(Am Anfang war ein Lied...)



Eine Baubud' auf vier Rädern, das ist unser Heim.
Eine Baubud mit 'nem Ofen, denn der muß schon sein.
So zieh'n wir durch das Land,
'ne ahle Traktor davor gespannt;
Eine Baubud' auf vier Rädern, das muß sein.
Im Herbst, da fuhren wir aus Köln hinaus,
den Kopf noch voll mit Streß und Stadtgebraus'.
Doch gleich die erste Nacht
ham' wir im Wald verbracht.
Der trieb unsern Streß zum Kopp hinaus.
Der Himmel war mit Sternen übersät,
so wie es nur in Märchenbüchern steht.
Dazu rauschte der Wald sein uralt Lied,
und auch ein Bächlein nebenan sang silbern mit.
Und plötzlich sah ich - ein Indianergesicht,
es spricht zu mir unterm Sternenlicht:
"Willkommen, Bruder, Weißer Mann, im Paradies.
Du warst mein Mörder, doch ich bin eins mit dir.
Hier zählt nicht mehr das Du, das Ich,
der Mensch als Herr der Welt;
Hier singt der Saft des Baumes und des Blutes
vom Leben im Sternenzelt.
Hier zählt die Zeit nach dem Laub, wenn es fällt
im Herbst vom Baum herab.
Hier zählt kein Plan, kein Acht-Stunden Tag,
womit ihr euch schaufelt euer Grab.
Du nimmst, was du brauchst -und gibst, was du hast.
Nix Bibel, nix Paragraph.
Hier zählt kein Geld, keine Wissenschaft,
womit ihr euch blind macht und taub.
Du bist mein Bruder, doch du hast zu oft ein Mördergesicht.
Die Erde ist unsere Mutter, und die
bringt man nicht um."
Mich packt ein Grausen, mir perlt der Schweiß
aus 1000 Poren heraus.
Ich denk noch: Der spinnt! Und weiß doch:
Der hat recht!
und taumel' in mein Bauwagenhaus.
Das hab' ich gekauft und hab's ausgebaut
nach meinem eigenen Plan.
Und doch ist mir klar: Der Kerl weiß genau,
warum ich so selten froh sein kann.
Am nächsten Morgen sitz' ich
auf meinem Traktor drauf.
Fort tuckerten wir durch's Land, bergab und bergauf.
Ich umarmte manchen Baum, ich spürte seine Kraft.
Es war auch meine Kraft, nicht nur im Traum!
Ich denke: Nanu! Is' was mit mir?
Warum bin ich so plötzlich unbeschwert?
Die Leut', die waren lieb; die Schmier' war zu ertragen;
sogar der Förster ist mal bei uns eingekehrt!
Und überall, da sah ich das alte Gesicht,
wie es aus 1000 Ängsten und Sorgen ausbricht.
Ich seh' es auch bei dir; ich weiß es auch in mir:
das Gesicht vom Indianer in dem Wald.

(aus: Klaus, der Geiger, S 122/123)


0. Vorbemerkung

Wir möchten an dieser Stelle die Chance nutzen, einige Bemerkungen über unsere Motive und Hintergründe zu machen Hintergründe, die uns veranlaßten, uns mit dem Leben im Wagen näher zu beschäftigen.

Dazu ist es notwendig, einige Schlaglichter aus unseren eigenen Biographien kurz zu skizzieren. Es ist dies auch ein Gebot der Fairneß, da in zahlreichen Gesprächen mit Wagenbewohnern unsere eigenen Lebens- und Politikvorstellungen einflossen und uns häufig erst auf diesem Weg, erkannt als einer der "Ihren", Informationen zugänglich wurden.

Als wir Mitte der 80er Jahre begannen, uns über das Thema der vorliegenden Arbeit auseinanderzusetzen, geschah dies in erster Linie in einer Art Selbstreflektion, wobei unsere persönlichen Empfindungen und Standpunkte Ausgangspunkt unserer jeweiligen Argumentationen waren. Anlaß für diese Diskussionen bot der Einzug Herberts (1) in einen von ihm um- und ausgebauten Bauwagen.

Doch eigentlicher Auslöser war die Frage, auf welchem Weg sich unsere jeweiligen politischen Vorstellungen weiter verfolgen ließen.

Dies ist auf dem Hintergrund unserer bisherigen Aktivitäten zu sehen. Herbert kam aus der Friedensbewegung (Munitionstransporte, Mutlangen etc.), Holger aus der Ökologiebewegung (Anti-Atom, Startbahn West).(2) Beide Bewegungen befanden sich nach unserer subjektiven Einschätzung zu diesem Zeitpunkt, wenn nicht im Niedergang begriffen, so doch in einer Phase der Stagnation.
Die Frage war jetzt, wo und wie neu ansetzen, um das, was wir für uns als Ziel erkannt hatten, nämlich die Errichtung einer sozial-gerechten und ökologisch ausgerichteten Gesellschaft, anzugehen.
Während Holger dabei wenn auch inzwischen "geläutert" - den Weg in die Parlamente für richtig hielt (Motto: ein parlamentarisches Spielbein, ein außerparlamentarisches Standbein), lehnte Herbert jedwede Art von Stellvertreterpolitik ab. Nur in der praktischen Umsetzung der für ihn als "richtig" erkannten Ideen (direkte, gewaltfreie Aktion, Graswurzel- und Kommunebewegung etc.) sah er die einzige Möglichkeit, gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen zu können.

Es war nicht das Ziel, welches uns trennte, sondern der Weg, auf dem dieses zu erreichen sei.

So war die Auseinandersetzung mit diesem Thema von regen Diskussionen bestimmt, die uns aber letztlich doch nur immer wieder auf uns selbst und unsere unterschiedlichen Ansichten zurückwarfen.

Um aus dieser Sackgasse herauszufinden, lag es nahe, unsere gegenteiligen Erwartungen an der Praxis des Wagenlebens zu überprüfen, das heißt zu sehen, ob Herberts Erwartungen in Bezug auf eine mögliche Wagenbewegung von anderen Wagenbewohnern geteilt würden bzw. wie weit eventuelle Gemeinsamkeiten gingen.

Die Idee einer umfassenderen Erhebung im Rahmen einer Diplomarbeit war geboren. Darüberhinaus versprach sich Herbert von den zu führenden Gesprächen und Interviews mit den Wagenbewohnern den Effekt, daß diese dadurch angeregt werden könnten, so sie nicht sowieso schon ähnliche Gedanken hegten, einer Wagenbewegung auf die Sprünge zu helfen.

Diese Arbeit sollte quasi als Katalysator dienen.

Seitdem sind mittlerweile 10 Jahre verstrichen und von einer katalytischen Erwartungshaltung unserseits kann nicht mehr die Rede sein.

Zu viel ist in diesen 10 Jahren passiert. Unser beider Lebenswege als auch die allgemeinen gesellschafts-politschen Gegebenheiten (Stichwort: Globalisierung mit einhergehender vollständigen Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche...) sind anders verlaufen als erwartet.

Unsere Träume von damals sind heute der Schnee von gestern.

Was uns bleibt, ist die Erfüllung einer Chronistenpflicht, der wir hiermit nachkommen.

Und noch ein Punkt muß hier vermerkt werden:
Obwohl wir in Zeiten der "political correctness" leben, haben wir darauf verzichtet, Begriffe zu "feminieren".
Dies, und das ist uns wichtig, ist einzig und allein aus Gründen der Schreib- und Lesbarkeit erfolgt. Es geht uns also nicht um eine bewußte Ausblendung der weiblichen Anteile des Wagenlebens.

Die beiden Autoren stellen sich der Leserschaft

Herbert Kropp (links) und Holger Ulferts (rechts)




Anmerkungen

(1)
Wir verwenden hier wie im Folgenden unsere Vornamen, da es uns Schwierigkeiten bereiten würde, gerade in diesem doch recht persönlich gehaltenen Kapitel, von H. Kropp oder H. Ulferts zu sprechen.

(2) Wenn wir eine Trennung vornehmen, ist dies einzig und allein unseren Aktivitätsschwerpunkten geschuldet. Denn uns beiden ist klar, daß eine derartige Trennung eigentlich nicht vorzunehmen ist. Für uns greifen alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ineinander (so liegt der kausale Zusammenhang zwischen atomarer Rüstung und der "friedlichen" Nutzung der Atomenergie, nämlich die Plutoniumproduktion, klar auf der Hand) und unser Ziel war letztlich nicht auf ein partikulares Ziel, wie etwa die Verhinderung der Stationierung von Atomwaffen oder des Atomprogramms , gerichtet, sondern es ging uns immer um das gesellschaftliche Ganze, etwas plakativ ausgedrückt, um die Erringung einer freien und gerechten Gesellschaft, die, ökologisch ausgerichtet, sich aus selbstbestimmten und verantwortungsbewußten Menschen bildet.
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