Sie nennen sich selbst "Wägler", "Wagner" oder
"Rollheimer" - wobei hier wie im Folgenden kein Anspruch auf
Vollständigkeit erhoben wird -;
sie leben in grell bemalten, ehemaligen Bauwagen, liebevoll restaurierten
Circuswagen oder in schrottreifen Lastkraftwagen;
sie stehen alleine oder leben in Gruppen zusammen;
ihre "Dörfer" haben so schillernde Namen (1) wie
"Wilder Süden" (Stuttgart), Kuntabunt (Tübingen), "Blöder
Butterpilz" (Oldenburg) oder heißen schlicht nach der Gemarkung,
in der sie stehen - Bauwagendorf Borsigallee (Frankfurt a.M.);
oder sie sind in einer "Caravane" mit Gleichgesinnten unterwegs,
zuweilen auch "Dilettanten-Kult-Tour" (2) genannt, um
Land und Leute kennenzulernen und ihre Sicht des Lebens zu propagieren.
Sie stehen über die ganze Bundesrepublik verteilt, von Nord (Lübeck)
nach Süd (Freiburg), in Städten - vornehmlich in Dörfern
zusammengeschlossen - und auf dem flachen, was jetzt nicht die geographische
Ausformung meint, Land - häufig "allein" bei befreundeten
Hof- und Grundstücksbesitzern.
Sie sind Lehrer, Schüler und Studenten, Pädagogen und Sozialarbeiter,
Schauspieler, Musiker und Kunsthandwerker oder schlicht berufslos (3)
;
sie betreiben Projekte, arbeiten als Beamte, Landtagsabgeordnete (4)
,
Gärtner oder fristen ihr Leben als "Zecken im Fleisch der Gesellschaft"
(5) .
Sie setzen sich sowohl aus Männern wie Frauen zusammen, sind Mütter
wie Väter, (6) sind schwul, lesbisch, heterosexuell oder einfach
so wie sie sind.
Es findet sich der autonome "Polit-Freak" ebenso wie der völlig
unpolitische Esoteriker, die Feministin wie der "macho", der
Realpolitiker der Grünen neben dem Christen, der Aussteiger neben
dem Projekteinsteiger.
Naturromantik mischt sich mit dem Kampf gegen das "Schweinesystem".
Sie versuchen selbstbestimmt ihr Leben zu gestalten oder einfach der Obdachlosigkeit
zu entgehen.
Und es sind Tausende. So vermelden es uns kundige Auguren. (7)
Ein Phänomen scheint sich in deutschen Landen auszubreiten. Das Leben
im Wagen findet immer mehr Freunde und Anhänger, und das obwohl sie
verfolgt und kriminalisiert, ihre Wagen beschlagnahmt werden. (8)
Wenn sie Glück haben, erfahren sie eine Duldung in irgendeiner
städtischen Nische. Sehr beliebt sind hier Gewerbe- und Industriegebiete.
(9)
Und dennoch scheinen sie nicht aufzugeben, sondern machen weiter!
Ob es sich tatsächlich so verhält und wer diese Menschen sind,
welche Ideen und Ideale sie leiten, dem soll in dieser Arbeit nachgegangen
werden.
Dazu werden wir in Kapitel 2 noch einmal kurz auf unsere Fragestellung
eingehen und einige Worte zu den von uns verwendeten Methoden verlieren.
Im nächsten Schritt (Kapitel 3) sollen mögliche ideengeschichtliche
Bezüge (Stichwort Gegenkultur) und historische Vorläufer (Stichwort
"Fahrendes Volk") behandelt werden. Dies soll uns in die Lage
versetzen, unsere Untersuchungsgruppe etwas näher zu bestimmen.
Darauf folgt die ausführliche Darstellung unserer Untersuchungsergebnisse.
Wir versuchen dabei sowohl die Ergebnisse unserer Fragebogenerhebung, die
Interviews als auch die Medien- und Literaturanalyse miteinander zu verbinden.
An dieser Stelle sollen auch die Reaktionen der Umwelt auf dieses Phänomen
berührt werden.
Schlußendlich werden wir dann in Kapitel 4 neben einer allgemeinen
Zusammenfassung unser persönliches Fazit ziehen.
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- das Leben wagen!?"