(aus: Klaus, der Geiger, S 122/123)
Wir möchten an dieser Stelle die Chance nutzen, einige Bemerkungen
über unsere Motive und Hintergründe zu machen Hintergründe,
die uns veranlaßten, uns mit dem Leben im Wagen näher zu beschäftigen.
Dazu ist es notwendig, einige Schlaglichter aus unseren eigenen Biographien
kurz zu skizzieren. Es ist dies auch ein Gebot der Fairneß, da in
zahlreichen Gesprächen mit Wagenbewohnern unsere eigenen Lebens- und
Politikvorstellungen einflossen und uns häufig erst auf diesem Weg,
erkannt als einer der "Ihren", Informationen zugänglich
wurden.
Als wir Mitte der 80er Jahre begannen, uns über das Thema der vorliegenden
Arbeit auseinanderzusetzen, geschah dies in erster Linie in einer Art Selbstreflektion,
wobei unsere persönlichen Empfindungen und Standpunkte Ausgangspunkt
unserer jeweiligen Argumentationen waren. Anlaß für diese Diskussionen
bot der Einzug Herberts (1) in einen von ihm um- und ausgebauten
Bauwagen.
Doch eigentlicher Auslöser war die Frage, auf welchem Weg sich unsere
jeweiligen politischen Vorstellungen weiter verfolgen ließen.
Dies ist auf dem Hintergrund unserer bisherigen Aktivitäten zu sehen.
Herbert kam aus der Friedensbewegung (Munitionstransporte, Mutlangen etc.),
Holger aus der Ökologiebewegung (Anti-Atom, Startbahn West).(2)
Beide Bewegungen befanden sich nach unserer subjektiven Einschätzung
zu diesem Zeitpunkt, wenn nicht im Niedergang begriffen, so doch in einer
Phase der Stagnation.
Die Frage war jetzt, wo und wie neu ansetzen, um das, was wir für
uns als Ziel erkannt hatten, nämlich die Errichtung einer sozial-gerechten
und ökologisch ausgerichteten Gesellschaft, anzugehen.
Während Holger dabei wenn auch inzwischen "geläutert"
- den Weg in die Parlamente für richtig hielt (Motto: ein parlamentarisches
Spielbein, ein außerparlamentarisches Standbein), lehnte Herbert
jedwede Art von Stellvertreterpolitik ab. Nur in der praktischen Umsetzung
der für ihn als "richtig" erkannten Ideen (direkte, gewaltfreie
Aktion, Graswurzel- und Kommunebewegung etc.) sah er die einzige Möglichkeit,
gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen zu können.
Es war nicht das Ziel, welches uns trennte, sondern der Weg, auf dem dieses
zu erreichen sei.
So war die Auseinandersetzung mit diesem Thema von regen Diskussionen bestimmt,
die uns aber letztlich doch nur immer wieder auf uns selbst und unsere
unterschiedlichen Ansichten zurückwarfen.
Um aus dieser Sackgasse herauszufinden, lag es nahe, unsere gegenteiligen
Erwartungen an der Praxis des Wagenlebens zu überprüfen, das
heißt zu sehen, ob Herberts Erwartungen in Bezug auf eine mögliche
Wagenbewegung von anderen Wagenbewohnern geteilt würden bzw. wie weit
eventuelle Gemeinsamkeiten gingen.
Die Idee einer umfassenderen Erhebung im Rahmen einer Diplomarbeit war
geboren. Darüberhinaus versprach sich Herbert von den zu führenden
Gesprächen und Interviews mit den Wagenbewohnern den Effekt, daß
diese dadurch angeregt werden könnten, so sie nicht sowieso schon
ähnliche Gedanken hegten, einer Wagenbewegung auf die Sprünge
zu helfen.
Diese Arbeit sollte quasi als Katalysator dienen.
Seitdem sind mittlerweile 10 Jahre verstrichen und von einer katalytischen
Erwartungshaltung unserseits kann nicht mehr die Rede sein.
Zu viel ist in diesen 10 Jahren passiert. Unser beider Lebenswege als auch
die allgemeinen gesellschafts-politschen Gegebenheiten (Stichwort: Globalisierung
mit einhergehender vollständigen Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche...)
sind anders verlaufen als erwartet.
Unsere Träume von damals sind heute der Schnee von gestern.
Was uns bleibt, ist die Erfüllung einer Chronistenpflicht, der wir
hiermit nachkommen.
Und noch ein Punkt muß hier vermerkt werden:
Obwohl wir in Zeiten der "political correctness" leben, haben
wir darauf verzichtet, Begriffe zu "feminieren".
Dies, und das ist uns wichtig, ist einzig und allein aus Gründen der
Schreib- und Lesbarkeit erfolgt. Es geht uns also nicht um eine bewußte
Ausblendung der weiblichen Anteile des Wagenlebens.

Die beiden Autoren stellen sich der Leserschaft
Herbert Kropp (links) und Holger Ulferts (rechts)
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- das Leben wagen!?"