreibt
in mit Bildern gewürzter Kürze worum es geht: Mord, Raub, Straftäter
im allgemeinen, ein gefährlicher Ort im Speziellen, katastrophale
hygienische Verhältnisse und eine Umweltkatastrophe durch angeblich
abgelassenes Altöl, 3,5 Mill. DM für Räumung und Beseitigung
der Zustände u. Sanierung des Platzes.
VOX braucht für die gleiche Meldung (Tuberkuloseverdacht, 250 Punker,
Autonome und Aussteiger, 4 Festnahmen, Zwangsuntersuchungen auf Tbc, Drogen
und Waffenfunde, 160 Beamte im Einsatz) nur 45 sec., süffisant untermalt
von elend aussehenden und in der Ecke auf ihren Abtransport wartenden,
aus Dosen saufenden Punks. Ganze 30 Sekunden nur benötigt die ARD,
um 250 Polizisten im Einsatz, 100 Bewohner und 2 Festnahmen, den Hinweis
auf Tbc-Verdacht u. Schwerpunkt der Hauptstadtkriminalität, Drogen
u. Waffenfunde ins wohnstubengerechte Bild zu setzen. Zusammengefaßt
und im Vergleich zu 1996 läßt sich sagen, daß die 1992er
Filmbeiträge insgesamt und trotz des augenscheinlichen Anspruches
auf eine gewisse Beständigkeit und Allgemeingültigkeit jeweils
doch nur eine Momentaufnahme darstellen, und je nach Blick- und Standpunkt
eine postive oder eben auch negative Ausrichtung bekommen. Die Situation
gerade in den Wagendörfern hat sich seit 1992 grundlegend verändert,
z.B. weil sich viele der Berliner "Engelbeckener " nach der Räumung
in die "East-Side" geflüchtet haben, ist das Konfliktpotential
explosionsartig gewachsen.
So erklärt sich, wieso die aktuellen Bilder (z.B. SPIEGEL TV, Nachrichten
etc) so sehr von den 1992ern abweichen.
- z.B. "VOGELFRAI"
Der Macht der Bilder und des Wortes haben die Betroffenen, ob sie nun
im Wagendorf oder alleine stehend leben, nur wenig entgegenzusetzen...und
wollen es häufig auch gar nicht. So ist die, jeweils auf den mehrmals
im Jahr stattfindenden sog. Wagentagen entstehende Zeitschrift "VOGELFRAI"
ausdrücklich nur für den internen Gebrauch gedacht (28) .
Dabei wollen wir es denn auch belassen und "nur ein bißchen
an der Oberfläche kratzen", ohne allzu geheime Interna oder noch
geheimere Geheimnisse zu offenbaren. Zur VOGELFRAI deshalb nur soviel:
Die Idee zu dem Rundbrief - oder auch "Fachschrift für Wagen(un)wesen",
oder "Orkan der westeuropäischen antiimperialistischen Wagenfront"
wie er von einigen Wäglern genannt wird - entstand auf dem ersten
internationalen Wagenburgtreffen, welches wiederum im Rahmen der sog. internationalen
Häusertage im Dezember 1990 in Hamburg stattfand.
Aus der Erstausgabe:" Auf diesem Treff konkretisierte sich die Idee
eine intern. (vorerst brd & Schweiz) Wagenburgzeitung zu machen. Sie
soll als Infotausch, Diskussionsstandinfo, Tauschbörse,... genutzt
werden. Klartext, es kann für Plätze in der eigenen Isoliertheit
nicht mehr weitergehen. Das heißt, wir müssen national/international
gemeinsame Perspektiven und Forderungen entwickeln. Denn um etwas an unserer
Situation zu ändern, müssen wir zusammen daran arbeiten. Alleine
geht bald nix mehr. Gedacht ist sich kontinuierlich ca. alle 3 Monate auf
einer anderen Wagenburg zu treffen, um andere Plätze & Leute kennenzulernen
und die nächste Zeitung zusammenzustellen! Wichtig für uns ist
der Infoaustausch, um kontinuierlich voneinander zu hören, sich aufeinander
zu beziehen, zu agieren, auf Sachen, die uns alle angehen, zu reagieren
z.B. Räumung."
Seitdem erscheint die VOGELFRAI mehrmals aber unregelmäßig im
Jahr, geplant, gelayoutet und versandt von der Wagenburg, in der die Treffen
jeweils statt- finden. Inhaltlich werden Wagenplatz-spezifischen Problemen,
vor allem die (eigentlich immer) bevorstehenden Räumungen, der größte
Platz eingeräumt. Grundsätzliche, politische Standortbestimmungen
oder Bewegungs-Strategie-Diskussionen findet man vergebens, allenfalls
oberflächlich angerissen oder als persönliche Statements formuliert.
Ansonsten werden Flugblätter und Selbstdarstellungen, Tips und Tricks
und Weisheiten aller Art vorgestellt und zur allgemeinen Diskussion gestellt.
- z.B. "W.I.S.H."
Schon Jahre vor der "VOGELFRAI" gab es den Versuch, einer
möglichen Wagenbewegung Leben einzuhauchen. Wie in der Vorbemerkung
schon angerissen, entstand 1989/1990 die von H. Kropp initiierte sog. WäglerInnenSelbstHilfe
(W.I.S.H.).
Die Grundidee dabei war, die "alten" Ideale vom selbstbestimmten
Leben in kommunitären Strukturen mit einem mehr individualistisch
geprägtem Element zu verbinden. Der Kommunegedanke also sollte neu
angedacht und definiert werden. Eine Kommune auf Rädern sollte entstehen;
quasi eine Bewegung in Bewegung. Mittels eines Rundbriefes, -gedacht als
Vorstufe zu einer eigenständigen Zeitschrift von WagenbewohnerInnen
für WagenbewohnerInnen jeglicher Coleur-, sollten möglichst viele
Gleichgesinnte angesprochen und ein Austausch über die jeweiligen
Erfahrungen, Erlebnisse, Probleme etc. herbeigeführt werden.

Aus der Erstausgabe: "Der W.I.S.H. (..) soll Kontakte (..) knüpfen,
einer Vernetzung aller (..) dienen und ein Forum für alle Beteiligten
sein. So kommt der der -in der Regel im Verborgenen ruhenden- Wagenkultur
eine neue, weitere Gewichtung zu. Immer mehr Menschen leben inzwischen
im Wagen, aus den unterschiedlichsten Gründen. Aber durch die in der
Regel isolierte Wohnlage (Stellplätze) der meisten von uns, ist es
schwer, untereinander in Kontakt zu kommen und die wagenspezifischen Probleme
und mögliche Lösungen diskutieren zu können. Wer weiß
schon von den Nöten der anderen (und deren Lösungen), von den
Träumen und Phantasien, von Ideen und Gedanken. Der W.I.S.H. also
soll Forum sein, soll Fragen aufwerfen und kontroverse Diskussionen auslösen.
Dies kann (und wird) Kritik herausfordern, aber das soll es auch. Die einen
wollen keine schlafenden Hunde (sprich: Schergen aller Art) wecken, und
die anderen sind es leid, immer nur in geduldeten Nischen leben zu dürfen
und suchen die Kontroverse (und- wenn es nötig ist, auch die Konfrontation!)"
Diesen Rundbrief also verschickte H. Kropp an ca. 150, ihm auf eine diesbezügliche
Anzeige in der TAGESZEITUNG (TAZ) anwortenden, Wagenbewohner, bzw. verteilte
ihn an die ihm schon bekannten Wägler aus dem nachbarlichen Umland.
Die Reaktion darauf war recht positiv und einige bekundeten sogar, aktiv
mitarbeiten zu wollen. Durch Mundpropaganda -jeder kannte wiederum andere,
die ebenfalls im Wagen lebten-, und erneute Anzeigen in der TAZ meldeten
sich immer mehr bei ihm und schon bald gab es einen Interessentenkreis
von über 300 Wagenbewohnern, die an einem weiteren Austausch interessiert
waren.
Bis auf einige Ausnahmen allerdings war die angekündigte Mitarbeit
eher lau bis gar nicht vorhanden. Allenfalls gab es zuhauf Zusendungen
für die angedachte Kleinanzeigenrubrik (Kaufe, Suche etc.), so daß
der Redaktion, die in erster Linie noch immer nur aus dem Herausgeber bestand,
nach recht kurzer Zeit der "Stoff" für den eigentlich wichtigen,
redaktionellen Teil ausging und H. Kropp mit der dritten Ausgabe das sprichwörtliche
Handtuch warf und es aufgab, den überregionalen Vernetzungsgedanken
weiterhin zu verfolgen.
Aus dem zweiten Rundbrief: "Es ist ja nun schon fast ein halbes Jahr
her, daß sie erschienen ist die Null-Nr. des W.I.S.H. Eigentlich
sollte die erste reguläre Ausgabe werden, aber... Die Resonanz war
äußerst dürftig und, wenn es auch durchweg positive Reaktionen
gab ( bis auf einen Leser, der sich von dem 'Werbeblatt Internationalistischer
Sozialistischer Hochrufer' (???-!) angepinkelt gefühlt haben muß,
so war die Auswertbarkeit - von den vielen Kleinanzeigenwünschen mal
abgesehen - doch eher bescheiden. Aus Dankschreiben kann ich eben keine
Artikel basteln! Dieses (Euer) Verhalten erscheint mir aber für die
heutige Zeit symptomatisch zu sein. In einer Zeit, wo Anzeigen- und Werbeblätter
wie (Un)kraut aus dem Boden schießen und Konsum alles ist, scheint
auch der die "sog. Individual/Alternativ-Szene" von diesem Wahn
wohl nicht ausgenommen zu sein. Da wird gesagt:' mach weiter so!', 'finde
ich toll, schick mir mal gleich die nächste Nr. rüber', 'würdest
Du bitte folgende Kleinanzeige abdrucken?' etc. So weit, so gut. Aber:
Habt Ihr sonst nichts zu sagen? Wo bleibt die politische Diskussion, wo
bleibt die Kritik? Etwas mehr inhaltliche Beiträge hätte ich
mir gewünscht. Oder wenigstens einige praktische Tips aus dem WäglerInnenleben,
die es wert wären, auch uns anderen bekannt zu werden. Kleinanzeigen
sind wichtig, aber eben nur das Salz in der Suppe, satt werden kann ich
davon nicht. Unter einer Selbsthilfe von und für WäglerInnen
stelle ich mir etwas anderes vor!"
Da auch dieser Apell ungehört blieb, stellte H. Kropp mit dem dritten
Rundbrief als letzten, aber vergeblichen Versuch, das Projekt aufrechtzuerhalten,
den W.I.S.H. endgültig ein. Aber noch Jahre danach bekam er Post von
interessierten Wäglern, die den Rundbrief abonnieren wollten und Kleinanzeigenwünsche
abgedruckt haben wollten! Als positives Resumee bleibt ihm, daß eine
Vielzahl von zwischenmenschlichen Kontakten geknüpft und vielleicht
notwendige Diskussionen innerhalb der Wagen- szene in Gang gesetzt werden
konnten.
-z.B. Kleinanzeigen:
Mitte bis Ende der achtziger Jahre gab es einen regelrechten Kleinanzeigenboom
zum Thema "Wagenleben", vor allem in der TAZ. Unter der eigens
eingerichteten Rubrik "Bauwagen" oder "Zirkuswagen"
wurden Bauwagen verkauft und Zirkuswagen gesucht und umgekehrt. Zugmaschinen
wollten ihren Besitzer wechseln oder Wohnwagen sollten durch die Republik
gezogen werden. Es gab Stellplatzangebote und -gesuche. In der Regel wurde
am Samstag annonciert und es verging keine Woche, wo nicht mindestens 1-
3 diesbezüglicher Anzeigen in der TAZ abgedruckt waren. Aber Anfang
der Neunziger ebbte der Boom so plötzlich wie er gekommen war auch
wieder ab.
z.B. selbstproduzierte Videofilme:
Auch die Wägler haben die Macht der Bilder erkannt und sich zu
eigen gemacht. Im Laufe der letzten Jahre sind so eine Vielzahl von eigenproduzierten
(29) Videofilmen entstanden, der Bekanntheitsgrad allerdings bleibt
in der Regel auf die eigene Szene beschränkt. Nur in Ausnahmefällen
gelingt es, eigenverantwortliche und professionell gestaltete Beiträge
in Massenmedium Fernsehen lancieren zu können, wie z.B. einen 6-min-Beitrag
im Fernsehmagazin "TWIST" (30) über das Bauwagendorf
in Köln (1996) oder einen vom Arbeitskreis Medienpädagogik e.V.
produzierten Film über Wagendörfer im Berlin des Jahres 1996.
(31)
Waren diese beiden noch ähnlich konventionell konzipiert wie die
"Professionellen" (s.o.), d.h. Beschreibung einer Situation,
Interviews etc., so sind daneben auch experimentielle Filme, regelrechte
Kunstwerke, entstanden. Besonders hervorgetan hat sich hierbei die Kölner
Wagengruppe.
Mit professionellem Geschick, künstlerischem Elan und sehr viel Liebe
zum Detail stellten sie - mit Hilfe des Kölner "Jugendclubs Courage"
- gleich eine ganze Reihe von Animations- und "Propaganda"-Filmen
zum Thema "Leben im Wagen" her, u.a. einen Trickfilm, in dem
Spielzeug-LEGO-Figuren eine Räumung des Wagendorfes durchführten
und somit in das Thema einführten. (32)
"Wir befinden uns im Jahre 1991 nach Christus. Spekulanten, Staatsknechte,
Geldsäcke, Bürokraten und Sklavenhändler haben ganz Köln
besetzt. Ganz Köln? Nein. Ein von einer wilden Horde mit Bauwägen
besetzter Platz hört nicht auf, den feindseligen Betonmischern Widerstand
zu leisten. Das Leben ist nicht leicht für die Büttel der Herrschenden,
die dem subversivem Treiben der Bauwäglerinnen Einhalt gebieten wollen."
Frei nach "ASTERIX" beginnt so der Videofilm "Zucker in
Beton - oder Wem gehört die Welt" und mit ihm überaus vergnügliche
50 Minuten, in denen die Wagenbewohner ihren Platz und das tagtägliche
Gemeinschafts-Leben, eingebettet in eine Spielhandlung mit Slapstick-Einlagen
der Bewohner, vorstellen Leider haben diese Filmproduktionen, so gut gemacht
sie auch sein mögen, keine Chance, einem größeren Publikum
zugänglich gemacht zu werden.
Zu groß sind scheinbar die Vorbehalte der großen Medienanstalten
gegenüber den "Schmuddelkindern, allenfalls ein "Freiraum"
im Rahmen von (nächtlichen) Magazinsendungen wird ihnen unter Umständen
gewährt. Und so braten die autonomen Kunstwerke denn gleichsam im
eigenen Saft und werden wohl nur in der "Scene" die Anerkennung
finden, der ihnen gebührt.
3.8.4. Peter, der Lustige
Wer das "Leben im Wagen" beschreiben will, kommt an ihm nicht
vorbei: Peter Lustig, der wohl bekannteste Wägler des elektronischen
Zeitalters, nur noch übertroffen von der Mutter aller Wagenbewohner,
der unerreicht Berühmten, der Landstörzerin, Marketenderin und
Wagenbewohnerin aus dem 30jährigem Krieg, Courasche.(33)
Anfang der achtziger Jahre startete im ZDF eine Kinder- und Jugend-Sachkunde-Serie
namens "Pusteblume", später in "Löwenzahn"
umbenannt, die sich auch heute, fast 20 Jahre später, immer noch an
der Beliebtheitsspitze bei den Kindersendungen behaupten kann. "Löwenzahn"
war damals die Sendung, die erstmals "grüne" Akzente in
die bis dahin eher triste und moralinsaure Fernsehlandschaft einbrachte
und eine allgemein kritische Grundhaltung geradezu herausforderte. "Held"
der Serie ist ein gewisser Peter Lustig (richtiger Name unbekannt), der,
in einem Bauwagen wohnend, durch seine ungewöhnliche Wohn- und Lebensphilosophie
den Kindern die Welt auf eine neue, eine kritische Art näherbringt
und Umweltprobleme und deren mögliche Lösungen beschreibt. In
einer der ersten Sendungen erfahren wir, wie der erste Kontakt mit dem
"normalem" Umfeld, und dies auch gleich in Person eines deutschen
Beamten, eines Postboten, aussieht:
Postbote: " Also, das ist ihr Haus?!"
Peter L.: " Ja, das ist mein Haus. Es hat 4 Ecken, wie jedes
anständige Haus. Es hat Fenster, 'ne Türschwelle, Tür...und
etwas, was andere Häuser nicht haben: 4 Räder.
Postbote: " Lustig, sehr lustig. Aber: der Briefkasten fehlt.
Und die Nr., die Hausnummer. Wenn Sie hier länger wohnen wollen, dann
brauchen Sie eine Hausnummer...kann ich mal darein [in den Bauwagen] schauen?
Schön!!! Wie ist das mit dem Licht? Sind ja gar keine Steckdosen da!
Ja, Strom brauchen Sie außerdem. Und? Na? Abfälle! Ja, die Abfälle.
Was meinen Sie, was da täglich anfällt. Wurstpelle, Kartoffelschalen
und Konservendosen. Sehn Sie. Stinkt doch! Das muß weg! Was brauchen
Sie also? einen Abfalleimer! Wo ist der? Ordnung muß eben sein."
Penetrant freundlich ist er, der Beamte. Und hat die Grundproblematik des
Wagenwohnens (wenigstens, wie es sich für den "Normalbürger"
darstellt) in wenigen Worten auf den Punkt gebracht.
Und Peter Lustig hat genügend Lehrstoff für den Rest der Sendung.
Brillant!
Im Zuge der Fernsehvermarktung wurde auch eine Buchserie (34) aufgelegt,
die sich inhaltlich eng an die Fernsehserie anlehnt und ebenfalls einen
großen Bekanntheitsgrad besitzt.
Hier wird z.B. auch der Grund des Einzuges in den Bauwagen genannt: Peter
will nicht länger hinnehmen, daß sein Haus mitten in einer Flugschneise
des Flughafens liegt (Problematik Lärm etc.) und da er sein Haus nicht
dorthin mitnehmen kann, wo es ruhiger ist, besorgt er sich einen Bauwagen
und wohnt ab sofort im Garten einer Freundin.
Peter Lustig im Gespräch mit Hausbewohnern: "Es ist schön,
wenn man so viele Zimmer hat. Aber ich bin sicher nicht der einzige, der
in einem Raum lebt. Viele leben in winzigen Häusern, in Wohnwagen,
in Bussen oder in Zelten wie die Indianer."
Durch diese Fernsehserie stieg die Akzeptanz den (einzelstehenden) Wagenbewohnern
gegenüber gewaltig an. "Wer wie Peter Lustig wohnt, der kann
so falsch nicht sein." Diese Erfahrung haben viele der von uns Befragten
gemacht....
3.8.5. Kunde von Irgendwo (Spaziergänge im INTERNET):
Im Zeitalter der überall und jederzeit verfügbaren Informationen
darf das weltweite, elektronische Computer-Datennetz, das sog. INTERNET,
natürlich nicht ausgespart werden und viele der von uns recherchierten
Informationen (35) haben hier ihren Ursprung.
Auch die sog. "Szene", und mit ihr viele der Wagenbewohner, haben
in der letzten Zeit die Vorteile der schnellen Nachrichtenübermittlung
für sich entdeckt und nutzen diese, da der Computer im Wagen mit Internetanschluß
heutzutage kein Problem mehr für den technisch versierten Wägler
darstellt, weidlich aus.
Eine Vielzahl von Zeitungs- und Magazinartikel, oder auch persönliche
Berichte zum Thema "Wagenleben", wie z. B. die Wagenburgen in
der Berliner City (36) oder die "travelling people" in
Großbritannien (37), sind so jederzeit, das technische Equipment
vorausgesetzt, abzurufen. Zum Beispiel waren die Rede- und Diskussionsbeiträge
anläßlich der bundesweiten "Wagentage" in Berlin im
April 1996 schon tags darauf im Internet (38) - und damit weltweit
abrufbar - im Archiv des, nur im Internet vertretenen, Online-Magazins
"Trend" (http://www.berlinet.de/trend/) verfügbar.
Aber auch andere Archive, wie das der Berliner Zeitung (http://www.BerlinOnline.de),
SPIEGEL (http://www.spiegel.de/), STERN (http://www.stern.de/), Tageszeitung
(TAZ) (http://taz.de) oder die des linken Spektrums wie dem NADIR-Archiv
(http://www.nadir.org) bieten eine Fülle von Informationen, zu welchemThema
auch immer.
Ein Kuriosum soll auch nicht verschwiegen werden: Beim Recherchieren im
INTERNET (39) fanden wir die "offizielle" Adresse samt
Photo der Wagenburg "Hoppentosse" . Erst nach dem Aufrufen dieser
Seite fanden wir heraus, daß die dazugehörige "homepage"
die der Heidelberger CDU und dessen Lokalpolitiker Werner Pfisterer gehörte
und diese, als Abschreckung quasi, ein Photo der Wagenburg angefügt
hatten. (40)
Anmerkungen:
(1) Aber zu vermuten ist: wenn überhaupt, werden es Darstellungen
der "exotischen" Art gewesen sein. Tatsache ist, daß wir,
trotz mannigfaltigen Versuchen, kein für uns relevantes Material haben
finden können. Über die Entstehungszeit z.B. des "Rollheimer
Dorfes" in Berlin ( 1983 - 1988) kann man nur vermuten, daß
darüber berichtet worden ist, allein: wir wissen es nicht.
(2) Badische Zeitung v. 19.01.1989
(3) Der Bericht liegt uns vor, leider fehlen Angaben über Zeitung und Ort, 1984
(4) "Ein Aussteiger muß erstmal parken", Südwestpresse v. 9.10.1989
(5) TAZ v. 04.10.1988
(6) Berliner Morgenpost v. 06.11.1988
(7) BILD v. 17.11.1988
(8) NWZ v. 08.03.1991
(9) Brigitte 26/1988
(10) FR o.J.( ca. Ende 1988/Anfang 1989)
(11) ZEIT v. 05.02.1993; die Reporterin Uta Claus zeichnet auch für das Video "Zwischen Schrott u.Sperrmüll" (s.u.) verantwortlich.
(12) siehe bibliographischen Anhang
(13) BZ v. 14.11.1988
(14) BILD v. 18.04.1996
(15) SPIEGEL 21/1996
(16) Süddeutsche Zeitung v. 18.97,1996
(17) Neues Deutschland v. 18.07.1996
(18) vgl. hierzu die Reportagen und Berichte in Contraste, Scheinschlag, Stachel etc. (Im Anhang aufgeführt)
(19) MOTZ 22/96
(20) vgl. Kap. 3.5.2.2.
(21) Torfkurier 33/1996
(22) Sender Freies Berlin (SFB), 1992 (30 min)
(23) NDR, 1992 (45 min)
(24) hier fühlt man sich gar in einen Film der englischen "Amber Film Group" versetzt, die das Leben englischer "Underdogs" auf einer städtischen Müllkippe und deren Probleme zum Inhalt hat: Seacoal, Amber Films, Great Britain 1985
(25) Zwischen Schrott und Sperrmüll - Leben und Überleben in Wagenburgen, ZDF 1992 (45 min)
(26) ZDF/ARTE 1992 (45 min)
(27) ZDF, VOX, ARD v. 17.07.1996
(28) In der VOGELFRAI v. August 1995 heißt es dazu: "Vogelfrai - ein neuer Stern am Zeitschriftenhimmel??? Es ist zwar schön, wenn sich viele leute für unsere Zeitung interessieren, aber ich/wir denken, daß wir immer noch selber entscheiden wollen, wann und wo wer diese (unsere) Zeitung liest...und darum wurde auf dem Abschlußplenum nochmals beschlossen, das die Zeitung für die Plätze und Leute in denWägen ist und nicht ein Infoblatt für jedeN." und auch die uns schon bekannte Anonyma aus Berlin gibt ähnliche Anweisungen im Umgang mit ihrer Diplom-Arbeit: "Ich habe die DA an der UNI sperren lassen, damit ist sie dort nicht einsehbar. Trotzdem wünsche ich mir, daß viele menschen, die einen direkten Bezug zu Wagenburgen und Wagenleben haben, sie lesen. Um das ein bißchen zu kontrollieren, kann die DA direkt über den 'Schwarzen Kanal' bezogen werden. Diejenigen, die sie erwerben, sollten bitte auch darauf achten, daß damit verantwortlich umgegangen wird: also nicht an Medien, Forschungsprojekte, SozialarbeiterInnen u.s.w."
(29) "Eigen- oder selbstproduziert" soll bedeuten, daß diese Film- und Videoproduktionen entweder von den Wagendörflern selbst, oder von ihnen nahestehenden oder mit ihnen sympathisierenden Gruppen mit medialem Hintergrund und professionellem Equipment (z.B. Medienwerkstätten etc.) produziert und hergestellt worden sind. Genauere Unterscheidungen können wir leider nicht
vornehmen, da uns die Hintergründe der jeweiligen Entstehungsgeschichte nicht näher bekannt sind. (30) Szene-Magazinsendung im KANAL 4 (nächtlicher Sondersendeplatz im Programm von RTL)
(31) "Standort Freiraum - Wagendörfer in Berlin. Videofim v. Manuel Zimmer, Berlin 1996 (25 min)
(32) Platz UP (Video-Clip), 1995 (5 min) Wem gehört die Welt (Animationsfilm) 1994 (8 min)
Zucker in Beton (Videofilm), 1991 (50 min)
(33) vgl.: Grimmelshausen, Hans Jakob Christoffel von: Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courasche (1670) Ausg. - Tübingen : Niemeyer, 1967 vgl.: Brecht, Bertolt: Mutter Courage und ihre Kinder : e. Chronik aus d. 30jährigen Krieg. Berlin : Suhrkamp, 1961. - 116 S.
(34) vgl: Röthemeyer, Gabriele, 1983
(35) vgl. die im Anhang aufgeführten bibliographischen Angaben.
(36) http://userpage.fu-berlin.de/~ifred/hmob/
(37) http://ourworld.compuserve.com/homepages/tash_lodge/
(38) Leider hat das INTERNET - als ein in sich chaotisches System in einem sich permanent änderndem Medium - die Eigenheit, daß die heute noch aktuellen Adressen und Seiten morgen schon ungültig, d.H. nicht mehr auffindbar sein können, sei es, daß der Computer mit den jeweiligen Daten nicht mehr existent ist oder gewechselt hat, sei es, daß eine (wie auch immer) existierende Zensur ein Aufrufen der indizierten Seiten unter Strafe stellt (wie z.B. im Fall der linken Zeitschrift "Radikal") sei es, daß die Daten an sich als inzwischen überholt angesehen werden.
(39) Mit Hilfe von sog. "Suchmaschinen" ( das sind im INTERNET zum Einsatz gebrachte Computerprogramme, die das NET auf Stichworte etc. hin absuchen, z. B. : http://www.hotbot.com oder http://www.fireball.de) können so die für jeweilige Recherche nötigen Quellen aufgespürt werden.
(40) Kuriosum im Internet: http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~cn8/wagenburg.htm
Hier
geht es zurück zum Inhaltsverzeichnis der Studie "Wagenleben
- das Leben wagen!?"