3. Das Wagenleben - Die empirische Erfassung eines Phänomens

Wie aus der Einleitung schon deutlich geworden sein müßte, beschäftigen wir uns mit Menschen, deren offensichtliche Gemeinsamkeit nur in dem Faktum zu bestehen scheint, daß sich ihr Leben in Behausungen (1) vollzieht, die nicht den Normen entsprechen.
Diese Behausungen haben Räder - zwei, vier oder mehr. Es handelt sich also um Fahrzeuge - Bau- und Zirkuswagen, Caravans, umgebaute Lkws und Busse.

Gemeint sind hier aber nicht, wie womöglich naheliegend, die (vormals) traditionell in fahrenden Behausungen lebenden Volks- oder Berufsgruppen, wie etwa Zigeuner (2), Jenische (3) oder Schausteller, nicht die Jünger eines Herrn Schreber (4) mit ihren gleichnamigen Gärten (5), wiewohl etliche "Laubenpieper" um- und ausgebaute Wagen benutzen und diese durchauch dauerhaft bewohnen, und auch nicht die immer stärker werdende Gemeinde der Dauercamper (6).
Obgleich Quer- und Rückbezüge nicht nur zulässig, sondern uns durchaus notwendig erscheinen.

Das Phänomen, daß wir vielmehr zu beschreiben trachten, ist jüngeren Datums (gesehen im Verhältnis zu Zigeunern und Schaustellern) und hat auch nichts mit einem Freizeitvergnügen (Dauercamper) zu tun, sondern ist der Alltag jener Menschen, die aus den verschiedensten Gründen, allein oder in "Dörfern" seit etwa 20 bis 25 Jahren (bezogen auf das Phänomen, nicht auf die Verweildauer der einzelnen Bewohner) selbstgewählt ein Leben im Wagen, dem in einer anderen Behausungen vorziehen.
Wir werden versuchen, den Gründen hierfür nachzuspüren und die sie womöglich verbindenden Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten.


3.1. Eine erste Annäherung - der Versuch einer historischen und ideengeschichtlichen Verortung

In einem ersten Schritt wollen wir versuchen, zu schauen, woher dieses Phänomen kommt. Gibt es Vorläuferformen? Wodurch erhält es seine Impulse?

Bevor wir uns aber auf die Suche nach der "Genesis" des Wagenleben machen, müssen wir klarstellen, daß es sicherlich nicht "das" monokausale Erklärungsschema gibt, quasi biblisch, der Anfang aus dem sich alles weitere ergeben hat.
Viele Einflüsse haben sicher in die Entscheidung der Menschen, die ein Leben im Wagen bevorzugen, Eingang gefunden. Dennoch wollen wir zu klären versuchen, ob es nicht etwa doch Impulse gegeben hat oder diese sich womöglich auch veränderten.

Sieht man die Literatur zum Wagenleben durch, fällt auf, daß insbesondere auf zwei "Vorläuferformen" rekurriert wird. Da sind zum einen die Formen des "Wilden Wohnens" (7), zum anderen der Rückbezug auf das "Fahrende Volk" (8). Während die beiden Arbeiten, die sich mit dem "Wilden Wohnen" beschäftigen, dieses im Kontext von Obdachlosigkeit und Wohnungsnot sehen, geht die Arbeit, die sich mit dem "Fahrenden Volk" befaßt, davon aus, daß dessen jahrhundertelange Diskriminierung und Verfolgung ihre Fortsetzung in der Vertreibung und Kriminalisierung der heutigen Wagenbewohner findet.


3.1.1. "Das Wilde Wohnen"

Als Beispiele sogenannten "Wilden Wohnens" werden dabei immer wieder zwei Erscheinungen bemüht. Sie gelten dabei analog zum Wagenleben als Exempel für die Verbindung von Selbsthilfe und alternativer Wohnform: "Barackia" im Berlin des 19. Jahrhunderts und die Hütten- und Wagensiedlungen im Hamburg der fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts.

Während im Berlin von 1872 der stetig wachsende Zuzug der agrarischen Bevölkerung im Rahmen der Industrialisierung und dem dadurch explosionsartigen Bevölkerungswachstum (9) den Wohnraum verknappte, somit Garant für Spekulanten und Geschäftemacher war, waren es im Hamburg der Nachkriegszeit die Zerstörungen des Krieges und die Flüchtlingsströme.

"Barackia" steht hier stellvertretend für mehrere Hüttendörfer in Berlin. Die genaue Anzahl ist heute nicht mehr feststellbar (10).
Sie fanden sich besonders an der damaligen Peripherie und boten einer unterschiedlich großen Zahl Menschen Heimstatt. Die Sozialstruktur war von "Dorf" zu "Dorf" verschieden, doch wird "in vielen Artikeln... gleichermaßen vermerkt, daß es sich bei den BewohnerInnen der Kolonien in der Mehrzahl um 'anständige Leute' handelte". (11)

Doch trotz des Versuchs der Autorin der Berliner Studie auch noch andere Motive kenntlich zu machen, etwa die Befreiung von der Diktatur "maßloser HausbesitzerInnen" oder die Schaffung eigenen selbstbestimmten Wohnraums, muß sie doch konstatieren, "daß der akute Wohnungsmangel, der sich in überfüllten Kleinwohnungen, enormen Mietsteigerungen und diktatorischen Hauskontrakten ... ausdrückte, einen entscheidenden Faktor für die Entstehung der Hüttendörfer darstellt." (12)

Sie unterstreicht dies noch einmal in der Feststellung: "Auch wenn die BewohnerInnen der Siedlungen durch ihre Selbstorganisierung den (gesellschaftspolitisch) vorgegebenen Rahmen sprengten, waren sie offensichtlich nicht darauf aus, gesellschaftliche Mißstände und politische Verhältnisse zu kritisieren." (13)
Festgemacht wird dies an den allenthalben Erwähnung findenden Flaggen Preußens und des Deutschen Reichs, die über den Hüttendörfern geweht haben sollen. Einen Autor der Zeitung "Neuer Social-Demokrat" veranlaßte dies zu folgender Äußerung: "Wenn die Berliner Obdachlosen auf ihren Baracken schwarz-weiße Fahnen flattern lassen, dann geschieht es ihnen recht, wenn ihnen von Amts wegen das Dach über dem Kopf eingerissen wird." (14)

Womit das Ende schon angedeutet wäre: Ab Mitte 1872 wurden die Hüttendörfer mit unnachgiebiger Härte geräumt und Neugründungen verhindert. Dies war nach etwa einem halben Jahr das Ende des Experiments "Barackia". Über weitere Versuche in der Folgezeit, die ähnliche Ausmaße annahmen, ist uns nichts bekannt, doch kann man mit Häußermann und Siebel - sich auf die neusten sozialhistorischen Arbeiten stützend - annehmen, daß der Prozeß der Verelendung sich nicht weiter fortsetzte, sondern "die permanenten Verbesserungen der Wohnungsversorgung schon in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis zu den 'extrem unterversorgten städtischen Schichten' (15) " durchsickerte.
Auch diese Bemerkung unterstreicht noch einmal, daß Hüttendörfer wie "Barackia" in erster Linie der Armut und der Wohnungsnot geschuldet waren.

Auf die Hamburger Hütten- und Bauwagensiedlungen wollen wir hier nicht näher eingehen, nur soviel sei gesagt, daß unserer Ansicht nach hier dieselben Gründe ausschlag gebend sind. Ein ungewöhnliches Faktum muß aber doch noch Erwähnung finden: Hamburg "verdankt" diesen Siedlungen ein 1959 eigens geschaffenes Bauwagengesetz - wir werden an andere Stelle noch kurz darauf eingehen -, das den Wagenbewohnern von heute noch immer zu schaffen macht. (16)


3.1.2. "Das Fahrende Volk"

Obwohl wir das sogenannte "Fahrende Volk" bereits in unserer oben vorgenommenen Negativdefinition, denn Zigeuner, Jenische und Schausteller zählen dazu, ausschlossen, scheint es uns geboten zu sein, doch auf dieses Phänomen näher einzugehen.
Und dies aus zwei Gründen: Zum einen weil sich ein Teil der Wagenbewohner selbst in der Tradition des "Fahrenden Volkes" stehend sieht (17); zum zweiten, weil wir, ähnlich wie D. Meyer, vermuten, daß über Jahrhunderte gewachsene Vorurteile der deutschen Bevölkerung auch auf die Wagenbewohner übertragen werden.

Auch die Palette der positiv besetzten Vorurteile (Komödiant, Sozialrebell), werden wir hierbei einer eingehenden Betrachtung unterziehen, zumal dies die Traditionen sind, auf die sich die heutigen Wagenbewohner berufen.

Es kann aber nun nicht an uns sein, an dieser Stelle die gesamte Geschichte der "Fahrenden" nachzuzeichnen; denn da fangen die Probleme schon an: wer und was waren die Menschen überhaupt, die ihr Leben auf der Straßen fristen mußten.(18)

Daher haben wir beschlossen, quasi exemplarisch, unsere Sicht der Dinge an zwei Sätzen aus der Arbeit von D. Meyer (19) darzulegen:

"Das 'Fahrende Volk', die Zauberer, Wahrsager, Possenreißer, Puppenspieler und Pantomimen, die Bären- und Affenführer, Jongleure, Seiltänzer, Kunstreiter, Komödianten, Sänger und Musikanten waren von jeher Außenseiter der Gesellschaft, nicht anpaßbar, Gefahrenmomente für die herrschende Ordnung."

Ein treffliches Bild wird hier gezeichnet, voller Sympathie, aber auch mit vielerlei Vorurteilen besetzt. E. Schubert kommt in seinem quellenanalytischen Werk, welches zwar nur die Zeit des Mittelalters und der frühen Neuzeit berücksichtigt, zu anderen Aussagen.(20)

Der Begriff "Fahrendes Volk" vermittelt uns den Eindruck, als habe es sich bei diesen immer um eine relativ homogene soziale Gruppe gehandelt. Dies war durchaus nicht so. Auch bei den "Fahrenden" gab es ein "oben" und unten", also sehr unterschiedliche soziale Profile.(21)
Es gab Wandergewerbe, die den Ausübenden durchaus zum wohlhabenden Mann machen konnten, etwa die Wundärzte, obgleich die überwiegende Anzahl der Menschen vom blanken Elend auf die Straße getrieben wurde.
So muß man feststellen, daß der Begriff des "Fahrende Volk" vielmehr in umgekehrter Konnotation ebenso eine Verallgemeinerungen der Art ist, wie sie in den obrigkeitlichen Edikten der frühen Neuzeit zum Ausdruck kommt: "... moralisierend (wird) aus einer Lebensweise die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlich unerwünschten Schicht des 'herrenlosen Gesindels' (gefolgert)" (22), einen bis ehedem neutralen Begriff, eben das "Fahrende Volk", zur "Benennung (einer) allgemein bekannten Lebensform" (23) ins Negative gewendet.

Das es dieser Edikte überhaupt bedurfte, verweist dabei noch auf etwas anderes. Die "Fahrenden" waren nicht von "jeher Außenseiter" (Meyer) (24), vielmehr galten sie bis ins Spätmittelalter als integraler Bestandteil der damaligen Gesellschaft. In einer Zeit in der dauerhafte oder doch zumindest temporäre Unbehaustheit (25) eine Massenerscheinung war, Kriege, Hungersnöte und die Unterdrückung durch feudale Grundherren trieben die Menschen auf die Straßen, gemahnten sie nicht nur die Seßhaften, daß ihnen dieses Schicksal auch selbst jederzeit widerfahren könne, sondern erfüllten wichtige Funktionen im gesellschaftlich Alltag.

"Fahrende Leute sind unverzichtbar, ganz davon abgesehen, daß sie Unterhaltungsbedürfnisse befriedigen, ... abgesehen auch davon, daß sie die geborenen Nachrichtenübermittler und auch Boten sind
... Im Alltag sind ihre Dienste und Künste unerläßlich: Es handelt sich um spezielle Tätigkeiten und Fertigkeiten, die nur im Umherziehen ausgeübt werden können, um ihren Mann zu ernähren." Kesselflicker und Hausierer, aber auch Ratten- und Mäusefänger gehören dazu. Dabei üben Fahrende "oft mehr als einen Erwerbszweig aus. Vielseitig müssen sie sein, um ihr Brot im Umherziehen verdienen zu können. ... Denn selten nähren Gewerbe der Fahrenden das Jahr über ihren Mann. Der Wille zum Überleben zwingt arme Leute und Fahrende gleichermaßen zur Flexibilität. Und davon profitiert die Gesellschaft insgesamt. Unter den Bedingungen der Zeit wäre eine seßhafte Bevölkerung in den auseinanderliegenden Siedlungen, Burgen und Städten in Familienverbände zerfallen, verurteilt zur Stagnation. Der Fahrende als Nachrichtenübermittler ... repräsentiert die Außenseite der unverzichtbaren Mobilität, die erst zwischen Menschengruppen jenes Beziehungsnetz knüpft, das für größere soziale Ordnungen unerläßlich ist." (26)

Die Edikte waren also auch notwendig, neben der Disziplinierung der Fahrenden, einer zwar diesen nicht immer wohlwollend, aber doch meist neutral gegenüberstehenden Bevölkerung vor Augen zu führen, daß es notwendig sei, dies "Gesindel" zu kekämpfen.

Mit der Herausbildung des absolutistischen Staates verschärfte sich der Ton dieser Mandate dergestalt, daß nicht nur kriminaltechnische Begriffe bemüht wurden, sondern die gesamte Lebensform als asozial, als "krankhaft" beschrieben wurden. (27)

Faktisch führte dies zwar nicht zum Verschwinden der Fahrenden - im Gegenteil: durch die enorme Bevölkerungsexplosion der frühen Neuzeit und dem damit verbundenen überproportional hohen Anstieg der Armut, nahm die Zahl der auf der Straße lebenden Menschen stark zu (28) - doch die mentale Einstellung der Bevölkerung wandelte sich, wenn auch sehr langsam. (29)

Hinzu kam, daß technische Innovationen wie etwa die Buchdruckerkunst im Bereich der Kommunikation, aber auch demographische Veränderungen wie das Wachstum der Städte, die es etlichen Wanderberufen nun möglich machte, ihr Auskommen auch vor Ort zu haben, die Leistungen der Fahrenden überflüssig machten. (30)

Und noch ein Umstand sei erwähnt, der, obwohl er banal erscheinen mag, doch nicht unwichtig ist: die sich Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts verändernden Reisegewohnheiten der Fahrenden. (31) Waren sie bis dahin in erster Linie zu Fuß, allenfalls mit Schub-, Hunde- oder kleinen Pferdekarren unterwegs, somit auf Unterkünfte in Herbergen oder bei Bauern angewiesen, so sie denn nicht unter freiem Himmel nächtigen wollten, machte die kostengünstige industrielle Produktion den Erwerb von Wohnwagen möglich.
Dies hatte Folgen: "Mit der Einführung des Wohnwagens verbesserten die Landfahrer zwar insgesamt ihre Wohnbedingungen; sie reduzierten damit aber auch ihre Kontakte zur stationären Bevölkerung, die ihnen bislang bei der Beschaffung von Unterkünften geholfen hatte, auf reine Handelsbeziehungen." (32)
Somit verstärkte sich mit der Übernahme des Wohnwagens als mobiler Unterkunft die Isolation von der übrigen Bevölkerung.

Die Sozialdisziplinierung, die strengere Hierarchisierung der sozialen Verhältnisse, das Aufkommen der arbeitsteiligen Gesellschaft, alles den sich verändernden ökonomischen Verhältnissen unterworfen, führten zur Isolation und Diskriminierung der Fahrenden.

Doch wie reagierten diese Menschen darauf? Wenn man D. Meyer glauben darf, indem sie die Anpassung verweigerten und so zu einem Gefahrenmoment für die herrschende Ordnung wurden. Doch dieses Bild ist falsch. Es ist vielmehr Ausdruck eines Vorurteils, das uns seit der Romantik begleitet. Allein die Reduzierung der Fahrenden auf das Berufsbild der Spielleute nährt schon diesen Verdacht. "Unter den verschiedensten Existenzen fahrender Leute des Mittelalters hat die Romantik eine herausgegriffen und in vermeintlicher Wiederentdeckung zu einem eigenen Berufsstand umgedeutet: den Spielmann. Faszinierend, im verklärenden Schimmer, erschien, was man zu sehen glaubte; eine Verbindung von Poesie und freiem Umherschweifen, allen gesellschaftlichen Zwängen einschließlich der monetären Notwendigkeit entzogen ..." (33)
. Doch hatte die Realität der Straße aber auch gar nichts mit diesem verklärten Bild gemein: Auf der Flucht vor Hunger, Not und Unterdrückung fanden sich die Menschen, die diesen Schritt wagten - fast immer - in noch größerem Elend wieder. Zu den schon aufgezählten elenden Bedingungen, denen sie zu entfliehen trachteten, kamen die Unbilden von Witterung, Krankheit und Heimatlosigkeit. "Was die zum Wanderleben gezwungenen Menschen angesichts der alltäglichen Widrigkeiten, angesichts der überall lauernden Gefahren empfunden haben, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Nur eines ist sicher: Eine Wanderromantik kennen sie nicht. Sie leben nicht aus dem Bewußtsein individueller Freiheit, sondern aus Armut. Das Ziel, dieser Armut zu entrinnen oder diese zumindest zu lindern, ist ihr Lebensinhalt. Es fehlt die ideologische Begründung der späteren Vagantenromantik, der Gegensatz zur Gesellschaft. Schließlich lebt der Fahrende von den Gaben der Seßhaften." (34)

Und auch die Gründungen von Bruderschaften oder anderen genossenschaftlichen Organisationen (35) - wie den Pfeiferkönigreichen, Spielgrafenämtern oder zunftähnlichen Gebilden (36) - dienten nicht dem Zweck vermeintliche Freiheiten zu verteidigen, sondern den Außendruck zu mindern und ihren Mitgliedern eine Anpassung an die bestehende Wertewelt zu ermöglichen, denn Seßhaftigkeit war das Ziel. Schubert geht sogar soweit, in ihnen ein Instrument der Selbstdisziplinierung (37) zu sehen, keinesfalls Ausdruck einer politischen Gegenbewegung.

Allerdings läßt sich, bis auf die Zeit derBundschuhbewegung (38), nur selten ein Zeugnis finden, das belegen könnte, daß von ihnen politisch gegengesellschaftliche Anstöße ausgegangen sind. "Es scheint eher so zu sein, daß die Vaganten der gesellschaftlichen Ausgrenzung hilflos ausgeliefert waren." (39)

Vor diesen historischen Hintergründen muß der folgende Satz von Meyer, gelinde gesagt, als sehr merkwürdig aufgefaßt werden: "Die Geschichte zeigt, daß das Fahrende Volk von jeher einen hohen Preis zahlen mußte für ihre ungebundene Lebensweise." (40)

Sicherlich: den Preis haben sie gezahlt, doch bestand dieser neben der Ungebundenheit auch in der Heimatlosigkeit und einem elenden Leben auf der Straße.

Bleibt noch zu fragen, welchen Umständen die positive Überhöhung des "Fahrenden Volkes" zu danken ist. Einen Anhaltspunkt gibt uns A. Kopecny in ihrem ansonsten recht lesenswerten Buch "Fahrende und Vagabunden".(41)

In ihrer Vorbemerkung spricht sie von der Faszination, die das Leben "on the road" von jeher ausgeübt habe und setzt die Ausgrenzung der Fahrenden als "innere Kolonisierung" in Beziehung zu der "äußeren Kolonisation der Dritten Welt". (42)

Wenngleich dieser Gedankengang von uns für interessant und richtig gehalten wird, verweist uns die Wortwahl doch auch auf das Pathos der Zeit. Schaut man sich das Erscheinungsdatum des Buches (1980) und der Arbeit von D. Meyer (1984) nähert man sich einer Antwort an. Nicht mehr thoriegeschwänkerte Diskussionen, insbesondere marxistisch orientiert, bestimmen den kritischen Umgang mit der Gesellschaft, sondern die Versuche aus Alternativ- und Ökologiebewegung, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden, definieren den Geist der Zeit. Landkommunen werden gegründet und das "einfache" Leben propagiert. Für den Oberbau begibt man sich auf die Entdeckungsreise durch fremde Kulturen, immer auf der Suche nach dem Rousseauschen "bon sauvage", der mit sich und seinesgleichen und der Natur im Einklang lebt. (43) Eine dieser Entdeckungen waren die "Fahrenden".

Wenn wir auch der Ansicht sind, daß die Fahrenden, ebenso wie das Phänomen des "Wilden Wohnens", nicht direkt etwas mit den heutigen Wagenbewohnern zu tun haben, weist die Erwähnung dieser sozialgeschichtlichen Spuren doch auf einen gemeinsamen soziologischen Ort: auf die Welt des gegenkulturellen Milieus.


3.1.3. "on the road" - Auf der Suche nach einem anderen Leben

Unsere Spurensuche führt uns in die USA. Und hier begann alles Mitte der 60er Jahre mit dem bundesdeutschen VW-Bus, wenn man P. Lorenz in seinem Artikel über "Rolling Homes" (44) Glauben schenken darf - er hätte das "Asphalt Nomadentum" ins Rollen gebracht.

Was die Motorisierung angeht mag dies zutreffen. Doch das Lebensgefühl, das dahinter steht, ist schon älteren Datums. Bereits Ende der 40er und in den 50er Jahren forderten die "beatniks" (Borroughs, Ginsberg, Kerouac) eine rigorose Abkehr vom "american way of life".
Angeekelt von der us-amerikanischen Wohlstandsgesellschaft mit ihrem erstickenden Konsum und einer naiven Technikhörigkeit, welche die ihr inhärenten Gefahren der Unterdrückung und der Zerstörung des Lebens - symbolisiert in der drohenden atomaren Apokalypse - nicht sehen wollte, wandten sie sich einem Leben in individueller Freiheit zu. In der ihnen eigenen Mischung aus Ungebundenheit, selbstgewählter Armut und Mystizismus versuchten sie ihr eigenes von den gesellschaftlichen Tabus befreites Leben zu gestalten.

Einen Eindruck von ihren Träumen vermittelt uns Jack Kerouac in seinem Roman "Gammler, Zen und Hohe Berge": "Japhy, aufspringend: >>Ich habe Whitman gelesen, wißt ihr, was er sagt, Freut euch, Sklaven, und schreckt die fremden Tyrannen, er meint, das ist die Haltung für den Barden, den irren Zen Barden der alten Wüstenpfade. Seht mal, das Ganze ist nämlich eine Welt voll von Rucksackwanderern, Dharma Gammler, die sich weigern zu unterschreiben, was die Konsumgesellschaft fordert: daß man Produziertes verbrauchen soll und daher arbeiten muß, um überhaupt konsumieren zu dürfen, das ganze Zeug, das sie eigentlich gar nicht haben wollten, wie Kühlschränke, Fernsehapparate, Wagen, zumindest neue Wagen zum Angeben, bestimmte Haaröle und Parfüms und lauter solcher Kram, den man schließlich immer eine Woche später auf dem Mist wiederfindet, alle gefangen in einem System von Arbeit, Produktion, Verbrauch, Arbeit, Produktion, Verbrauch, ich habe eine Vision von einer großen Rucksackrevolution, Tausende oder sogar Millionen junger Amerikaner, die mit Rucksäcken rumwandern, auf Berge gehen, um zu beten, Kinder zu Lachen zu bringen und alte Männer froh machen, junge Mädchen glücklich machen und alte Mädchen noch glücklicher, alles Zen-Besessene, die rumlaufen und Gedichte schreiben, die ihnen zufällig und ohne besonderen Anlaß einfallen, und die durch Freundlichkeit und auch durch seltsame, unerwartete Handlungen, ständig jedermann und jeder lebenden Kreatur die Vision ewiger Freiheit vermitteln ..." (45)

Dem VW-Bus sind, erbaut auf anderen Chassis, etwa ausgedienten Schulbussen und Armeefahrzeugen, noch viele - 1974 schätzte man eine halbe Million - andere "Rolling Homes" gefolgt. Ihren Besitzern, so fährt Lorenz fort, ermögliche diese Wohnform die Flucht vor Karriere, Verantwortung und dem Rhythmus des Achtstundentages. Auch sind sie keine "beats" mehr; ihnen sind inzwischen die "hippies" und "yippies" (46) der 60er Jahre gefolgt. Und was durch die bürgerliche Brille betrachtet nach Flucht aussieht, könnte man wohlmeinender als Suche bezeichnen.

Wahrscheinlich war es beides. Einerseits die Flucht vor einer Welt voll von Äußerlichkeiten, in der nur materielle Dinge zählen, andererseits die Suche nach dem "Authentischen" im Menschen, dem Selbst, seiner Identität (47)
. Doch dem Sommer der Liebe (1967) war nur ein kurzer Frühling beschieden. Wo sie Liebe (48) predigten, wurden sie mit der Gewalt des Systems konfrontiert, zusammengeschlagen und verfolgt. Hinzu kamen die immensen Probleme, die der Zuzug oder Besuch Abertausender - man spricht von bis zu 500000 Menschen - den Zentren der Hippie-Bewegung, insbesondere Haight Ashbury in San Francisco und das East Village in New York, machte. Neben den miserablen hygienischen Bedingungen machte insbesondere wachsende Kriminalität (49) den Bewohnern zu schaffen. Das Experiment drohte im Chaos zu versinken. Insbesondere die gegenökonomischen Einrichtungen wie "freeshops und Diggerläden (die auf Tausch- oder non-profit-Ebene aufgebaut waren), Clubs, Restaurants, ... free clinicen, ... (das alternative) Selbstversorgungssystem" (50) konnten unter diesen Bedingungen nicht mehr weiterexistieren ohne zu degenerieren. "Hinzu kam die rasche Kommerzialisierung der Gegenwelt der Hippies."(51) Entkleidet ihrer wahren Werte, ihres Protestes enthoben, reduziert auf Blumen, bunte Kleidung und psychedelische Musik, nur mehr bloßes Klischee, also zum Kitsch verkommen, bemächtigte sich der Markt dieser Attribute (52)
. Diesem Prozeß der Vermarktung versuchten sich die "hippies" zu entziehen, in dem sie ihre Bewegung im Oktober 1967 in San Francisco symbolisch selbst zu Grabe trugen.

"Aber sie lebten weiter, nur in unterschiedlichen Formen. Die einen in radikalisierter Weise auf dem Weg nach innen, der Selbstfindung, der Bewußtseinserweiterung; Drogen bekommen einen zentralen Stellenwert. Die 'psychedelische Revolution` sollte die Menschen zu neuen Ufern der Selbsterkenntnis, zu einem neuen Leben führen (Timothy Leary). Andere werden erdnäher: gründen Projekte, Gegeninstitutionen (Landkommunen, Schulen, Kindergärten, Theater, Handwerkskollektive, Food-Coops), organisieren ein weitmaschiges Netz selbstverwalteter, gegenkultureller Gemeinschaften, den "Underground". Eine dritte Gruppe wird politisch, anarchistisch. Die Yippies - von YIP (Youth Intentional Party) - verstehen sich nicht als Partei im traditionellen Sinne, 'sondern als Ereignis voller Aktion, Handlung, Dynamik; Politik sollte auf die Straße und Tanz, Gesang, Aufklärung, Agitation und Guerilla-Theater bedeuten... Ihr Grund- und Lehrsatz heißt: Revolution ist immer, wir müssen nur beginnen, sie zu leben.` (Hollstein 1979: 56f)" (53)

Der symbolischen Bestattung der "hippie"-Bewegung folgte ein nicht minder symbolträchtiger Auszug ihrer Anhänger aus den Städten, auf der Suche nach dem "Gelobten Land" hinaus auf das Land. In hunderten von zum Teil schrottreifen Fahrzeugen machte man sich auf den Weg.
Während der größte Teil sich in Landkommunen niederließ, wählten andere das Leben "on the road". Sie zogen entweder allein von Landkommune zu Projekt und umgekehrt, um sich dort zu verdingen und ihre Fahrzeuge auszubauen, oder in "tribes" (Stämmen) von Festival zu Festival, um ihre kunsthandwerklichen Produkte zu veräußern (54).

Dies dürfte die eigentliche Geburtsstunde der "rolling homes" gewesen sein, einer Bewegung, die mit ihrem sie umgebenden Flair und den systemkritischen Untertönen, einen nicht unerheblichen Einfluß auch auf das bundesdeutsche Wagenleben, zumindest deren Entstehung, gehabt haben dürfte.

In der BRD setzen derartige Versuche aber erst Mitte der 70er Jahre ein. Ende der 60er Jahre waren die Oppositionsversuche eher dem klassischen Politikfeld vorbehalten. In "theoriegeschwängerten" Diskussionen versuchte man den Marxismus neuzubeleben.
Die Politikfelder waren die Notstandsgesetzgebung und der Antiimperialismus am Beispiel des Vietnam-Krieges, der Träger die Außerparlamen- tarische Opposition (APO). Sie setzte sich aus der Ostermarsch-Bewegung, kritischen Teilen der Kirche und Gewerkschaften und der Studentenbewegung, hervorzuheben ist hier der SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), zusammen. (55)

Durch den Zerfall der APO - das Scheitern der Anti-Notstandskampagne und der Einmarsch des Warschauer Paktes in die CSSR sind zwei entscheidende Ereignisse, die dazu beitrugen - und der Studentenbewegung - der SDS löste sich 1969/70 zugunsten von Basis- und Projektgruppen auf - verstärkte sich das, was seit Anfang der 60er Jahre sich als "Neue Linke" herausgebildet hatte. Ursprünglich antiautoritär orientiert und der Strategie der "direkten Aktion" verpflichtet (56) - in Abgrenzung zur bisher gepflegten Politik der Kongresse (57) - radikalisierte sich der Protest. In Verkennung der Situation, geblendet durch die vermeintlichen Erfolge der Massenmo- bilisierung in Sachen Notstandsgesetzgebung und dem Eindruck der wilden Streiks im September 1969, meinte man sich in einer "prärevolutionären Phase" zu befinden, in der durch Agitation und Provokation die Revolution vorbereitet werden könnte, übersah dabei aber, daß von dem kritischen Teil der Bevölkerung nur Reformen innerhalb des Systems gewollt waren. (58)

Dies hatte Folgen für die "Neue Linke". "Hauptsächlich studentisch-intellektuelle Sozialrevolutionäre waren es, die nun die Bewegung in Deutschland trugen und bestimmten". (59) Dabei übersahen sie aber völlig, daß ihnen der gesellschaftliche Rückhalt, die Basis, fehlte, die revolutionäre Situation nur in ihren Köpfen und Erfahrungswelt stattfand.

Ein weiteres Moment für das Scheitern war, "daß es vielen Gruppen nicht gelang, ihre politischen Aktionen mit dem Privatleben zu verbinden. Linke Politik und privates Emanzipationsbedürfnis dürfen aber nicht - wie in der bürgerlich-bürokratischen Gesellschaft - getrennt bleiben, sondern müssen vermittelt sein. Ohne diese Vermittlung ... ist weder Selbstbefreiung noch kollektive Befreiung und somit auch kein sozialer Wandel möglich." (60)
Besonders begriffen dies die Frauen, da sie erfahren mußten, daß sie zwar theoretisch gleichberechtigt mit diskutieren konnten, in der Praxis ihre Unterdrückung ebenso tabuisiert wurde wie in der bürgerlichen Gesellschaft. Über die Forderung nach "Neuverteilung der Rollen, auch über die Gründung von Kinderläden" (61), begann sich so die neue Frauenbewegung zu entwickeln.

Die Frustration über die nicht erreichte Massenmobilisierung ließ viele Anhänger der "Neuen Linken" das Prinzip der Kaderpartei (K-Gruppen: KPD/AO, KPD/ML, KBW, GIM, KB etc.) neuentdecken. Durch Betriebs- und Schulungsarbeit sollte dem Industrieproletariat ein Klassenbewußtsein vermittelt werden und so eine proletarische Massenorganisation geschaffen werden. "Während in den verschiedenen straff hierarchisch organisierten Kaderparteien ... die Frage der persönlichen Emanzipation, der individuellen Bedürfnisse, aus der politischen Arbeit strikt ausgegrenzt wurde, flossen in andere Formen der Betriebsarbeit stärker spontaneistische Elemente der antiautoritären Bewegung ein" (62), die sich eher rätekommunistischen oder autonomen Ansätzen verpflichtet fühlten.
"Aus dem Scheitern derartiger Mobilisierungskonzepte resultierte, in besonders ausgeprägter Weise in den 70er Jahren in Frankfurt, der Aufbau eines spontaneistisch geprägten 'Gegenmilieus`, einer autonomen Infrastruktur alternativer Projekte (Kneipen, Cafes, Filmtheater, Reparaturwerkstätten, Stadtzeitungen etc.)." (63)

Andere versuchten in der Arbeit mit Randgruppen - z.B. "Knackis" (Gefängnisinsassen) und "Trebegängern" (aus Heimen oder von zu Hause ausgerissene Kinder und Jugendliche) -, in der Jugendarbeit (Jugendzentrumsbewegung) oder in der Stadtteil bezogenen Arbeit Konzepte zu entwickeln, die die gesellschaftlichen Veränderungen voran treiben könnten. Wieder andere - und Kurz sieht hierin einen Ausdruck der ursprünglichen Aufgeschlossenheit der Bewegung - wandten sich ob der Verhärtung der "Neuen Linken" auf ihrer Suche nach einer besseren Welt spirituellen Gruppen (Hare-Krishna, Jesus People etc.) zu. (64)

Ein weiterer Aspekt soll hier nicht unterschlagen werden: Mit der Wahl der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt, 1969, keimte unter vielen Anhängern der Neuen Linken die Hoffnung auf, innerhalb des bestehenden Parteiensystems Ansätze entwickeln zu können, um die Gesellschaft zu reformieren. So traten zwischen 1969-73 "rund 100000 junge Erwachsene, meist Studenten und Jungakademiker, den Jungsozialisten bei" (65)
. Doch mußte man als bald feststellen, daß die SPD/FDP Regierung, die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen konnte. Angetreten mit großem Elan das "Modell Deutschland" (66) zu verwirklichen - es wurde die Bildungsreform auf den Weg gebracht, das Betriebsverfassungsgesetz verabschiedet, das Wahlrechtsalter gesenkt, der Versicherungsschutz erweitert etc. - mußte man bereits 1974, symbolisiert auch im Kanzlerwechsel vom Reformer Brandt zum Praktiker Schmidt, erkennen, daß die Politik des "Mehr-Demokratie-wagens" einer Politik der Krisenbewältigung gewichen war.(67)

Dies geschah auf dem Hintergrund der sogenannten Ölkrisen von 1973 und 1975. Neben einer nachhaltigen wirtschaftlichen Rezession, die ihren gewichtigsten Ausdruck in einer Verdoppelung der damaligen Arbeitslosenrate (1975) hatte, machten diese beiden Ereignisse erstmals einer breiteren bundesrepublikanischen Öffentlichkeit die "Grenzen des Wachstums" (68) deutlich.
Eine breite ökologische Diskussion über die Schattenseiten der industriell-technokratischen Wachstumsgesellschaft setzte ein. Durch die nicht mehr finanzierbaren Reformvorhaben und die schockierende Wirkung ökologischer Szenarios verfestigte sich Mitte der 70iger Jahre diese Krisenstimmung. Verschlechterung der objektiven Lebensbedingungen und Konzeptlosigkeit von Politik und Bürokratie führten zu Verdrossenheit und Zukunftsangst.

Angesichts einer wechselseitigen Eskalation zwischen Staat und terroristischen Gruppen (z.B. RAF) kam die Angst vor einer neuen faschistoiden Ausformung des Staates hinzu. Dies trat nicht nur im Auf- und Ausbau des "Sicherheitsstaates" (69) mit Rasterfahndung und finalem Todesschuß zu Tage, sondern auch in dem schon fast paramilitärischem Auftreten des Staates bei Demonstrationen gegen Großprojekte wie Atomkraftwerke (z.B. "die Schlachten" um Grohnde oder Brokdorf) oder Flughafenerweiterungen (Startbahn West in Frankfurt/M).

Auf dem Hintergrund der oben skizzierten Ereignisse -gescheiterter antiautoritärer Protest, unerfüllte Reformerwartungen und immense Zukunftsängste - bildete sich ab Mitte der 70iger Jahre eine bunt schillernde Gegenbewegung heraus, die sogenannte Alternativbewegung (70)
. Getrieben von den oben genannten Motiven fanden sich viele Menschen in Bürgerinitiativen, je nach thematischem Schwerpunkt der Ökologie- oder Friedensbewegung zuzuordnen, der Frauenbewegung und der sich entfaltenden "Alternativen Szene" zusammen. Es begann "eine intensive Phase des Suchens, der Selbstreflexion, des Experimentierens, der Projektbildungen und der gegenseitigen Annäherung." (71)

Neben dem Unbehagen an den bestehenden Verhältnissen (72) leitete sie insbesondere die Vorstellung bei der Verwirklichung ihrer Ideen und Ziele nicht mehr auf die Zukunft vertröstet zu werden, sondern diese in der Gegenwart, also "im hier und jetzt", anzugehen. Die Experimentierbaustelle der 70er, so A. Buro, hatte ihre Tore geöffnet.

In der theoretischen Beschäftigung lassen sich dabei grob zwei Wege des Herangehens festmachen: Die einen setzten dabei auf den Weg der Befreiung des "authentischen Selbst" mittels religiöser, esoterischer oder psychologischer Konzepte - die "neue Innerlichkeit"; die anderen auf eine Politisierung des Alltags, in dem experimentell neue Formen des Zusammenlebens (Kommune, Wohngemeinschaften) und -arbeitens (Landkommunen, Handwerks- und Dienstleistungskollektive) ausprobiert wurden.

In der Praxis war diese Trennung aber vielfach aufgehoben: So arbeitete der Baghwan-Jünger im gegenökonomisch ausgerichteten Tischlerkollektiv, gründete der auf seine seelische wie körperliche Gesundheit bedachte "Müsli-Freak" eine Initiative gegen Atomanlagen oder baute der in der sozialistischen Schülerarbeit Engagierte sein Gemüse und Kräuter - und dazu zählte auch der Hanf - nach anthroposophischen Regeln an.

Eben so verworren und unübersichtlich sind das Formenspektrum und die Aktionsfelder der "Alternativ-Szene". Neben den schon oben angedeuteten Wohn- und Lebensexperimenten zählen sicher auch Hausbesetzungen, Stadtflucht, Gegenöffentlichkeit (Alternativpresse) und eine eigene "Freizeit-Kultur" zu den Stichwörtern, die hier Erwähnung finden müssen.(73)

Und letzteres läßt uns wieder auf einen alten Bekannten treffen, den schon in den USA als mobiles Heim benutzten VW-Bus. Gleichzeitig verweist uns diese auf die Wurzeln des Zirkus- und Bauwagenlebens.

Im Rahmen der Versuche, Musik- und Theaterkultur den kapitalistischen Verwertungsinteressen zu entziehen und sie zur Propagierung der eigenen Lebenseinstellungen zu nutzen, ein schon seit der Studentenbewegung eingeschlagener Weg, etablierte sich seit Mitte der 70er Jahre ein reges nicht-kommerzielles Festivalgeschehen (z.B. "Umsonst und Draußen").

Ähnlich wie in den USA und Großbritannien bildete sich im Umfeld eine eigene - zu Beginn nicht-kommerzielle - Infrastruktur heraus. Die Nachfragen nach Nahrungsmittel, Kleidung etc. wurden durch mitreisende Anbieter befriedigt.
Dieses Leben, ob nun als Künstler, "fliegender Händler" oder Konsument, machte ein, wenn auch nur temporäres, mobiles Wohnen notwendig. Was lag näher, als das amerikanische Beispiel zu adaptieren und Busse und Lastkraftwagen bewohnbar zu machen, wenngleich beim Umbau der Phantasie der Nutzer in der BRD doch recht enge Grenzen durch den TÜV gesetzt wurden.

Ähnliches kann man für das Theater feststellen: In dem Bemühen, die Kunst des Schaupiels wieder für weite Publikumskreise zu öffnen, sie aus den verkrusteten Strukturen der dem "Wahren, Guten und Schönen" der bürgerlichen Kultur verpflichteten festen Häuser zu befreien, gründeten sich eine Vielzahl von freien Theatergruppen, die die Straße als Bühne wiederentdeckten. Auch hier war, um möglichst große Bevölkerungskreise zu erreichen, ein hoher Grad an Mobilität nötig.

Es lag nahe, sich der Tradition der Gaukler, Komödianten und circensischen Unternehmen zu erinnern. Zum einen bot diese als Ausdruck einer "Kultur von unten" den "richtigen" ideologischen Hintergrund, zum anderen offerierte sie, neben dem Zirkuszelt als überdachte, bewegliche Bühne, den Wagen als mobile Möglichkeit des Wohnens. Der Zirkuswagen als alternative Wohnform war entdeckt.

Wir denken, daß das Leben in der Öffentlichkeit, insbesondere in der alternativen Öffentlichkeit, welches diese Theatergruppen zwangsläufig führten, zur Verbreitung dieser Wohnidee beitrugen. 74 Hinzu kommt ein relativ hohes Maß an kommunikativer Vernetzung zwischen den unterschiedlichen Spektren der "Szene". Alternative Medien, die etwa zur selben Zeit in vielgestaltiger Form in diversen Medienwerkstätten entstanden, seien es Stadtmagazine, Zeitungsprojekte (die Taz (75)) , freie (illegal betriebene) Radiosender oder Videoproduktionen, mögen auch ihren Anteil an der Verbreitung haben, doch scheint der persönliche Kontakt zu Menschen, die bereits im Wagen lebten, der entscheidendere Faktor gewesen zu sein. (76)

Zudem kam das doch auf den ersten Blick recht spartanisch erscheinende Leben (77) der durch den damaligen Zeitgeist geprägten Forderung nach einem "einfacheren" - sprich: von den Zwängen der Konsumgesellschaft befreiten - Leben im Einklang mit der Natur entgegen. Diese Forderung nach stärkerer "Unmittelbarkeit des Naturbezugs" und "Einbindung in ganzheitliche Lebenszusammenhänge", wie "Aufhebung der Trennung von Kopf- und Handarbeit, von Wohn- und Arbeitsplatz, von Produktion und Konsum, die Entwicklung von kooperativen Formen der Zusammenarbeit" (78), hatte schon viele Menschen etwa zeitgleich veranlaßt, der "Unwirtlichkeit der Städte" (A. Mitscherlich) zu entfliehen und auf dem Land in Form von Wohngemeinschaften und Kommunen eine neue Existenz zu gründen.

Dies mag dazu geführt haben, daß viele Wagenbewohner der "ersten" Generation sich im Zusammenhang oder zumindest doch im Umfeld von Wohngemeinschaften oder Kommunen auf dem Land ansiedelten.

Doch der Traum von Autarkie und Selbstversorgung stieß oftmals bald an seine Grenzen. Unprofessionalität oder persönliche Animosität untereinander brachten so manches Projekt zum Scheitern. Und hier ergibt sich ein weiterer Vorteil des Wagens: Kommt es zu Disparitäten, kann man seine Wohnung, in die man womöglich viel Kreativität, Arbeit und - vergessen wir nicht die finanzielle Seite - Geld gesteckt hat, einfach mitnehmen und sich auf die Suche nach neuen Projekten machen.

So die Hoffnung, die Realität sah häufig anders aus: Entweder waren die Wagen zu schwerfällig, um sie ohne große Anstrengung von Ort zu Ort zu ziehen oder die bestehenden Gruppen nicht so sehr erbaut von einem etwas außerhalb des Gruppengefüges lebenden Appendix (79), darüberhinaus zuweilen die Nachbarschaft den zuziehenden "Zigeunern" nicht besonders gewogen.

Ein anderer Umstand muß noch ins Kalkül gezogen werden, der die Verbreitung sicherlich unterstützte: die Zirkus- und Bauwagen waren zu diesem Zeitpunkt (80) relativ kostengünstig zu erwerben.
Änderungen im Freizeitverhalten der Bevölkerung - man zog das Fernsehprogramm dem Zirkusbesuch vor - zwangen etliche alte Zirkusunternehmen zur Aufgabe; Schausteller mußten den Grad ihrer Mobilität der Konkurrenzfähigkeit wegen ausbauen, ihren Aktionsradius erhöhen, um noch schneller von Ort zu Ort zu gelangen, somit umstellen von den schwerfälligen Holzwagen auf moderne aus Aluminium gefertigte Caravans; die Bauindustrie stellte - auch der Beweglichkeit und der rationelleren Beförderung geschuldet - zunehmend auf Baucontainer um.(81)

In den Städten scheint das Wagenleben (Ausnahmen bestätigen die Regel (82)) erst Mitte bis Ende der 80er Jahre im Ausklang der Hausbesetzungen seinen Einzug gefunden zu haben; dafür allerdings, zumindest was das Medieninteresse anbelangt, mit Vehemenz.

War die Hausbesetzerbewegung Anfang der 80er Jahre noch recht erfolgreich - auch in der Bevölkerung konnte sie Sympathien für ihre Anliegen, z.B. den Kampf um den Erhalt von von Spekulantengier bedrohtem Wohn- und Lebensraum, wecken - änderte sich ab Mitte der 80er das politische Klima drastisch.

Die Staatsgewalt hatte gelernt zu reagieren. Insbesondere die sogenannte "Berliner Linie", wonach bereits besetzte Häuser mit Mietverträgen befriedet und Neubesetzungen mit Polizeigewalt verhindert wurden, führte zur Erosion der Bewegung. Einen neuen Weg, sich den Raum für ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu schaffen, meinte man im Wagenleben gefunden zu haben.(83) Seitdem gehören Wagendörfer zum Bild vieler Städte.


Anmerkungen:

(1)
Wir haben den Terminus Behausung - obgleich uns schon bewußt ist, wie unglücklich dieser Begriff im Zusammenhang mit dem Wagenleben ist (besser wäre vielleicht Wohnform gewesen) - gewählt, da hier im Gegensatz zur Wohnung, welches das Wohnen in seinen gesamten Ausprägungen impliziert, auf die bloße Hülle abgestellt wird.

(2) Obwohl uns klar ist, daß dieser Begriff durchaus belastet ist, haben wir uns im Anschluß an R. Vossen für ihn entschieden. In seinem Vorwort zu einem Ausstellungskatalog des Hamburgischen Museums für Völkerkunde kommt er zu der Aussage: " Mangels eines besseren von allen Gruppen akzeptierten Sammelbegriffes für die Eigenbezeichnungen Roma, Sinti, Manusch, Cale' (Gitanos) können wir bisher im deutschen Sprachgebrauch leider nicht auf den vorbelasteten Begriff >>Zigeuner<< verzichten, doch möchten wir diesen Begriff als neutrale Sammelbezeichnung verstanden wissen." Vossen, 1983, S. 9.

(3) Bezeichnung für traditionelle Landfahrerfamilien, die keine oder kaum verwandtschaftliche Beziehungen zu Zigeuner unterhalten. Auch dieser Begriff hat im deutschsprachigen Raum eine negative Konnotation und wird, mit Ausnahme der Schweiz, wo er stolz als Selbstbezeichnung geführt wird, kaum noch verwendet. Vgl. Faber, in: Vossen, 1983, S. 196.

(4) Arzt und Pädagoge, der Mitte des 19.Jahrhunderts öffentliche Spielplätze für die Jugend anregte, aus denen sich später Gärten zur Selbstversorgung, eben die Schrebergärten, entwickelten. Vgl. Meyers Neues Lexikon, 1993.

(5) Zur Entwicklung der Schrebergartenbewegung zum Kleingartenwesen vgl. Hoffjahn, in: Andritzky/Spitzer, 1981, S. 51ff.

(6) Zum Phänomen des Dauercampings liegt eine Studie des Frankfurter Instituts für Europäische Ethnologie und Kulturanthropologie vor. Es wäre sicherlich interessant gewesen, zu schauen, ob sich Ähnlichkeiten, was die Motivation etc. betrifft, finden lassen, doch hätte es den Rahmen unserer Arbeit gesprengt. Vgl. Gabriele Hofmann, 1994.

(7) Vgl. Anonyma, 1996; Kleinke, 1993.

(8) Vgl. Meyer, 1984.

(9) Vgl. Häußermann/Siebel, 1996, S. 59.

(10) Vgl. Anonyma, 1996, S. 83.

(11) Anonyma, 1996, S. 85.

(12) Anonyma, 1996, S. 93ff.

(13) Anonyma, 1996, S. 96.

(14) Neuer Social-Demokrat, 02.08.1872, zitiert nach: Anonyma, 1996, S. 96.

(15) Häußermann/Siebel, 1996, S. 60.

(16) Vgl. Kap. 3.6

(17) Den deutlichsten Bezug liefert uns die Rundschrift zu den Wagentagen, dem virteljährlichen Treffen der Wagenbewohner. Sie heißt nicht von ungefähr "Vogelfrai", wobei das "a" für Anarchie, gleichzeitig den politischen Impetus zum Ausdruck bringen soll.

(18) Wer sich diesbezüglich einen genauen Überblick verschaffen möchte, sei auf die ausgezeichnete Arbeit von E. Schubert, Fahrendes Volk im Mittelalter, verwiesen, auf die wir uns im wesentlichen bei unseren Ausführungen beziehen werden,

(19) Meyer, 1984, S. 8.

(20) vgl. Schubert, 1995

(21) Darauf weist auch E. Schubert hin, wenn er zum Begriff des "Fahrenden Volkes" ausführt: "Wer den Ausdruck >>Volk<< auf die Fahrenden anwendet - und häufig ist es eine stolze Selbstbezeichnung eben dieser Fahrenden - verwendet einen Begriff, der in der Chronistik des Hochmittelalters den Herren vorbehalten war. ... benannt wird hiermit eine selbstbewußte 'Oberschicht' der Fahrenden". Schubert, 1995, S. 7f.

(22) Schubert, 1995, S. 7f.

(23) Schubert, 1995, S. 352f.

(24) Dies trifft selbst auf die Zigeuner zu. Seit 1417 aus Böhmen eingewandert, hatten sie sich eine auf die Mentalität der seßhaften Bevölkerung zugeschnittene Herkunftslegende - sie kämen aus Ägypten und hätten der Heiligen Familie bei der Flucht Unterkunft gewährt, darob sie selbst vertrieben worden seien - zugelegt, die ihnen die Almosen und das Wohlwollen der Menschen sicherte. Diese Zeit der Duldung endete abrupt als das Osmanische Weltreich an die Tore der abendländischen Welt pochte und die Zigeuner der Spionage für die Türken bezichtigt wurden. Ab Mitte bis Ende des 16. Jahrhunderts, als auch die Verfolgung der übrigen Fahrenden begann, wurden sie, sowieso schon stigmatisiert, zum Inbegriff des Müßiggangs hochstilisiert, als Diebe kriminalisiert und als arbeitsscheu diffarmiert. Vgl. Schubert, 1995, S.362f.

(25) Schubert spricht hier von der "latenten Mobilität" respektive "bedingten Seßhaftigkeit der mittelalterlichen Gesellschaft" (S. 36). Ein Beleg sei hier angeführt: "Vor allem zeigt die Entwicklung des Kriegswesens, zeigen die immer größer werdenden Söldnerheere und im 16. Jahrhundert die Landknechtstruppen als Massenerscheinung, in welchem Ausmaß kräftige, arbeitsfähige Männer ohne Sozialchancen zur Verfügung standen, die sofort in entfernte Gebiete gerufen werden konnten." S. 40.

(26) Schubert, 1995, S. 20ff.

(27) "... daß die Mandate mit der doppelten Diskriminierung von Person und Lebensform den Boden dafür bereiteten, daß bloße 'Landstreicherei' nicht als 'Delikt im strafrechtlichen Sinne, sondern (als) ein krankhaftes menschliches Verhalten' verstanden wurde." Schubert, 1995, S. 367.

(28) Vgl. Schubert, 1995, S. 352f.

(29) Wie wäre es sonst zu erklären, daß selbst im 19. Jahrhundert Fahrende Aufnahme bei ihnen bekannten Seßhaften, insbesondere Bauern, fanden.

(30) Schubert spricht sogar von Untergang und meint damit: "Die Gesellschaft braucht nicht mehr den Fahrenden zum Überleben; dieser braucht hingegen, als Parasit verdächtigt, die Gesellschaft." War das Selbstbewußtsein der Fahrenden im Mittelalter von der Balance von Gabe und Gegengabe bestimmt, zwingt das Schicksal den Vaganten der Neuzeit - inzwischen zum Almosenempfänger, zum Schmarotzer erniedrigt - zu einem "Leben im Verborgenen, stets in Furcht vor der Obrigkeit." S. 352ff.

(31) Vgl. Faber, 1983, S. 200ff.

(32) Faber, 1983, S. 202.

(33) Schubert, 1995, S. 12f.

(34) Schubert, S. 83.

(35) Vgl. Schubert, S. 131ff.

(36) Vgl. Schubert, S. 136 ff; bei den Pfeiferkönigreichen handelte es sich um genossenschaftliche Gebilde der Spielleute, die sich tributpflichtig unter den Schutz von Adeligen stellten, wie im übrigen sich auch andere Fahrende ähnliche, auf dasselbe Prinzip aufbauend, territoriale Königreiche. Die Städte machten ähnliche Angebote: die Spielgrafenämter. Doch ging es hier nicht in erster Linie um den genossenschaftlichen Zusammenschluß, sondern primär wollten die Räte der betreffenden Stadt die fahrenden unter ihre Kontrolle bringen.

(37) Vgl. Schubert, S. 144.

(38) Vgl. Schubert, 1995, S. 363.

(39) Schubert, 1995, S. 437.

(40) Meyer, 1984, S. 24.

(41) A. Kopecny, 1980.

(42) Vgl. Kopecny, 1980, S. 8.

(43) Die Beschäftigung - manchmal ist man schon versucht zu sagen, die Hochkonjunktur - mit den indogenen Völkern Amerikas, insbesondere Nordamerikas, ihre Überhöhung zum Öko-Krieger schlechthin (die vermeintlich von einem Häuptling Seattle verfaßte Rede an die Menschheit oder die Aussage einer Cree-Indianerin, uns tausendfach in Gestalt eines Greenpeace-Aufklebers gemahnend, geben hierfür Beispiele) von Mitte der 70er Jahre an, stellt ein ähnliches Phänomen dar.

(44) "Rolling Homes" sind umgebaute und phantasievoll ausgestaltete ehemalige Schulbusse, Armeefahrzeuge, etc., eben "rollende Heime". In einem Land, das keine rigorosen TÜV-Bestimmungen kannte, waren der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Die Erscheinungsformen waren sehr bunt und vielfältig. " Würden Rolling Homes industriell produziert und anonymen Käufern zum Kauf angeboten - man müßte sie wohl als hohlen Kitsch bezeichnen. Individuell selbstgestaltet und Abbild der Persönlichkeit ihrer Erbauer und Nutzer sind sie beredter Ausdruck einer alternativen Wohnkultur." Vgl. P. Lorenz, in: Stadt 3/1982, S. 44ff.

(45) Kerouac, 1971, S. 75.

(46) Uns ist bewußt, daß wir bei dem Zeitsprung von den "beats" zu den "hippies/yippies" noch andere Erscheinungen wie die "Gammler" und die insbesondere für die Niederlande und Dänemark wichtigen "Provos" unterschlagen, doch spielen sie für unser Thema keine so entscheidende Rolle. Im übrigen erscheint uns das Erfassen dieser Erscheinungen in diesen Kategorien auch nur bedingt sinnvoll. Sicher lassen sich durch die Bildung von Idealtypen zeitliche Abläufe klarer fixieren, auch inhaltliche Unterschiede besser herausarbeiten, doch im Alltagsleben fanden immer wieder Durchmischungen statt und können so als Ausdruck einer breiten alles einbeziehenden Protestbewegung gesehen werden. Wer sich dennoch über die einzelnen Kategorien einen Überblick verschaffen möchte, sei auf die Arbeit von G. Kurz, 1978, verwiesen.

(47) Vgl. Brand et al., 1986, S. 57.

(48) "Dieser Begriff der Liebe war nicht egozentrisch ausgerichtet, sondern zielte auf eine antiautoritäre und enthierarchisierte Welt- und Wertordnung ohne Klassenunterschiede, Leistungsnormen, Unterdrückung, Grausamkeit und Krieg." Hollstein, 1979, S. 51.

(49) Die Organisierte Kriminalität versuchte vehement den Drogenmarkt unter ihre Kontrolle zu bringen. Darüberhinaus nutzten immer mehr gesuchte Kriminelle diesen vermeintlich rechtsfreien Raum als Schlupfwinkel.

(50) Vgl. Kurz, 1978, S. 35.

(51) Brand et al., 1986, S. 58.

(52) Wie auch in den folgenden Jahren immer wieder festzustellen war, daß der Markt, z.B. die Musik- und Bekleidungsindustrie, sehr schnell gegenkulturelle Attribute adaptierte und kommerzialisierte. Ein krasses Beispiel war die Erscheinung des Punks: Es dauerte nur wenige Jahre bis es völlig zerrissene und mit Sicherheitsnadel applizierte Kleidungsstücke bei "Horten" oder "Karstadt" für teures Geld zu erwerben gab - die Sub- und Gegenkulturen als kreatives Potential für die Marktwirtschaft?

(53) Brand et al., 1986, S. 58. Auch wenn wir hier die idealtypische Teilung von Brand et al. aufgenommen haben, ist - und dies zum wiederholten Male - darauf aufmerksam zu machen, daß sich in der Praxis diese Idealtypen durchmischten: An der Gründung der YIP 1968 war ein großes Spektrum beteiligt: Digger Abbie Hoffmann, Arlo Guthrie, Musiker, Allen Ginsberg, Dichter, Jerry Rubin, Sprecher der Bewegung, Timothy Leary, Harvard Professor, Rock-Bands, Theatergruppen etc. Vgl. Kurz, 1978, S. 38.

(54) Dieses Phänomen gibt es noch heute in England (für die USA können wir keine Aussage machen): die "New Age Travellers". Auch sie - es sollen bis zu 100000 sein - leben in ausgedienten Lkws und fahren damit, insbesondere im Sommer, von Festival zu Festival. Stark esoterisch "angehaucht" sind es die mythischen Orte, z.B. Stonehenge, die sie anziehen. Für sie ist es der Versuch der städtischen Zivilisation zu entfliehen und in kleinen überschaubaren Gruppen mit Musik und "joint" ein anderes Leben zu praktizieren. Insbesondere die Festivals, wo mehrere tausend dieser "traveller" zusammenkommen, waren immer wieder Stein des Anstoßes. Anwohner beklagten sich - und häufig zu recht - über Verschmutzungen durch Müll und Exkremente, aber auch über Verwüstungen wie etwa die Nutzung von Weidezäunen als Feuerholz. Mit einem eigens geschaffenen Gesetz, das 1994 verabschiedet wurde, überzieht man die "new age traveller" nun mit Vertreibung und Verfolgung. Vgl. ZEIT vom 03.02.1995; auch die in den Anlagen aufgeführten Artikel der englischen Tagespresse bzw. die im Kap. 3.8.5 und im Anhang angegebenen INTERNET-Quellen.

(55) Zu APO und Studentenbewegung siehe Brand et al., 1986, S. 60ff und Kurz, 1978, S. 40ff.

(56) Bereits vorher hatte die Strategie der "direkten Aktion" Einfluß auf den Berliner SDS gewonnen: "Die Betonung neuer unkonventioneller Demonstrationstechniken und Mobilisierungsformen (teach-ins, sit-ins, Happenings), in denen sich immer unverkennbarer politischer und gegenkultureller Protest verband, verstärkte sich noch, als die (späteren) Mitglieder der Kommune I & II gegen Ende des Jahres 1966 vermehrten Einfluß auf den SDS gewannen. Wenn das Intermezzo der Kommunarden im Landesverband des Berliner SDS auch von kurzer Dauer war ... , so übten die Aktionsformen ... : Happenings, phantastische Verkleidungen, Vermeidung von physischer Gewalt, um gleichzeitig die Polizei der Lächerlichkeit preis zu geben, doch einen großen Einfluß auf den weiteren Verlauf der Protestbewegung aus." Brand et al., 1986, S. 65f.

(57) Insbesondere der Bundesverband des SDS versuchte mittels der Organisierung bundesweiter Kongresse (zum Vietnam-Krieg etwa), ein breites Bündnis radikaldemokratischer Kräfte zu formieren. Vgl. Brand et al., 1986, S. 64f.

(58) Vgl. Kurz, 1978, S. 46f.

(59) Kurz, 1978, S. 46.

(60) Kurz, 1978, S. 47.

(61) Brand et al., 1986, S. 69.

(62) Brand et al., 1986, S. 70.

(63) Brand et al., 1986, S. 70.

(64) Vgl. Kurz, 1987, S. 47. Mit einem Seitenhieb auf K-Gruppen, wie spirituelle Sekten führt sie weiter aus: "Sowohl die Anhänger der erstarrenden Neuen Linken, die einen einseitig rationalen Realitätsbegriff sich zu eigen machten, wie auch die Anhänger der erwähnten spirituellen Gruppen, die ein metaphysisches Weltbild haben, bar jeglicher rationaler Erklärungen, leiden alle an demselben Mangel: dem Absolutheitsanspruch ihrer Welt- und Wirklichkeitswahrnehmung." S. 48. Ein krasses Beispiel bestätigt diese Einschätzung: In der Diskussion um die Atomenergie vertraten doch einige Gruppen allen Ernstes die Meinung, daß sowjetische oder chinesische Atomkraftwerke erheblich sicherer seien, als die westlichen, da diese von sozialistischen Arbeitern mit sozialistischen Schrauben erstellt worden seien.

(65) Brand et al., 1986, S. 71.

(66) Hierbei handelt es sich um einen Wahlkampf-Slogan der SPD, der verheißen sollte, daß bei ihrer Wahl der Weg in ein demokratischeres und sozialeres Deutschland möglich würde.

(67) Doch auch schon unter Brandt gab es antidemokratische, dem Wahlprogramm Hohn sprechende Entscheidungen. Es sei nur an den "Radikalen-Erlaß" von 1972 erinnert.

(68) So der Titel einer Studie des Club of Rome, die vor einer weiteren ungehemmten Ausbeutung natürlicher Ressourcen nachhaltig warnt.

(69) Hirsch, 1986.

(70) Eine Ausdifferenzierung in Ökologie-, Frauen- oder Alternativbewegung fand zu diesem Zeitpunkt noch nicht statt.

(71) Brand et al., 1986, S. 84.

(72) Dieser Terminus soll verdeutlichen, daß sehr viele Menschen nicht bewußt daran interessiert waren, das gesellschaftliche System in Gänze anzugehen und zu verändern, sondern sich in ihrer Kritik ausschließlich auf Teilbereiche, die für sie wichtig waren, konzentrierten.

(73) Wir wollen hier nicht im einzelnen darauf eingehen. Wer sich einen Überblick - aber leider auch nur einen Überblick - über die damalige Vielfalt verschaffen möchte, sei auf Brand et al., S. 154ff., verwiesen.

(74) Vgl. Petersen, 1986, S. 2.

(75) Zu den Printmedien vgl. auch Brand et al., 1986, S. 169ff.

(76) In unserer eigenen Erhebung wie auch in der Literatur - vgl Meyer, 1984; Petersen, 1986 - äußerten die meisten Befragten, sie hätten diese Wohnform durch Freunde und Bekannte kennengelernt.

(77) Das dies nicht so sein muß, erfuhren wir bei unseren Besuchen verschiedener Wagenbewohner. So gibt es durchaus Personen, die von der zu Verfügung stehenden Grundfläche her einen Vergleich mit einem Wohnhaus nicht scheuen müssen. Man verbindet einfach mehrere Wagen miteinander. Auch von der Infrastruktur her, kann man vom Telephon, über Computer mit Internet Anschluß bis zur - und dies sind nur Beispiele - Hifi-Anlage etliche Konsumgüter finden.

(78) Brand et al., 1986, S. 162.

(79) Vgl. Petersen, 1986, S. 96ff. Von anderer Seite erfuhren wir (1996), daß einige Kommuneprojekte den Zuzug von Wagenbewohnern gar nicht mehr gern sehen, da ihre Mobilität es ihnen eher ermögliche, beim Auftreten von Problemen ihre Sachen zu packen und zu verschwinden. Sie somit durch ihre Wahlmöglichkeit in der Lage sind, Konflikten aus dem Weg zu gehen, denn sie durchzustehen.

(80) Heute sieht die Sache etwas anders aus. Für alte Schausteller- und Zirkuswagen werden häufig horrende Liebhaberpreise verlangt. Der Zirkus Roncalli mag seine privaten Nachahmer gefunden haben.

(81) Vgl. Petersen, 1986, S. 139.

(82) Vgl. Kapitel 3.5.1 über die "Rollheimer". Auch hat es in den Städten sicherlich den einen oder anderen gegeben, der seine Nische fand.

(83) So erklärt sich auch, daß die ersten Wagentage - ein seitdem kontinuierlich stattfindendes Treffen - im Rahmen der sog. "Häusertage" Hamburg 1991, ein Treffen der Hausbesetzerbewegung, stattfanden.



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