2. Fragestellung und Methoden

In diesem Kapitel werden wir noch einmal explizit auf unsere Fragestellungen eingehen, wie und warum, wenn denn überhaupt, sie sich veränderten, und die Methoden darstellen, die von uns zur Anwendung gebracht wurden.


2.1. Fragestellung

Wie wir bereits in unserer Vorbemerkung angedeutet haben, vertreten wir die Annahme, daß die "Wägler" zum gegenkulturellen Milieu, insbesondere mit der Ökologie- und Alternativbewegung in Verbindung stehend, gehören (1); daß sie - und hier schieden sich die Geister - mit ihrem Ausstieg aus der Gesellschaft (dem Einzug in einen Wagen und die Hinwendung zu einem einfacheren Leben (2)), dieser beispielhaft einen anderen, einen "Spiegel der Bescheidenheit" vorhalten wollen, es sich damit also nicht nur um einen individuellen Weg seinem Lebensgefühl Ausdruck zu verleihen handele, sondern um den Versuch, die eigenen politischen Überzeugungen durch pragmatisches Herangehen in die Realität umzusetzen.

Anders gefragt: Verbirgt sich hinter dieser Wohnform ein Lebensstil, der die so lebenden Menschen, von ähnlichen Prämissen geleitet, in den Stand versetzt, ihre gesamte Existenz in den Kampf für gesellschaftliche Veränderungen einzubringen; ein Kampf, der es vermag durch seine Praxisnähe und Beispielhaftigkeit, immer mehr Menschen in den Bann zu ziehen und so in der Lage ist, in einem langsamen, aber doch immer auf Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse bedachten Prozeß, nachhaltig den Alltag zu verändern. (3)

Ist es also möglich, daß sich aus dieser Lebensform, so sie nicht bloße Wohnform ist, ein Bewegungspotential entwickeln kann? (4)

Während H. Kropp, gestützt auf seine eigene Biographie, die oben in Frageform gekleideten Annahmen vertrat, war H. Ulferts der Ansicht, quasi "antithetisch", daß es sich hierbei eher um einen Rückzug ins "Private" handele, sicherlich nicht bloße Wohnform, immer ein Stück Lebensgefühl ausdrückend, aber ohne politische Tragweite. (5)
Eine wie auch immer geartete Bewegung könne man schon gleich gar nicht ausmachen. Zu gering wäre die Anzahl, zu verstreut seien die Siedlungsflächen. Und auch den "Vorbildcharakter" sah er nicht. Die politische Tragweite schien ihm nicht gegeben zu sein.

Das war die Situation Mitte der 80er Jahre, als wir anfingen, uns mit dieser Thematik zu beschäftigen. Heute, etwa 10 Jahre später, haben wir zwar eine "Wagenbewegung", die sich zumindest selbst so nennt, doch ist es fraglich, ob ihr politisches Engagement - immer auf die Bewegung bezogen, nicht auf den einzelnen "Wagenmenschen" - sich auf mehr als nur die Einforderung von Stellflächen und den damit verbundenen Rechten bezieht. Das bunte Bild, welches wir in der Einführung (Kap.1) zeichneten, vermittelt uns eher einen heterogenen und recht unzusammenhängenden Eindruck, so daß uns unsere Fragestellung nach wie vor aktuell erscheint.

Wie jetzt aber an unsere Fragen herangehen, ohne den "Wäglern" im vorhinein unnötige definitorische Fesseln anzulegen? Da es zu diesem Zeitpunkt (1988) so gut wie keine Literatur zum Wagenleben gab und die beiden uns bekannten Veröffentlichungen (6) sich mit anderen Fragestellungen beschäftigten (7), entschieden wir uns, eine möglichst weitgefächerte Untersuchung vorzunehmen. Mit Hilfe von Fragebogenerhebungen und Interviews sollten möglichst viele Wagenbewohner erreicht werden und selbst zu Worte kommen.
Ergänzung finden sollten diese Methoden durch eine Literatur- und Medienanalyse (Print- und Filmmedien). So sollte sich uns in einer Art Monographie das Phänomen des Wagenlebens in seinen gesamten Ausprägungen mittels Eigen- wie Fremdaussagen möglichst umfassend präsentieren und uns so eine Antwort auf unsere Fragen ermöglichen.


2.2. Methoden

Da wir uns auf die "systematische Erfassung und Deutung sozialer Erscheinungen" im Sinne der empirischen Sozialforschung eingelassen haben, was nichts anderes meint, als das "theoretisch formulierte Annahmen an spezifischen Wirklichkeiten überprüft werden" (8), gilt es einige Fragen im Vorab zu klären, wie etwa vorgegangen, der Forschungsablauf gestaltet werden soll oder welche Methoden zur Anwendung (9) gelangen sollen.

Doch wollen wir kein neues Grundlagenwerk der empirischen Sozialforschung schreiben, daher scheint es uns angemessen, uns auf die Darstellung unserer eigenen Schritte zu beschränken.

In einem ersten Schritt (1988) schauten wir, ob Veröffentlichungen zu diesem Thema - dem Wagenleben - existierten. Doch die Ausbeute war gering. Zwei Diplomarbeiten (s.o.) und einige wenige Zeitungsartikel konnten wir zu Tage fördern (10) und diese hatten für unsere Fragestellung auch nur geringe Relevanz.

So sahen wir uns genötigt, quasi von Null anzufangen. Wir beschlossen, eine möglichst repräsentative Bestandsaufnahme des Wagenlebens zu erstellen, was soviel heißen sollte, möglichst viele "Wägler" (womit wir auch schon unsere Grundgesamtheit definiert hätten), zu Wort kommen zu lassen und zu ihren Motiven und Perspektiven zu befragen.


2.2.1 Die Befragung

Da jede Befragung, ganz gleich ob mittels Interview oder Fragebogen durchgeführt, immer eine soziale Situation darstellt, in der "gegenseitige Erwartungen und Wahrnehmungen aller Art" das Verhalten und die Reaktionen beeinflußen (11), kam es uns von vornherein darauf an, eine Atmosphäre des gleichberechtigten Gesprächs zu schaffen.
Dies schien uns um so wichtiger, da zum einen die Boykottaufrufe zur Volkszählung 1986 (12) bei uns selbst noch nachklangen, zum anderen (und dies ist eher eine Erfahrung der 90er Jahre) die Angst vor Bespitzelungen der Wagen- bewohner durch staatliche Organe, seien es Ämter, Polizei oder Staatsschutz (und auch durch die der Komplizenschaft verdächtigten Wissenschaften) (13) , von uns als recht ausgeprägt angenommen wurde.
Besonders in den Wagendörfern zeigte sich, daß diese Annahme berechtigt schien. So liegen, trotz unserer Bemühungen, auf die wir gleich noch näher eingehen werden, den Fragebogen möglichst unverfänglich zu gestalten, mit einer Ausnahme (6 beantwortete Fragebögen), keine Antworten aus Wagendörfern vor. Dieselben Fragen in einem Interview vorgebracht, machten allerdings keine Schwierigkeiten. Es ist die Form - ein Fragebogen vermittelt anscheinend den Eindruck von bürokratischer Ausforschung - und nicht der Inhalt, der Argwohn und Ängste auszulösen scheint.

Dies zeigt, wie wichtig und richtig es war, von Anfang an etwas mehr Aufmerksamkeit auf die Erstellung des Fragebogens zu verwenden.
Aber bevor wir uns etwas eingehender mit eben diesem beschäftigen, muß noch ein Umstand Erwähnung finden, der uns sehr hilfreich war und darüber hinaus wahrscheinlich einige Türen öffnete, die uns ansonsten wohl verschlossen, bzw. nicht bekannt gewesen wären: der Rundbrief "W.I.S.H." - der "WäglerInnenSelbsthilfe".

Dieser seit 1988 von H. Kropp im Selbstverlag herausgegebene Rundbrief versuchte die verschiedenen "Wagenmenschen" zu vernetzen und ihnen eine Plattform zum Austausch, zur Selbstdarstellung und für Diskussionen zu bieten. Vermittels in der TAZ geschalteter Anzeigen und im bewährten "Schneeball-System" fand der "W.I.S.H." seine Verbreitung in der "Wagen-Szene", so daß ihn zum Schluß über 300 Menschen bezogen.(14) Dieses Adressenmaterial versetzte uns erst in den Stand unsere Untersuchung durchzuführen. Diese Menschen, über ganz Deutschland verteilt und aus verschiedensten Lebenszusammenhängen kommend (bekannt durch persönliche (Brief)-Kontakte mit H. Kropp), schienen einen repräsentativen Querschnitt aller "Wagenmenschen" abzugeben.

Neben dem reinen Adressenmaterial war es die Funktion H. Kropps als engagierter Herausgeber, die uns nachhaltig zu Gute kam.
Durch diese Funktion hatte er einen gewissen Bekanntheitsgrad, der sicherlich mit dazu beigetragen hat, eventuelle "Animositäten" gegenüber unserer Untersuchung (Stichwort: Verwertungsinteresse) abzubauen. Darüber hinaus hat die Doppelfunktion, die H. Kropp inne hatte, eben Herausgeber des "W.I.S.H." und Mitautor dieser Untersuchung, uns den Bonus "moralischer Redlichkeit" im Sinne "Einer-von-uns" eingetragen.

Doch das erfuhren wir erst später. Erst einmal mußte es unser Anliegen sein, die schon angesprochene "Gesprächssituation" zu schaffen.


2.2.1.1. Das Interview

Unser Auftreten bereitete unseren Interviewpartnern eigentlich keine großen Schwierigkeiten. Vom Alter, vom Aussehen und vom Sprachduktus unterschieden wir uns in der Regel nicht sehr.

Es gelang uns zumeist, bei unseren Interviewpartnern das Interesse für uns und unser Anliegen zu wecken, sei es über die bereits oben erwähnte eigene "Wagen- existenz" nebst "W.I.S.H.-Initiative" oder durch ganz normale Neugierde.
Doch sei an dieser Stelle erwähnt, daß es für die Interviewer - also uns - nicht immer leicht war, unsere eigenen Barrieren abzulegen. Da wir in der Regel die Interviews "en bloc" durchführten, auf Reisen von Ort zu Ort, hieß es jeden Tag mit neuen Menschen zu kommunizieren, sie ein bißchen kennenzulernen, etwas über ihre Probleme zu erfahren.
Ein doch sehr anstrengendes und zuweilen auch durchaus belastendes Unterfangen.

In der Form gingen wir von einem "wenig strukturierten Interview" aus, das "die Last der Kontrolle dem Interviewer" überträgt.
P. Atteslander führt dazu weiter aus: "Der Forscher arbeitet ohne Fragebogen. Er verfügt über einen hohen Freiheitsspielraum, da er die Anordnung oder Formulierung seiner Fragen dem Befragten jeweils individuell anpassen kann. Wenn es ihm ratsam erscheint, ein Problem zu vertiefen oder auf bestimmte, mit Vorurteilen besetzte Begriffe zu verzichten, ändert er die Gesprächsführung.

Die Bezeichnung "wenig strukturiert" deutet auch darauf hin, daß die Gesprächsführung flexibel ist, daß wohl Vorstellungen des Befragers vorhanden sind, daß er auch bestimmte Ziele mit seinen Fragen verfolgt, daß er aber in hohem Maße den Erfahrungsbereich des Befragten zu erkunden sucht, d.h. er hört vor allem zu. Hinweise, die ihm der Befragte gibt, nimmt er auf. Das Gespräch folgt nicht den Fragen des Interviewers, sondern die jeweils nächste Frage ergibt sich aus den Aussagen des Befragten. ... Das Ziel wenig strukturierter Befragungen ist, Sinnzusammenhänge, also die Meinungsstruktur des Befragten zu erfassen." (15)

Wir hatten zwar unseren Fragebogen, auf den wir im Folgenden noch ausführlicher eingehen werden, durchaus im Kopf, aber bei der schon oben angesprochen "Fragebogen-Phobie" schien es uns angebracht, auf die wenig strukturierte Variante zurückzugreifen.

Die angesprochenen Ängste bieten uns an dieser Stelle Gelegenheit, auf Tonbandmitschnitte oder Protokolle zur Wiedergabe dieser Interviews einzugehen. Die meisten Gesprächspartner lehnten einen Tonbandmitschnitt kategorisch ab. Und auch da wo eine Aufzeichnung möglich war, erwies es sich zuerst als sehr störend. Es brauchte erhebliche Zeit bis das Mikrophon nicht mehr wahrgenommen wurde und die "freie Rede" nicht mehr einschränkte. Diese Verfahrensweise wohl ist in erster Linie nur bei professionellen Gesprächspartnern zur Anwendung zu bringen.

Ebenso waren Protokolle, auch Gedächtnisprotokolle, nicht immer sehr beliebt, so daß wir uns veranlaßt sehen, diese zwar in der Arbeit auszuwerten, aber nicht im Anhang zu veröffentlichen. Diese Vorgehensweise scheint uns unseren Gesprächspartnern gegenüber fair zu sein. Selbstverständlich haben wir, und dies gilt auch für die schriftliche Befragung, alle Namen durchgängig anonymisiert. So sind wir auch verfahren im Hinblick auf die Städtenamen kleinerer Wagendörfer, da es ein leichtes ist, bei womöglich 10 Bewohnern des Wagendorfes Y der Stadt X, die Personen, die uns Auskunft gaben, anhand ihrer Biographie zu identifizieren.

Bleibt als letztes noch festzuhalten, eigentlich müßig es zu sagen, daß wir uns in unserem Interviewverhalten für die "weiche" Variante (16) entschieden, da hier "die Reaktionsmöglichkeiten des Befragten am höchsten sei und damit eine höchstmögliche Übereinstimmung der Kommunikationsbereiche bestehe, somit die Fragen als Stimuli den Erfahrungsbereich des Befragten eröffnen und zugleich Hinweise auf Betroffenheit und Zentralität geäußerter Meinungen ergeben." (17)

Summierend bleibt festzuhalten, daß wir in unserer Erhebung auf die Technik des "narrativen Interviews" zurückgegriffen haben, weil ihr Ziel "das Verstehen, das Aufdecken von Sichtweisen und Handlungen von Personen sowie deren Erklärung aus eigenen sozialen Bedingungen" (18) unseren Anforderungen am nächsten kam.


2.2.1.2. Der Fragebogen

Den Fragebogen konnten wir nicht mehr so gut hinter unseren eigenen Personen verstecken, obwohl wir auch dies versuchten. Doch bevor wir darauf näher eingehen, noch ein paar Worte, warum uns überhaupt ein Fragebogen - man denke an die oben beschriebenen Bedenken - notwendig erschien.

Die uns bekannten "Wägler", "Rollheimer" oder wie immer man sie nennen will, lebten in der ganzen Bundesrepublik verstreut (das "W.I.S.H." Adressenmaterial stellte in Bezug auf den Fragebogen unsere Stichprobe dar)(19). Sie alle aufsuchen zu wollen, hätte doch den Rahmen unserer finanziellen und zeitlichen Möglichkeiten gesprengt.
Da wir aber dennoch den Anspruch hatten, ein möglichst vollständiges Bild zu bekommen (und die Adressen schon vorhanden waren), entschlossen wir uns, trotz aller Bedenken (20), vorliegenden Fragebogen zu entwickeln. (21)

Die erste Schwierigkeit war, wie anfangen - womit wir wieder zum Anfang dieses Kapitels zurückkommen. Das Anschreiben mußte so gestaltet werden, daß es etwas über uns und unsere Motive aussagen sollte, aber auch unsere Nähe zum Wagenleben verdeutlichen würde.
Die Distanz zwischen uns und den Befragten sollte möglichst weit abgebaut, ein "Wir-Gefühl" aufgebaut werden.

Dieses Ziel versuchten wir auf verschiedenen Wegen zu erreichen. Zum einen stellten wir uns mit einer auch die politischen Positionen und konträren Meinungen zum Wagenleben einbeziehenden Kurzbiographie vor; vom Layout her auffällig gestaltet, fügten wir ein Photo von uns, den beiden Autoren, ein, daß uns vor H. Kropps durchaus beeindruckendem Wagen zeigt.
Dies Ganze wiederum wurde den Befragten auf einem mit einem Wagenmotiv versehenen Schmuckblatt aus Recycling-Papier präsentiert. (22)

Im nächsten Schritt bezogen wir den "W.I.S.H." - also den Rundbrief - ein. Wir beschlossen, den Fragebogen zusammen mit der aktuellen Ausgabe zu verschicken. Auch im Textteil des W.I.S.H. fehlte natürlich der Hinweis auf den Fragebogen nicht.

Der so indirekt-direkt hergestellte Zusammenhang sollte, so hofften wir, noch einmal unterstreichen, daß wir dem Wagenleben an sich aufgeschlossen gegenüberstehen und somit helfen, vermeintliche Ängste abzubauen.

Ihren Abschluß fanden diese Vorbereitungen damit, daß wir allen Fragebogen einen an uns adressierten und bereits frankierten Rückumschlag beilegten. (23)

Und entgegen allen Unkenrufen, trotz "Volkszählungs-Hysterie" und "Fragebogen-Paranoia", ist der doch der recht hohe Rücklauf von 22 Prozent (24), bei einem Fragebogen von nicht unerheblichen Umfang (52 Fragen), recht positiv und nicht zuletzt den oben dargestellten Vorbereitungen zu verdanken.

Was den Fragebogen selbst angeht, muß man konstatieren, daß er recht klassisch gehalten ist, sowohl in Form wie Inhalt. Die Form, das Aussehen, hat sich dabei insbesondere aus Erwägungen der Übersichtlichkeit und der späteren Bearbeitung mit SPSS (25) ergeben.

Weiterhin ist der Fragebogen in seiner groben Struktur so angelegt, daß wir von den doch recht einfach zu beantwortenden Fragen zur Person (Geschlecht, Alter, Schulbildung etc.) und zur äußeren Ausprägung des Wagenlebens (Wie lange wohnst du im Wagen? Wie groß ist er? etc.), über die politische Einstellung (Rechts-Links Kontinuum) langsam zu den Erwartungen, die mit dem Wagenleben verknüpft werden, vordringen.

Diesem Aufbau entspricht auch in etwa die Verwendung geschlossener und offener Fragen, wobei erstere mit Antwortvorgaben arbeiten, die nur noch gekennzeichnet werden müssen, letztere ohne diese auskommen, aber von den Befragten sehr viel Initiative erwarten.(26)
Grundsätzlich kann noch zu beiden Fragetypen gesagt werden, daß der "geschlossene" Typus (27) die Auswertung erheblich erleichtert, die Kriterien sind vorgegeben und es muß nur noch ausgezählt werden, während der "offene" noch sehr arbeitsintensiv ist, z.B. müssen Kategorien gefunden und die Nachcodierung vorgenommen werden.

Trotz der arbeitstechnischen Vorteile der geschlossenen Frage, war es für uns unverzichtbar auf die offene zurückzugreifen, da wir die Motive und evt. Ziele die mit dem Wagenleben verbunden werden, von den Befragten erfahren wollten. Vorgaben unsererseits hätten hier das Bild wahrscheinlich verfälscht, da sie eine suggestive Wirkung gehabt hätten.

Die Fragen selbst wurden, den "Faustregeln" (28) entsprechend, möglichst kurz und prägnant, dabei neutral und ohne Suggestivwirkung formuliert.


2.2.1.3. Die Panel- und die Nachuntersuchung

In Anbetracht des doch recht großen Zeitraums der zwischen unserer Erhebung (1989-90) und dem Abfassen dieser Arbeit verstrich (1996) schien es uns interessant, noch einmal dieselben Menschen mit dem gleichen Fragebogen zu konfrontieren. Der damit erzielte Längsquerschnitt hätte uns einen Eindruck vermitteln können, ob und wie sich womöglich die Einstellungen, die Ziele und die Motive der "Wägler" im Laufe der sechs Jahre verändert haben.

Und verändert hatte sich etwas.
Zwar hatte unsere Grundgesamtheit (alle Wagenmenschen) noch Bestand, doch existierte unsere Stichprobe nicht mehr (die 300 "W.I.S.H." Adressen). Gewarnt durch die Beobachtung unserer näheren Umgebung - viele Menschen hatten inzwischen das Leben im Wagen aufgegeben - nahmen wir eine Adressenüberprüfung vor (50 von den 300) und mußten feststellen, daß über 90 Prozent inzwischen inaktuell waren.
Ob dies nun der Mobilität der Behausung oder, wie wir vermuten, dem Abbruch des Wagenlebens geschuldet ist, werden wir versuchen, in der Auswertung nachzugehen.

Faktum bleibt, daß sich eine Panel-Studie nicht realisieren ließ. So mußten wir erst einmal anhand einer Nachuntersuchung (30 Fragebogen, davon 8 zurück) zu klären versuchen, ob unser Fragebogen noch das Kriterium der Aktualität erfüllte.
Da die Antworten der Nachuntersuchung sich weitgehend mit den Ergebnissen der Stichprobe deckten und die vielfältigen persönlichen Kontakte, über die wir auch heute noch verfügen, dies bestätigen, gehen wir davon aus, daß unsere Erhebung und die daraus gezogenen Schlüsse nachwievor Aktualität haben.


2.2.2. Die Inhaltsanalyse

Zu den Gegenständen unserer Inhaltsanalysen zählen neben den Printmedien (Zeitungsberichte, aber auch Flugblätter und das Organ der "Wägler" die "Vogelfrai") auch Film- und Videomaterial, daß zum Teil dem starken Medien-Interesse in den frühen 90iger Jahren (Fernsehberichte), zum Teil der Kreativität der Wagenbewohner (Eigenproduktionen) zu verdanken ist. (29)

Unser Ziel im Falle der Medienberichte war es hierbei, zu schauen, ob und was neben den harten Fakten, z.B. Räumung des Dorfes XY, noch an latenten Inhalten transportiert wird, Sympathie oder Antipathie, der Wunsch nach Exotik oder die Angst vor der Unordnung, etc. (30)
Bei den Selbstdarstellungen kam es uns darauf an, was die jeweiligen Personen oder Gemeinschaften über die Motive und Ziele aussagten und wie dieses Leben der Öffentlichkeit präsentiert wird, welche Gesichtspunkte des Wagenlebens (sei es das selbstbestimmte Leben, der Ökologiegedanke oder etwas völlig anderes) in den Mittelpunkt gerückt werden.

Ähnlich sind wir auch verfahren bei der Auswertung unserer Interviews. Wir schließen uns dabei folgender Definition an: "Inhaltsanalyse ist eine Methode der Datenerhebung zur Aufdeckung sozialer Sachverhalte, bei der durch die Analyse eines vorgegebenen Inhalts (z.B.Text, Bild) Aussagen über den Zusammenhang seiner Entstehung, über die Absicht seines Senders, über die Wirkung auf den Empfänger und/oder auf die soziale Situation gemacht werden."(31)


2.2.3. Der selbstreflexive Bezug

Schon die Überschrift dieses Kapitels macht uns Schwierigkeiten. Der "selbstreflexive Bezug" ist weniger eine von uns genutzte Methode, denn ein Vorgehen, daß sich aus unserer persönlichen Betroffenheit (das Wagenleben H. Kropps und die damit verbundene Auseinandersetzung zwischen den Autoren, vgl. Vorbemerkung) ergeben hat.
So wurden wir in der Begegnung mit den Wagenbewohnern (der Außensicht), immer wieder auf uns selbst, unsere Einstellungen und Gefühle (die Innensicht) zurückgeworfen. Enttäuschungen, etwa bei dem Ansichtigwerden eines besonders "schrottigen" Platzes oder Momente des Hochgefühls bei Begegnungen mit besonders sympathischen Menschen, die ähnliche Ziele und Motive antrieb, traten häufig auf.

Wir hätten diese Gefühle leugnen können, nichtsdestoweniger wären sie sicherlich eingeflossen. Also scheint es uns angemessen zu sein, wenn wir sie schon nicht im Einzelnen kenntlichmachen können, darauf hinzuweisen, daß sie latent existent sind und uns immer beeinflußten. Es mag möglich sein, dem methodisch Herr zu werden, die Ethnopsychoanalyse (32) bietet uns ein Beispiel, doch haben wir weder die Kenntnis, noch die Möglichkeiten deren Vorgehensweise nachzuvollziehen. (33)

Was bleibt, ist nur der Hinweis auf unsere eigene subjektive Befangenheit, daß sie Eingang in unsere Arbeit gefunden hat und, soweit bewußt erfolgt, gekennzeichnet wurde.
Dies muß genügen.



Anmerkungen

(1)
Nimmt man sich die 1981 im Auftrag des Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit, "Zur alternativen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland", verfertigte Studie zur Hand, so wird die Ökologiebewegung neben vielen anderen, wie etwa "Friedensbewegung, Dritte-Welt-Initiativen, die undogmatische >>Neue Linke<<, Spontigruppen, Frauenbewegung, Jugendzentrumsbewegung, Alternative Lebensstile, Landkommunenbewegung, Psychokultur, neuer Spiritualismus und Homosexuellenbewegung" unter dem Begriff Alternativbewegung gefaßt. Dies scheint uns zu weit gefaßt. Wir halten uns da lieber an Brand et al., die die "Alternativbewegung im engeren Sinn als den Zusammenhang aller Versuche ..., durch selbstorganisierte Formen des Arbeitens und Zusammenlebens gesellschaftliche Veränderungen unmittelbar praktisch zu machen" definieren. Brand et al., 1986, S. 154f.
Darüber hinaus gab uns die "Vita" der Wagenbewohner in E., die zu unserem erweiterten Bekanntenkreis zählten, ein beredtes Beispiel hierfür: Aus Hamburg kommend, dort u.a. in der Anti-AKW Bewegung aktiv gewesen, wollte man mit dem Landleben versuchen, neue Wege zu beschreiten.

(2) Vgl. D. Meyer, 1984, S. 4.

(3) Dies könnte möglicherweise ein Grund sein, warum staatliche Institutionen so vehement das Wagenleben bekämpfen.

(4) Zum Begriff der Bewegung siehe Kapitel 4

(5) So schienen ihm, daß esoterische oder naturromantische Ideale bestimmend waren und diese eher zu einer Auseinandersetzung mit dem Selbst - und dies ausschließlich - als mit der Gesellschaft Anlaß böten.

(6) Es handelt sich hierbei um zwei Diplomarbeiten, die an den Universitäten Bremen und Oldenburg vorgelegt wurden: D. Meyer, Oldenburg, 1984; U. Petersen, Oldenburg, 1986

(7) Die Eine (D. Meyer) beschäftigte sich selbstreflexiv mit dem eigenen Wagenleben und versucht die Schwierigkeiten, die Anfeindungen durch die Umwelt, die sie erlebte, in einem historischen Abgleich auf die Schwierigkeiten des "Fahrenden Volkes" zu beziehen; der Andere (U. Pertersen) setzte sich mit der Frage auseinander, ob es sich bei dem Phänomen des Wagenlebens um die Folge einer "Neuen Armut" handelt.

(8) P. Atteslander, 1993, S. 13.

(9) Unter Methoden versteht man dabei "die geregelte und nachvollziehbare Anwendung von Erfassungsinstrumenten wie Befragung, Beobachtung, Inhaltsanalyse." Ebenda.

(10) Daß dies der Grundstock eines doch inzwischen recht umfangreichen Archivs (s. Anhang) werden würde, konnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Obwohl sich auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Veröffentlichungen nachwievor noch nicht viel getan hat (uns sind nur drei fertiggestellte und zwei in Verfertigung begriffene Arbeiten, inklusive unserer eigenen bekannt), nahm das Interesse der Medien ab Beginn der 90iger Jahre explosionsartig zu. Dies ist wahrscheinlich dem Umstand geschuldet, daß immer mehr Wagendörfer die urbanen Bühnen betraten und somit ein ungeheures Konfliktpotential - Räumungen - erstmals wahrgenommen wurde.

(11) P. Atteslander, 1993, S. 129.

(12) Die große Volkszählung von 1986 schürte mit ihren bis ins Persönlichste gehenden Fragen (Stichwort: der "gläserne Mensch"), die Angst vor dem totalen Überwachungsstaat.

(13) Vgl. Anonyma, 1996, Vorbemerkung.
Zu dieser Problematik vgl. auch: Hirsch, Der Sicherheitsstaat, 1986, S. 137 ff.

(14) Vgl. Kapitel 3.8.3

(15) P. Atteslander, 1993, S. 156f.

(16) Im Gegensatz dazu gibt es noch die "harte", entspricht etwa einem Verhör, schnelles, zielgerichtetes Abfragen um den Befragten zu spontanen Antworten ohne viel Überlegung zu veranlassen, und die "neutrale" Variante, in der versucht wird jede Beziehung, also jedes emotionale Element, zwischen Interviewer und Befragten auszuschalten.
Vgl. P. Atteslander, 1993, S. 161f.

(17) Ebenda, S. 160.

(18) Ebenda, S. 172.

(19) Anhand dieser Stichprobe wollen wir Rückschlüsse auf unsere Grundgesamtheit, also alle im Wagen lebenden Menschen ziehen.

(20) Die mit einer schriftlichen Befragung verbundenen Nachteile, wie etwa Unkontrollierbarkeit, waren uns wohl bewußt, doch gingen wir davon aus, daß bei der von uns befragten Gruppe das Eigeninteresse etwas über sich und die anderen im Wagen lebenden Menschen zu erfahren, so groß sei, daß korrekt geantwortet würde.
Vgl. auch P. Atteslander, 1993, S. 163f.

(21) Der gesamte Fragebogen, so wie wir ihn auch im Original versandten, liegt im Anlagenteil bei.

(22) Vgl. hierzu den Fragebogen.

(23) Hiermit sollte vermieden werden, daß die Zahl der Ausfälle zu groß wird.
Vgl. P. Atteslander, S. 164.

(24) In der Regel ist man schon froh, wenn man bei schriftlichen Befragungen einen Rücklauf von 10-15 Prozent hat.

(25) SPSS = Superior Performimg Software System, ein statistisches Analyseverfahren. Die Verwendung von SPSS macht es nötig die Fragen und Antworten zu codieren. Wo möglich (geschlossene Fragen) macht man dies bereits im Vorab, um sich die Arbeit des Nachcodierens (offene Fragen) zu ersparen.

(26) Und darauf kann man nicht setzen, wie wir erfahren mußten. Selbst bei einer am Thema interessierten - davon gingen wir jedenfalls aus - und durchaus mit einer hohen Schulbildung ausgestatteten Gruppe von Befragten (s. Fragebogenauswertung) ließ die Antwortfrequenz bei Fragen des offenen Typus erheblich nach. Wir gehen dabei nicht davon aus, daß der Rückgang mit dem Anschneiden sensibler Themen, wie etwa der politischen Einstellung, zu tun hat, da darauf bei geschlossener Frage bereitwillig geantwortete wurde, sondern mit dem Arbeitsaufwand, der die Beantwortung dieses Typus mit sich bringt (Nachdenken, Formulieren, Schreiben) zu erklären ist. Atteslander formuliert es freundlicher: Der Unterschied sei, "daß offene Fragen vom Befragten verlangen, sich an etwas zu erinnern, geschlossen Fragen dagegen, etwas wiederzuerkennen", wobei letzteres leichter sei. P. Atteslander, S. 179.

(27) Auf die verschiedenen Typen der geschlossenen Frage, Identifikations- (Person, Alter, Ort etc.) und Selektionstyp, auch Alternativ- (bei nur zwei Antwortmöglichkeiten) oder Mehrfachauswahl-Frage, dazu gehört auch die Skala-Frage, genannt, gehen wir nicht weiter ein. Vgl. P. Atteslander, 1993, S. 175ff.

(28) Vgl. P. Atteslander, 1993, S. 188f.

(29) "Gegenstand der Inhaltsanalyse sind nicht beliebige Inhalte, sondern alle Kommunikationsinhalte, die in irgendeiner Form festgehalten wurden, also neben schriftlich fixierten Texten auch technisch konservierte Inhalte von Schallplatte, Bild, Video..." (P. Atteslander, 1993, S. 222.)

(30) "Ein Ziel der Inhaltsanalyse neben der Beschreibung und Auswertung des eigentlichen Textinhaltes ist also, aus den manifesten Merkmalen eines Textes auf Zusammenhänge seiner Entstehung und Verwendung zu stoßen." Ebenda.

(31) Ebenda, S. 232.

(32) Die Ethnopsychoanalyse versucht in Kenntnis der Gegenübertragung diese in den Mittelpunkt ihrer Reflexion zu stellen, somit die Subjektivität des Wissenschaftlers im "Felde" wie "nach der Rückkehr im Alltag daheim als Erkenntnisinstrument einzusetzen". M. Nadig, 1986, S. 7.
Zur Gegenübertragung führt Nadig weiter aus: "Die Gegenübertragung besteht aus den unbewußten Reaktionen des Analytikers auf die Person des Analysanden. Kann er diese Reaktionen durch Selbstbeobachtung und Selbstanalyse bewußt machen, so stellen sie ein zentrales Instrument dar, um Zugang zum Gegenüber und zu seinen unbewußten Prozessen und Konfliktstrukturen..." So könnte, einer alten Forderung G. Devereuxs entsprechend, der Wissenschaftler sich und sein Verhalten als Teil seiner Beobachtung in den Forschungsprozeß einbeziehen. "Die sorgfältige und bewußte Handhabung der eigenen Gegenübertragungsreaktionen und Irritationen auf den Forschungsprozeß wird zu einem Instrument, um einen unverstellten Zugang zur fremden Kultur, den Gesprächspartnern und deren Weltsicht zu finden - aber auch, um die unbewußten Dimensionen der eigenen kulturspezifischen und institutionellen Einflüsse zu reflektieren." D.h. aber nicht, daß "die Subjektivität der Forscherin ins Zentrum der Fragestellung oder des Forschungsziel setzen, im Gegenteil, hier ist die Ethnopsychoanalyse nur Mittel, um sich dem Forschungsziel ungestörter annähern zu können." M. Nadig, 1986, S. 38ff. Zur Einführung in den Prozeß der Ethnopsychoanalyse vgl. auch M. Erdheim, 1984.

(33) "Das Eingehen einer ethnopsychoanalytischen Beziehung bedeutet, daß die in dieser Beziehung stattfindenen Prozesse in einer psychoanalytisch geschulten Weise bewußt erfaßt und verarbeitet werden. Ich glaube, es ist sehr schwierig, diese Art der Beziehung zu führen, ohne über eine psychoanalytische Ausbildung zu verfügen." M. Nadig, 1986, S. 47.


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