3.2. Die Suche nach dem guten Leben. ( biographische Notiz von H. Kropp)

Als einem der beiden Verfasser vorliegender Untersuchung und ehemaligem Bewohner einer rollenden Behausung, sei es mir an dieser Stelle gestattet, meine persönlichen Erfahrungen mit dem Leben im Wagen zu beschreiben;
besonders auch deswegen, da diese, meine Erlebnisse häufig auch die der von uns befragten Wagenbewohner im großen und ganzen widerspiegeln oder sich doch zumindest ähneln, besonders, was die von uns als "ländlich orientierten Wagenbewohner" Bezeichneten anbetrifft:

Mitte der 80er Jahre wohnte ich in einer Landwohngemeinschaft im Cloppenburgischen Harkebrügge, ca. 30 Km von Oldenburg entfernt. Zwischen den einzelnen Land-WGs in der Region ( es gab ca. 10 kleinere oder größere Lebensgemeinschaften, verteilt in einem 30 km Radius) bestanden enge soziale Kontakte.

Nach dem Kommunenmotto der siebziger Jahre: "zusammen leben, zusammen arbeiten, zusammen kämpfen" versuchten wir (soweit es möglich war), der uns umgebenden "normalen" Gesellschaft eine neue, lebensfrohere Gegengesellschaft entgegenzusetzen und neue (alte), aber auf jeden Fall andere zwischenmenschliche Strukturen aufzubauen.

Abgekoppelt vom (Atom-)Stromnetz, erzeugten wir mit Hilfe von Wind- und Sonnenkraft alternativen Strom, und versuchten uns in den der autarken Selbstversorgung mit Hilfe der alten, arbeitsintensiven Techniken der Landwirtschaft. Weiterhin waren wir in sog. Lebensmittelcooperativen organisiert, d.h. wir kauften im ökologischen Großhandel Lebensmittel und verteilten sie auf regelmäßigen Treffen der einzelnen LandWGs; wir tauschten Erfahrungen bezüglich etwaiger Probleme innerhalb der jeweiligen Gruppen aus, besprachen Schwierigkeiten, die z.B. beim ökologischen Landbau auftraten, bereiteten politische Aktionen vor wie bevorstehende Demonstrationen in Brokdorf (AKW-Standort) und Gorleben (Atommüll End- und Zwischenlager) oder aber organisierten den regionalen Widerstand gegen die über unseren Köpfen stattfindenden Tiefflüge ( teilweise unterhalb 50 m) der Militärs...

Zu der Zeit bekam ich den ersten Kontakt zu einer Bauwagengruppe, die in der näheren Umgebung wohnte. Deren Art des Lebens und Wohnens fazinierte mich zwar, konnte es mir allerdings zum damaligen Zeitpunkt nicht vorstellen, selber einmal "so" zu leben.

Da ging es mir wohl wie den meisten Menschen, die sich mit solch einer, für sie völlig neuen und fremden Welt konfrontiert sehen. Zu eng schien der Wohnraum, zu spartanisch die Einrichtung, zu fremd die Einstellung der Bewohner. Aber im Laufe der Zeit und nach mehreren Besuchen und intensiven Gesprächen bekam ich einen differenzierteren Einblick in diese Welt und ließ mich von dieser nunmehr faszinierenden Art des Wohnens infizieren.

Als es dann 1986 aus persönlichen, zwischenmenschlichen Gründen zu einem irreparablen Bruch innerhalb unserer Wohngruppe kam, besorgte ich mir spontan einen mit 6 m Länge und 2,30 Breite und mit 8 Rädern (!), äußerst stabilen ausrangierten Bauwagen von einem Oldenburger Bauunternehmer ... und wohnte fortan in "sicherer" Entfernung von den anderen. Auf diese Weise konnte ich dem zu engen Kontakt zu den anderen MitbewohnerInnen des Hauses entfliehen und brauchte so diese für mich ansonsten liebgewordene Umgebung nicht verlassen.
Zudem hätte ein Wegzug meinerseits das allgemeine Ende unseres Lebensprojektes bedeutet, da die - mittlerweise auf 4 Personen geschrumpfte - Gemeinschaft einen erneuten Verlust, gerade auch in bezug auf die finanziellen Belastungen, nicht verkraften würde. So konnte ich in Ruhe meinen Wagen ausbauen und wenigstens so lange dort wohnen, bis sich ein Nachfolger für mich würde finden lassen.

Ich wußte inzwischen, daß das -dauerhafte- Leben und Wohnen im Wagen von Gesetzes wegen grundsätzlich verboten war und brauchte mich deshalb, da ich mich nun einmal DAFÜR entschieden hatte, schon von vornherein nicht mit den Genehmigungen und Vorschriften, die diese, unsere bürokratisch ausgerichtete Gesellschaft üblicherweise für "Bauherren" vorhielt, aufhalten und konnte so planen und handwerkern, wie meine Kreativität und handwerklichen Fähigkeiten es zuließen.
So riß ich z.B. das Dach auf und fügte drei 1qm-große, pyramidenförmige Dachfenster ein (wodurch die Helligkeit im Wageninnere explosionsartig auf das schier Unermeßliche gesteigert wurde und ich mich ständig, selbst noch bei Dämmerungsbeginn, im Freien wähnte), schnitt notwendige Fensteröffnungen und plante und werkelte und richtete mein "rolling home" im Laufe des Sommers so her und ein, bis es meinen, -und NUR meinen-, Wünschen und Vorstellungen vom Wohnen entsprach.

Anfang 1987 war die allgemeine Stimmung innnerhalb der Land-WG inzwischen so unerträglich geworden, daß ich meine Bemühungen, einen neuen adäquaten Stellplatz zu finden, stark intensivierte und alle mir bekannten LandWGs im 30 km Umkreis von Oldenburg aufsuchte und um "Asyl" nachfragte.

Hiermit traf ich allerdings schon auf die ersten Schwierigkeiten: Zum einen gab es inzwischen allgemein immer weniger Land-WGs, zum anderen waren von denen immer weniger bereit, sich auf ein - doch eher unverbindlicheres - Zusammenleben mit Wagenbewohnern einzulassen.

Aber zu guter Letzt fand ich 12 km westlich von Oldenburg ein nettes Ehepaar, welches mir (vorerst) in seinem Garten Zuflucht gewährte. Dort konnte ich also erst einmal mit meinem "rolling home" unterkommen (quasi als realer "Peter Lustig") (1) und hatte Zeit und Muße, das Wagenleben zu genießen.
Als Miete für Stellplatz, Strom (via Kabel) und Wasser ( per Kanister) bezahlte ich monatlich 100 DM, Familienanschluß inklusive.

Auch konnte ich hier ich den Umbau meines Wagens vervollkommnen und im Laufe der Jahre (insgesamt verbrachte ich dort sechs) wurde durch diverse Um- und Anbauten aus dem einstigen "rolling home" ein "richtiges" kleines Haus mit 2 Etagen (Höhe = 4,80m!), überdachter Veranda, und mit Efeu und Knöterich begrünten Wänden.

So fügte sich der Wagen, ohne als solcher groß aufzufallen, in die Umgebung und wurde auch von der Dorfbevölkerung nicht als störender Schandfleck empfunden und, obwohl er deutlich sichtbar an einer Moorstraße stand, hatte ich doch keinerlei Probleme mit Behörden und Nachbarn. Für die Dorfbewohner war ich allenfalls der "grüne Spinner", der ansonsten aber wohl als "harmlos" anzusehen war.

Da ich offiziell bei der mich duldenden Familie gemeldet war, der Wagen also behördlicherseits überhaupt noch nicht thematisiert worden war, zudem keinerlei Sozialhilfe oder sonstige staatlichen Unterstützungen bezog und auch ansonsten keine mich betreffenden Anzeigen von allzu eifrigen Aktivbürgern vorlagen, gab es anscheinend auch für die Behörden keinen Grund, einzuschreiten.

Im Gegenteil, fuhren z. B. am Wochenende Ausflügler mit dem Fahrrad an meinem Wagenhaus vorbei, gab es regelmäßig Ausrufe wie " Da wohnt ja Peter Lustig mit seinem Bauwagen" oder "das ist ja toll, wie der da wohnt" o.ä. Dadurch ergaben sich viele Gespräche mit mir völlig unbekannten Menschen, denen diese Wohnform, wenn auch ungewöhnlich, so doch anscheinend sympathisch war und der eine oder andere von ihnen fand sogar den Weg in meine Behausung, wo wir dann bei einer Tasse Tee so einige Vorurteile abbauen und so manche Brücke zueinander schlagen konnten.

In der Zeit entstand u.a. das WäglerInnenSelbsthilfe-Projekt W.I.S.H. und daraus wiederum der Verein für alternative Wohnkultur - Initiativkreis "Wagendorf" auf die an anderer Stelle noch näher eingegangen werden wird.(2)

So heimisch ich mich im Laufe der Jahre an diesem Standort auch fühlte, war ich doch, - zwar wohl gelitten -, so doch "nur" geduldeter Gast und immer noch auf der Suche nach einem eigenen Grundstück, wo ich mich so entfalten konnte, wie ICH es wollte.

Da traf es sich als "göttliche ?" Fügung, daß ich 1992 ein Flecken Erde, kurz hinter der Oldenburger Stadtgrenze, pachten konnte, welches so völlig mit meinen Vorstellungen übereinstimmte.

Ein Traum von Grundstück fiel da vom Himmel: 8000qm groß, von Bäumen umsäumt und dadurch absolut nicht einsehbar, mit Teich (200qm) und einer Weide, geeignet zum Halten von Gänsen und einer bezahlbaren Jahrespacht von 600 DM; abgelegen und doch in (fast) unmittelbarer Nähe zu meiner Arbeitsstätte in der Uni.

Anfang des folgenden Jahres zog ich dann mit Wagen und Hab und Gut ins "Paradies", während dessen ich allerdings erkennen mußte, daß die bislang immer von mir propagierte "optionale" Mobilität des Wagenlebens gerade bei mir mit ziemlichen Tücken behaftet schien: Zu schwer war der Bauwagen durch die fortwährenden Umbaumaßnahmen geworden und hatte sich im Laufe der letzten Jahre tief in den Boden eingegraben. Und auch das gewaltige Sammelsurium an Büchern und Materialien aller Art hatte sich geradewegs zu einer massiven Bibliothek formiert und erschwerte jedweden Umzug erheblich. Aber zum Schluß kam ich doch glücklich am Ziel an, froh über die Erkenntnis, im Flachland zu wohnen und keine Brücken unterqueren zu müssen. Mein rollendes Domizil war eben doch kein Reisemobil, wenn ich es bislang auch nicht wahrhaben wollte!

Während der nächsten Zeit richtete ich mich häuslich (!) ein, ließ mich ans Telephonnetz anschließen ( die Telekom mußte dafür extra die notwendigen Masten setzen 65 DM Einheitspreis ! - ), errichtete ein Windrad für meine 12V Stromversorgunganlage und baute mir eine Komposttoilette. Wasser holte ich per Kanister von Freunden aus der weiteren Nachbarschaft, bei denen ich in Folge dann auch, wenn mein Windrad mal wieder zu wenig Strom lieferte, meine LKW-Batterie wieder aufladen durfte.

Wenn ich dann auf meiner Veranda saß (ich hatte den Wagen so gestellt, daß diese auf den Teich hinausragte) und meine Gedanken schweifen ließ, fühlte ich mich eins mit der Natur und genoß die Stille um mich herum. So ähnlich mußte sich vor 140 Jahren Henry Thoreau gefühlt haben, als er seine selbstgebaute Hütte am Walden See bewohnte:

...Mein Haus war nur klein, ein Echo zu erzeugen wäre kaum möglich gewesen, doch gewann es an Umfang, weil es ein einziger Raum war und keine Nachbarn hatte. Alles, was ein Haus anziehend macht, fand sich in diesem Raum vereinigt. es war Küche, Schlaf-,Wohn- und Besuchszimmer in einem, und die gleichen Freuden, die Eltern und Kindern, Herrn und Knecht durch das Leben in ihrem Haus zuteil werden, waren mein... (Walden, S.199/200)

Öffnete ich die Tür, wurde die gesamte Umgebung, die Weide, der Teich, die Bäume Teil meiner "Wohnung": Der zuvor beengte Raum wurde groß und zerschmolz gleichsam miteinander. Ich konnte die Vögel hören, wie sie auf dem Wagendach umhertrippelten und die Bäume sehen, die sich im Winde wiegten. Das Licht flutete durch die Dachfenster und die Seitenscheiben und erzeugten dadurch eine innere Einheit zwischen mir darinnen und dem Raum draussen.

Wenn ich dann noch am Computer (!) saß und, über das Internet mit der Welt verbunden, mit eben dieser kommunizierte, wurde es ganz verrückt. Da saß ich also "am Arsch der Welt", in einem Bauwagen mitten in der Abgeschiedenheit (so das in einem von 80 Millionen Menschen bewohntem Land überhaupt möglich ist), und konnte gleichzeitig irgendwo an einem anderen Ort auf diesem Planeten sein, wenn auch nur virtuell.

Endlich hatte ich es geschafft, mit einem Minimum an Lebensstandard ein Größtmaß an Lebensqualität zu erreichen!

Leider war dieser, für mich wahr gewordene Traum von nur kurzer Dauer. Ende des Jahres schon wurde ich von einigen Jägern, denen mein Wagen wohl irgendwie zwischen Kimme und Korn geraten war und sich um ihre Jagdrechte betrogen sahen, angezeigt. So kam es denn, wie es kommen mußte: Die Bürokratie fing an zu mahlen und ich bekam unliebsamen Besuch von Bauamt des Landkreises. In meiner Abwesenheit wurde das Grundstück in Augenschein genommen und kurze Zeit später flatterte mir unter dem Betreff:

Aufstellung eines Holzwagens für Wohnzwecke, Errichtung einer Tisch- und Bankanlage mit Sonnenschirm und eines Nebengebäudes auf dem Grundstück Flurstück 137/17, Flur 50, Gemarkung Bad Zwischenahn, in Bloh, Woldlinie

eine Vorladung ins Haus, der ich allerdings nicht Folge leistete, aber nun meinerseits die Behördenvertreter zu einem Gespräch bei Tee und Gebäck zu mir in den Wagen einlud, was diese wider Erwarten dankend annahmen.

So saßen wir dann, der Bauamtsleiter nebst protokollarischer Begleitung und ich, kurze Zeit später in meinem Bauwagen und erörterten bei der versprochenen Tasse Ostfriesentee die Problematik des Wagenlebens im speziellen und, da wir uns ansonsten auch wohl sympathisch fanden, über Gott und die Welt und deren Probleme im allgemeinen.

Dabei wurde mir von den beiden Behördenvertretern deutlich zu verstehen gegeben, daß es keinerlei Duldungsregelung geben könne, da der Staat immer einzuschreiten hätte, wenn diesbezügliche Anzeigen vorlägen und, wie in diesem Falle, das Baurecht nichts anderes zuließe. Zudem gäbe es im Augenblick eine Bauwagendorfproblematik in Oldenburg (!) und der Landkreis könne nicht mich dulden,- so gerne sie es auch würden -, wenn das Wagenleben in Oldenburg verboten sei. Dahinter stand aber wohl die Befürchtung, daß, wenn ich eine wie auch immer geartete Duldung bekommen hätte, die Oldenburger Bauwagengruppe dies als Einladung ins benachbarte Ammerland auffassen würde und der Landkreis sich diesem "Ärgernis" nicht aussetzen wollte.

Kulanterweise stand man mir eine Räumungsfrist von 6 Monaten zu (die später auf insgesamt 1 Jahr verlängert wurde). Auch der Gebührenbescheid für meinen "Schwarzbau" belief sich mit 200 DM eher am unteren Ende der üblichen Gebührenskala.

So stand ich also wieder, wie so viele andere "Leidensgenossen", vor dem Problem, entweder einen neuen Stellplatz zu suchen oder das Wagenleben endgültig aufzugeben.

Was also tun? Ein solches Paradies wie dieses würde ich wohl kein zweites Mal finden und andere Standplätze waren mir zum einen nicht bekannt und würden zum andren auf jeden Fall eine deutliche und eine nicht von mir zu akzeptierende Verschlechterung meiner Lebensqualität bedeuten.

So faßte ich also schweren Herzens den Entschluß, den mir so lieb gewordenen Bauwagen zu verkaufen, die Pacht aufzukündigen und wieder in eine Wohnung zu ziehen...


Anmerkungen:

(1)
Anfang der achtziger Jahre lief im ZDF eine Kinderserie namens "Pusteblume" - später in "Löwenzahn" umbenannt -, in der ein gewisser "Peter Lustig", in einem Bauwagen wohnend, den Kindern die Welt auf eine neue, eine kritischere Art näherbrachte, Umweltprobleme und deren Lösungen beschrieb und durch seine ungewöhnliche Wohn- und Lebensphilosophie erstmals "grüne" Akzente in die Fernsehlandschaft einbrachte. siehe auch Kap. 3.8.4.

(2) zu den Stichworten "W.I.S.H." vgl. Kap. 3.8.3. und "Wagendorf- Iniative" vgl. Kap. 3.5.2.1


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