Wie aus der Einleitung schon deutlich geworden sein müßte,
beschäftigen wir uns mit Menschen, deren offensichtliche Gemeinsamkeit
nur in dem Faktum zu bestehen scheint, daß sich ihr Leben in Behausungen
(1) vollzieht, die nicht den Normen entsprechen.
Diese Behausungen haben Räder - zwei, vier oder mehr. Es handelt sich
also um Fahrzeuge - Bau- und Zirkuswagen, Caravans, umgebaute Lkws und
Busse.
Gemeint sind hier aber nicht, wie womöglich naheliegend, die (vormals)
traditionell in fahrenden Behausungen lebenden Volks- oder Berufsgruppen,
wie etwa Zigeuner (2), Jenische (3) oder Schausteller, nicht
die Jünger eines Herrn Schreber (4) mit ihren gleichnamigen
Gärten (5), wiewohl etliche "Laubenpieper" um- und
ausgebaute Wagen benutzen und diese durchauch dauerhaft bewohnen, und auch
nicht die immer stärker werdende Gemeinde der Dauercamper (6).
Obgleich Quer- und Rückbezüge nicht nur zulässig, sondern
uns durchaus notwendig erscheinen.
Das Phänomen, daß wir vielmehr zu beschreiben trachten, ist
jüngeren Datums (gesehen im Verhältnis zu Zigeunern und Schaustellern)
und hat auch nichts mit einem Freizeitvergnügen (Dauercamper) zu tun,
sondern ist der Alltag jener Menschen, die aus den verschiedensten Gründen,
allein oder in "Dörfern" seit etwa 20 bis 25 Jahren (bezogen
auf das Phänomen, nicht auf die Verweildauer der einzelnen Bewohner)
selbstgewählt ein Leben im Wagen, dem in einer anderen Behausungen
vorziehen.
Wir werden versuchen, den Gründen hierfür nachzuspüren und
die sie womöglich verbindenden Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten.
In einem ersten Schritt wollen wir versuchen, zu schauen, woher dieses
Phänomen kommt. Gibt es Vorläuferformen? Wodurch erhält
es seine Impulse?
Bevor wir uns aber auf die Suche nach der "Genesis" des Wagenleben
machen, müssen wir klarstellen, daß es sicherlich nicht "das"
monokausale Erklärungsschema gibt, quasi biblisch, der Anfang aus
dem sich alles weitere ergeben hat.
Viele Einflüsse haben sicher in die Entscheidung der Menschen, die
ein Leben im Wagen bevorzugen, Eingang gefunden. Dennoch wollen wir zu
klären versuchen, ob es nicht etwa doch Impulse gegeben hat oder diese
sich womöglich auch veränderten.
Sieht man die Literatur zum Wagenleben durch, fällt auf, daß
insbesondere auf zwei "Vorläuferformen" rekurriert wird.
Da sind zum einen die Formen des "Wilden Wohnens" (7),
zum anderen der Rückbezug auf das "Fahrende Volk" (8).
Während die beiden Arbeiten, die sich mit dem "Wilden Wohnen"
beschäftigen, dieses im Kontext von Obdachlosigkeit und Wohnungsnot
sehen, geht die Arbeit, die sich mit dem "Fahrenden Volk" befaßt,
davon aus, daß dessen jahrhundertelange Diskriminierung und Verfolgung
ihre Fortsetzung in der Vertreibung und Kriminalisierung der heutigen Wagenbewohner
findet.
Als Beispiele sogenannten "Wilden Wohnens" werden dabei immer
wieder zwei Erscheinungen bemüht. Sie gelten dabei analog zum Wagenleben
als Exempel für die Verbindung von Selbsthilfe und alternativer Wohnform:
"Barackia" im Berlin des 19. Jahrhunderts und die Hütten-
und Wagensiedlungen im Hamburg der fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts.
Während im Berlin von 1872 der stetig wachsende Zuzug der agrarischen
Bevölkerung im Rahmen der Industrialisierung und dem dadurch explosionsartigen
Bevölkerungswachstum (9) den Wohnraum verknappte, somit Garant
für Spekulanten und Geschäftemacher war, waren es im Hamburg
der Nachkriegszeit die Zerstörungen des Krieges und die Flüchtlingsströme.
"Barackia" steht hier stellvertretend für mehrere Hüttendörfer
in Berlin. Die genaue Anzahl ist heute nicht mehr feststellbar (10).
Sie fanden sich besonders an der damaligen Peripherie und boten einer unterschiedlich
großen Zahl Menschen Heimstatt. Die Sozialstruktur war von "Dorf"
zu "Dorf" verschieden, doch wird "in vielen Artikeln...
gleichermaßen vermerkt, daß es sich bei den BewohnerInnen der
Kolonien in der Mehrzahl um 'anständige Leute' handelte". (11)
Doch trotz des Versuchs der Autorin der Berliner Studie auch noch andere
Motive kenntlich zu machen, etwa die Befreiung von der Diktatur "maßloser
HausbesitzerInnen" oder die Schaffung eigenen selbstbestimmten Wohnraums,
muß sie doch konstatieren, "daß der akute Wohnungsmangel,
der sich in überfüllten Kleinwohnungen, enormen Mietsteigerungen
und diktatorischen Hauskontrakten ... ausdrückte, einen entscheidenden
Faktor für die Entstehung der Hüttendörfer darstellt."
(12)
Sie unterstreicht dies noch einmal in der Feststellung: "Auch wenn
die BewohnerInnen der Siedlungen durch ihre Selbstorganisierung den (gesellschaftspolitisch)
vorgegebenen Rahmen sprengten, waren sie offensichtlich nicht darauf aus,
gesellschaftliche Mißstände und politische Verhältnisse
zu kritisieren." (13)
Festgemacht wird dies an den allenthalben Erwähnung findenden
Flaggen Preußens und des Deutschen Reichs, die über den Hüttendörfern
geweht haben sollen. Einen Autor der Zeitung "Neuer Social-Demokrat"
veranlaßte dies zu folgender Äußerung: "Wenn die
Berliner Obdachlosen auf ihren Baracken schwarz-weiße Fahnen flattern
lassen, dann geschieht es ihnen recht, wenn ihnen von Amts wegen das Dach
über dem Kopf eingerissen wird." (14)
Womit das Ende schon angedeutet wäre: Ab Mitte 1872 wurden die
Hüttendörfer mit unnachgiebiger Härte geräumt und Neugründungen
verhindert. Dies war nach etwa einem halben Jahr das Ende des Experiments
"Barackia". Über weitere Versuche in der Folgezeit, die
ähnliche Ausmaße annahmen, ist uns nichts bekannt, doch kann
man mit Häußermann und Siebel - sich auf die neusten sozialhistorischen
Arbeiten stützend - annehmen, daß der Prozeß der Verelendung
sich nicht weiter fortsetzte, sondern "die permanenten Verbesserungen
der Wohnungsversorgung schon in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis zu
den 'extrem unterversorgten städtischen Schichten' (15) "
durchsickerte.
Auch diese Bemerkung unterstreicht noch einmal, daß Hüttendörfer
wie "Barackia" in erster Linie der Armut und der Wohnungsnot
geschuldet waren.
Auf die Hamburger Hütten- und Bauwagensiedlungen wollen wir hier nicht
näher eingehen, nur soviel sei gesagt, daß unserer Ansicht nach
hier dieselben Gründe ausschlag gebend sind. Ein ungewöhnliches
Faktum muß aber doch noch Erwähnung finden: Hamburg "verdankt"
diesen Siedlungen ein 1959 eigens geschaffenes Bauwagengesetz - wir werden
an andere Stelle noch kurz darauf eingehen -, das den Wagenbewohnern von
heute noch immer zu schaffen macht. (16)
Obwohl wir das sogenannte "Fahrende Volk" bereits in unserer
oben vorgenommenen Negativdefinition, denn Zigeuner, Jenische und Schausteller
zählen dazu, ausschlossen, scheint es uns geboten zu sein, doch auf
dieses Phänomen näher einzugehen.
Und dies aus zwei Gründen: Zum einen weil sich ein Teil der Wagenbewohner
selbst in der Tradition des "Fahrenden Volkes" stehend sieht
(17); zum zweiten, weil wir, ähnlich wie D. Meyer, vermuten,
daß über Jahrhunderte gewachsene Vorurteile der deutschen Bevölkerung
auch auf die Wagenbewohner übertragen werden.
Auch die Palette der positiv besetzten Vorurteile (Komödiant, Sozialrebell),
werden wir hierbei einer eingehenden Betrachtung unterziehen, zumal dies
die Traditionen sind, auf die sich die heutigen Wagenbewohner berufen.
Es kann aber nun nicht an uns sein, an dieser Stelle die gesamte Geschichte
der "Fahrenden" nachzuzeichnen; denn da fangen die Probleme schon
an: wer und was waren die Menschen überhaupt, die ihr Leben auf der
Straßen fristen mußten.(18)
Daher haben wir beschlossen, quasi exemplarisch, unsere Sicht der Dinge
an zwei Sätzen aus der Arbeit von D. Meyer (19) darzulegen:
"Das 'Fahrende Volk', die Zauberer, Wahrsager, Possenreißer,
Puppenspieler und Pantomimen, die Bären- und Affenführer, Jongleure,
Seiltänzer, Kunstreiter, Komödianten, Sänger und Musikanten
waren von jeher Außenseiter der Gesellschaft, nicht anpaßbar,
Gefahrenmomente für die herrschende Ordnung."
Ein treffliches Bild wird hier gezeichnet, voller Sympathie, aber auch
mit vielerlei Vorurteilen besetzt. E. Schubert kommt in seinem quellenanalytischen
Werk, welches zwar nur die Zeit des Mittelalters und der frühen Neuzeit
berücksichtigt, zu anderen Aussagen.(20)
Der Begriff "Fahrendes Volk" vermittelt uns den Eindruck,
als habe es sich bei diesen immer um eine relativ homogene soziale Gruppe
gehandelt. Dies war durchaus nicht so. Auch bei den "Fahrenden"
gab es ein "oben" und unten", also sehr unterschiedliche
soziale Profile.(21)
Es gab Wandergewerbe, die den Ausübenden durchaus zum wohlhabenden
Mann machen konnten, etwa die Wundärzte, obgleich die überwiegende
Anzahl der Menschen vom blanken Elend auf die Straße getrieben wurde.
So muß man feststellen, daß der Begriff des "Fahrende
Volk" vielmehr in umgekehrter Konnotation ebenso eine Verallgemeinerungen
der Art ist, wie sie in den obrigkeitlichen Edikten der frühen Neuzeit
zum Ausdruck kommt: "... moralisierend (wird) aus einer Lebensweise
die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlich unerwünschten Schicht
des 'herrenlosen Gesindels' (gefolgert)" (22), einen bis ehedem
neutralen Begriff, eben das "Fahrende Volk", zur "Benennung
(einer) allgemein bekannten Lebensform" (23) ins Negative gewendet.
Das es dieser Edikte überhaupt bedurfte, verweist dabei noch auf etwas
anderes. Die "Fahrenden" waren nicht von "jeher Außenseiter"
(Meyer) (24), vielmehr galten sie bis ins Spätmittelalter als
integraler Bestandteil der damaligen Gesellschaft. In einer Zeit in der
dauerhafte oder doch zumindest temporäre Unbehaustheit (25)
eine Massenerscheinung war, Kriege, Hungersnöte und die Unterdrückung
durch feudale Grundherren trieben die Menschen auf die Straßen, gemahnten
sie nicht nur die Seßhaften, daß ihnen dieses Schicksal auch
selbst jederzeit widerfahren könne, sondern erfüllten wichtige
Funktionen im gesellschaftlich Alltag.
"Fahrende Leute sind unverzichtbar, ganz davon abgesehen, daß
sie Unterhaltungsbedürfnisse befriedigen, ... abgesehen auch davon,
daß sie die geborenen Nachrichtenübermittler und auch Boten
sind
... Im Alltag sind ihre Dienste und Künste unerläßlich:
Es handelt sich um spezielle Tätigkeiten und Fertigkeiten, die nur
im Umherziehen ausgeübt werden können, um ihren Mann zu ernähren."
Kesselflicker und Hausierer, aber auch Ratten- und Mäusefänger
gehören dazu. Dabei üben Fahrende "oft mehr als einen Erwerbszweig
aus. Vielseitig müssen sie sein, um ihr Brot im Umherziehen verdienen
zu können. ... Denn selten nähren Gewerbe der Fahrenden das Jahr
über ihren Mann. Der Wille zum Überleben zwingt arme Leute und
Fahrende gleichermaßen zur Flexibilität. Und davon profitiert
die Gesellschaft insgesamt. Unter den Bedingungen der Zeit wäre eine
seßhafte Bevölkerung in den auseinanderliegenden Siedlungen,
Burgen und Städten in Familienverbände zerfallen, verurteilt
zur Stagnation. Der Fahrende als Nachrichtenübermittler ... repräsentiert
die Außenseite der unverzichtbaren Mobilität, die erst zwischen
Menschengruppen jenes Beziehungsnetz knüpft, das für größere
soziale Ordnungen unerläßlich ist." (26)
Die Edikte waren also auch notwendig, neben der Disziplinierung der Fahrenden,
einer zwar diesen nicht immer wohlwollend, aber doch meist neutral gegenüberstehenden
Bevölkerung vor Augen zu führen, daß es notwendig sei,
dies "Gesindel" zu kekämpfen.
Mit der Herausbildung des absolutistischen Staates verschärfte sich
der Ton dieser Mandate dergestalt, daß nicht nur kriminaltechnische
Begriffe bemüht wurden, sondern die gesamte Lebensform als asozial,
als "krankhaft" beschrieben wurden. (27)
Faktisch führte dies zwar nicht zum Verschwinden der Fahrenden - im
Gegenteil: durch die enorme Bevölkerungsexplosion der frühen
Neuzeit und dem damit verbundenen überproportional hohen Anstieg der
Armut, nahm die Zahl der auf der Straße lebenden Menschen stark zu
(28) - doch die mentale Einstellung der Bevölkerung wandelte
sich, wenn auch sehr langsam. (29)
Hinzu kam, daß technische Innovationen wie etwa die Buchdruckerkunst
im Bereich der Kommunikation, aber auch demographische Veränderungen
wie das Wachstum der Städte, die es etlichen Wanderberufen nun möglich
machte, ihr Auskommen auch vor Ort zu haben, die Leistungen der Fahrenden
überflüssig machten. (30)
Und noch ein Umstand sei erwähnt, der, obwohl er banal erscheinen
mag, doch nicht unwichtig ist: die sich Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts
verändernden Reisegewohnheiten der Fahrenden. (31) Waren sie
bis dahin in erster Linie zu Fuß, allenfalls mit Schub-, Hunde- oder
kleinen Pferdekarren unterwegs, somit auf Unterkünfte in Herbergen
oder bei Bauern angewiesen, so sie denn nicht unter freiem Himmel nächtigen
wollten, machte die kostengünstige industrielle Produktion den Erwerb
von Wohnwagen möglich.
Dies hatte Folgen: "Mit der Einführung des Wohnwagens verbesserten
die Landfahrer zwar insgesamt ihre Wohnbedingungen; sie reduzierten damit
aber auch ihre Kontakte zur stationären Bevölkerung, die ihnen
bislang bei der Beschaffung von Unterkünften geholfen hatte, auf reine
Handelsbeziehungen." (32)
Somit verstärkte sich mit der Übernahme des Wohnwagens als
mobiler Unterkunft die Isolation von der übrigen Bevölkerung.
Die Sozialdisziplinierung, die strengere Hierarchisierung der sozialen
Verhältnisse, das Aufkommen der arbeitsteiligen Gesellschaft, alles
den sich verändernden ökonomischen Verhältnissen unterworfen,
führten zur Isolation und Diskriminierung der Fahrenden.
Doch wie reagierten diese Menschen darauf? Wenn man D. Meyer glauben darf,
indem sie die Anpassung verweigerten und so zu einem Gefahrenmoment für
die herrschende Ordnung wurden. Doch dieses Bild ist falsch. Es ist vielmehr
Ausdruck eines Vorurteils, das uns seit der Romantik begleitet. Allein
die Reduzierung der Fahrenden auf das Berufsbild der Spielleute nährt
schon diesen Verdacht. "Unter den verschiedensten Existenzen fahrender
Leute des Mittelalters hat die Romantik eine herausgegriffen und in vermeintlicher
Wiederentdeckung zu einem eigenen Berufsstand umgedeutet: den Spielmann.
Faszinierend, im verklärenden Schimmer, erschien, was man zu sehen
glaubte; eine Verbindung von Poesie und freiem Umherschweifen, allen gesellschaftlichen
Zwängen einschließlich der monetären Notwendigkeit entzogen
..." (33)
. Doch hatte die Realität der Straße aber auch gar nichts
mit diesem verklärten Bild gemein: Auf der Flucht vor Hunger, Not
und Unterdrückung fanden sich die Menschen, die diesen Schritt wagten
- fast immer - in noch größerem Elend wieder. Zu den schon aufgezählten
elenden Bedingungen, denen sie zu entfliehen trachteten, kamen die Unbilden
von Witterung, Krankheit und Heimatlosigkeit. "Was die zum Wanderleben
gezwungenen Menschen angesichts der alltäglichen Widrigkeiten, angesichts
der überall lauernden Gefahren empfunden haben, ist nicht mehr nachzuvollziehen.
Nur eines ist sicher: Eine Wanderromantik kennen sie nicht. Sie leben nicht
aus dem Bewußtsein individueller Freiheit, sondern aus Armut. Das
Ziel, dieser Armut zu entrinnen oder diese zumindest zu lindern, ist ihr
Lebensinhalt. Es fehlt die ideologische Begründung der späteren
Vagantenromantik, der Gegensatz zur Gesellschaft. Schließlich lebt
der Fahrende von den Gaben der Seßhaften." (34)
Und auch die Gründungen von Bruderschaften oder anderen genossenschaftlichen
Organisationen (35) - wie den Pfeiferkönigreichen, Spielgrafenämtern
oder zunftähnlichen Gebilden (36) - dienten nicht dem Zweck
vermeintliche Freiheiten zu verteidigen, sondern den Außendruck zu
mindern und ihren Mitgliedern eine Anpassung an die bestehende Wertewelt
zu ermöglichen, denn Seßhaftigkeit war das Ziel. Schubert geht
sogar soweit, in ihnen ein Instrument der Selbstdisziplinierung (37)
zu sehen, keinesfalls Ausdruck einer politischen Gegenbewegung.
Allerdings läßt sich, bis auf die Zeit derBundschuhbewegung
(38), nur selten ein Zeugnis finden, das belegen könnte, daß
von ihnen politisch gegengesellschaftliche Anstöße ausgegangen
sind. "Es scheint eher so zu sein, daß die Vaganten der gesellschaftlichen
Ausgrenzung hilflos ausgeliefert waren." (39)
Vor diesen historischen Hintergründen muß der folgende Satz
von Meyer, gelinde gesagt, als sehr merkwürdig aufgefaßt werden:
"Die Geschichte zeigt, daß das Fahrende Volk von jeher einen
hohen Preis zahlen mußte für ihre ungebundene Lebensweise."
(40)
Sicherlich: den Preis haben sie gezahlt, doch bestand dieser neben
der Ungebundenheit auch in der Heimatlosigkeit und einem elenden Leben
auf der Straße.
Bleibt noch zu fragen, welchen Umständen die positive Überhöhung
des "Fahrenden Volkes" zu danken ist. Einen Anhaltspunkt gibt
uns A. Kopecny in ihrem ansonsten recht lesenswerten Buch "Fahrende
und Vagabunden".(41)
In ihrer Vorbemerkung spricht sie von der Faszination, die das Leben
"on the road" von jeher ausgeübt habe und setzt die Ausgrenzung
der Fahrenden als "innere Kolonisierung" in Beziehung zu der
"äußeren Kolonisation der Dritten Welt". (42)
Wenngleich dieser Gedankengang von uns für interessant und richtig
gehalten wird, verweist uns die Wortwahl doch auch auf das Pathos der Zeit.
Schaut man sich das Erscheinungsdatum des Buches (1980) und der Arbeit
von D. Meyer (1984) nähert man sich einer Antwort an. Nicht mehr thoriegeschwänkerte
Diskussionen, insbesondere marxistisch orientiert, bestimmen den kritischen
Umgang mit der Gesellschaft, sondern die Versuche aus Alternativ- und Ökologiebewegung,
Theorie und Praxis miteinander zu verbinden, definieren den Geist der Zeit.
Landkommunen werden gegründet und das "einfache" Leben propagiert.
Für den Oberbau begibt man sich auf die Entdeckungsreise durch fremde
Kulturen, immer auf der Suche nach dem Rousseauschen "bon sauvage",
der mit sich und seinesgleichen und der Natur im Einklang lebt. (43)
Eine dieser Entdeckungen waren die "Fahrenden".
Wenn wir auch der Ansicht sind, daß die Fahrenden, ebenso wie das
Phänomen des "Wilden Wohnens", nicht direkt etwas mit den
heutigen Wagenbewohnern zu tun haben, weist die Erwähnung dieser sozialgeschichtlichen
Spuren doch auf einen gemeinsamen soziologischen Ort: auf die Welt des
gegenkulturellen Milieus.
Unsere Spurensuche führt uns in die USA. Und hier begann alles
Mitte der 60er Jahre mit dem bundesdeutschen VW-Bus, wenn man P. Lorenz
in seinem Artikel über "Rolling Homes" (44) Glauben
schenken darf - er hätte das "Asphalt Nomadentum" ins Rollen
gebracht.
Was die Motorisierung angeht mag dies zutreffen. Doch das Lebensgefühl,
das dahinter steht, ist schon älteren Datums. Bereits Ende der 40er
und in den 50er Jahren forderten die "beatniks" (Borroughs, Ginsberg,
Kerouac) eine rigorose Abkehr vom "american way of life".
Angeekelt von der us-amerikanischen Wohlstandsgesellschaft mit ihrem erstickenden
Konsum und einer naiven Technikhörigkeit, welche die ihr inhärenten
Gefahren der Unterdrückung und der Zerstörung des Lebens - symbolisiert
in der drohenden atomaren Apokalypse - nicht sehen wollte, wandten sie
sich einem Leben in individueller Freiheit zu. In der ihnen eigenen Mischung
aus Ungebundenheit, selbstgewählter Armut und Mystizismus versuchten
sie ihr eigenes von den gesellschaftlichen Tabus befreites Leben zu gestalten.
Einen Eindruck von ihren Träumen vermittelt uns Jack Kerouac in seinem
Roman "Gammler, Zen und Hohe Berge": "Japhy, aufspringend:
>>Ich habe Whitman gelesen, wißt ihr, was er sagt, Freut euch,
Sklaven, und schreckt die fremden Tyrannen, er meint, das ist die Haltung
für den Barden, den irren Zen Barden der alten Wüstenpfade. Seht
mal, das Ganze ist nämlich eine Welt voll von Rucksackwanderern, Dharma
Gammler, die sich weigern zu unterschreiben, was die Konsumgesellschaft
fordert: daß man Produziertes verbrauchen soll und daher arbeiten
muß, um überhaupt konsumieren zu dürfen, das ganze Zeug,
das sie eigentlich gar nicht haben wollten, wie Kühlschränke,
Fernsehapparate, Wagen, zumindest neue Wagen zum Angeben, bestimmte Haaröle
und Parfüms und lauter solcher Kram, den man schließlich immer
eine Woche später auf dem Mist wiederfindet, alle gefangen in einem
System von Arbeit, Produktion, Verbrauch, Arbeit, Produktion, Verbrauch,
ich habe eine Vision von einer großen Rucksackrevolution, Tausende
oder sogar Millionen junger Amerikaner, die mit Rucksäcken rumwandern,
auf Berge gehen, um zu beten, Kinder zu Lachen zu bringen und alte Männer
froh machen, junge Mädchen glücklich machen und alte Mädchen
noch glücklicher, alles Zen-Besessene, die rumlaufen und Gedichte
schreiben, die ihnen zufällig und ohne besonderen Anlaß einfallen,
und die durch Freundlichkeit und auch durch seltsame, unerwartete Handlungen,
ständig jedermann und jeder lebenden Kreatur die Vision ewiger Freiheit
vermitteln ..." (45)
Dem VW-Bus sind, erbaut auf anderen Chassis, etwa ausgedienten Schulbussen
und Armeefahrzeugen, noch viele - 1974 schätzte man eine halbe Million
- andere "Rolling Homes" gefolgt. Ihren Besitzern, so fährt
Lorenz fort, ermögliche diese Wohnform die Flucht vor Karriere, Verantwortung
und dem Rhythmus des Achtstundentages. Auch sind sie keine "beats"
mehr; ihnen sind inzwischen die "hippies" und "yippies"
(46) der 60er Jahre gefolgt. Und was durch die bürgerliche
Brille betrachtet nach Flucht aussieht, könnte man wohlmeinender als
Suche bezeichnen.
Wahrscheinlich war es beides. Einerseits die Flucht vor einer Welt voll
von Äußerlichkeiten, in der nur materielle Dinge zählen,
andererseits die Suche nach dem "Authentischen" im Menschen,
dem Selbst, seiner Identität (47)
. Doch dem Sommer der Liebe (1967) war nur ein kurzer Frühling
beschieden. Wo sie Liebe (48) predigten, wurden sie mit der Gewalt
des Systems konfrontiert, zusammengeschlagen und verfolgt. Hinzu kamen
die immensen Probleme, die der Zuzug oder Besuch Abertausender - man spricht
von bis zu 500000 Menschen - den Zentren der Hippie-Bewegung, insbesondere
Haight Ashbury in San Francisco und das East Village in New York, machte.
Neben den miserablen hygienischen Bedingungen machte insbesondere wachsende
Kriminalität (49) den Bewohnern zu schaffen. Das Experiment
drohte im Chaos zu versinken. Insbesondere die gegenökonomischen Einrichtungen
wie "freeshops und Diggerläden (die auf Tausch- oder non-profit-Ebene
aufgebaut waren), Clubs, Restaurants, ... free clinicen, ... (das alternative)
Selbstversorgungssystem" (50) konnten unter diesen Bedingungen
nicht mehr weiterexistieren ohne zu degenerieren. "Hinzu kam die rasche
Kommerzialisierung der Gegenwelt der Hippies."(51) Entkleidet
ihrer wahren Werte, ihres Protestes enthoben, reduziert auf Blumen, bunte
Kleidung und psychedelische Musik, nur mehr bloßes Klischee, also
zum Kitsch verkommen, bemächtigte sich der Markt dieser Attribute
(52)
. Diesem Prozeß der Vermarktung versuchten sich die "hippies"
zu entziehen, in dem sie ihre Bewegung im Oktober 1967 in San Francisco
symbolisch selbst zu Grabe trugen.
"Aber sie lebten weiter, nur in unterschiedlichen Formen. Die einen
in radikalisierter Weise auf dem Weg nach innen, der Selbstfindung, der
Bewußtseinserweiterung; Drogen bekommen einen zentralen Stellenwert.
Die 'psychedelische Revolution` sollte die Menschen zu neuen Ufern der
Selbsterkenntnis, zu einem neuen Leben führen (Timothy Leary). Andere
werden erdnäher: gründen Projekte, Gegeninstitutionen (Landkommunen,
Schulen, Kindergärten, Theater, Handwerkskollektive, Food-Coops),
organisieren ein weitmaschiges Netz selbstverwalteter, gegenkultureller
Gemeinschaften, den "Underground". Eine dritte Gruppe wird politisch,
anarchistisch. Die Yippies - von YIP (Youth Intentional Party) - verstehen
sich nicht als Partei im traditionellen Sinne, 'sondern als Ereignis voller
Aktion, Handlung, Dynamik; Politik sollte auf die Straße und Tanz,
Gesang, Aufklärung, Agitation und Guerilla-Theater bedeuten... Ihr
Grund- und Lehrsatz heißt: Revolution ist immer, wir müssen
nur beginnen, sie zu leben.` (Hollstein 1979: 56f)" (53)
Der symbolischen Bestattung der "hippie"-Bewegung folgte ein
nicht minder symbolträchtiger Auszug ihrer Anhänger aus den Städten,
auf der Suche nach dem "Gelobten Land" hinaus auf das Land. In
hunderten von zum Teil schrottreifen Fahrzeugen machte man sich auf den
Weg.
Während der größte Teil sich in Landkommunen niederließ,
wählten andere das Leben "on the road". Sie zogen entweder
allein von Landkommune zu Projekt und umgekehrt, um sich dort zu verdingen
und ihre Fahrzeuge auszubauen, oder in "tribes" (Stämmen)
von Festival zu Festival, um ihre kunsthandwerklichen Produkte zu veräußern
(54).
Dies dürfte die eigentliche Geburtsstunde der "rolling homes"
gewesen sein, einer Bewegung, die mit ihrem sie umgebenden Flair und den
systemkritischen Untertönen, einen nicht unerheblichen Einfluß
auch auf das bundesdeutsche Wagenleben, zumindest deren Entstehung, gehabt
haben dürfte.
In der BRD setzen derartige Versuche aber erst Mitte der 70er Jahre ein.
Ende der 60er Jahre waren die Oppositionsversuche eher dem klassischen
Politikfeld vorbehalten. In "theoriegeschwängerten" Diskussionen
versuchte man den Marxismus neuzubeleben.
Die Politikfelder waren die Notstandsgesetzgebung und der Antiimperialismus
am Beispiel des Vietnam-Krieges, der Träger die Außerparlamen-
tarische Opposition (APO). Sie setzte sich aus der Ostermarsch-Bewegung,
kritischen Teilen der Kirche und Gewerkschaften und der Studentenbewegung,
hervorzuheben ist hier der SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund),
zusammen. (55)
Durch den Zerfall der APO - das Scheitern der Anti-Notstandskampagne
und der Einmarsch des Warschauer Paktes in die CSSR sind zwei entscheidende
Ereignisse, die dazu beitrugen - und der Studentenbewegung - der SDS löste
sich 1969/70 zugunsten von Basis- und Projektgruppen auf - verstärkte
sich das, was seit Anfang der 60er Jahre sich als "Neue Linke"
herausgebildet hatte. Ursprünglich antiautoritär orientiert und
der Strategie der "direkten Aktion" verpflichtet (56)
- in Abgrenzung zur bisher gepflegten Politik der Kongresse (57) -
radikalisierte sich der Protest. In Verkennung der Situation, geblendet
durch die vermeintlichen Erfolge der Massenmo- bilisierung in Sachen Notstandsgesetzgebung
und dem Eindruck der wilden Streiks im September 1969, meinte man sich
in einer "prärevolutionären Phase" zu befinden, in
der durch Agitation und Provokation die Revolution vorbereitet werden könnte,
übersah dabei aber, daß von dem kritischen Teil der Bevölkerung
nur Reformen innerhalb des Systems gewollt waren. (58)
Dies hatte Folgen für die "Neue Linke". "Hauptsächlich
studentisch-intellektuelle Sozialrevolutionäre waren es, die nun die
Bewegung in Deutschland trugen und bestimmten". (59) Dabei
übersahen sie aber völlig, daß ihnen der gesellschaftliche
Rückhalt, die Basis, fehlte, die revolutionäre Situation nur
in ihren Köpfen und Erfahrungswelt stattfand.
Ein weiteres Moment für das Scheitern war, "daß es vielen
Gruppen nicht gelang, ihre politischen Aktionen mit dem Privatleben zu
verbinden. Linke Politik und privates Emanzipationsbedürfnis dürfen
aber nicht - wie in der bürgerlich-bürokratischen Gesellschaft
- getrennt bleiben, sondern müssen vermittelt sein. Ohne diese Vermittlung
... ist weder Selbstbefreiung noch kollektive Befreiung und somit auch
kein sozialer Wandel möglich." (60)
Besonders begriffen dies die Frauen, da sie erfahren mußten,
daß sie zwar theoretisch gleichberechtigt mit diskutieren konnten,
in der Praxis ihre Unterdrückung ebenso tabuisiert wurde wie in der
bürgerlichen Gesellschaft. Über die Forderung nach "Neuverteilung
der Rollen, auch über die Gründung von Kinderläden"
(61), begann sich so die neue Frauenbewegung zu entwickeln.
Die Frustration über die nicht erreichte Massenmobilisierung ließ
viele Anhänger der "Neuen Linken" das Prinzip der Kaderpartei
(K-Gruppen: KPD/AO, KPD/ML, KBW, GIM, KB etc.) neuentdecken. Durch Betriebs-
und Schulungsarbeit sollte dem Industrieproletariat ein Klassenbewußtsein
vermittelt werden und so eine proletarische Massenorganisation geschaffen
werden. "Während in den verschiedenen straff hierarchisch organisierten
Kaderparteien ... die Frage der persönlichen Emanzipation, der individuellen
Bedürfnisse, aus der politischen Arbeit strikt ausgegrenzt wurde,
flossen in andere Formen der Betriebsarbeit stärker spontaneistische
Elemente der antiautoritären Bewegung ein" (62), die sich
eher rätekommunistischen oder autonomen Ansätzen verpflichtet
fühlten.
"Aus dem Scheitern derartiger Mobilisierungskonzepte resultierte,
in besonders ausgeprägter Weise in den 70er Jahren in Frankfurt, der
Aufbau eines spontaneistisch geprägten 'Gegenmilieus`, einer autonomen
Infrastruktur alternativer Projekte (Kneipen, Cafes, Filmtheater, Reparaturwerkstätten,
Stadtzeitungen etc.)." (63)
Andere versuchten in der Arbeit mit Randgruppen - z.B. "Knackis"
(Gefängnisinsassen) und "Trebegängern" (aus Heimen
oder von zu Hause ausgerissene Kinder und Jugendliche) -, in der Jugendarbeit
(Jugendzentrumsbewegung) oder in der Stadtteil bezogenen Arbeit Konzepte
zu entwickeln, die die gesellschaftlichen Veränderungen voran treiben
könnten. Wieder andere - und Kurz sieht hierin einen Ausdruck der
ursprünglichen Aufgeschlossenheit der Bewegung - wandten sich ob der
Verhärtung der "Neuen Linken" auf ihrer Suche nach einer
besseren Welt spirituellen Gruppen (Hare-Krishna, Jesus People etc.) zu.
(64)
Ein weiterer Aspekt soll hier nicht unterschlagen werden: Mit der Wahl
der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt, 1969, keimte unter vielen
Anhängern der Neuen Linken die Hoffnung auf, innerhalb des bestehenden
Parteiensystems Ansätze entwickeln zu können, um die Gesellschaft
zu reformieren. So traten zwischen 1969-73 "rund 100000 junge Erwachsene,
meist Studenten und Jungakademiker, den Jungsozialisten bei" (65)
. Doch mußte man als bald feststellen, daß die SPD/FDP
Regierung, die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen konnte.
Angetreten mit großem Elan das "Modell Deutschland" (66)
zu verwirklichen - es wurde die Bildungsreform auf den Weg gebracht, das
Betriebsverfassungsgesetz verabschiedet, das Wahlrechtsalter gesenkt, der
Versicherungsschutz erweitert etc. - mußte man bereits 1974, symbolisiert
auch im Kanzlerwechsel vom Reformer Brandt zum Praktiker Schmidt, erkennen,
daß die Politik des "Mehr-Demokratie-wagens" einer Politik
der Krisenbewältigung gewichen war.(67)
Dies geschah auf dem Hintergrund der sogenannten Ölkrisen von
1973 und 1975. Neben einer nachhaltigen wirtschaftlichen Rezession, die
ihren gewichtigsten Ausdruck in einer Verdoppelung der damaligen Arbeitslosenrate
(1975) hatte, machten diese beiden Ereignisse erstmals einer breiteren
bundesrepublikanischen Öffentlichkeit die "Grenzen des Wachstums"
(68) deutlich.
Eine breite ökologische Diskussion über die Schattenseiten der
industriell-technokratischen Wachstumsgesellschaft setzte ein. Durch die
nicht mehr finanzierbaren Reformvorhaben und die schockierende Wirkung
ökologischer Szenarios verfestigte sich Mitte der 70iger Jahre diese
Krisenstimmung. Verschlechterung der objektiven Lebensbedingungen und Konzeptlosigkeit
von Politik und Bürokratie führten zu Verdrossenheit und Zukunftsangst.
Angesichts einer wechselseitigen Eskalation zwischen Staat und terroristischen
Gruppen (z.B. RAF) kam die Angst vor einer neuen faschistoiden Ausformung
des Staates hinzu. Dies trat nicht nur im Auf- und Ausbau des "Sicherheitsstaates"
(69) mit Rasterfahndung und finalem Todesschuß zu Tage, sondern
auch in dem schon fast paramilitärischem Auftreten des Staates bei
Demonstrationen gegen Großprojekte wie Atomkraftwerke (z.B. "die
Schlachten" um Grohnde oder Brokdorf) oder Flughafenerweiterungen
(Startbahn West in Frankfurt/M).
Auf dem Hintergrund der oben skizzierten Ereignisse -gescheiterter antiautoritärer
Protest, unerfüllte Reformerwartungen und immense Zukunftsängste
- bildete sich ab Mitte der 70iger Jahre eine bunt schillernde Gegenbewegung
heraus, die sogenannte Alternativbewegung (70)
. Getrieben von den oben genannten Motiven fanden sich viele Menschen
in Bürgerinitiativen, je nach thematischem Schwerpunkt der Ökologie-
oder Friedensbewegung zuzuordnen, der Frauenbewegung und der sich entfaltenden
"Alternativen Szene" zusammen. Es begann "eine intensive
Phase des Suchens, der Selbstreflexion, des Experimentierens, der Projektbildungen
und der gegenseitigen Annäherung." (71)
Neben dem Unbehagen an den bestehenden Verhältnissen (72)
leitete sie insbesondere die Vorstellung bei der Verwirklichung ihrer Ideen
und Ziele nicht mehr auf die Zukunft vertröstet zu werden, sondern
diese in der Gegenwart, also "im hier und jetzt", anzugehen.
Die Experimentierbaustelle der 70er, so A. Buro, hatte ihre Tore geöffnet.
In der theoretischen Beschäftigung lassen sich dabei grob zwei Wege
des Herangehens festmachen: Die einen setzten dabei auf den Weg der Befreiung
des "authentischen Selbst" mittels religiöser, esoterischer
oder psychologischer Konzepte - die "neue Innerlichkeit"; die
anderen auf eine Politisierung des Alltags, in dem experimentell neue Formen
des Zusammenlebens (Kommune, Wohngemeinschaften) und -arbeitens (Landkommunen,
Handwerks- und Dienstleistungskollektive) ausprobiert wurden.
In der Praxis war diese Trennung aber vielfach aufgehoben: So arbeitete
der Baghwan-Jünger im gegenökonomisch ausgerichteten Tischlerkollektiv,
gründete der auf seine seelische wie körperliche Gesundheit bedachte
"Müsli-Freak" eine Initiative gegen Atomanlagen oder baute
der in der sozialistischen Schülerarbeit Engagierte sein Gemüse
und Kräuter - und dazu zählte auch der Hanf - nach anthroposophischen
Regeln an.
Eben so verworren und unübersichtlich sind das Formenspektrum und
die Aktionsfelder der "Alternativ-Szene". Neben den schon oben
angedeuteten Wohn- und Lebensexperimenten zählen sicher auch Hausbesetzungen,
Stadtflucht, Gegenöffentlichkeit (Alternativpresse) und eine eigene
"Freizeit-Kultur" zu den Stichwörtern, die hier Erwähnung
finden müssen.(73)
Und letzteres läßt uns wieder auf einen alten Bekannten
treffen, den schon in den USA als mobiles Heim benutzten VW-Bus. Gleichzeitig
verweist uns diese auf die Wurzeln des Zirkus- und Bauwagenlebens.
Im Rahmen der Versuche, Musik- und Theaterkultur den kapitalistischen Verwertungsinteressen
zu entziehen und sie zur Propagierung der eigenen Lebenseinstellungen zu
nutzen, ein schon seit der Studentenbewegung eingeschlagener Weg, etablierte
sich seit Mitte der 70er Jahre ein reges nicht-kommerzielles Festivalgeschehen
(z.B. "Umsonst und Draußen").
Ähnlich wie in den USA und Großbritannien bildete sich im Umfeld
eine eigene - zu Beginn nicht-kommerzielle - Infrastruktur heraus. Die
Nachfragen nach Nahrungsmittel, Kleidung etc. wurden durch mitreisende
Anbieter befriedigt.
Dieses Leben, ob nun als Künstler, "fliegender Händler"
oder Konsument, machte ein, wenn auch nur temporäres, mobiles Wohnen
notwendig. Was lag näher, als das amerikanische Beispiel zu adaptieren
und Busse und Lastkraftwagen bewohnbar zu machen, wenngleich beim Umbau
der Phantasie der Nutzer in der BRD doch recht enge Grenzen durch den TÜV
gesetzt wurden.
Ähnliches kann man für das Theater feststellen: In dem Bemühen,
die Kunst des Schaupiels wieder für weite Publikumskreise zu öffnen,
sie aus den verkrusteten Strukturen der dem "Wahren, Guten und Schönen"
der bürgerlichen Kultur verpflichteten festen Häuser zu befreien,
gründeten sich eine Vielzahl von freien Theatergruppen, die die Straße
als Bühne wiederentdeckten. Auch hier war, um möglichst große
Bevölkerungskreise zu erreichen, ein hoher Grad an Mobilität
nötig.
Es lag nahe, sich der Tradition der Gaukler, Komödianten und circensischen
Unternehmen zu erinnern. Zum einen bot diese als Ausdruck einer "Kultur
von unten" den "richtigen" ideologischen Hintergrund, zum
anderen offerierte sie, neben dem Zirkuszelt als überdachte, bewegliche
Bühne, den Wagen als mobile Möglichkeit des Wohnens. Der Zirkuswagen
als alternative Wohnform war entdeckt.
Wir denken, daß das Leben in der Öffentlichkeit, insbesondere
in der alternativen Öffentlichkeit, welches diese Theatergruppen zwangsläufig
führten, zur Verbreitung dieser Wohnidee beitrugen. 74 Hinzu kommt
ein relativ hohes Maß an kommunikativer Vernetzung zwischen den unterschiedlichen
Spektren der "Szene". Alternative Medien, die etwa zur selben
Zeit in vielgestaltiger Form in diversen Medienwerkstätten entstanden,
seien es Stadtmagazine, Zeitungsprojekte (die Taz (75)) , freie
(illegal betriebene) Radiosender oder Videoproduktionen, mögen auch
ihren Anteil an der Verbreitung haben, doch scheint der persönliche
Kontakt zu Menschen, die bereits im Wagen lebten, der entscheidendere Faktor
gewesen zu sein. (76)
Zudem kam das doch auf den ersten Blick recht spartanisch erscheinende
Leben (77) der durch den damaligen Zeitgeist geprägten Forderung
nach einem "einfacheren" - sprich: von den Zwängen der Konsumgesellschaft
befreiten - Leben im Einklang mit der Natur entgegen. Diese Forderung nach
stärkerer "Unmittelbarkeit des Naturbezugs" und "Einbindung
in ganzheitliche Lebenszusammenhänge", wie "Aufhebung der
Trennung von Kopf- und Handarbeit, von Wohn- und Arbeitsplatz, von Produktion
und Konsum, die Entwicklung von kooperativen Formen der Zusammenarbeit"
(78), hatte schon viele Menschen etwa zeitgleich veranlaßt,
der "Unwirtlichkeit der Städte" (A. Mitscherlich) zu entfliehen
und auf dem Land in Form von Wohngemeinschaften und Kommunen eine neue
Existenz zu gründen.
Dies mag dazu geführt haben, daß viele Wagenbewohner der "ersten"
Generation sich im Zusammenhang oder zumindest doch im Umfeld von Wohngemeinschaften
oder Kommunen auf dem Land ansiedelten.
Doch der Traum von Autarkie und Selbstversorgung stieß oftmals bald
an seine Grenzen. Unprofessionalität oder persönliche Animosität
untereinander brachten so manches Projekt zum Scheitern. Und hier ergibt
sich ein weiterer Vorteil des Wagens: Kommt es zu Disparitäten, kann
man seine Wohnung, in die man womöglich viel Kreativität, Arbeit
und - vergessen wir nicht die finanzielle Seite - Geld gesteckt hat, einfach
mitnehmen und sich auf die Suche nach neuen Projekten machen.
So die Hoffnung, die Realität sah häufig anders aus: Entweder
waren die Wagen zu schwerfällig, um sie ohne große Anstrengung
von Ort zu Ort zu ziehen oder die bestehenden Gruppen nicht so sehr erbaut
von einem etwas außerhalb des Gruppengefüges lebenden Appendix
(79), darüberhinaus zuweilen die Nachbarschaft den zuziehenden
"Zigeunern" nicht besonders gewogen.
Ein anderer Umstand muß noch ins Kalkül gezogen werden, der
die Verbreitung sicherlich unterstützte: die Zirkus- und Bauwagen
waren zu diesem Zeitpunkt (80) relativ kostengünstig zu erwerben.
Änderungen im Freizeitverhalten der Bevölkerung - man zog das
Fernsehprogramm dem Zirkusbesuch vor - zwangen etliche alte Zirkusunternehmen
zur Aufgabe; Schausteller mußten den Grad ihrer Mobilität der
Konkurrenzfähigkeit wegen ausbauen, ihren Aktionsradius erhöhen,
um noch schneller von Ort zu Ort zu gelangen, somit umstellen von den schwerfälligen
Holzwagen auf moderne aus Aluminium gefertigte Caravans; die Bauindustrie
stellte - auch der Beweglichkeit und der rationelleren Beförderung
geschuldet - zunehmend auf Baucontainer um.(81)
In den Städten scheint das Wagenleben (Ausnahmen bestätigen
die Regel (82)) erst Mitte bis Ende der 80er Jahre im Ausklang der
Hausbesetzungen seinen Einzug gefunden zu haben; dafür allerdings,
zumindest was das Medieninteresse anbelangt, mit Vehemenz.
War die Hausbesetzerbewegung Anfang der 80er Jahre noch recht erfolgreich
- auch in der Bevölkerung konnte sie Sympathien für ihre Anliegen,
z.B. den Kampf um den Erhalt von von Spekulantengier bedrohtem Wohn- und
Lebensraum, wecken - änderte sich ab Mitte der 80er das politische
Klima drastisch.
Die Staatsgewalt hatte gelernt zu reagieren. Insbesondere die sogenannte
"Berliner Linie", wonach bereits besetzte Häuser mit Mietverträgen
befriedet und Neubesetzungen mit Polizeigewalt verhindert wurden, führte
zur Erosion der Bewegung. Einen neuen Weg, sich den Raum für ein möglichst
selbstbestimmtes Leben zu schaffen, meinte man im Wagenleben gefunden zu
haben.(83) Seitdem gehören Wagendörfer zum Bild vieler
Städte.
Anmerkungen:
(1) Wir haben den Terminus Behausung - obgleich uns schon bewußt
ist, wie unglücklich dieser Begriff im Zusammenhang mit dem Wagenleben
ist (besser wäre vielleicht Wohnform gewesen) - gewählt, da hier
im Gegensatz zur Wohnung, welches das Wohnen in seinen gesamten Ausprägungen
impliziert, auf die bloße Hülle abgestellt wird.
(2) Obwohl uns klar ist, daß dieser Begriff durchaus belastet
ist, haben wir uns im Anschluß an R. Vossen für ihn entschieden.
In seinem Vorwort zu einem Ausstellungskatalog des Hamburgischen Museums
für Völkerkunde kommt er zu der Aussage: " Mangels eines
besseren von allen Gruppen akzeptierten Sammelbegriffes für die Eigenbezeichnungen
Roma, Sinti, Manusch, Cale' (Gitanos) können wir bisher im deutschen
Sprachgebrauch leider nicht auf den vorbelasteten Begriff >>Zigeuner<<
verzichten, doch möchten wir diesen Begriff als neutrale Sammelbezeichnung
verstanden wissen." Vossen, 1983, S. 9.
(3) Bezeichnung für traditionelle Landfahrerfamilien, die keine
oder kaum verwandtschaftliche Beziehungen zu Zigeuner unterhalten. Auch
dieser Begriff hat im deutschsprachigen Raum eine negative Konnotation
und wird, mit Ausnahme der Schweiz, wo er stolz als Selbstbezeichnung geführt
wird, kaum noch verwendet. Vgl. Faber, in: Vossen, 1983, S. 196.
(4) Arzt und Pädagoge, der Mitte des 19.Jahrhunderts öffentliche
Spielplätze für die Jugend anregte, aus denen sich später
Gärten zur Selbstversorgung, eben die Schrebergärten, entwickelten.
Vgl. Meyers Neues Lexikon, 1993.
(5) Zur Entwicklung der Schrebergartenbewegung zum Kleingartenwesen
vgl. Hoffjahn, in: Andritzky/Spitzer, 1981, S. 51ff.
(6) Zum Phänomen des Dauercampings liegt eine Studie des Frankfurter
Instituts für Europäische Ethnologie und Kulturanthropologie
vor. Es wäre sicherlich interessant gewesen, zu schauen, ob sich Ähnlichkeiten,
was die Motivation etc. betrifft, finden lassen, doch hätte es den
Rahmen unserer Arbeit gesprengt. Vgl. Gabriele Hofmann, 1994.
(7) Vgl. Anonyma, 1996; Kleinke, 1993.
(8) Vgl. Meyer, 1984.
(9) Vgl. Häußermann/Siebel, 1996, S. 59.
(10) Vgl. Anonyma, 1996, S. 83.
(11) Anonyma, 1996, S. 85.
(12) Anonyma, 1996, S. 93ff.
(13) Anonyma, 1996, S. 96.
(14) Neuer Social-Demokrat, 02.08.1872, zitiert nach: Anonyma, 1996,
S. 96.
(15) Häußermann/Siebel, 1996, S. 60.
(16) Vgl. Kap. 3.6
(17) Den deutlichsten Bezug liefert uns die Rundschrift zu den Wagentagen,
dem virteljährlichen Treffen der Wagenbewohner. Sie heißt nicht
von ungefähr "Vogelfrai", wobei das "a" für
Anarchie, gleichzeitig den politischen Impetus zum Ausdruck bringen soll.
(18) Wer sich diesbezüglich einen genauen Überblick verschaffen
möchte, sei auf die ausgezeichnete Arbeit von E. Schubert, Fahrendes
Volk im Mittelalter, verwiesen, auf die wir uns im wesentlichen bei unseren
Ausführungen beziehen werden,
(19) Meyer, 1984, S. 8.
(20) vgl. Schubert, 1995
(21) Darauf weist auch E. Schubert hin, wenn er zum Begriff des
"Fahrenden Volkes" ausführt: "Wer den Ausdruck >>Volk<<
auf die Fahrenden anwendet - und häufig ist es eine stolze Selbstbezeichnung
eben dieser Fahrenden - verwendet einen Begriff, der in der Chronistik
des Hochmittelalters den Herren vorbehalten war. ... benannt wird hiermit
eine selbstbewußte 'Oberschicht' der Fahrenden". Schubert, 1995,
S. 7f.
(22) Schubert, 1995, S. 7f.
(23) Schubert, 1995, S. 352f.
(24) Dies trifft selbst auf die Zigeuner zu. Seit 1417 aus Böhmen
eingewandert, hatten sie sich eine auf die Mentalität der seßhaften
Bevölkerung zugeschnittene Herkunftslegende - sie kämen aus Ägypten
und hätten der Heiligen Familie bei der Flucht Unterkunft gewährt,
darob sie selbst vertrieben worden seien - zugelegt, die ihnen die Almosen
und das Wohlwollen der Menschen sicherte. Diese Zeit der Duldung endete
abrupt als das Osmanische Weltreich an die Tore der abendländischen
Welt pochte und die Zigeuner der Spionage für die Türken bezichtigt
wurden. Ab Mitte bis Ende des 16. Jahrhunderts, als auch die Verfolgung
der übrigen Fahrenden begann, wurden sie, sowieso schon stigmatisiert,
zum Inbegriff des Müßiggangs hochstilisiert, als Diebe kriminalisiert
und als arbeitsscheu diffarmiert. Vgl. Schubert, 1995, S.362f.
(25) Schubert spricht hier von der "latenten Mobilität"
respektive "bedingten Seßhaftigkeit der mittelalterlichen Gesellschaft"
(S. 36). Ein Beleg sei hier angeführt: "Vor allem zeigt die Entwicklung
des Kriegswesens, zeigen die immer größer werdenden Söldnerheere
und im 16. Jahrhundert die Landknechtstruppen als Massenerscheinung, in
welchem Ausmaß kräftige, arbeitsfähige Männer ohne
Sozialchancen zur Verfügung standen, die sofort in entfernte Gebiete
gerufen werden konnten." S. 40.
(26) Schubert, 1995, S. 20ff.
(27) "... daß die Mandate mit der doppelten Diskriminierung
von Person und Lebensform den Boden dafür bereiteten, daß bloße
'Landstreicherei' nicht als 'Delikt im strafrechtlichen Sinne, sondern
(als) ein krankhaftes menschliches Verhalten' verstanden wurde." Schubert,
1995, S. 367.
(28) Vgl. Schubert, 1995, S. 352f.
(29) Wie wäre es sonst zu erklären, daß selbst im
19. Jahrhundert Fahrende Aufnahme bei ihnen bekannten Seßhaften,
insbesondere Bauern, fanden.
(30) Schubert spricht sogar von Untergang und meint damit: "Die
Gesellschaft braucht nicht mehr den Fahrenden zum Überleben; dieser
braucht hingegen, als Parasit verdächtigt, die Gesellschaft."
War das Selbstbewußtsein der Fahrenden im Mittelalter von der Balance
von Gabe und Gegengabe bestimmt, zwingt das Schicksal den Vaganten der
Neuzeit - inzwischen zum Almosenempfänger, zum Schmarotzer erniedrigt
- zu einem "Leben im Verborgenen, stets in Furcht vor der Obrigkeit."
S. 352ff.
(31) Vgl. Faber, 1983, S. 200ff.
(32) Faber, 1983, S. 202.
(33) Schubert, 1995, S. 12f.
(34) Schubert, S. 83.
(35) Vgl. Schubert, S. 131ff.
(36) Vgl. Schubert, S. 136 ff; bei den Pfeiferkönigreichen
handelte es sich um genossenschaftliche Gebilde der Spielleute, die sich
tributpflichtig unter den Schutz von Adeligen stellten, wie im übrigen
sich auch andere Fahrende ähnliche, auf dasselbe Prinzip aufbauend,
territoriale Königreiche. Die Städte machten ähnliche Angebote:
die Spielgrafenämter. Doch ging es hier nicht in erster Linie um den
genossenschaftlichen Zusammenschluß, sondern primär wollten
die Räte der betreffenden Stadt die fahrenden unter ihre Kontrolle
bringen.
(37) Vgl. Schubert, S. 144.
(38) Vgl. Schubert, 1995, S. 363.
(39) Schubert, 1995, S. 437.
(40) Meyer, 1984, S. 24.
(41) A. Kopecny, 1980.
(42) Vgl. Kopecny, 1980, S. 8.
(43) Die Beschäftigung - manchmal ist man schon versucht zu
sagen, die Hochkonjunktur - mit den indogenen Völkern Amerikas, insbesondere
Nordamerikas, ihre Überhöhung zum Öko-Krieger schlechthin
(die vermeintlich von einem Häuptling Seattle verfaßte Rede
an die Menschheit oder die Aussage einer Cree-Indianerin, uns tausendfach
in Gestalt eines Greenpeace-Aufklebers gemahnend, geben hierfür Beispiele)
von Mitte der 70er Jahre an, stellt ein ähnliches Phänomen dar.
(44) "Rolling Homes" sind umgebaute und phantasievoll
ausgestaltete ehemalige Schulbusse, Armeefahrzeuge, etc., eben "rollende
Heime". In einem Land, das keine rigorosen TÜV-Bestimmungen kannte,
waren der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Die Erscheinungsformen
waren sehr bunt und vielfältig. " Würden Rolling Homes industriell
produziert und anonymen Käufern zum Kauf angeboten - man müßte
sie wohl als hohlen Kitsch bezeichnen. Individuell selbstgestaltet und
Abbild der Persönlichkeit ihrer Erbauer und Nutzer sind sie beredter
Ausdruck einer alternativen Wohnkultur." Vgl. P. Lorenz, in: Stadt
3/1982, S. 44ff.
(45) Kerouac, 1971, S. 75.
(46) Uns ist bewußt, daß wir bei dem Zeitsprung von
den "beats" zu den "hippies/yippies" noch andere Erscheinungen
wie die "Gammler" und die insbesondere für die Niederlande
und Dänemark wichtigen "Provos" unterschlagen, doch spielen
sie für unser Thema keine so entscheidende Rolle. Im übrigen
erscheint uns das Erfassen dieser Erscheinungen in diesen Kategorien auch
nur bedingt sinnvoll. Sicher lassen sich durch die Bildung von Idealtypen
zeitliche Abläufe klarer fixieren, auch inhaltliche Unterschiede besser
herausarbeiten, doch im Alltagsleben fanden immer wieder Durchmischungen
statt und können so als Ausdruck einer breiten alles einbeziehenden
Protestbewegung gesehen werden. Wer sich dennoch über die einzelnen
Kategorien einen Überblick verschaffen möchte, sei auf die Arbeit
von G. Kurz, 1978, verwiesen.
(47) Vgl. Brand et al., 1986, S. 57.
(48) "Dieser Begriff der Liebe war nicht egozentrisch ausgerichtet,
sondern zielte auf eine antiautoritäre und enthierarchisierte Welt-
und Wertordnung ohne Klassenunterschiede, Leistungsnormen, Unterdrückung,
Grausamkeit und Krieg." Hollstein, 1979, S. 51.
(49) Die Organisierte Kriminalität versuchte vehement den Drogenmarkt
unter ihre Kontrolle zu bringen. Darüberhinaus nutzten immer mehr
gesuchte Kriminelle diesen vermeintlich rechtsfreien Raum als Schlupfwinkel.
(50) Vgl. Kurz, 1978, S. 35.
(51) Brand et al., 1986, S. 58.
(52) Wie auch in den folgenden Jahren immer wieder festzustellen
war, daß der Markt, z.B. die Musik- und Bekleidungsindustrie, sehr
schnell gegenkulturelle Attribute adaptierte und kommerzialisierte. Ein
krasses Beispiel war die Erscheinung des Punks: Es dauerte nur wenige Jahre
bis es völlig zerrissene und mit Sicherheitsnadel applizierte Kleidungsstücke
bei "Horten" oder "Karstadt" für teures Geld zu
erwerben gab - die Sub- und Gegenkulturen als kreatives Potential für
die Marktwirtschaft?
(53) Brand et al., 1986, S. 58. Auch wenn wir hier die idealtypische
Teilung von Brand et al. aufgenommen haben, ist - und dies zum wiederholten
Male - darauf aufmerksam zu machen, daß sich in der Praxis diese
Idealtypen durchmischten: An der Gründung der YIP 1968 war ein großes
Spektrum beteiligt: Digger Abbie Hoffmann, Arlo Guthrie, Musiker, Allen
Ginsberg, Dichter, Jerry Rubin, Sprecher der Bewegung, Timothy Leary, Harvard
Professor, Rock-Bands, Theatergruppen etc. Vgl. Kurz, 1978, S. 38.
(54) Dieses Phänomen gibt es noch heute in England (für
die USA können wir keine Aussage machen): die "New Age Travellers".
Auch sie - es sollen bis zu 100000 sein - leben in ausgedienten Lkws und
fahren damit, insbesondere im Sommer, von Festival zu Festival. Stark esoterisch
"angehaucht" sind es die mythischen Orte, z.B. Stonehenge, die
sie anziehen. Für sie ist es der Versuch der städtischen Zivilisation
zu entfliehen und in kleinen überschaubaren Gruppen mit Musik und
"joint" ein anderes Leben zu praktizieren. Insbesondere die Festivals,
wo mehrere tausend dieser "traveller" zusammenkommen, waren immer
wieder Stein des Anstoßes. Anwohner beklagten sich - und häufig
zu recht - über Verschmutzungen durch Müll und Exkremente, aber
auch über Verwüstungen wie etwa die Nutzung von Weidezäunen
als Feuerholz. Mit einem eigens geschaffenen Gesetz, das 1994 verabschiedet
wurde, überzieht man die "new age traveller" nun mit Vertreibung
und Verfolgung. Vgl. ZEIT vom 03.02.1995; auch die in den Anlagen aufgeführten
Artikel der englischen Tagespresse bzw. die im Kap. 3.8.5 und im Anhang
angegebenen INTERNET-Quellen.
(55) Zu APO und Studentenbewegung siehe Brand et al., 1986, S. 60ff
und Kurz, 1978, S. 40ff.
(56) Bereits vorher hatte die Strategie der "direkten Aktion"
Einfluß auf den Berliner SDS gewonnen: "Die Betonung neuer unkonventioneller
Demonstrationstechniken und Mobilisierungsformen (teach-ins, sit-ins, Happenings),
in denen sich immer unverkennbarer politischer und gegenkultureller Protest
verband, verstärkte sich noch, als die (späteren) Mitglieder
der Kommune I & II gegen Ende des Jahres 1966 vermehrten Einfluß
auf den SDS gewannen. Wenn das Intermezzo der Kommunarden im Landesverband
des Berliner SDS auch von kurzer Dauer war ... , so übten die Aktionsformen
... : Happenings, phantastische Verkleidungen, Vermeidung von physischer
Gewalt, um gleichzeitig die Polizei der Lächerlichkeit preis zu geben,
doch einen großen Einfluß auf den weiteren Verlauf der Protestbewegung
aus." Brand et al., 1986, S. 65f.
(57) Insbesondere der Bundesverband des SDS versuchte mittels der
Organisierung bundesweiter Kongresse (zum Vietnam-Krieg etwa), ein breites
Bündnis radikaldemokratischer Kräfte zu formieren. Vgl. Brand
et al., 1986, S. 64f.
(58) Vgl. Kurz, 1978, S. 46f.
(59) Kurz, 1978, S. 46.
(60) Kurz, 1978, S. 47.
(61) Brand et al., 1986, S. 69.
(62) Brand et al., 1986, S. 70.
(63) Brand et al., 1986, S. 70.
(64) Vgl. Kurz, 1987, S. 47. Mit einem Seitenhieb auf K-Gruppen,
wie spirituelle Sekten führt sie weiter aus: "Sowohl die Anhänger
der erstarrenden Neuen Linken, die einen einseitig rationalen Realitätsbegriff
sich zu eigen machten, wie auch die Anhänger der erwähnten spirituellen
Gruppen, die ein metaphysisches Weltbild haben, bar jeglicher rationaler
Erklärungen, leiden alle an demselben Mangel: dem Absolutheitsanspruch
ihrer Welt- und Wirklichkeitswahrnehmung." S. 48. Ein krasses Beispiel
bestätigt diese Einschätzung: In der Diskussion um die Atomenergie
vertraten doch einige Gruppen allen Ernstes die Meinung, daß sowjetische
oder chinesische Atomkraftwerke erheblich sicherer seien, als die westlichen,
da diese von sozialistischen Arbeitern mit sozialistischen Schrauben erstellt
worden seien.
(65) Brand et al., 1986, S. 71.
(66) Hierbei handelt es sich um einen Wahlkampf-Slogan der SPD,
der verheißen sollte, daß bei ihrer Wahl der Weg in ein demokratischeres
und sozialeres Deutschland möglich würde.
(67) Doch auch schon unter Brandt gab es antidemokratische, dem
Wahlprogramm Hohn sprechende Entscheidungen. Es sei nur an den "Radikalen-Erlaß"
von 1972 erinnert.
(68) So der Titel einer Studie des Club of Rome, die vor einer weiteren
ungehemmten Ausbeutung natürlicher Ressourcen nachhaltig warnt.
(69) Hirsch, 1986.
(70) Eine Ausdifferenzierung in Ökologie-, Frauen- oder Alternativbewegung
fand zu diesem Zeitpunkt noch nicht statt.
(71) Brand et al., 1986, S. 84.
(72) Dieser Terminus soll verdeutlichen, daß sehr viele Menschen
nicht bewußt daran interessiert waren, das gesellschaftliche System
in Gänze anzugehen und zu verändern, sondern sich in ihrer Kritik
ausschließlich auf Teilbereiche, die für sie wichtig waren,
konzentrierten.
(73) Wir wollen hier nicht im einzelnen darauf eingehen. Wer sich
einen Überblick - aber leider auch nur einen Überblick - über
die damalige Vielfalt verschaffen möchte, sei auf Brand et al., S.
154ff., verwiesen.
(74) Vgl. Petersen, 1986, S. 2.
(75) Zu den Printmedien vgl. auch Brand et al., 1986, S. 169ff.
(76) In unserer eigenen Erhebung wie auch in der Literatur - vgl
Meyer, 1984; Petersen, 1986 - äußerten die meisten Befragten,
sie hätten diese Wohnform durch Freunde und Bekannte kennengelernt.
(77) Das dies nicht so sein muß, erfuhren wir bei unseren
Besuchen verschiedener Wagenbewohner. So gibt es durchaus Personen, die
von der zu Verfügung stehenden Grundfläche her einen Vergleich
mit einem Wohnhaus nicht scheuen müssen. Man verbindet einfach mehrere
Wagen miteinander. Auch von der Infrastruktur her, kann man vom Telephon,
über Computer mit Internet Anschluß bis zur - und dies sind
nur Beispiele - Hifi-Anlage etliche Konsumgüter finden.
(78) Brand et al., 1986, S. 162.
(79) Vgl. Petersen, 1986, S. 96ff. Von anderer Seite erfuhren wir
(1996), daß einige Kommuneprojekte den Zuzug von Wagenbewohnern gar
nicht mehr gern sehen, da ihre Mobilität es ihnen eher ermögliche,
beim Auftreten von Problemen ihre Sachen zu packen und zu verschwinden.
Sie somit durch ihre Wahlmöglichkeit in der Lage sind, Konflikten
aus dem Weg zu gehen, denn sie durchzustehen.
(80) Heute sieht die Sache etwas anders aus. Für alte Schausteller-
und Zirkuswagen werden häufig horrende Liebhaberpreise verlangt. Der
Zirkus Roncalli mag seine privaten Nachahmer gefunden haben.
(81) Vgl. Petersen, 1986, S. 139.
(82) Vgl. Kapitel 3.5.1 über die "Rollheimer". Auch
hat es in den Städten sicherlich den einen oder anderen gegeben, der
seine Nische fand.
(83) So erklärt sich auch, daß die ersten Wagentage -
ein seitdem kontinuierlich stattfindendes Treffen - im Rahmen der sog.
"Häusertage" Hamburg 1991, ein Treffen der Hausbesetzerbewegung,
stattfanden.
Hier
geht es zurück zum Inhaltsverzeichnis der Studie "Wagenleben
- das Leben wagen!?"