3.5 Wagendörfer

3.5.1. Berlin:

Berlin kann man, ohne übertreiben zu wollen, als die Hauptstadt der Wagendörfler bezeichnen, wenigstens, was deren Anzahl betrifft.

Die bis zum Fall der Mauer weltweit einmalige "Frontstadtsituation" mit der die Stadt umgebenen Mauer begünstigte schon Anfang der achtziger Jahre den Versuch, den steigenden Mietpreisen und der Vereinzelung in den Wohnghettos entfliehen zu können - ohne die Stadt als solche verlassen zu müssen -, indem Menschen anfingen, sich Bau-, Zirkuswagen oder ausgediente LKWs und Busse auszubauen und es sich im Niemandsland längs des "Antifaschistischen Schutzwalles" gutgehen ließen.

Da eine ausführliche Beschreibung aller Berliner Wagendörfer den Rahmen sprengen würde, haben wir uns auf eine etwas eingehendere Beschreibung des Rollheimer Dorfes am Potsdamer Platz und dessen Bewohnern beschränkt, wenngleich die Geschichte dieses ersten Berliner "Dorfes" nur bedingt als "exemplarisch" für alle anderen gelten kann, da bei diesen, wie wir sehen werden, weniger der Zauber alternativer Lebensweise ausschlaggebend für diese Wahl der Wohnform war, sondern vor allem eine mangelnde Wohn- und Lebenssperspektive der meist Jungerwachsenen (1). Ansonsten reißen wir die Problematik der übrigen Wagenburgen nur insoweit an, als daß wir versuchen, eine "Chronologie der Ereignisse" (2) aufzuzeigen, welche einen Überblick über die geradezu explosionsartig gewachsene Anzahl von Wagendorf-Neugründungungen und deren Probleme im Spannungsfeld zwischen den sie umgebenden Nachbarn und der Berliner Senatsverwaltung, geben soll.

1996 gab es etwa 13 Wagendörfer mit einer (vage) geschätzten Anzahl von 700 - 800 Menschen.3

Dies sind:

01. Rollheimer Dorf an der Köthener Str. (Tiergarten), umgesiedelt im September 1995 nach Neukölln, Oderbergstraße

02. Wagendorf am Engelbecken (Mitte), geräumt am 09.10.1993

03. Wagendorf am Kinderbauernhof (Kreuzberg), Räumung ist geplant

04. Wagendorf am Bethaniendamm (Kreuzberg), geräumt am 26.03.1997

05. Wagendorf an der Schillingbrücke an der Holzmarktstraße (Mitte/Friedrichshain), Bleibemöglichkeit ungewiss

06. Wagendorf an der "East-Side-Gallery" (Friedrichshain), ca. 250 Bewohner, geräumt am 17.07. 1996,

07. Wagendorf an der Lohmühlenstr. (Treptow), befristete Aufenthaltsgenehmigung

08. Wagendorf an der Wuhlheide (Köpenick), ca. 100 - 150 Menschen), legalisiert

09. Wagendorf Pankgräfin in der Pankgrafenstraße (Pankow), ca. 100 - 150 Menschen), legalisiert

10. Wagenburg "Schwarzer Kanal", an der Schillingbrücke (Mitte), Bleibemöglichkeit ungewiss

11. Wagendorf am Spreebogen (Mitte), geräumt im Febr. 1996, (3 Wagen)

12. Wagendorf "Kreuzdorf" am Bethaniendamm (Kreuzberg), befristete Aufenthaltsgenehmigung

13. Wagendorf bei den besetzten Häusern in der Marchstr./ Einsteinufer, geräumt 1996




Im Sommer 1989 besuchten wir im Rahmen unserer Informations- und Recherchereise verschiedene dieser Berliner Wagendörfer - oder -burgen (4) , wie sie auch benannt werden -, um uns so direkt vor Ort einen Eindruck über die uns bislang noch unbekannte (groß-) städtische Wagendorf-Situation verschaffen zu können.

Bei einem dieser Informationsbesuche bei den Rollheimern v. Potzdamer Platz treffen wir auf C. und seine Frau S. Wir werden sofort herzlich aufgenommen, Tee wird aufgetischt und sie erzählen uns in lockerer Runde vom Platz und dessen Geschichte.

Sie bewohnen, zusammen mit 2 Hunden und Katzen und Hühnern etc., ein idyllisches Fleckchen inmitten des Potsdamer Wagendorfes. Ihre 5 (!) Wagen umgrenzen ein mittlerweise ergrüntes Karree. Nach außen sind sie regelrecht abgeschottet und ihr "Palast" - quasi eine Burg in der Burg - ist von außen nicht einzusehen. Ein Gartenteich ist angelegt, Gartenzwerge schauen listig durchs Gestrüpp. Laupenpiperatmosphäre.

C. erzählt, wie er zum Wagenleben gekommen ist:
Nach Beendigung der Schauspielschule bekommt er ein Engagement in Westdeutschland. Aus einer Schnappslaune heraus erwirbt er einen Zirkuswagen von einem Oldenburger Schausteller und wohnt nach einigen Umbaumaßmahmen im Garten eines alten Grafen. Anfang der Achtziger wechselt er dann aus beruflichen Gründen nach Berlin, wohin er seinen Zirkuswagen mitnimmt. Völlig unbedarft überführt er den Wagen über die Autobahn. Der Wagen hat keine Papiere, technisch ist er nicht in Ordnung, u.a. fehlt eine Druckluftpumpe etc...
In Berlin angekommen wohnt er mit seinem Wagen mitten auf dem Potsdamer Platz in direkter Nachbarschaft zum Tempodrom-Zelt-Theater. Ein Dorf existiert zu dem Zeitpunkt noch nicht. Als das Theater den Platz verlassen mußt, weil dort die künftige Magnetschwebebahn geplant ist, wechselt er in Richtung Köthener Straße.

Nach und nach kommen andere "Wägler" dazu. Wie z.B. E., der wegen eines Motorschadens an seinem zur Wohnung umgebautem Möbelwagen vorläufig Station macht und dann hängenbleibt oder W., Besitzer eines betagten Wohn-Eies aus den 50er Jahren, - aber nebenher auch Besitzer einer Zweitwohnung für "Notfallzeiten" (5) oder einfach auch Menschen, die, im Winter durch den sonnigen Süden Europas herumvagabundierend, dann im Sommer wieder in die Großstadt zurückkehren und einen kostenlosen Stellplatz für ihre teilweise abenteuerlichen Wohngefährte suchen.

Mit Duldung der Besitzer, der "Grundstücksgesellschaft am Potsdamer Platz", die mit ihrem" Sahnestück" zu der Zeit noch nichts anfangen konnte, gelingt es den Dorfgründern, im August 1981 einen Vertrag auszuhandeln, der ihnen - bis zu einer entgültigen Nutzung - ein Wohnrecht einräumt.

Die Berliner Stadtwerke öffnen einen Hydranten und versorgen die "Siedler" so mit Wasser. Es werden bereitwillig Telephonleitungen gelegt und sanitäre Anlagen nebst einer funktionierenden Abwasser- und Müllbeseitigung geschaffen. Zu den Anfangs eher einsamen Wagenbewohnern gesellen sich schon bald andere Gleichgesinnte und so dauert es nicht lange, bis die Gruppe auf über 50 Personen anwächst und einen "richtigen" Dorfcharakter bekommt. Diese Mischung aus Berliner Laubenpiepertum und Zirkus- bzw. Zigeunerromantik wird schnell zu einer Touristenattraktion und als das "Rollheimer-Dorf" am Potsdamer Platz weit über die Grenzen Berlins bekannt. (6) Und sogar die Politiker und Berlin-Größen Momper, Diepken & Co geben sich die (immaginäre) Klinke in die Hand, um sich vor der Ökoidylle mit Hühnern und Rosmarin ablichten zu lassen.

Aber ab Mitte 1988 verändert sich die Situation dramatisch. Infolge eines Gebietsaustausches mit der damals - noch "real" existierenden - DDR einerseits und die Einbeziehung des geschichtsträchtigen Arreals rund um den Potsdamer Platz in das Gesamtkonzept der stattfindenen Internationalen Bau Austellung (IBA) in Berlin andererseits, witterten die Kapitalisten der Grundstücksgesellschaft finanziellen "Morgenduft" - immerhin geht es um ca. 50 Mill.DM- und kündigen den Nutzungsvertrag mit den "Rollheimern" zum 30.11.1988. (7) Nach dem ersten Schock beginnen die Dörfler, - da sie sich ja verpflichtet haben, ohne Murren im Falle einer Kündigung das Gelände zu verlassen -, sich an die verschiedenen Berliner Bezirksämter zu wenden, und ein adäquates Ersatzgelände zu fordern.
Allerdings wird allerorten bedauernd abgewunken und auf die verschiedensten Hinderungsgründe- einen neuen Platz betreffend, hingewiesen.
Mit Hilfe von verschiedenen Reportern von Film, Funk und schreibender Zunft beginnt daraufhin ein Medienrummel ohnegleichen. (8)
Aber trotz der (überraschenderweise!) äußerst positiven Resonanz in der Berichterstattung und des gutbesuchten "Tages der offenen Tür" mit Informationen über die Problematik und Unterhaltung mit Speis und Trank und Streichelzoo für die "Kleinen" läßt sich nichts bewegen innerhalb der Stadtbürokratie.
Auch die Grundstückseigner lassen sich nur insoweit erweichen, daß sie die Kündigung bis zum nächsten Frühjahr aussetzen und so den "Rollheimern" eine kurze Verschnaufpause ermöglichen. Aber der Räumungstermin verstreicht und die Räder stehen immer noch unbewegt. Trotz vielfacher Streitereien und Räumungsandrohungen kann sich das, mittlerweise nicht mehr einzige, so aber in jedem Falle das "prominenteste" Wagendorf der zukünftigen Hauptstadt auf dem angestammten Platz behaupten. Die innere Sozialstruktur der Gemeinschaft allerdings ändert sich im Laufe der Zeit.

Es bildet sich eine Ober- und eine Unterstadt heraus. Auf der einen Seite wohnen die "alten Gründer", Naturliebhaber und Schrebergärtner. Sie igeln sich gegen die nähere und entferntere Umwelt ab und halten eher auf Distanz. Auf der anderen hausen die Zugezogenen, die "Jungen". Jene, die auf ihrer Suche nach billigem Wohnraum im Rollheimer Dorf nur kurz Station machen und denen das "Dorfimage" egal ist. Die Lkw und Autowracks am Rande des Dorfes nehmen zu und der äußere Eindruck verändert sich stark ins Negative. Schwelende Konflikte brechen auf. Zu unterschiedlich sind die Leute. Machtkämpfe entstehen. Eine einheitliche Haltung ist nicht zu erkennen. Konflikte werden erst dann mit allen Bewohnern auf einem Plenum besprochen, wenn diese existenziell werden, z.B. bei drohender Räumung etc. Dann treten (wenigstens kurzzeitig) persönliche Probleme zurück.

Erste Auflösungserscheinungen zeigen sich. Einige lösen sich schon frühzeitig ganz aus dem Gemeinschaftsgefüge und versuchen, alleine einen individuellen Platz zu finden, wie z.B. C. und S., die mit ihren Wagen und Hühnern, Hunden und Katzen im ostdeutschen Umland Quartier finden.

Aber trotz aller Räumungsverfügungen und -androhungen kann sich das Potsdamer Wagendomizil noch bis zum September 1995 halten und erst als der endgültige Baubeginn eines geplanten Bürokomplexes fest steht, löst sich das gesamte Dorf auf. Einige der Bewohner ziehen auf inzwischen legalisierte Plätze, z.B. nach Karow (Pankow) oder auf die "Wuhlheide", die anderen - 21 Erwachsene und 9 Kinder - siedeln auf das ehemalige Friedhofsgelände einer Neukölner Kirchengemeinde um. (9) Für das 4800 qm große Grundstück zahlen sie insgesamt 1000,--DM. Acht der Wagen haben Telephonanschluß und die Elektrizitätswerke haben eine Stromleitung gelegt. Dort dürfen sie bis auf weiteres wohnen bleiben, wenn auch die längerfristigen Aussichten, - angeblich soll dort ein Spielplatz erichtet werden -, nicht allzu rosig erscheinen.

Ende der achtziger Jahre enstehen im Umfeld des Rollheimer Dorfes weitere Wagendörfer, (10) wenn auch mit einer zum Teil anderen Sozialstruktur. Miet- oder Pachtverträge gibt es nicht, und werden teilweise auch gar nicht angestrebt.

Die politisch unsichere Situation in der Endphase der DDR-Ära begünstigt "Wagenburggründungen" im Schutze der Mauer.(11) Die BRD-Polizei fühlt sich nicht zuständig, die (noch) DDR-Vopos nicht mehr. Hier ist quasi ein rechtsfreier Raum. Auch gerade für politisch motivierte autonome Gruppen, die so der Öffentlichkeit einen Spiegel vorhalten und gerade im Hinblick auf die "Notschlachtung der DDR" ein Zeichen setzen wollen. Außerdem wollen sie zeigen, daß man weitgehend unabhängig von Geld ein menschenwürdiges, kollektives, herrschaftsfreies Leben gestalten könne (12)

Aber auch die anderen sog. städtischen Problemgruppen haben inzwischen die Vorteile einer Wagenburg für sich entdeckt. Immer mehr Menschen mit Alkohol- und (Hart)drogenproblemen, aber auch Obdachlose, die so eine Möglichkeit sehen, das drohende "Platte machen" abzuwenden, siedeln sich auf den Plätzen an. Die jeweilige Gruppengröße variiert von wenigen bis zu 50 oder mehr Bewohnern in ebensovielen Wagen (Engelbecken).

Das Bild verändert sich stark ins Negative und teilweise ähneln manche diese Plätze eher bewohnten Müllhalden: Autowracks, ausgebrannter Haus- und Sperrmüll Dazwischen heruntergekommene Wohn- und Bauwagen, verziert mit politischen Parolen, Anarcho-und Piratenfahnen auf dem Dach und Warnschildern gegen die allgegenwärtigen Touristen, die immer wieder die Ruhe stören. Helfen Drohungen nicht weiter, fliegen auch schon einmal Steine gegen allzu Neugierige. Das allgemeine Klima verschärft sich zunehmend. Es bilden sich Bürgerinitiativen und besonders die Boulevard-Presse macht Front gegen die "Kreuzberger Beduinen in den Wagenburgen".

Im Frühjahr 1990, nach vielerlei Beschwerden und Anzeigen seitens der Anwohner und Nachbarn, wird die Wagenburg an der Wilhelmstr. geräumt, die Besetzer gezwungen, auf andere Plätze auszuweichen. Auch andere in die Schußlinie der von der CDU angeführten Hardlinerregierung geratenen Wagenburgen werden geräumt, bilden sich aber in der Nachbarschaft neu, werden wiederum geräumt etc. Am 9.10.93 ist es einmal wieder so weit: Die "gefürchtete" Wagenburg am Engelbecken wird von 900 (!) Polizisten gestürmt und die Wagenburg aufgelöst. Teilweise werden Wagen beschlagnahmt und auf ein städtisches Gelände am östlichen Stadtrand gezogen, nicht zuzuordnende, anscheinend besitzerlose Wagen finden in der Städtischen Schrottpresse ihre letzte Ruhe. Die, die freiwillig gehen, dürfen ohne Auflage Ihr Hab und Gut packen und finden Asyl auf benachbarten Plätzen. Die Aktion geht weitesgehend ohne Widerstand seitens der Bewohner über die Bühne. Nur zwei "Aufrechte", Angehörige eines Franziskanerordens, leisten passiven Widerstand, ketten sich an ein 4 m hohes Holzkreuz an und fordern den Abbruch der Räumung. Im Laufe des Tages vergrößert sich die Gruppe um 3 weitere Personen. Aber selbst der katholische Kardinal Sterzinsky, der herbeieilt und seine Solidarität (!) bekundet und bei den Behörden interveniert, kann die Staatsmacht nicht aufhalten. Mit Bolzenschneidern werden die Aktionisten von ihrem Kreuz geschnitten. (13)

Viele dieser Vertriebenen finden sich schließlich in der 1990 entstandenen sog. "East-Side-Gallery" Wagenburg wieder, einem 50 m breiten und knapp 1000m langen Areal mit Spreeblick nach Süden und Schnellstraße im Norden. Schnell wächst auch dieser Platz auf zeitweise mehr als 250 Menschen an.
Zwischen 200 ausrangierten Bussen und Lastwagen, alten Bauwagen und den Ruinen zweier NVA-Schützenpanzer türmen sich Berge von Unrat. Der Boden ist übersät mit den rostigen Überresten ausgeweideter Autowracks, daneben zerstückeltes Mobiliar.(14)

Viele der neuen Bewohner haben massive persönliche Probleme und werden in den "anderen" Wagendörfern nicht mehr geduldet. So baut sich ein im Laufe der Zeit spannungsgeladenes und explosives Sozialgemisch auf, daß immer wieder die Ordnungshüter auf den Plan ruft. Razzien werden durchgeführt, Drogen und Waffen beschlagnahmt, Festnahmen ausgesprochen, patroulliert.

Eine Lösung in Form einer Räumung ist vorerst nicht in Sicht. Neue Wagendörfer sollen laut Regierungswillen nicht toleriert werden, andererseits soll erst dann geräumt werden, wenn ein Alternativplatz ausgewiesen werden kann. Ein Dilemma. Zudem sperren sich alle Berliner Stadtteilbezirke, einen möglichen Alternativstandort auch nur theoretisch in Betracht zu ziehen.
Niemand will dieses Problem vor seiner Tür wissen. Anfang April 1996 schreckt die Öffentlichkeit wieder einmal auf: Im Umfeld der "East-Side-Gallery" wurde ein Mord verübt. Auch wenn der Tote nicht in direkten Zusammenhang mit den Wagendorfbewohnern zu bringen ist (er ist Opfer einer Auseinandersetzung um Rauschgift geworden), werden nun aus allen Richtungen wieder vermehrt Rufe nach einer Räumung laut. Die Medien tun ihr übriges und als auch noch Gerüchte aufkommen, es sei auf dem Platz zu offenen Tuberkulosefällen gekommen, ist es entschieden: Am 17. Juli 1996, Schlag 8 Uhr, wird auf Antrag des Bundesvermögensamtes, dem Eigentümer des Geländes, unter massivem Polizeieinsatz (an der Aktion sind insgesamt ca. 260 Polizisten beteiligt) die Wagenburg gestürmt. Die Bewohner (zu dem Zeitpunkt halten sich etwa 100 Menschen dort auf) werden erkennungsdienstlich behandelt und zwangsweise in einem eigens dafür mitgebrachten medizinischem Laborbus auf Tbc untersucht. Die Wagen und Hab und Gut der Bewohner werden beschlagnahmt, der Platz versiegelt. Insgesamt kostet die Räumung inklusive Sanierung mehr als 3,5 Millionen DM, der neue Standort in West-Staaken für etwaige Versprengte der East-Side soll mit 200000 DM zu Buche schlagen. In West-Staaken allerdings bildet sich, - gleich nach der Ankündigung, sie würden neue Nachbarn bekommen -, eine Bürgerinitiative und so scheint das alte Spiel auch in Zukunft munter weiterzugehen.

Aber auch die anderen noch bestehenden Wagenburgen werden sich auf eine ungewisse Zukunft vorbereiten müssen: Die Wagenburgen "Schillingbrücke" und "Schwarzer Kanal" sollen innerhalb der nächsten 2 Jahre einer Promenade weichen, die Wagen neben dem sog. Kinderbauernhof einer Schule nebst Kindertagestätte Platz machen, das Wagendorf an der Späthbrücke wird einer Autobahn weichen müssen und auch den Wäglern vom "Kreuzdorf" und "Lohmühle" wird von offizieller Seite nur eine Gnadenfrist von 2 Jahren eingeräumt. Daran konnten auch die Anfang April '96 in Berlin stattgefundenen "Wagentage" nichts ändern. Von der negativen Presse über die bevorstehende Räumung der "East- Side" angeheizt, wurden die Teilnehmer des aus diesem Anlaß stattfindenen Demonstrationszuges, - ca. 300 Aktivisten aus anderen Wagenburgen der BRD, Dänemark und Niederlande waren angereist, um sich mit den Berliner Leidensgenossen zu solidarisieren -, von einem riesigen Polizeiaufgebot (ein Beamter auf jeden Demonstranten) begleitet. Die Wagen, die durch die Stadt gezogen wurden, wurden von der Polizei penibel inspiziert, jeder auch nur entfernt an eine Waffe erinnernden Gegenstand - selbst Kochlöffel und Eßbestecke - beschlagnahmt. Dabei wurden 4 Behausungen wegen angeblicher Sicherheitsmängel aus dem Verkehr gezogen. Trotz dieser Polizeiaktion blieben die Teilnehmer der Wagentage allerdings besonnen und ließen sich nicht provozieren.(15)

Aber eines ist für die Zukunft sicher: Das Konzept der parteienübergreifenden - sog. "Kreuzberger Linie", wonach bestehende Wagendörfer Bestandschutz haben und neue Wagendörfer auf keinen Fall geduldet und sofort geräumt werden sollen, steht weiterhin auf wackeligem Boden. Denn die CDU betreibt laut Senatsbeschluß vom Juli 1996 die Räumung aller Wagendörfer im Innenstadtbereich und will diese allenfalls in den Stadtrandgebieten dulden. Dabei wird mit allerlei markigem Stammtisch-Gegröhle nach altbewährter Taktik versucht, Stimmung gegen eine integrative Politik zu machen.

"Ich bin nicht bereit, in dieser Stadt rechtsfreie Räume bzw. vom Senat hingenommene rechtswidrige Zustände zu dulden. Das Vertrauen der Bevölkerung in einen demokratischen, starken und handlungsfähigen Staat darf nicht dadurch beeinträchtigt werden, daß die Politik es kleinen, radikalen und kriminellen Außenseitergruppen gestattet, daß Bild und das innere Klima dieser Stadt zu bestimmen.... Ich glaube, es wäre richtig, wenn die Wagenburgbewohner sich mit der Frage befassen würden, wie sie ihr Leben in Zukunft gestalten. Entweder in Berlin außerhalb der Wagenburg oder außerhalb Berlins in Wagenburgen." (16)

Und auch der Fraktionsvorsitzende der CDU, Klaus Landowsky, legt noch nach und typisiert die Wagendörfler pauschal als "Kriminelle, Asoziale und sonstige unnormale Menschen, die ihre Daseinseinberechtigung höchstens auf isolierten Stadtgütern in der Mark Brandenburg fristen dürften".(17)

Und weiter: "Es ist nun einmal so. daß dort, wo Müll ist, Ratten sind und daß dort, wo Verwahrlosung herrscht, Gesindel ist".(18)

So wird es wohl also bleiben, wie es ist: Die Wagendörfer sind aufgeteilt und sozial sortiert in "gute und böse". Die einen bilden mittlerweise halbwegs funktionierende Gemeinschaften mit stabilen sozialen Strukuren, die anderen -die Outlaws- vagabundieren mit ihren Wagen weiterhin durch die Stadt, campieren dort, wo es möglich ist (und sie gelassen werden), immer von Räumung und Verleumdung bedroht, ohne je eine Chance zu haben, die sie aber zum Teil aber auch gar nicht mehr wollen.


3.5.2. OLDENBURG 3.5.2.1. Der Initiativkreis "Wagendorf"

Die Geschichte der Oldenburger Wagendorfidee begann im wesentlichen Ende der 80er Jahre.
Zu der Zeit gab es nur im Oldenburger Umland (Ostfriesland, Ammerland, Wardenburg, Oldenburg-Land) einzelstehende, ländlich orientierte Wagenbewohner. Auf Grund persönlicher Kontakte (19) entwickelte sich im Laufe der Zeit eine kleine, ca. 15 - 20 Kopf starke Gruppe von Menschen, die über die reine Wohnform hinaus überlegte, ein Wagendorfprojekt in die Wege zu leiten. Dabei war allen gemeinsam, eine neue Form des Zusammenlebens zu entwickeln, die die Autonomie des einzelnen erhalten und mit den Vorteilen einer Solidaritäts-Gemeinschaft verbinden sollte. Eine Form, wie sie sie in der sonstigen Gesellschaft nicht gefunden hatten und sie auch nicht in der (zu der Zeit schon im Niedergang befundenen) alternativen Kommune- und Land-WG-Bewegung wiederfinden konnten.

Zu der Zeit hatten alle "sichere" Stellplätze, so daß in Ruhe geplant und überlegt werden konnte, wie und vor allem wo solch ein "Dorf auf Rädern" verwirklicht werden könnte.

Im Laufe der folgenden Monate wurde als erster Schritt ein "Verein für alternative Wohnkultur - Initiativkreis Wagendorf" (20) gegründet und das Projekt-Vorhaben auf verschiedenen Veranstaltungen innerhalb der sog. "Oldenburger Szene" vorgestellt, wobei das Vorhaben immer wieder auf ein reges Interesse stieß. (21)

Im weiteren wurde ein Arbeits- und Diskussionspapier (22) entwickelt, welches in folge eine theoretische Grundlage für weitergehende Kontakte und Gespräche mit Vertretern von Parteien (insbesondere die der "GRÜNEN" als vermittelnde Lobby) und Repräsentanten der Oldenburger Universität als potentiellem Landgeber darstellte.

Als die für eine erfolgreiche Umsetzung erforderlichen Basisfaktoren wurden u.a. genannt:

1. Bereitstellung eines geeigneten Geländes auf universitärem Boden,

2. die Lage und Bodenbeschaffenheit,

3. die Größe des Geländes, davon abhängig die Maximalanzahl der Wa- gen (ausgehend von 20 - 30 Wagen für dementsprechend viele Bewohner),

4. die politische Durchsetzbarkeit (evt. über eine Gesetzesinitiative zwecks Legalisierung durch die Partei der GRÜNEN im nieders. Land tag oder zumindest auf der Ebene einer langfristigen Duldung durch städtische Administrationen),

5. Bereitstellung der nötigen Infrastruktur (Strom- und Wasseranschluß etc.) durch die Universität und Studentenwerk,

6. unterstützende Maßnahmen durch Lehrende und Studentenschaft, ge- rade auch in Hinblick auf einen möglichen von der Universität interdis- ziplinär begleitenden und zukunftsweisenden Modellcharakter.

Desweiteren war ein detaillierter Plan in das Projektpapier eingearbeitet, der allen Beteiligten die für die Umsetzung notwendigen Handlungsstränge aufzeigte.

Mit diesem Theoriepapier ausgerüstet wurde dann im weiteren mit Vertretern der oben benannten Organisationen diskutiert, sondiert und wieder diskutiert.

Allerdings war der Druck seitens der Initiativgruppe viel zu gering, als daß die schwerfälligen, bürokratischen Strukturen hätten aufgebrochen werden können und wenn auch das Vorhaben im großen und ganzen auf eine positive, aber auch unverbindliche Resonanz stieß, ergab sich doch keine praktische Umsetzung der Wagendorfidee.

Hinzu kam, daß einige der Initiativler, z.T. aus Frust über die allgemeine Schwerfälligkeit der Verhandlungen oder aber, weil sie ganz einfach wegzogen, die Gruppe verließen. Und das "Projekt Wagendorf" versandete still und leise.

Als spätes Resümee läßt sich vielleicht festhalten, daß die Gruppenmitglieder, - wären sie zu der Zeit gezwungen gewesen, ihren jeweiligen Stellplatz zu verlassen und demzufolge ohne eine wohnungsbedingte Existenzsicherung gewesen -, sehr wohl den nötigen Drück hätten ausüben können, der notwendig gewesen wäre, das Projekt durchzusetzen. So blieb es der "nächsten Generation" vorbehalten, einen Wagenplatz zu erstreiten; wenngleich die Beweggründe und Motive auch nicht ohne weiteres zu vergleichen sind. (23)


3.5.2.2. Das Bauwagendorf "Blöder Butterpilz":
3.5.2.2.1. Eine Chronologie der Ereignisse

Ende April 1992 bauen sich 5 junge Leute Bauwagen aus und besetzen am 4. September 1992 eine Brachhalde hinter dem Oldenburger Stadthallenkomplex, der sog. "Weser-Ems-Halle". Die "Wagenmutigen", wie sie sich anfangs selbst betiteln, haben den Anspruch, "im heutigen Zeitalter des Konsums und der Wegwerfmentalität ökologischer leben und zu versuchen, das Leben auf das Wesentliche zu reduzieren". (Flugblatt) Ein weiterer Anspruch der Gruppe ist das gemeinsame Leben miteinander denn:

"Es ist unmöglich, einen menschenwürdigen,geschweige denn bezahlbaren Lebensraum für mehrere Menschen zusammen zu finden. Dies ist unser Weg zu einem Lebensraum ohne Beton, kahle Flure und abgeschlossene Türen, hinter denen die Anonymität wohnt".(24)

Obwohl diese Wohn- und Lebensform ja schon in anderen Städten mehr oder weniger toleriert wird, stoßen die Wagenleute auf starke Ablehnung innerhalb der Stadtverwaltung.
Noch im gleichen Monat (21.09.) müssen sie den Platz räumen und ziehen (nach einem kurzfristigen Asyl beim Studentenwohnheim in der Otto-Suhr-Str.) am 10. Oktober '92 auf ein der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (GSG) gehörende Brachlandgelände an der Cloppenburger Straße. Der Oberbürgermeister von Oldenburg und Geschäftsführer der GSG, Holzapfel, bietet den Wäglern einen Nutzungsvertrag für das Gelände an. Da dieses Grundstück jedoch in einem sog. Landschaftsschutzgebiet liegt, wird der Vertrag zum 15. Januar 1993 gekündigt und ein Ausweichplatz außerhalb der Stadt in Aussicht gestellt. Da dieser von den Wäglern jedoch als in jeder Hinsicht völlig ungeeignet angesehen wird, besetzen sie kurzerhand am 11. Febr. '93 ein städtisches Brachland im Stadtnorden und richten sich dort provisorisch ein. Die Größe der Gruppe steigt dabei auf 11 Menschen an (6 Frauen und 5 Männer, alle Anfang bis Mitte 20 Jahre jung), die in 13 Wagen leben.
Die Gruppe nennt sich nunmehr "Wagenplatz Blöder Butterpilz". Aber auch dort wird ihnen auf Grund von Anwohnerbeschwerden und erneuten Räumungsklagen seitens der Stadt wegen Verletzung des Eigentumrechts und Verstoß gegen diverse Bauordnungsvorschriften das Leben schwer gemacht. Trotz diverser Öffentlichkeitsaktionen und Selbstdarstellungen seitens der "Butterpilze" kommt es zur Räumungsklage nebst einer Reihe von gegen die einzelnen Wagenbewohner gerichteten Räumungsprozessen.
Einer angedrohten Zwangsräumung kommen die Wagenbewohner allerdings zuvor, indem sie "freiwillig" am 08. Oktober den Platz verlassen und sich (nach einer Demonstration mit allen Fahrzeugen und der gesamten Habe quer durch die Stadt) auf einem Parkplatz der Carl-von-Ossietzky-Universität niederlassen. Aber auch die Uni-Leitung verlangt einen sofortigen Abzug des Bauwagenkonvoys, - trotz Intervention von Professoren, Lehrenden der UNI, des Studentenwerkes und (leider nur verhaltener) Solidarisierung seitens der Studentenschaft -, der die "Butterpilze" allerdings nur insoweit nachkommen, in dem sie zwar den Parkplatz, nicht aber das Uni- Gelände verlassen.

Nach weiteren Verhandlungen mit der Stadt, der Uni und dem Studentenwerk als Mittler wird eine allgemeine Duldung bis zu einer möglichen endgültigen Lösung erreicht. So darf die Bauwagengruppe erst einmal bis zum April 1994 auf einem Parkplatz auf dem Gelände der naturwissenschaftlichen Fakultät in Wechloy verbleiben. Dann aber widerruft der Uni-Präsident unter Bezugnahme auf zwingende universitäre Belange ("der Parkraum werde dringend benötigt") jede weitere Duldung und verfügt zum 15. 04. 1994 eine ultimative Räumung, der sich (überrascherweise) die Wagengruppe fügt, 2 Tage später unter allerlei Tamtam abzieht und auf einem Privatgrundstück am westlichen Standrand Asyl findet. Aber auch dort eskaliert die Situation schnell. Auf Grund von allgemeinen baurechtlichen Gesetzen (25) wird schon am 26. April das Wagendorf unter massiven Polizeieinsatz geräumt, wobei 30 Personen vorläufig festgenommen, sieben Bauwagen und vier Trecker beschlagnahmt undbei einer Spedition untergestellt.(26) Daraufhin errichten dieWägler eine Mahnwache vor dem städtischen Rathaus, die allerdings noch am selben Abend von der Polizei geräumt und die aufgestellten Zelte zerstört werden. Trotzdem wird die Mahnwache fortgesetzt. Da die Wagen weiterhin beschlagnahmt sind, kommen die Bewohner vorerst bei Freunden unter.

Im Mai 1994 gründen die Wagenleute mit Unterstützung von Pu Schröder, einem ausgewiesenem Kenner der Alternativs- und Kommunebewegung und aktivem Sympathisanten der Bauwägler und dem Oldenburger Universitäts-Professor Nitsch einen "Verein zur Förderung selbstbestimmten Lebens e.V., der von nun ab die Wägler in der Öffentlichkeit vertreten und auch die Verhandlungen mit der Stadt führen soll. In Folge bestimmt der Verein eine Verhandlungsdelegation, in der Nitsch und Schröder mit jeweils zwei wechselnden Vertretern der Wagenbewohner auf die Genehmigung eines Platzes hinarbeiten.
Stärkster Widersacher und stete politische Bremse ist hierbei der Oldenburger Oberstadtdirektor Wanscher, der, Hamburger-Hafenstraßen-Verhältnisse fürchend, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, einen Wagenplatz zu verhindern.

Am 19. Juni '94 verschaffen sich die Wagenleute während einer Solidaritäts-Demonstration Zugang zu dem (Klärwerks-)Gelände, auf dem die beschlagnahmten Wagen stehen und beziehen kurzerhand ihre Wohnwagen. Unter erneutem Hinweis auf die Gesetzeslage (Einbruch, Hausfriedens- und Siegelbruch) erstattet die Stadt Anzeige und läßt am 1. Juli erneut räumen. Die Wagen werden durchsucht und einige der Besetzer erkennungsdienstlich behandelt.

Mit den restlichen zu Verfügung stehenden Wagen wird ein kleiner Parkplatz in der Nähe des Klärwerksgeländes besetzt, auf dem sie vorerst von der Stadt toleriert werden

Ende September '94 ziehen die Wägler (nach erneuter Räumungsandrohung und einem "kurzen Abstecher" bei der Bezirksregierung, wobei sie Unterstützung durch Vertreter anderer bundesdeutschen Wagendörfer bekommen und eine Resolution überreichen) auf den Parkplatz am Arbeitsamt (Stau). Den Winter verbringen sie schließlich in mittlerweise neu beschafften Wagen auf einem kleinen Parkplatz am Drielaker See am östlichen Stadtrand Oldenburgs, weitestgehend von der übrigen Anwohnerschaft toleriert und harrren der Dinge, die da noch kommen mögen.

Unterdessen scheint sich gleichwohl eine politische Lösung (in bezug auf einen legalisierten Bauwagenplatz) innerhalb der Ratsversammlung abzuzeichnen und die Ratsmehrheit von SPD und GRÜNE beschließen am 26.05.1994, die Stadtverwaltung anzuweisen, einen geeigneten Platz zuzuweisen. Diese wiederum (unter Federführung von Wandscher) verweist auf die allgemeine Gesetzeslage - insbesondere führt sie erhebliche baurechtliche Bedenken an - und verweigert dem Rat in dieser Sache die Zustimmung. Allerdings gelingt es - wenn auch nach zähem und zermürbendem Verhandlungsmarathon (und einer intensiven Vor- und Mitarbeit seitens der GRÜNEN und der Oldenburger Linke (OLLI),die als Einzige der im Rat vertretenen Parteien bereit waren, sich für die Wagenburgler einzusetzen), Wandscher mit einem selten angewandten Verfahren auszuschalten:
Der Verwaltungsausschuß (VA) verfügt, daß nur noch die einzelnen Dezernenten direkt vom VA Anweisungen erhalten und auszuführen haben. Dadurch wird Wanscher übergangen. Zudem bestätigt die Bezirksregierung Weser Ems die Auffassung des Rates bezüglich der Beschlüsse vom 16.05.1994 und 31.10.1994 und verwirft einen daraufhin erfolgten Widerspruch Wandschers.

Aus der Entscheidungverfügung: (27) Gemäß 65 Abs. 2, Abs. 1 Satz 5 in Verbindung mit 130 Satz1 NGO kann die Kommunalaufsichtsbehörde Beschlüsse einer Gemeinde beanstanden, wenn sie das Gesetz verletzen. Ob die Kommunalaufsichtsbehörde einen als rechtswidrig erkannten Beschluß beanstandet, liegt in ihrem Ermessen. Grenzen des Ermessens sind zum einen das öffentliche Wohl und zum anderen das Gebot des 127 NGO, die Aufsicht so zu handhaben, daß Entschlußkraft und Verantwortungsfreude der Gemeinden nicht beinträchtigt werden. (...) Trotz der Rechtswidrigkeit des Beschlusses vom 31.10.1994 sehe ich von einer Beanstandung ab. Dabei gehe ich davon aus, daß entsprechend dem Ratsbeschluß vom 16.05.1994 in Anwendung des 50 NBauO die baurechtlich unverzichtbaren Anforderungen des 1 Abs. 1 NBauO insbesondere die vorgeschriebene Ver- und Entsorgung der Wagenburg-Bewohner auf dem Gelände am Stau sichergestellt werden und die Nutzungsdauer zeitlich befristet wird. Die danach verbleibenden baurechtlichen Verstöße halte ich nicht für so gravierend, daß ein Einschreiten der Kommunalaufsicht geboten erscheint. Dabei habe ich berücksichtigt, daß sich die Stadt Oldenburg seit mehr als 2 Jahren mit der Problematik auseinandersetzt, ohne daß eine befriedigende Lösung gefunden wäre und daß ähnliche Projekte in zahlreichen Städten der Bundesrepublik Deutschland gedultet werden. Beispielsweise haben die Städte Hannover und Frankfurt mit Wagenburg-Bewohnern Gestattungsverträge über die Nutzung städtischer Flächen abgeschlossen. Diese Verfahrensweise dürfte von der Überlegung bestimmt sein, daß von Wagenburg-Bewohnern die grundsätzlichen baurechtlichen Anforderungen noch am ehesten auf städtischem Gelände wegen der gegebenen Einwirkungs- und Kontrollmöglichkeiten erreicht werden können. (...) Die verfassungsrechtlich gewährleistete Eigenverantwortung der Gemeinde eröffnet der Stadt Oldenburg in der gegebenen Situation also Spielräume, die von der Kommunalaufsicht nicht strikt eingeschränkt werden dürfen. Diesem Ergebnis entspricht auch die Rechtslage des 89 NBauO, wonach die Bauaufsichtsbehörde beim Vorliegen besonderer Umstände baurechtswidrige Zustände tolerieren kann. (...) In diesem Zusammenhang weise ich darauf hin, daß ich als oberste Bauaufsichtsbehörde keine Einwände erheben werde, wenn der Beschluß des VA umgesetzt und die Nutzung des Geländes am Stau durch die Wagenburg-Bewohner vorrübergehend geduldet wird. Nach alldem war der Beschluß des Verwaltungsausschuss vom 31.10.1994 nicht zu beanstanden.

Im Laufe diverser Verhandlungen zwischen dem Verein und den Vertretern der Stadt wird inzwischen ein 1600 qm großes Gelände am ehemaligen Schlachthof am Stau favorisiert und zusammen mit dem Rat der Stadt ein Vertrag ausgehandelt, der, trotz verschiedenster Beschränkungen und Auflagen (z.B. Beschränkung der Wagen auf maximal 12 Wohn- und 5 Gemeinschaftswagen und einer Wohngruppengröße von 15 Personen sowie diverser Auflagen bezüglich sanitärer Anlagen, Nachtruhe, Verkehrssicherheit, Haltung von Haustieren, Besucher- und Gästeregelung etc. und einem Pachtzins von 1000,--DM /Monat) von allen Vertragsparteien gebilligt und dem sich, nach langem Hin- und Her und wiederholter (nunmehr aber vergebliche) Intervenierung bei der weisungsberechtigten Bezirksregierung (s.o.) schlußendlich auch die zuständige Oldenburger Verwaltungbehörde anschließt.

Seit dem Mai 1995 wohnen die "blöden Butterpilze" - nachdem auch die beschlagnahmten Wagen wieder freigegeben worden sind (28) verhältnismäßig unbehelligt auf ihrem Wagenplatz, wenn auch nur jeweils auf ein Jahr befristet. Da aber auch dieses Gelände Teil einer allgemeinen Stadtsanierungsphase ist, ist eine erneute Auseinandersetzung um passenden Wohnraum allerdings vorprogrammiert.


3.5.2.2.2. Die Bewohner und das Projekt-Seminar an der C.v.O.-Universität Im Umfeld der Auseinandersetzungen um einen geeigneten Standort für das Wagendorf-Projekt der "Blöden Butterpilze" wurde von verschiedenen Unterstützern und Sympathisanten überlegt, wie eine mögliche Unterstützung aussehen könnte.
Da traf es sich, daß - durch den vorrübergehenden Aufenthalt an der C.v.O.-Universität bedingt - neben der Studentenschaft auch einige Professoren und Lehrende auf den nun offen zutage getretenen Konflikt aufmerksam wurden.
Einer von ihnen, der Oldenburger Professor Wolfgang Nitsch, machte dieses Problemfeld im folgenden zum Thema eines Projekt-Seminars, um so einerseits seine persönliche Solidarität zu bekunden und andererseits auch eine seriös-wissenschaftliche Grundlage aufzubauen und vielleicht durch das so geschaffene, objektiv neutrale, Forum gewisse Schwellenängste der an diesem Konflikt Beteiligten abzubauen.
Es sollten Vetreter der beiden Streit-Parteien zu Wort kommen, Fachleute aus den Bereichen des Verwaltungs- und Baurechts eingeladen werden, und auch die im Oldenburger Stadtrat vertretenen Parteien sollten zu Wort kommen, damit so die verschiedenen Streitpunkte auf mögliche Gemeinsamkeiten abgeklopft und vielleicht bestehende Animositäten beigelegt werden könnten.

Leider war die allgemeine Resonanz auf diese Ankündigung sehr verhalten und nur wenige Interessierte fanden den Weg zu der Veranstaltung und bis auf einen Vertreter der Partei der Oldenburger Linken (OLLI), Reinhold Kühnrich, und dem schon erwähnten Pu Schröder, fühlte sich anscheinend niemand von der Problematik angesprochen. Aber auch die Hauptbetroffenen selbst, die Bewohner des Wagendorfes, reagierten eher spröde ob diesem Interesse an ihrer Person und blieben peu à peu weg. So blieb denn in Folge der Kreis der Teilnehmenden auf einige wenige - nicht im Wagen lebende - Studenten beschränkt und die im Seminar gewonnenen Ergebnisse und Erkenntnisse blieben, ohne eine praktische Umsetzung erfahren zu haben, im universitären "Elfenbeinturm" hängen.

Das vorliegende Interview, entstanden bei einem Besuch des Wagendorfes im Mai, wurde nicht von uns, sondern von anderen Teilnehmern des Seminars geführt und protokolliert. Nichtsdestoweniger haben wir uns entschieden, dieses Intervierw-Protokoll aufzunehmen, da unsere persönlichen Kontakte zu den Bewohnern des Wagendorfes eher unterkühlter Natur waren (und sind). Vielleicht deshalb, weil uns, den "Wissenschaftsknechten" ein gewisses "Verwertungsinteresse" unterstellt worden ist und ihnen der von uns vorgelegte Fragebogen als äußerst dubios und unangemessen erschien.


Besuch bei den Bewohnern des Wagendorfes "Blöder Butterpilz", Oldenburg, 1995

Frage: Wie bist Du dazu gekommen, im Wagen zu leben?

Frau, A.,:
Ich habe zwei Jahre alleine gewohnt in einer zu teuren Wohnung ge wohnt, aber eigentlich wollte ich nie alleine wohnen. Ich habe dann mit sechs Leuten ein Haus gesucht, wir haben aber keines gefunden. Wir haben dann in Kassel auf einem Wagenplatz gepennt, das fand ich völlig klasse. Eine andere Gruppe in Oldenburg hat gleichzeitig (September 1992) Plätze besetzt...Wir sind dann auf die Leute zugegangen, und die, die Lust hatten (vier Leute) sind dann dort hingezogen. Insgesamt war es die Unzufriedenheit mit dem Wohnungsmarkt, die Schwierigkeit, mit vielen ein Haus zu finden und, daß es mir wichtig war, mit vielen Leuten zusammen zu wohnen.


Frage: Wie haben Deine Eltern reagiert?

Frau, A.:
Sie haben es als Spinnerei abgetan, aber mich weiterhin finanziell unterstützt.


Frage: Wie seid Ihr beiden anderen dazu gekommen, im Wagen zu wohnen?

Mann, A.,:
Angefangen hat es mit Hausbesetzungen (1991), wo wir immer sofort wieder geräumt worden sind. Die Gruppe hat sich dann aufgeteilt; ein Teil der Gruppe ist nach Süddeutschland gereist und hat dort Wagenburgen in Stuttgart und Tübingen kennengelernt. Ein Grund für die Wagenburg in Oldenburg war für uns auch, hier politisch Stunk zu machen. Nach einer Hausbesetzung wollten wir auf die katastrophale Wohnungsmarktsituation aufmerksam machen, wer alles daran verdient und damit, plump gesagt, warum der Kapitalismus scheiße ist. Das ließ sich mit der Wagenburg nicht mehr so gut verkaufen. Wir haben uns dann eine neue Strategie überlegt: weiterhin auf die Wohnungsnot aufmerksam zu machen und den ökologischen Aspekt des Wagenlebens hervorzuheben, was aber nicht mehr so allgemeingültig war. In der Zwischenzeit finde ich Wagenburgen wegen dem ökologischem Aspekt besser.


Frage: Was ist aus dem anderen Teil der Gruppe geworden?

Mann, A.,:
Der andere Teil der Gruppe hat sich sozusagen ein Haus "erschlichen". Die sind in ein Haus gezogen, das abgerissen werden sollte, für das es aber keine Abrißgenehmigung gab. Dafür gab es einen Mietvertrag und in den haben sie sich dann eingeklinkt.

X,: Ich wohne noch nicht richtig in der Wagenburg, möchte aber hier einziehen. Mir ist es wichtig, Alternativen zu leben. Früher habe ich bei Hausbesetzungen mitgemacht. Ich will mit Leuten leben, mit denen ich den Alltag teilen und Politik machen kann. Wagen haben mich schon früher fasziniert. Seit Sommer 1994 habe ich mich aktiver bei wagenburgpolitischen Geschichten eingeklinkt. Das war viel Bürokratiekrieg. Jetzt richte ich mir gerade einen Wagen ein.


Frage: Wer wird bei Euch aufgenommen, gibt es dafür Bedingungen?

Frau, A.,:
Das ist bei uns ähnlich wie bei einer WG mit politischem Anspruch. Natürlich ist viel persönliche Sympathie dabei, aber es ist auch wichtig, daß nicht ständig über grundsätzliche Sachen diskutiert werden muß.

Mann, A.,: Es ist auch wichtig, daß die Leute bereit sind, sich mit Streß mit der Stadt oder Streß mit Faschos auseinanderzusetzen.

Frau, A.,: Ich habe im Moment immer weniger Lust auf Leute, die anders drauf sind, obwohl man von denen auch immer etwas lernen kann. Ich habe im Moment auch keine Lust auf Kinder. Ich habe mich eigentlich erst durch die Wagenburg richtig politisiert. Wir leben hier nach dem Konsensprinzip und herrschaftsfrei. Ich habe gerade das Gefühl, daß es bei uns einen Widerspruch zwischen dem, was nach außen getragen wird, und dem, was gelebt wird, gibt. Zum Beispiel konnten wir uns wegen dem Streß mit der Stadt wenig um ökologische Sachen wie Kompostklo oder Windrad kümmern.


Frage: Inwieweit ist die Konsensfindung nach rechts und links offen? Wie absolut ist der Konsens? Wo fängt die Privatsphäre an?

Frau, A.,: Für das, was alle betrifft, muß eine Lösung gefunden werden, mit der alle leben können. Wir haben keine Lust aufs Mehrheitsprinzip.


Frage: Betrifft der Konsens nur das Leben hier ( die Gemeinschaft ), oder generell die politische Meinung?

Frau, A.,:
In der Wagenburg nur das Zusammenleben. Selbstverwaltung ist halt tierisch anstrengend, in Drielake war es einfacher, da hatten wir nur sieben Leute. jetzt ist es halt schon schwierig, einen Termin zu finden - bei 15 Wagen.


Frage: Werden auch Leute rausgeschmissen?

Mann, A.,:
Ja, wir haben auch schon Leute rausgeschmissen. Zum Beispiel, als Räumung war, hat sich rausgestellt, daß alle mit einer Person Schwierigkeiten hatten. Die mußte dann gehen.

Frau, A.,: Nochmal zum Konsensprinzip. Das ist zwar anstrengend, aber es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, wenn ich etwas nicht haben kann, dann läuft das auch nicht.

X: Ich habe schon mal mit zehn Leuten in einer WG gelebt, wo wir sehr schlechte Erfahrungen mit dem Mehrheitsprinzip gemacht haben. Das Konsensprinzip ist für mich keine Schwierigkeit, sondern eine Lösung. Es muß halt gelernt werden.


Frage: Gibt Euch das Konsensprinzip das Gefühl von Zusammenhalt und Stärke? Ist die Wagenburg für Euch so etwas wie eine Ersatzfamilie?

Mann, A.,:
Klar ist es eine Ersatzfamilie. Es ist wichtig, Kulturen zu schaffen, die Ersatzfamilien sind. Also ist es wichtig, gemeinschaftlich zu leben. Was hier doof ist, ist, daß es nur eine Generation gibt. Aber dann ist es natürlich noch schwieriger, alle Bedürfnisse unter einen Hut zu kriegen.


Frage: Habt Ihr in anderen Wagenburgen mehrere Generationen gesehen?

Mann, A.,:
Ja, da wohnen auch Leute, die um die 30 sind, und natürlich Kinder.

Mann, R.,: In Berlin, in der Potse, wohnen viele 30-40-50-jährige. Da sind dann z.B. auch BeamtInnen (LehrerInnen) dabei, für die das ein Ausdruck von Lebensgefühl bedeutet. Die haben aber keine gemeinsame Strukturen, da kommt es eher zu "Grabenkämpfchen".


Frage: Wie war das bei Euch am Anfang, als Eure Gruppe mit der Gruppe in der Cloppenburger Straße zusammengezogen ist? Wurden da Regeln geschaffen?

Mann, A.,:
Das hat sich halt so ergeben. Es war gut, daß es mit denen zusammen ging. Die hatten halt kein Bock, auf zwei Wagenburgen auf einem Platz, und so waren wir von Anfang an eine Gemeinschaft. Ein Gemeinschaftswagen ist dabei sehr wichtig. Wir hatten von Anfang an eine gemeinsame Kasse, am Anfang hat sogar jede und jeder alles von ihrem/seinem Geld in eine gemeinsame Kasse getan. Das haben wir aber jetzt abgeschafft.


Frage: Warum?

Frau, A.,:
Das Gruppengefühl hat sich verschlechtert, und ich hatte das Gefühl, draufzuzahlen. Es gab halt Leute, die haben wenig eingezahlt und auch sonst nichts Großartiges gemacht. Das heißt, keine Gemeinschaftsarbeiten, nichts Politisches... Jetzt haben wir damit erst einmal aufgehört. Aber mit einer anderen Gruppe würde ich das gerne wieder so machen.

Mann, A.,: Ich nicht.


Frage: Habt Ihr dann eine Teilkasse?

Mann, A.,:
Ja klar, für Essen, Werkzeug, Platztechnik, Trecker, Klowagen etc. Bei einer Gemeinschaftskasse ist halt das Tolle, Du mußt Dir keine Gedanken um's Geld machen. Wenn halt keins mehr da ist, muß eben gespart werden. Andererseits hatt ich dann auch immer ein schlechtes Gewissen, ist das jetzt ok, wenn ich mir ein Snickers kaufe? Jetzt kann ich mir ohne schlechtes Gewissen ein Snickers kaufen.

Bei so 'ner Kasse gibt`s auch ganz schnell Streß. Es war halt auch immer die Frage, mache ich jetzt genug, oder zuviel, bin ich zufrieden, sind die anderen zufrieden... aber das ist halt das Prinzip der Anarchie. Du mußt eben lernen, das richtige Maß zu finden.

Frau, A.,: Für mich gab es auch persönliche Gründe, wieder eigenes Geld haben zu wollen. Ich wollte mal wieder ich selbst werden, und nicht nur Teil der Wagenburg sein.

Mann, B.,: Ich weiß, daß in Israel viele junge Leute keinen Bock mehr auf Kibbuz haben. Sie wollen nicht mehr so eingebunden sein, sondern mehr ihr eigenes Ding machen, das hat vielleicht ähnliche Gründe.


Frage: Gibt es eine festgelegte Arbeitsteilung?

Mann, A.,:
Leider gibt es bei uns eine ziemlich geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Das Gegenbeispiel ist eine Frau, die gerne an Autos schraubt, und ein Typ, der gerne kocht. Also ich bastele auch lieber, als Haushalt zu machen.


Frage: Macht jede/r, was sie/er kann, oder gibt es dafür einen Plan?

Mann, A.,:
Also müssen muß erst mal niemand. Es ist halt das Problem, daß wir in der geschlechtsspezifischen erziehung auf bestimmte Gebiete einfach besser vorbereitet werden, d.h., daß wir manche Sachen eben besser können.


Frage: Wird das als Problem diskutiert?

Frau, A.,:
Es gibt schon viele Diskussionen über die Arbeitsteilung. Es ist teilweise auch so, daß frauen sich technische Arbeiten ganz gerne abnehmen lassen. Ich selbst muß halt erst beim Ausprobieren einmal merken, daß Sachen gar icht so schwer sind. Zum Beispiel habe ich neulich zum ersten Mal meinen Wagen rangiert und gemerkt, daß es viel leichter ist, als ich dachte.


Frage: Wie aufwendig sind die Gemeinschaftsarbeiten, was gehört dazu?

Frau, A.,:
Zum Beispiel Trecker reparieren, Klohäuschen verschönern und der übliche Hauskram.


Frage: Kocht Ihr jeden Tag zusammen?

Frau, A.,:
Wir kochen schon oft zusammen, aber es gibt dafür keinen Plan. Wer Lust hat zu kochen, kocht und sagt den Anderen Bescheid.


Frage: Habt Ihr ein Kompostklo?

X.:
Die Stadt behauptet, ein Kompostklo sei nicht genehmigungsfähig. Das ist aber gelogen, denn es gibt schon genehmigte Kompostklos.


Einwand: Aber dann hattet Ihr doch ein schlagendes Argument für die Verhandlungen?

X.:
Die Stadt hat sich auf bestimmte Punkte überhaupt nicht eingelassen und unsere Argumente gar nicht angehört. Ein Punkt war eben Wasser- und Abwasserleitung. Die Stromleitung sollte mit dem Argument gelegt werden, daß das Wasserrohr im Winter nicht einfriert.


Frage: Wie ist das zahlenmäßige Verhältnis von Männern und Frauen?

Mann, A.,:
Das ist eigentlich rein zufällig immer gleich.


Frage: Gibt es Regeln für's Plenum?

Frau, A.,:
Anfangs haben wir immer Tagesordungspunkte gemacht und alles mitgeschrieben. Jetzt machen wir nur noch TOP's. Früher haben wir uns auch einmal am Tag zum Plenum getroffen. Jetzt nur noch alle 14 Tage.


Frage: Wie steht es um die Außenbeziehungen der Wagenburg? Gibt es da Ideen für die mittlere Zukunft?

Mann, A.,:
Wir haben verschiedene Sachen gemacht. Zum Beispiel eine Kundgebung, als die Wagenburg in Köln geräumt werden sollte, oder auf einer 1. Mai-Demo einen Redebeitrag gehalten. Es ist wichtig, viel zu machen, damit das, was wir bisher gegen die Herrschenden durchgesetzt haben, weiterhin möglich ist bzw. noch viel mehr.


Frage: Was steht konkret an?

Frau, A.,:
Eine "Freufeier". Bei der wollen wir einen Film zeigen, eine Gruppe will vielleicht Theater spielen etc. Außerdem wollen wir unsere Sachen archivieren. Aber nicht mehr auf Stellwänden, die gehen so schnell kaputt, sondern eher in Form eines Albums o.ä.


Frage: von wem braucht Ihr Hilfe/Unterstützung von außen?

Mann, A.,:
Hier auf dem Platz ist das einzige Problem die Kohle. Wir haben politisch nur erreicht, einen Platz mieten zu dürfen, dafür bezahlen wir einen überhöhten, politisch motivierten Preis. Leider haben wir nicht durchsetzen können, einfach so auf einem Platz stehen zu dürfen. Wir bräuchten finanzielle UnterstützerInnen für die Platzmiete.

Frau, A.,: Ich habe Schwierigkeiten, um Geld zu bitten, weil viele andere Projekte auch dringend Geld brauchen.

Prof.: In diesem Fall ist es eine politische Aktion, Geld zu fordern, keine Bettelei. Die Stadt verlangt einen politischen Preis, und es gibt genug Leute, die sich darüber ärgern. Von denen könnte praktische Unterstützung kommen (Lehrer, Uni-Dozenten, etc.)

X.: Für mich bedeutet praktische Unterstützung, daß viele Leute selbstbestimmt leben, viel selbstverwaltet gemacht wird. und so eine Gegenkultur geschaffen wird. Je mehr selbstbestimmtes Leben es gibt, desto "normaler" wird es. In Oldenburg sind selbstbestimmte Projekte einfach noch zu exotisch.

Prof.: Eine praktische Hilfe des Projekts könnte sein, Beweise zu sammeln, daß Kompostklos eine zulassungsfähige Entsorgung sind, und daß es sie an verschiedenen Orten auch schon gibt. Außerdem, daß sie mit dem Landschaftsbild vereinbar sind.


Da wir, wie schon angemerkt, so gut wie keinen persönlichen Kontakt zu den "Butterpilzen" aufbauen konnten, haben wir einen der beiden "Vermittler zwischen den Welten", Pu Schröder, zu den Vorgängen um die Oldenburger Wagenburg befragt:


Frage: Pu, Du hast die Wagenburg die ganze Zeit über begleitet. Wie ist deine Einschätzung in Bezug auf den Kampf um einen Wagen- platz und die letztlich erfolgreiche Legalisierung.

PU:
Der Erfolg beruht auf einem zähen Aushalten der Wagis gegenüber der Zermürbungstaktik der Stadtverwaltung, die mit allen Mitteln einen Platz verhindern wollte. Das artete schließlich zu einem persönlichen Krieg von Oberstadtdirektor Wanscher aus, der mit völlig überzogenen Mitteln die Wagis finanziell und juristisch fertig machen wollte. Die Polizeiaktionen und Beschlagnahmungen machten wir eindrucksvoll mit Flugblättern und Presseerklärungen öffentlich, so daß die Unverhältnismäßigkeit einer so kleinen Gruppe Andersdenkender gegenüber, die einfach nur versuchen, anders zu leben, allen Oldenburgern klar werden mußte.
Sie derart zu verfolgen, die Wagen zu beschlagnahmen und dadurch die Wagis in die Obdachlosigkeit zu zwingen, auch durch die entstandenen Kosten der Sicherstellung und Aufbewahrung, stellt eine rigorose Zermürbungstaktik dar, die viele Oldenburger und auch viele aus dem Rat gegen die Verwaltung aufbrachte. Weder Polizei noch Bezirksregierung wollten schließlich die überzogenen Maßnahmen weiter mittragen.
Der weitestgehende Erfolg war, daß der Verwaltungsausschuß eine Suspendierung Waschers von diesem Fall beschloß. Immerhin verfügt die Verwaltung über immenz viel Erfahrung und Professionalität, daß sie es meistens schafft, die Gegenseite zu zermürben und versucht, diese mit ungenügenden und tendenziösen Auskünften oder einem Verschweigen der jeweiligen Möglichkeiten und Rechte abzuwimmeln. Auch sind Informationswege zwischen NWZ, der Verwaltung und den sonstigen etablierten Interessengruppen eingefahren und schwer zu unterbrechen. Darauf haben wir uns eingestellt und mit Nitsch und den jeweiligen Wagis haben wir dem entgegengearbeitet und letztlich ja auch Erfolg gehabt.


Frage: Wie schätzt du die Arbeit der Wagengruppe politisch ein und wie politisch, meinst Du, versteht sich die Gruppe selbst.

Pu:
Zuerst einmal habe ich eine tiefe Achtung vor solch einem Engagemeint und dem Versuch, ein "Anders zu leben" zu wagen und dabei fast alles bisherige aufzugeben und fast bis zur Selbstaufgabe zu riskieren. Diesen Entschluß halte ich für eminent politisch. Leider wird von der linken Szene an solche Projekte ein viel zu hoher Anspruch gestellt, daß die Gruppe nicht nur Praxis und Alltag hinkriegen und die nötige Legalisierungsarbeit leisten, sondern sie sollen auch noch die soziologischen, politischen und weiß, was sonst noch für Analysen liefern, die dann entweder konsumierbar oder kritisierbar sind. Das sind unerfüllbare Ansprüche, die nicht zu leisten sind. Eine anfängliche Unterstützungseuphorie erlahmt schnell und die linke Szene wendet sich dann wieder neuen Themen zu. Sich darum auf eine langfristige solidarische Unterstützung durch eine linke Szene zu verlassen, halte ich für gefährlich. Der Bestand einer Wagenburg hier in Oldenburg ist schon für sich ein wichtiger politischer Faktor. Um das zu unterstützen, haben wir einen Verein gegründet der allgemein alternative Lebensformen unterstützen soll.

Ich sehe die Wagenburgen als Teil einer politischen Bewegung, das praktische Leben im allgemeinen anders zu organisieren als es sonst im konsumorientierten Alltag individuell möglich wäre. Wagenburg als eine Summierung individeller Versuche, innerhalb dieser Gesellschaft Auswege zu finden. Je mehr mitmachen um so mehr ändert das auch gesellschaftliche Strukturen.


Frage: Wie meinst du, sieht die "normale" Bevölkerung die Wagenbe wohner? Kann es einen Weg geben, so daß ein entspanntes Verhältnis zwischen den Bürgern und den Wäglern entsteht? Wie könnte dies aussehen?

Pu:
Das schwankt zwischen Ablehnung von Störungen und Gesetzesübertretungen und einer vorsichtigen Toleranz, wobei unsere Monopolzeitung ein bestimmender Faktor ist, mit dem zu arbeiten wohl überlegt sein will. Wichtig ist es auch, staatstragende Interessengruppen wie Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, Bürgervereine nicht vor den Kopf zu stoßen, sondern über aufgeschlossene Mitglieder Verständnis hineinzutragen. Wir sollten keine Übereinstimmung sondern Toleranz anstreben für alle Formen alternativen Lebens. Das gelingt mit einer guten Offentlichkeitsarbeit, die es dem Normalbürger ermöglicht, Verständnis für unsere Ziele - in diesem Falle die Legalisierung einer anderen Wohnform - aufzubringen.


Frage: Wie würdest Du die innere Struktur in einem Wagendorf /burg definieren? Ist es eine eher homogene Gruppe mit einem ge- meinsamen Ziel (Stichwort: Kommunebewegung) oder doch eher eine Ansammlung von einzelnen Individuen, die nur zeit- weise den selben Weg haben, aber ansonsten eigene Ziele?

Pu:
Nach meinen Beobachtungen gibt es Wagenburgen, die Sammelsurien von einzelnen Individuen darstellen, die nicht mehr miteinander zu tun haben wie z.B. eine Zweckwohngemeinschaft mit einem gemeinsamen Flur. Einigkeit und gemeinsame Ziele werden nur durch den Druck von außen bestimmt. Andere Wagenplätze sind themenbezogen wie Frauenplätze und vegane Lebenseinstellungen. Andere werden von Bewohnern bestimmt, die ganz bewußt nicht in den üblichen Formen dieser Gesellschaft leben wollen und darum alle Mitbewohner in Gespräch und Praxis einbeziehen.

Als die ersten Wohngemeinschften zusammenfanden wurden sie von allen mit viel zu hohen Erwartungen befrachtet und jeder machte die anderen verantwortlich, wenn es sich dann nicht so entwickelte, wie sie es sich vorstellten. Dazu waren fast alle so erzogen, daß Mutti alles regelte, säuberte und wegräumte und Vater zahlte und das versuchte jeder einzelne den anderen aufzubürden. Daher früher diese endlosen Sitzungen, die meist beim Abwasch anfingen und bei der Wäsche endeten. Wagis sind meistens da schon durch. Aber dominantes Verhalten und die immer individueller werdenen allgemeineren Lebensformen machen ein tolerantes Zusammenleben nicht einfach.


Frage: Ist das Leben im Wagen ein Modell für eine von mehreren mögli chen Gegengesellschaften, oder ist dies von vornherein zum Scheitern verurteilt?

Pu:
In einer Wagenburg zu leben, ist zuerst der individuelle Entschluß jedes einzelnen, anders leben zu wollen. Das kann bei einzelnen Wagenburgen einhergehen mit einer klaren politischen Forderung, muß es aber nicht. Diese unsere Gesellschaft ist eine höchst innovative und neigt dazu, neue Strömungen zu integrieren, zu vereinnahmen und aufzusaugen in einen gesellschaftlichen Konsumeinheitsbrei. Sich dagegen zu wehren, bedarf es eines politischen Bewußtseins und einer guten Analyse, was wir eigentlich machen und wohin wir uns entwickeln und ob wir das so wollen.
Wenn unser Widerstand gegen diese Gesellschaft effektiv wird und gleichzeitig konfrontativ, kann der Vereinnahmungsversuch auch ins Gegenteil umschlagen in Verbot und Kriminalisierung. Das kann mit Versuchen einhergehen, zu spalten in Gutwillige und Integrierbare und Böse und Kriminelle. Das war besonders bei der Hausbesetzerszene zu beobachen. Wir können uns unter diesen Aspekten nur zu einer effektiven Bewegung entwickeln, wenn wir unsere Phantasie und unsere gesellschaftliche Analyse entwickeln, uns in der Praxis nicht unserer Utopie entfremden und uns nicht als Gruppe vereinzeln und isolieren sondern als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zu einer solidarischen, freien und ökologischen Lebensform kommen.

Ich unterstütze die Wagenburg in Oldenburg, weil ich sie auf diesem Weg sehe. Nicht umbedingt geradeaus sondern wie jede menschliche Entwicklung als eine Summe der Entwicklung aller Beteiligten in einem individuellen Lernprozeß.


3.5.3. BREMEN

3.5.3.1. Weidedamm III (29) : Die Geschichte der Bremer Wohn- und Bauwagensiedlungen ist eng verflochten mit der allgemeinen Klein- und Schrebergartenbewegung. Nach dem Ende des Krieges, 1945/46, gibt der damalige Bremer Oberbürgermeister Kaisen das 26 ha große Kleingarten- und Parzellengebiet am Weidedamm zum freien Siedeln frei, wodurch dem Wohnungsmangel im zerstörten Deutschland im allgemeinen begegnet, und die direkte Wohnungsnot in der zerstörten Hansestadt im besonderen gelindert werden soll. Viele Wohnungssuchende, sowohl Flüchtlinge als auch wohnungslose Bremer machen davon Gebrauch und schaffen sich so einen neuen, festen Wohnsitz. Damit wird aus dem bislang reinen Kleingartengebiet ein Wohn- und Freizeitmischgebiet.

Nach diversen Zerstückelungen des Gebietes im Laufe der folgenden Jahrzehnte zwecks Umwandlung in reine Wohnsiedlungen bleibt letzlich ein ca 16 ha großes Gebiet über, der sog. "Weidedamm III". Neben den alteingesessenen Parzellisten siedeln ab der Mitte der 80er Jahre auch Wohn- und BauwagenbewohnerInnen am Weidedamm III. Insgesamt leben Anfang der 90er ca. 150 - 250 Menschen in dieser selbstgeschaffenen sozialen Nische. "Ökos", die nach dem Leben im Rhythmus der Natur suchen, Alte "Kaisenbewohner", Studenten, Wohnungslose, die sich hier eine neue Perspektive erhoffen etc. Ca 50 Bau- und Zirkuswagen, eingebettet in die Schrebergartenidylle, runden das Bild ab. Als 1992 Pläne zur endgültigen Umgestaltung des Geländes in ein reines Wohngebiet Gestalt annehmen, gründen einige der betroffenen Bewohner den "Verein Grüner Weidedamm", der sich für den Erhalt dieses "Experimentes des sozial-ökologisches Zusammenlebens" (GRÜNE) einsetzen will.
Vergebens. Nach 2 jährigem, teils erbittertem Kampf wird im Herbst 1995 das Gelände endgültig geräumt, die Parzellen geebnet, die Häuser zerstört, und die restliche, noch ausharrenden Bewohnervertrieben. Der Verein "Grüner Weidedamm" erstreitet sich daraufhin in zähen Verhandlungen mit der Stadt einen neuen Platz in Bremen-Lesum (s.u.), für die restlichen Wagenbewohner bedeutet dies eine Odysee durch die ganze Stadt, wenn sie nicht vorher schon entweder die Stadt verlassen oder sich in Gänze vom Wagenlebenleben verabschiedet haben.

Angeregt von der Vereinsidee und den sich daraus ergebenen Erfolgen des "grünen Weidedamms" gründen 13 ehemalige Weidedammbesetzer ebenfalls einen "Verein für konstruktiven Wahnsinn - einfach leben, leben lassen" (KWELL), der allerdings auf keine Gesprächsbereitschaft seitens der Behörden stößt, da dessen Serösität bezweifelt wird (30) .

So kommt es, wie es auch aus anderen Städten berichtet wird: Die Wägler ziehen durch die Stadt, besetzen Plätze, werden geräumt, besetzen erneut und werden wiederum vertrieben (31), bis viele Wagenbewohner entnervt aufgeben und sich in alle Winde verstreuen (32), oder versuchen, sich alleine durchzuschlagen.


3.5.3.2. Das Wagen- und Hüttendorf in Bremen-Lesum: Im Herbst 1996 besuchen wir die Siedler vom Ökodorfprojekt in Bremen-Lesum und lassen uns von Klaus Möhle, Gründungsmitglied und Abgeordnerter der GRÜNEN im der Bremer Bürgerschaft, die Situation auf dem Platz erklären:

Der Platz besteht seit Jan 1995 und ist einer der wenigen legalen bundesdeutschen Wagendorf-Plätzen mit einem gültigem Pachtvertrag. Der Verein "grüner Weidedamm" hat mit der Stadt Bremen einen Vertrag ausgehandelt, der voraussichtlich noch bis zum 31.10.1999 Gültigkeit haben wird. Der Jahresbetrag beläuft sich auf 31.125 DM, zahlbar in vierteljährlichen Raten an die Stadtkasse, zuzüglich Kosten für Strom, Wasser, Grundsteuer und Deichpflicht. Z.Zt. wohnen ca. 50 Personen auf dem Platz. Lt. Pachtvertrag ist damit auch die Personenhöchstgrenze erreicht. Eine Überschreitung würde die Stadt zu einer sofortigen Kündigung berechtigen! Die durchschnittliche Pacht pro Bewohner liegt bei ca. 150 - 200 DM. Lt. Pachtvertrag wird nicht ausdrücklich auf das Leben im Wagen abgehoben, sondern läßt einen Spielraum für viele individuelle Wohnlösungen. So sind neben Zirkus- und Bauwagen auch selbstgezimmerte Hütten und Lauben, Lehmbauten und Erdwohnungen zu finden. Sogar die traditionellen Indianertippies fehlen nicht.

Bewußt wird auf eine ökologische Grundausrichtung geachtet. Überall sieht man Solarmodule und -panele für die individuelle Stromerzeugung und Warmwasser- aufbereitung.

Es grünt und blüht und das Ganze ähnelt eher an an alternatives Kleingartenleben. Der Zuzug von neuen Bewohnern wird intern geregelt. Grundlage dafür ist das wöchentliche Plenum nach dem Allg. Konsensprinzip. So wurden in der Vergangenheit auch schon einmal Interessenten des Platzes verwiesen und auch die auf der Flucht befindliche Frauenwagengruppe mußte sich Platzalternativen suchen. Großen Wert gelegt wird bei der Auswahl insbesondere darauf, daß der Platz auch nach außen alternativen Anforderungen genügt: Kein "Siff", keine (harten!) Drogen, kein Schrott und Müll. Keine Auto-Schraubereien. Bewußt wird so eine scharfe Abgrenzung zu Wagenburgen a la "East Side Gallerie" (Berlin) gezogen. Die einzelnen Wagen und Hütten haben durchweg Stromanschluß. Natürlich gehört der Telephonanschluß inzwischen auch standartmäßig dazu. Wasser wird in Kanistern vom Wasserplatz geholt. Die Fäkalienentsorgung ist sowohl individuell (Komposttoilette etc.) als auch durch eine allemeine, im regelmäßigen Abständen von der Stadt geleerte, Toilettenanlage.

Im Juni 1997 besuchen wir das Ökosiedlungsprojekt erneut, um uns über die weitere Entwicklung des Platzes zu informieren. Einer der Bewohner, 44 Jahre , erzählt uns, was sich in der Zwischenzeit getan hat und berichtet über sein Leben und seine Erfahrungen im Parzellengebiet am Weidedamm und über das Zusammenleben innerhalb der neuen Gemeinschaft in Lesum und den Problemen, mit denen die Siedler zu kämpfen haben:

"Ich wohne jetzt seit Okober 1994 im Wagen. Im Weidedamm hatte ich ein kleines Häuschen. Als wir geräumt wurden, habe ich mir einen Bauwagen besorgt, ihn ausgebaut und bin dann mit Sack und Pack hierhergezogen. Zuerst war es eine Notlösung mit dem Wagen, aber in die Stadt wollte ich nicht zurück. Hier hab ich dann den Vorbau angesetzt und zu einem Raum ausgebaut, so daß es insgesamt eher einem Haus, einer Hütte gleicht.

Vor dem Weidedamm wohnte ich in in einer Land-WG. Danach in der Stadt, mit allem drum und dran. Gelernt habe ich Werkzeugmacher. Später habe ich malocht, als Hochfrequenzelektroniker bei Krupp-Atlas, mit schnellem Auto und Haus etc. und hab dann gemerkt: Was soll der ganze Unsinn: Du machst dich kaputt und alle Dinge, die wichtig sind, wie sich gut zu fühlen und die zwischenmenschlichen Beziehungen und so, bröckeln ab und zerbrechen. Dann habe ich mit einem Freund richtig "Platte gemacht" und bin als Berber durch Deutschland gezogen. Über einen Freund habe ich dann vom Weidedamm gehört und bin schließlich dorthin gezogen und habe da die Kneipe betrieben. Jetzt mache ich bewußt gar nichts.

Ich war also beim Weidedamm fast von Anfang an dabei. Ausgestiegen, eingestiegen, ausgestiegen. Schon früher habe ich alternativ gelebt, KBW etc. und diese Vergangenheit lebt immer noch nach.

Wir wollten dieses Projekt verwirklichen mit dem Anspruch, Leben und Arbeiten am Ort, als reines ökologisches Gebiet, ohne Autos etc.. Am Weidedamm fing alles an und hier findet jeder seine Ecke, wo er sich verwirklichen kann. Und das ist Politik für mich. Also: Ich halte das Leben im Wagen für hochpolitisch, weil die herrschende Klasse schon immer Probleme hatte mit Menschen, die variabel waren, die nicht an einen festen Standort gebunden waren, die einfach abhauen konnten, wenn sie wollten.

Ich habe hier eine Zwischenform gewählt, zwischen Wagen und Häuschen. Trotz dieser Tatsachen, die eigentlich genau dem Leben eines normalen Staatsbürgers entspricht, werden wir trotzdem schief angeguckt. Als wir hier anfingen, gab es viel Ressentiments: "Die klauen Euch alles. Die Zigeuner kommen. Weg mit dem Gesocks..." und so weiter.

Das hat sich, wenigstens in der näheren Nachbarschaft, geändert. Jetzt kommen sie zu Besuch. Die schenken uns dies und das und wir trinken mal einen zusammen. Die anderen kennen uns nur über die Zeitungsberichte etc.. Wir machen alle unsere Erfahrungen. Für uns waren das die "Spießer, die ihren Rasen mit der Schere schneiden" und so weiter, aber im Laufe der Zeit haben wir festgestellt, daß die Leute in Ordnung sind. Wenn man die Berührungsängste überwunden hat, klappt das auch.

Man sollte auch nicht die Wirkung vergessen, die die Kindersendung, Löwenzahn/Pusteblume, mit dem Peter Lustig, auf unser Ansehen hier hat. Eine suberbe Sendung, eine super geile Kindersendung, die ich total geil finde, bis heute noch.

Wir wollten ja von Anfang an ein offenes Projekt, wo jeder auch zuschauen kann, ohne gleich bedroht zu werden... Wir können nur als Projekt existieren und auch den Vertrag verlängern, wenn wir offen sind nach außen, indem wir den Leuten zeigen, daß es anders geht. Wir haben ein Sommerfest gemacht, wo viele Leute von außen kamen, Politiker, Beiräte, Nachbarn etc. Die fanden das alle auch ganz nett, die konnten sehen, da entwickelt sich was, da entsteht was. Vorher war hier ja nichts, nur gelber Sand und darunter meterdicker Lehmboden.

Wir wollten wenigstens einen Grundkonsens haben beim Zusammenleben. Wir stellen keine große Anforderungen. Aber jetzt hat sich das verändert. Jetzt leben hier eigentlich drei Gruppen auf dem Platz. Die größte Gruppe, wir, die aus der Nordkurve mit ca. 18 bis 20 Leuten, ist die, die wirklich etwas anderes leben wollen, eigentlich das, was wir im Weidedamm nicht verwirklichen konnten. Die zweite Gruppe, die Mitte, 10 Leute, steht auch in der Mitte. Die sind politisch, sehr politisch, aber nur da, wo es weit weg ist, wie Mexiko, Weltpolitik etc.

Ähnlich wie die Oldenburger, die "Butterpilze" , wo es auch einige Kontakte hin gibt, aber das sind auch sehr merkwürdige, seltsame Leutchen, vom Anspruch her fast identisch mit unserer Mitte. Die Mitte wollte aber nur für die Weltrevolution kämpfen und hatte mit dem Gestalten vor Ort weniger am Hut. Und dann die dritte Gruppe, die Südkurve, auch 10 Leute, die wollen nur schrauben an ihren Autos und alles andere war denen egal und wir wurden beschimpft als "Ökofaschisten, Arschlöcher" etc.

Diese Dreispaltung nun zu durchbrechen durch Gespräche und Diskussionen und endlose, nächtelange Plena war schier unmöglich. Wir drehten uns nur im Kreis und es kam nicht voran und endete in richtigen Grabenkämpfen zwischen Südkurve (Schraubern), Mitte (Autonome) und uns, der Nordkurve, den Ökos. Das Problem aber ist, daß diese Grabenkämpfe unsere Existenz bedrohen, und das will vielen nicht einleuchten. Der Vertrag läuft bald aus, und die da draußen reiben sich die Hände. Das ist einfach nicht das, was wir hier leben wollen. Und es ist kein konstruktiver Dialog, da ist kein Austausch möglich. Gerade der Konflikt mit den Schraubern von der Südkurve. Ich kriege das auch für mich nicht geregelt, aber wir haben keine andere Möglichkeit, als den zu kündigen und unter Umständen räumen zu lassen, denn die wollen nicht gehen. Dann sollen sie [die Mitte]sich doch bitte neutral verhalten. Es geht immerhin um unsere Existenz. Aber schon hingen die Solidaritätstransparente etc. Das einzige, was wir erreicht haben, ist, daß die Müllberge und der Schrott abtransportiert worden sind, aber auch nur, nachdem wir androhten, Bodenproben zu nehmen und die Belastung des Bodens messen zu lassen. Der ganze Boden war ja kontaminiert von Öl, Benzin, Bremsflüssigkeit etc.. Wir waren sogar gezwungen Anwälte einzuschalten.

Wir bezahlen 150 DM pro Parzelle und 300,--Kaution für jeden, der hinzukommt. Dadurch können wir alle infrastrukuellen Kosten bezahlen. Aber jetzt ist alles ins Stocken gekommen. Gerade einige aus der Südkurve bezahlen aber nichts, und wir, die das thematisieren und ansprechen, sind die Arschlöcher und Ökofaschisten. Und die ganze Szene trommelt mit. Interessanterweise haben die Leute aus der Südkurve die Anwälte ins Spiel gebracht. Ohne Gesetze leben zu wollen, aber einen Anwalt einschalten, wenn es Ärger gibt! So mußten wir ebenfalls die Anwälte einschalten.

Gegen uns, die wir damals, nach der Weidedammräumung, noch durchgesetzt haben, daß die Schrauber mitkommen können auf den Platz, "Vielfalt des Lebens. Weidedamm soll weiterleben" etc. haben wir gedacht, und so haben wir den "Müll" eigentlich selber herangeholt. Wir versuchten, sie zu integrieren. Jetzt sind wir das rote Tuch. Es kommen Drohanrufe. Es geht einfach nicht anders. Die Lösung kann nur sein: Die müssen weg. Und die Mitte kocht ihr politisches Süppchen damit. Sie arbeiten gegen das Projekt und wissen nicht, was sie tun. Die Mitte will nichts. Das Projekt hat aber ein ganz anderes Ziel. Wir waren alle, die wir hier sind, und das waren noch mehr, als jetzt noch da sind, einverstanden, gewisse Richtlinien einzuhalten. Diese Leute, die, so wie wir, ein anderes, neues soziales Gefüge aufbauen wollten, sagen jetzt: nein, haben wir nie gesagt...und...und so langsam kristallisiert sich heraus: Die wollen nur billig wohnen und das ist alles."


3.5.4 KÖLN

Die Kölner Wagenplatzgeburt liegt im Jahre 1989. Eine kleine unbeugsame Gruppe besetzt ein atädtisches Brachgelände in Köln-Raderthal und gründet den Bauwagenplatz "Wem gehört die Welt?" und können dort verhältnismäßig ungestört in ihrer Idylle wohnen.

Im Laufe der folgenden 3 Jahre wächst die Siedlung auf 39 Menschen und insgesamt 40 Wohn-, Bau-, und Zirkuswagen an. Erst im Januar 1994 (Inzwischen (1991) hat die Stadt Köln das Gelände an einen Autohändler verkauft, der dort in bälde ein neues Autohaus errichten lassen will) kommt es zur Auseinandersetzung mit dem neuen Besitzer. Dieser erwirkt einen Dringlichkeits-Räumungstitel und läßt am 23.02.1994 (die Bewohner werden vorher nicht informiert und sind dementsprechend überrascht) unter starken Polizeiaufgebot mit Baggern und Räumgerät, Gerichtsvollzieher und Speditionsfirma (für die Habe der Wägler) die Räumung erzwingen.

Dabei werden 34 der 40 Wagen als "nicht transportfähig" deklariert und kurzerhand niedergewalzt, vielfach ohne Rücksicht auf vielleicht noch enthaltenen Hausrat. Möbel, Gasheizungen, Bücher , Photos, persönliche Unterlagen, Videorecorder, Fernseher, Geschirr, Betten, alles, was ein Zuhause ausmacht, wird in den Trümmern der Wagen vergraben. Jenseits der Absperrung stehen die (ehemaligen) Bewohner und heulen Rotz und Wasser als sie mitansehen müssen, wie ihr Dorf in ein Schlachtfeld verwandelt wird (33). Die nunmehr Obdachlosen werden in einem Studentenwohnheim untergebracht, der geräumte Platz mit Graben und Erdwall gegen erneute Besetzungen gesichert.

Aber die Wägler geben nicht auf. Sie besorgen sich neue Wagen und besetzen schon im nächsten Monat am 21.03.94 pünktlich zum Frühlingsanfang (!) ein ehemaliges Freibad im Stadtteil Riehl. Aber...die Stadt reagiert sofort und läßt am 14.04. räumen, diesmals allerdings unter den wachenden Augen des Bezirksamtleiters, eines Polizeidirektors, eines offiziellen Pressesprechers und weiteren 15 Beobachtern; Alles streng nach rechtstaatlichen Vorgaben mit vorgeschriebener dreimaliger Räumungsaufforderung und ohne Gewaltorgien.

Danach geht wieder einmal alles Schlag auf Schlag: 14.4. - 25.4: Umzug auf einen Parkplatz am Südstadion, 25.04 Volksgarten, 27.04 Rheinufer, 5.6. Caritas-Gelände in Ehrenbach (mit frühmorgentlicher Räumung am 22.06 nach althergebrachter Art, aber mit kirchlichem Segen (!) und vorläufiger Festnahme der Frevler), 24.06 ehemaliger Sportplatz der Diakonie in Michaelshofen, 27.6. städtisches Gelände in Raderberg und und und. Die städtische Linie scheint klar zu sein: sofortige Räumung binnen 48 Stunden. Diese Taktik aber bewirkt eine zunehmende Solisarisierung innerhalb der sog. Szene und zieht Kundgebungen und Demonstrationen nach sich. Es gibt auch kritische Presseberichte, es entstehen Videofilme und Dokumentationen und sogar der stadtbekannte "Klaus der Geiger" widmet den "neuen Nomaden" einen vielbeachteten Song. Am 11.07 endlich wird auf einer außerordentlichen Verwaltungskonferenz entschieden, den Bauwagenleuten einen vertraglich abgesicherten Platz zuzugestehen. Am 12. September 1994 findet der - vorerst - letzte Umzug statt. Ziel ist ein ehemaliges Tankstellengelände mitten in Köln, eingerahmt von Schnellstraße und Hochbahn, wo sie bis dato, wenn auch nicht sonderlich zufrieden, noch wohnen.

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BAUWAGENLIED

(Klaus, der Geiger solidarisiert sich mit den Kölner Bauwagenleuten)


Ich hab was gesehen-

Ich dacht, das könnt es bei uns nicht mehr geben-

Das war so brutal, als wäre hier Krieg.

So, wie man es manchmal im Fernsehen sieht,

nur diesmal mitten in Köln.

Im Raderthal -ein kleines Dorf -versteckt im Blumenmeer,

Bauwagendorf ham wir's genannt, das gibt es nun nicht mehr.

Da wohnten Menschen, junges Volk, die hatten keinen Bock

auf Mietpreiswucher und Wohnungsnot:

Da sah der Kempen rot.

Denn Autohaus Kempen, der hat das Geld & Freunde bei der Stadt,

so daß er Grund und Boden fürn Appel und ein Ei erworben hat.

Der Kempen sprach: jetzt haut ab !

Ich brauch den Platz, und zwar platt !

Ohne Baum und Strauch, ohne Mensch und Tier,

denn nur so krieg ich was dafür.

Die Bauwagenleute gingen nicht, da holte er sich Schmier,

ne Hundertschaft & Appschleppdienst, denn der kriegt ja was dafür.

Die Schmier,die trieb die Leute raus,wie von der Weide das Vieh.

Und wer sich wehrte, der kam in ein Haus, da scheint die Sonne nie.

Dann kam der Abschleppdienst, Juhe, der zog paar Wägen raus,

Der Rest war verwachsen mit dem Geäst, den räumten sie erst raus

dann kam der Bagger , drei Schläge aufs Dach,

da waren die Wägen platt.

Ein Obdach, mit Liebe gepflegt und gehegt,

Passt sowas nicht mehr in unsere Stadt ?!?

Nur weil der Kempen nix davon hat ?!?

Er nahm den Leuten, die da wohnen, buchstäblich das letzte Hemd.

Ich sah sie tagsdrauf in den Trümmern rumwühlen.

Ich hab vor Wut und Trauer geflennt.

Kempen, du Schwein ! Frau Christiansen von der Stadt

und all Ihr Gangster vom Wohnungs- und Liegenschaftsamt:

Ich wünsche nur, Eure krummen Geschäfte wären allen Leuten bekannt.

Ich wünsche Euch nur mal eine Nacht auf der Platte am Kölner DOM!

Oder ne Bombe in Euer Heim,

dann hätten wir vielleicht auch was davon!

( aus: Vogelfrai, Sommer 1994 S.11)

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Anmerkungen:

(1)
vgl. Sonderheft Motz, 22/96

(2) Wir beziehen uns hier auf eine Fülle von Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln aus dem Zeitraum (1988 - 1997), ohne diese aber im Einzelnen explizit anzugeben. Eine - nicht lückenlose - aber doch sehr umfassende Auflistung der insgesamt zu dieser Problematik erschienenen Artikel und Berichte findet sich im Anhang, so daß interessierte Leser sich dementsprechend kundig machen können.

(3) vgl. Vogelfrai April 1996, S. 13

(4) vgl. Fußnote 3 auf Seite 4

(5) Aus vielerlei Gesprächen wurde deutlich, daß nicht wenige der uns bekannten Rollheimer sich eine rückzugsmäßige Zweitwohnungshintertür für den Fall einer Räumung oder sonstigen Umorientierungen offenhalten

(6) U.a. werden an den Kiosken der Stadt kommerzielle Berlin-Postkarten verkauft, die die verschiedenen Wagendörfer zeigen mit Unterschriften wie: "Kreuzberg - alternatives Wohnen", "Beautiful Berlin - Kreuzberger Wohnmodell" oder "Schönes Berlin - Berliner alternatives Wohnen" etc.

(7) vgl. Zitty Nr. 23/88, S. 20ff und Berliner Morgenpost v. 13.04.1991

(8) Näheres hierzu ist in den betreffenden Berliner Zeitungsartikeln (vgl.: Bibliographie) nachzulesen.

(9) Bemerkenswert: Einer der Investoren v. Potzdamer Platz, Roland Ernst, läßt den zukünftigen Standplatz für die Rollheimer auf eigene Kosten herrichten und sogar die Polizei läßt die z.T. schrottreifen Gefährte unbehelligt durch die Stadt ziehen!
vgl.: Süddeutsche Zeitung v. 06.03. 1996

(10) wie z.B. : Wilhelmstraße, Adalbertstraße, Bethaniendamm, Waldemarstraße, Mariannenplatz, Lenne-dreieck, Engelbecken, "East-Side", etc.:

(11) Wir haben den Begriff "Wagenburgen" diesmal bewußt gewählt, da wir uns bei einem unserer Besuche an eine jener Wagenburgen aus den diversen Westernfilmen erinnert fühlten. In einigen Fällen waren sie fast schon festungsartig ausgebaut, die einzelnen Wagen durch Bretter miteinander verbunden, eine Sicht hinein mithin nicht möglich. Zusätzlich hatten die Wagenburgler Wachposten aufgestellt, da sie anscheinend mit Provokationen und Razzien seitens der Ostberliner Vopos und der Westberliner Polizisten rechneten.

(12) vgl. u.a. (TAZ 20.2.90)

(13) vergl. (TAZ 10/11.Nov.93); Siehe hierzu auch: "Unsere Stadt soll schöner werden" in: Christ und Sozialist, S. 11 - 18 , wo die Räumung der "Engelbecken-Wagenburg" ausführlichst beschrieben wird.

(14) (WELT 6.April 96)

(15) vgl. hierzu die ausführlichen Berichte der Erlanger Stadtzeitung "was lefft" und den Redebeitrag zur Wagendemo; siehe auch Hinweis auf S. 159

(16) Aus der Presseerklärung des Berliner Innensenators Jörg Schönbohm (CDU) anläßlich der Räumung der "East-Side-Gallery" . zitiert n. Motz, a.a.O., S. 4

(17) ebenda, S. 6;

(18) Landowsky am 27.02.1997 im Berliner Abgeordnetenhaus, zitiert n. der Wochenzeitung "Freitag", Nr. 14 v. 28.03.1997

(19) Im wesentlichen bestand die o.g. Gruppe aus den Mitarbeitern des "W.I.S.H." und den sich daraus in Folge ergebenen Kontakten mit interessierten Sympathisanten

(20) Eine Vereinsform wurde, trotz vieler grundsätzlicher Bedenken bez. "deutscher Vereinsmeierei" etc., gewählt, da es der Gruppe so erfolgversprechender schien, mit den Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung Verhandlungen aufzunehmen. Diese Form der Verhandlungsführung wurde von allen Verhandlungspartnern im allgemeinen als sehr hilfreich empfunden, da das Vereinskonstrukt für beide Seiten die notwendige Seriosität widerspiegelte und mögliche Vertragspartner schon im vornherein schriftlich benannt werden konnten. Auch andere, spätere Bauwagendörfler, wie die "blödenButterpilze" u.a., ansonsten den gesellschaftlichen Konventionen nicht gerade zugetan, wandten diesen Kunstgriff erfolgreich bei ihren Verhandlungen an.

(21) Auf einer dieser Veranstaltungen war sogar ein Reporter vom Oldenburger Rundfunksender zugegen, der den "Hörern aus Stadt und Land" dies "skurrile", ja vielleicht sogar umstürzlerische Ereignis näherbringen sollte...

(22) im Anhang als Original abgedruckt

(23) Grundlegende Unterschiede sehen wir im wesentlichen in der allgemeinen Zusammensetzung der beiden Wagenbewohnergruppen: Die Alterstuktur lag bei der ersten bedeutend höher ( ca. 28 Jahre und höher) als bei den Nachfolgern, die im Schnitt Anfang bis Mitte 20 sind. Aber auch die sonstige Ausrichtung, und das wiegt schwerer, differiert anscheinend doch stärker voneinander, als es der "nur" 10 jährige Altersunterschied vermuten ließe:

Kamen die "Alten" noch durchgängig aus der Ökologie- und Land-WG-Szene, inspiriert von den "Idealen" der nach 68er Generation, sind die "Jungen" eher der sog. autonomen und Hausbesetzer-Szene zuzuordnen und ansonsten im wesentlichen eher städtisch orientiert.

(24) aus einem Flugblatt der "Wagenmutigen"

(25) siehe hierzu auch Abschnitt 3.6

(26) vgl. NWZ v. 27.04.1994

(27) Verfügung der Bezirksregierung Weser Ems, vertreten durch den Regierungspräsidenten Bernd Theilen, vom 23.11.1994

(28) die "Sicherstellungskosten" in Höhe von mehreren Tausend Mark werden allerdings immer noch seitens der Stadt eingefordert und ein diesbezüglicher Rechtsstreit wird sich auch wohl nicht vermeiden lassen.

(29) vgl.: hierzu die Videofilme: "Weidedamm III, Wo hat man das schon?" und "Weidedamm III, Ein Lebens(t)raum"

(30) vgl.: TAZ v. 12.07.1995

(31) Ähnlich wie in Hamburg, gibt es auch in Bremen ein Gesetz, das das Wohnen im Wagen generell verbietet, bzw. nur eine jeweilige Verweildauer von 24 Stunden erlaubt; vgl. auch die diesbezügliche Dokumentation des Bremer Wohnwagengesetzes im Anhang.

(32) vgl.: TAZ v. 14.04.1997

(33) vgl.: stadtrevue 5/94


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