Als einem der beiden Verfasser vorliegender Untersuchung und ehemaligem
Bewohner einer rollenden Behausung, sei es mir an dieser Stelle gestattet,
meine persönlichen Erfahrungen mit dem Leben im Wagen zu beschreiben;
besonders auch deswegen, da diese, meine Erlebnisse häufig auch die
der von uns befragten Wagenbewohner im großen und ganzen widerspiegeln
oder sich doch zumindest ähneln, besonders, was die von uns als "ländlich
orientierten Wagenbewohner" Bezeichneten anbetrifft:
Mitte der 80er Jahre wohnte ich in einer Landwohngemeinschaft im Cloppenburgischen
Harkebrügge, ca. 30 Km von Oldenburg entfernt. Zwischen den einzelnen
Land-WGs in der Region ( es gab ca. 10 kleinere oder größere
Lebensgemeinschaften, verteilt in einem 30 km Radius) bestanden enge soziale
Kontakte.
Nach dem Kommunenmotto der siebziger Jahre: "zusammen leben, zusammen
arbeiten, zusammen kämpfen" versuchten wir (soweit es möglich
war), der uns umgebenden "normalen" Gesellschaft eine neue, lebensfrohere
Gegengesellschaft entgegenzusetzen und neue (alte), aber auf jeden Fall
andere zwischenmenschliche Strukturen aufzubauen.
Abgekoppelt vom (Atom-)Stromnetz, erzeugten wir mit Hilfe von Wind- und
Sonnenkraft alternativen Strom, und versuchten uns in den der autarken
Selbstversorgung mit Hilfe der alten, arbeitsintensiven Techniken der Landwirtschaft.
Weiterhin waren wir in sog. Lebensmittelcooperativen organisiert, d.h.
wir kauften im ökologischen Großhandel Lebensmittel und verteilten
sie auf regelmäßigen Treffen der einzelnen LandWGs; wir tauschten
Erfahrungen bezüglich etwaiger Probleme innerhalb der jeweiligen Gruppen
aus, besprachen Schwierigkeiten, die z.B. beim ökologischen Landbau
auftraten, bereiteten politische Aktionen vor wie bevorstehende Demonstrationen
in Brokdorf (AKW-Standort) und Gorleben (Atommüll End- und Zwischenlager)
oder aber organisierten den regionalen Widerstand gegen die über unseren
Köpfen stattfindenden Tiefflüge ( teilweise unterhalb 50 m) der
Militärs...
Zu der Zeit bekam ich den ersten Kontakt zu einer Bauwagengruppe, die in
der näheren Umgebung wohnte. Deren Art des Lebens und Wohnens fazinierte
mich zwar, konnte es mir allerdings zum damaligen Zeitpunkt nicht vorstellen,
selber einmal "so" zu leben.
Da ging es mir wohl wie den meisten Menschen, die sich mit solch einer,
für sie völlig neuen und fremden Welt konfrontiert sehen. Zu
eng schien der Wohnraum, zu spartanisch die Einrichtung, zu fremd die Einstellung
der Bewohner. Aber im Laufe der Zeit und nach mehreren Besuchen und intensiven
Gesprächen bekam ich einen differenzierteren Einblick in diese Welt
und ließ mich von dieser nunmehr faszinierenden Art des Wohnens infizieren.
Als es dann 1986 aus persönlichen, zwischenmenschlichen Gründen
zu einem irreparablen Bruch innerhalb unserer Wohngruppe kam, besorgte
ich mir spontan einen mit 6 m Länge und 2,30 Breite und mit 8 Rädern
(!), äußerst stabilen ausrangierten Bauwagen von einem Oldenburger
Bauunternehmer ... und wohnte fortan in "sicherer" Entfernung
von den anderen. Auf diese Weise konnte ich dem zu engen Kontakt zu den
anderen MitbewohnerInnen des Hauses entfliehen und brauchte so diese für
mich ansonsten liebgewordene Umgebung nicht verlassen.
Zudem hätte ein Wegzug meinerseits das allgemeine Ende unseres Lebensprojektes
bedeutet, da die - mittlerweise auf 4 Personen geschrumpfte - Gemeinschaft
einen erneuten Verlust, gerade auch in bezug auf die finanziellen Belastungen,
nicht verkraften würde. So konnte ich in Ruhe meinen Wagen ausbauen
und wenigstens so lange dort wohnen, bis sich ein Nachfolger für mich
würde finden lassen.
Ich wußte inzwischen, daß das -dauerhafte- Leben und Wohnen
im Wagen von Gesetzes wegen grundsätzlich verboten war und brauchte
mich deshalb, da ich mich nun einmal DAFÜR entschieden hatte, schon
von vornherein nicht mit den Genehmigungen und Vorschriften, die diese,
unsere bürokratisch ausgerichtete Gesellschaft üblicherweise
für "Bauherren" vorhielt, aufhalten und konnte so planen
und handwerkern, wie meine Kreativität und handwerklichen Fähigkeiten
es zuließen.
So riß ich z.B. das Dach auf und fügte drei 1qm-große,
pyramidenförmige Dachfenster ein (wodurch die Helligkeit im Wageninnere
explosionsartig auf das schier Unermeßliche gesteigert wurde und
ich mich ständig, selbst noch bei Dämmerungsbeginn, im Freien
wähnte), schnitt notwendige Fensteröffnungen und plante und werkelte
und richtete mein "rolling home" im Laufe des Sommers so her
und ein, bis es meinen, -und NUR meinen-, Wünschen und Vorstellungen
vom Wohnen entsprach.
Anfang 1987 war die allgemeine Stimmung innnerhalb der Land-WG inzwischen
so unerträglich geworden, daß ich meine Bemühungen, einen
neuen adäquaten Stellplatz zu finden, stark intensivierte und alle
mir bekannten LandWGs im 30 km Umkreis von Oldenburg aufsuchte und um "Asyl"
nachfragte.
Hiermit traf ich allerdings schon auf die ersten Schwierigkeiten: Zum einen
gab es inzwischen allgemein immer weniger Land-WGs, zum anderen waren von
denen immer weniger bereit, sich auf ein - doch eher unverbindlicheres
- Zusammenleben mit Wagenbewohnern einzulassen.
Aber zu guter Letzt fand ich 12 km westlich von Oldenburg ein nettes Ehepaar,
welches mir (vorerst) in seinem Garten Zuflucht gewährte. Dort konnte
ich also erst einmal mit meinem "rolling home" unterkommen (quasi
als realer "Peter Lustig") (1) und hatte Zeit und Muße,
das Wagenleben zu genießen.
Als Miete für Stellplatz, Strom (via Kabel) und Wasser ( per Kanister)
bezahlte ich monatlich 100 DM, Familienanschluß inklusive.
Auch konnte ich hier ich den Umbau meines Wagens vervollkommnen und im
Laufe der Jahre (insgesamt verbrachte ich dort sechs) wurde durch diverse
Um- und Anbauten aus dem einstigen "rolling home" ein "richtiges"
kleines Haus mit 2 Etagen (Höhe = 4,80m!), überdachter Veranda,
und mit Efeu und Knöterich begrünten Wänden.
So fügte sich der Wagen, ohne als solcher groß aufzufallen,
in die Umgebung und wurde auch von der Dorfbevölkerung nicht als störender
Schandfleck empfunden und, obwohl er deutlich sichtbar an einer Moorstraße
stand, hatte ich doch keinerlei Probleme mit Behörden und Nachbarn.
Für die Dorfbewohner war ich allenfalls der "grüne Spinner",
der ansonsten aber wohl als "harmlos" anzusehen war.
Da ich offiziell bei der mich duldenden Familie gemeldet war, der Wagen
also behördlicherseits überhaupt noch nicht thematisiert worden
war, zudem keinerlei Sozialhilfe oder sonstige staatlichen Unterstützungen
bezog und auch ansonsten keine mich betreffenden Anzeigen von allzu eifrigen
Aktivbürgern vorlagen, gab es anscheinend auch für die Behörden
keinen Grund, einzuschreiten.
Im Gegenteil, fuhren z. B. am Wochenende Ausflügler mit dem Fahrrad
an meinem Wagenhaus vorbei, gab es regelmäßig Ausrufe wie "
Da wohnt ja Peter Lustig mit seinem Bauwagen" oder "das ist ja
toll, wie der da wohnt" o.ä. Dadurch ergaben sich viele Gespräche
mit mir völlig unbekannten Menschen, denen diese Wohnform, wenn auch
ungewöhnlich, so doch anscheinend sympathisch war und der eine oder
andere von ihnen fand sogar den Weg in meine Behausung, wo wir dann bei
einer Tasse Tee so einige Vorurteile abbauen und so manche Brücke
zueinander schlagen konnten.
In der Zeit entstand u.a. das WäglerInnenSelbsthilfe-Projekt W.I.S.H.
und daraus wiederum der Verein für alternative Wohnkultur - Initiativkreis
"Wagendorf" auf die an anderer Stelle noch näher eingegangen
werden wird.(2)
So heimisch ich mich im Laufe der Jahre an diesem Standort auch fühlte,
war ich doch, - zwar wohl gelitten -, so doch "nur" geduldeter
Gast und immer noch auf der Suche nach einem eigenen Grundstück, wo
ich mich so entfalten konnte, wie ICH es wollte.
Da traf es sich als "göttliche ?" Fügung, daß
ich 1992 ein Flecken Erde, kurz hinter der Oldenburger Stadtgrenze, pachten
konnte, welches so völlig mit meinen Vorstellungen übereinstimmte.
Ein Traum von Grundstück fiel da vom Himmel: 8000qm groß, von
Bäumen umsäumt und dadurch absolut nicht einsehbar, mit Teich
(200qm) und einer Weide, geeignet zum Halten von Gänsen und einer
bezahlbaren Jahrespacht von 600 DM; abgelegen und doch in (fast) unmittelbarer
Nähe zu meiner Arbeitsstätte in der Uni.
Anfang des folgenden Jahres zog ich dann mit Wagen und Hab und Gut ins
"Paradies", während dessen ich allerdings erkennen mußte,
daß die bislang immer von mir propagierte "optionale" Mobilität
des Wagenlebens gerade bei mir mit ziemlichen Tücken behaftet schien:
Zu schwer war der Bauwagen durch die fortwährenden Umbaumaßnahmen
geworden und hatte sich im Laufe der letzten Jahre tief in den Boden eingegraben.
Und auch das gewaltige Sammelsurium an Büchern und Materialien aller
Art hatte sich geradewegs zu einer massiven Bibliothek formiert und erschwerte
jedweden Umzug erheblich. Aber zum Schluß kam ich doch glücklich
am Ziel an, froh über die Erkenntnis, im Flachland zu wohnen und keine
Brücken unterqueren zu müssen. Mein rollendes Domizil war eben
doch kein Reisemobil, wenn ich es bislang auch nicht wahrhaben wollte!
Während der nächsten Zeit richtete ich mich häuslich (!)
ein, ließ mich ans Telephonnetz anschließen ( die Telekom mußte
dafür extra die notwendigen Masten setzen 65 DM Einheitspreis ! -
), errichtete ein Windrad für meine 12V Stromversorgunganlage und
baute mir eine Komposttoilette. Wasser holte ich per Kanister von Freunden
aus der weiteren Nachbarschaft, bei denen ich in Folge dann auch, wenn
mein Windrad mal wieder zu wenig Strom lieferte, meine LKW-Batterie wieder
aufladen durfte.
Wenn ich dann auf meiner Veranda saß (ich hatte den Wagen so gestellt,
daß diese auf den Teich hinausragte) und meine Gedanken schweifen
ließ, fühlte ich mich eins mit der Natur und genoß die
Stille um mich herum. So ähnlich mußte sich vor 140 Jahren Henry
Thoreau gefühlt haben, als er seine selbstgebaute Hütte am Walden
See bewohnte:
...Mein Haus war nur klein, ein Echo zu erzeugen wäre kaum möglich
gewesen, doch gewann es an Umfang, weil es ein einziger Raum war und keine
Nachbarn hatte. Alles, was ein Haus anziehend macht, fand sich in diesem
Raum vereinigt. es war Küche, Schlaf-,Wohn- und Besuchszimmer in einem,
und die gleichen Freuden, die Eltern und Kindern, Herrn und Knecht durch
das Leben in ihrem Haus zuteil werden, waren mein... (Walden, S.199/200)
Öffnete ich die Tür, wurde die gesamte Umgebung, die Weide,
der Teich, die Bäume Teil meiner "Wohnung": Der zuvor beengte
Raum wurde groß und zerschmolz gleichsam miteinander. Ich konnte
die Vögel hören, wie sie auf dem Wagendach umhertrippelten und
die Bäume sehen, die sich im Winde wiegten. Das Licht flutete durch
die Dachfenster und die Seitenscheiben und erzeugten dadurch eine innere
Einheit zwischen mir darinnen und dem Raum draussen.
Wenn ich dann noch am Computer (!) saß und, über das Internet
mit der Welt verbunden, mit eben dieser kommunizierte, wurde es ganz verrückt.
Da saß ich also "am Arsch der Welt", in einem Bauwagen
mitten in der Abgeschiedenheit (so das in einem von 80 Millionen Menschen
bewohntem Land überhaupt möglich ist), und konnte gleichzeitig
irgendwo an einem anderen Ort auf diesem Planeten sein, wenn auch nur virtuell.
Endlich hatte ich es geschafft, mit einem Minimum an Lebensstandard ein
Größtmaß an Lebensqualität zu erreichen!
Leider war dieser, für mich wahr gewordene Traum von nur kurzer Dauer.
Ende des Jahres schon wurde ich von einigen Jägern, denen mein Wagen
wohl irgendwie zwischen Kimme und Korn geraten war und sich um ihre Jagdrechte
betrogen sahen, angezeigt. So kam es denn, wie es kommen mußte: Die
Bürokratie fing an zu mahlen und ich bekam unliebsamen Besuch von
Bauamt des Landkreises. In meiner Abwesenheit wurde das Grundstück
in Augenschein genommen und kurze Zeit später flatterte mir unter
dem Betreff:
Aufstellung eines Holzwagens für Wohnzwecke, Errichtung einer Tisch-
und Bankanlage mit Sonnenschirm und eines Nebengebäudes auf dem Grundstück
Flurstück 137/17, Flur 50, Gemarkung Bad Zwischenahn, in Bloh, Woldlinie
eine Vorladung ins Haus, der ich allerdings nicht Folge leistete, aber
nun meinerseits die Behördenvertreter zu einem Gespräch bei Tee
und Gebäck zu mir in den Wagen einlud, was diese wider Erwarten dankend
annahmen.
So saßen wir dann, der Bauamtsleiter nebst protokollarischer Begleitung
und ich, kurze Zeit später in meinem Bauwagen und erörterten
bei der versprochenen Tasse Ostfriesentee die Problematik des Wagenlebens
im speziellen und, da wir uns ansonsten auch wohl sympathisch fanden, über
Gott und die Welt und deren Probleme im allgemeinen.
Dabei wurde mir von den beiden Behördenvertretern deutlich zu verstehen
gegeben, daß es keinerlei Duldungsregelung geben könne, da der
Staat immer einzuschreiten hätte, wenn diesbezügliche Anzeigen
vorlägen und, wie in diesem Falle, das Baurecht nichts anderes zuließe.
Zudem gäbe es im Augenblick eine Bauwagendorfproblematik in Oldenburg
(!) und der Landkreis könne nicht mich dulden,- so gerne sie es auch
würden -, wenn das Wagenleben in Oldenburg verboten sei. Dahinter
stand aber wohl die Befürchtung, daß, wenn ich eine wie auch
immer geartete Duldung bekommen hätte, die Oldenburger Bauwagengruppe
dies als Einladung ins benachbarte Ammerland auffassen würde und der
Landkreis sich diesem "Ärgernis" nicht aussetzen wollte.
Kulanterweise stand man mir eine Räumungsfrist von 6 Monaten zu (die
später auf insgesamt 1 Jahr verlängert wurde). Auch der Gebührenbescheid
für meinen "Schwarzbau" belief sich mit 200 DM eher am unteren
Ende der üblichen Gebührenskala.
So stand ich also wieder, wie so viele andere "Leidensgenossen",
vor dem Problem, entweder einen neuen Stellplatz zu suchen oder das Wagenleben
endgültig aufzugeben.
Was also tun? Ein solches Paradies wie dieses würde ich wohl kein
zweites Mal finden und andere Standplätze waren mir zum einen nicht
bekannt und würden zum andren auf jeden Fall eine deutliche und eine
nicht von mir zu akzeptierende Verschlechterung meiner Lebensqualität
bedeuten.
So faßte ich also schweren Herzens den Entschluß, den mir so
lieb gewordenen Bauwagen zu verkaufen, die Pacht aufzukündigen und
wieder in eine Wohnung zu ziehen...
Anmerkungen:
(1) Anfang der achtziger Jahre lief im ZDF eine Kinderserie namens
"Pusteblume" - später in "Löwenzahn" umbenannt
-, in der ein gewisser "Peter Lustig", in einem Bauwagen wohnend,
den Kindern die Welt auf eine neue, eine kritischere Art näherbrachte,
Umweltprobleme und deren Lösungen beschrieb und durch seine ungewöhnliche
Wohn- und Lebensphilosophie erstmals "grüne" Akzente in
die Fernsehlandschaft einbrachte. siehe auch Kap. 3.8.4.
(2) zu den Stichworten "W.I.S.H." vgl. Kap. 3.8.3. und
"Wagendorf- Iniative" vgl. Kap. 3.5.2.1
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