TAZ-Berichterstattung über die new-age-travellers in good old england:

"MIR WURDE SCHLECHT, EIN POLIZIST MUSSTE WEINEN" Von Ralf Sotscheck

Vor 18 Monaten hatte ich einen Schlaganfall, dann fand ich heraus, daß der Nachbar meine Frau bumste, und so habe ich sie rausgeschmissen. Und jetzt das hier", sagte ein Bauer aus dem Dorf Castlemorton in Südwestengland. "Das hier" waren 25.000 New Age Travellers und Ravers, die sich in der vergangenen Woche auf der Gemeindewiese niedergelassen hatten und ein Festival feierten. Festivals dieser Art - wenn auch nicht in dieser Größe - finden seit 1988 fast jede Woche statt. Damals schlossen sich die urbanen Ravers mit ihrem Acid House und Techno- Rock dem traditionellen Stonehenge-Fest der Hippies an, doch die Polizei sorgte dafür, daß die Party schnell vorbei war. Seitdem werden die Festivals im Untergrund organisiert. Für die Boulevardpresse sind die Hippies ein gefundenes Fressen: Sie werden als "Krusties" und "Seifenscheue" bezeichnet, die sich Drogenexzessen hingeben und die Landbevölkerung terrorisieren. Selbst der seriöse 'Independent` zitierte John Thornley von Verband der Schafzüchter: "Wir wurden in Castlemorton mit einem Lamm konfrontiert, dem das Gesicht fehlte und die Eingeweide herausgerissen waren. Mir wurde schlecht, und ein Polizist mußte weinen." Kein Wunder, daß die Bewohner Castlemortons nach diesen Schreckensmeldungen zur Selbstbewaffnung griffen. Viele klagten darüber, daß sie sich wegen der lauten Musik "komisch im Kopf" fühlten und jeden Sinn für die RealitÄt verloren hÄtten. Von dem Plan, die gesamte Gemeindewiese niederzubrennen, nahm man dann aber doch Abstand, weil dort im nÄchsten Monat das Dorffest stattfinden soll - ohne die Hippies, versteht sich. Besonders erbost war man über die UntÄtigkeit der Polizei. Ein Bewohner erzÄhlte, daß drei Polizisten in ihrem Auto eingekeilt waren, wÄhrend ein Hippie auf der Motorhaube saß und fröhlich LSD verteilte. "Die Beamten lachten nur", empörte sich der Mann. Um so erstaunter war man, als die Bürgerschrecks am Wochenende plötzlich begannen, die Wiese aufzurÄumen und den Müll in 16 Großcontainer zu laden, bevor sie weiterzogen. Doch die Polizeieinheit war inzwischen verstÄrkt worden und lauerte am Ortsausgang, wo sie über 20 Fahrzeuge beschlagnahmte - wegen Fahruntüchtigkeit. Seitdem belagern etwa hundert Hippies das Polizeirevier. "Mein Auto heißt Blim und ist unser Zuhause", sagte die 32jÄhrige Linda Bowling, die in dem alten Bedford-Bus mit ihren drei Kindern und dem Chinchilla Gismo lebt. Gismo war am Montag noch in Polizeigewahrsam, weil er sich im Bus versteckt hatte. Seit die Hippies aus Castlemorton abgezogen sind, geht in den benachbarten Grafschaften die Angst um. Die Polizei hat Hippie- Sondereinheiten aufgestellt, deren einzige Aufgabe es ist, sich an die Fersen der bunten Konvois zu heften- ein vergebliches Unterfangen. "Wir sind überhaupt nicht gut organisiert", sagt Martin, ein New Age Traveller. "Es ist das Chaos, das uns zusammenhÄlt." In Wales haben die Bauern inzwischen einen "Hippie-Wachdienst" aufgestellt. Zu den Mitarbeitern gehören auch Straßenbauarbeiter und die Fahrer der mobilen Bibliotheken. Wenn der erste Hippie gesichtet wird, sperren die Bauern - bewaffnet mit Jauche und Kuhmist - ihre Felder mit Traktoren ab. Julian Salmon vom Bauernverband sagt: "Ich fürchte, es wird schon bald eingeschlagene Köpfe geben."

Copyright contrapress media GmbH T890622.83 TAZ Nr. 2838 Seite 7 vom 22.06.1989


200 Festnahmen bei Sonnenwend-Fest London (dpa)

- Rund 200 Hippies sind in der Nacht zum Mittwoch bei dem südenglischen Stonehenge festgenommen worden, als sie versuchten, dort ein Sonnenwend-Fest zu feiern. In den vergangenen Jahren wurde bei Ähnlichen AnlÄssen immer wieder der antike Steinkreis beschÄdigt. Dieses Mal sperrte die Polizei das GelÄnde weitrÄumig ab. Selbst Mitgliedern des altehrwürdigen Druiden-Ordens wurde der Zutritt zu den Steinen verboten. Die Festnahmen erfolgten, als sich die Hippies die Sperre zum 4.000 Jahre alten Steinheiligtum brechen wollten.

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m. carini / u. winkelmann


Straßenkampf im East End

In Großbritannien formiert sich Widerstand gegen die StraßenbauplÄne der Regierung / Neue Koalition von Jung und Alt Aus London Marco Carini und Ulrike Winkelmann Sie ist die wohl Älteste Hausbesetzerin ganz Großbritanniens, die 93jÄhrige Dolly Watson. Als das britische Verkehrsministerium sie zwangsenteignete, wurde aus der Besitzerin eine Besetzerin. Seit ihrer Geburt, so erzÄhlt sie stolz, lebe sie in diesem Haus in der Claremont Road, im Londoner East End. "Und ich gehe hier nicht raus, bevor mir die Regierung eine gleichwertige Bleibe zur Verfügung gestellt hat". Das Haus, in dem Dolly ihr Leben verbracht hat, ist dem Abriß geweiht. Dort, wo heute Dollys Küchentisch steht, so hat die britische Regierung beschlossen, soll ab Herbst 1997 eine Stadtautobahn den Autoverkehr durchs East End leiten: die sogenannte M11-Verbindungsstraße, welche die Autobahn Cambridge-London (M11) an den Blackwell-Tunnel - eine der wichtigsten Themse- Unterführungen im Osten der Stadt - anschließt. Wie mit einem Tranchiermesser sollen die East- End-Viertel Wanstead, Leytonstone und Leyton durch die sechseinhalb Kilometer lange, teilweise sechsspurige, 600 Millionen Mark teure Straßentrasse zerschnitten werden. Sieben Minuten Fahrzeit, so haben die amtlichen Verkehrsplaner errechnet, wird jeder Autofahrer auf seinem Weg zwischen der "M11" und dem Blackwell- Tunnel dann im Durchschnitt sparen. Um das zu ermöglichen, müssen ganze Straßenzüge abgerissen und entvölkert werden. Rund 300 WohnhÄuser sollen dem innerstÄdtischen Highway zum Opfer fallen; rund 100 von ihnen wurden bereits dem Erdboden gleichgemacht. "Irgendwann werden sie auch hierher kommen, um mich rauszutragen", befürchtet Mrs. Watson, die ihre Nachbarn nur "Jolly Dolly" (Die fröhliche Dolly) nennen. Zusammen mit ihrem Nachbarn Mick Thopson hat die betagte Dame die Türen ihres Hauses verbarrikadiert. Mick selbst hat auf der Dachspitze seines Heimes einen Galgen aufgerichtet, an dem - unübersehbar - ein Strick baumelt. "Voll funktionsfÄhig", betont er, um gleich darauf hinzuzufügen: "Wenn die RÄumtrupps kommen, werden sie mich dort oben hÄngen sehen." Micks und Dollys frühere Nachbarn sind lÄngst fortgezogen. "Die meisten gingen in den achtziger Jahren", weiß Robert Layton, ein 45jÄhriger Telecom- Angestellter, der ein paar hundert Meter weiter südlich lebt. Monatelang hatten sich die ehemaligen Bewohner des Viertels Anfang der achtziger Jahre auf eine Anhörung zu dem Straßenbauprojekt vorbereitet. "Wir gingen in dem festen Glauben dahin, die EntscheidungstrÄger mit Argumenten und Gutachten überzeugen zu können", erinnert sich Layton, "doch die Anhörung war eine Farce. Danach haben viele meiner Nachbarn das Gefühl gehabt, es sei zwecklos, sich weiter zu wehren, und haben ihre HÄuser an die Regierung verkauft". Die Anwohner gingen, der Widerstand aber blieb. Er wird heute von denen getragen, die die englische Presse als "New- Age-Traveller", der Sprecher des britischen Verkehrsministeriums, Terence Gibbons, hingegen als "ungewaschene Protestler, die aus allen Himmelsrichtungen herbeiströmen", bezeichnet. Wie ein Heuschreckenschwarm, berichtet der Ministeriumssprecher, seien sie ins East End eingefallen und hÄtten ganze Straßenzüge verlassener HÄuser besetzt. So hat auch die Claremont Road, in der Dolly und Mick leben, ihr Gesicht in den vergangenen Monaten gewaltig verÄndert. Nicht nur durch die Baulücken, die die Bulldozer bereits gerissen haben. Die verbliebenen Hausfassaden sind bunt bemalt, aus den Fenstern hÄngen riesige Transparente. Stühle und Tische stehen auf der Fahrbahn und lassen Verkehr hier nur im Schrittempo zu. Kein Zaun trennt mehr die HintergÄrten, in denen plüschige Sperrmüllensembles zum Verweilen einladen. Da Hausbesetzungen in Großbritannien strafrechtlich nicht geahndet werden und jeder, der in einem Haus lebt, egal ob als Mieter, Besitzer oder Besetzer, den Schutz des Gesetzes genießt, muß das Verkehrsministerium oft monatelang prozessieren, bis es die heißbegehrte RÄumungsverfügung gegen die ungebetenen Bewohner in den HÄnden hÄlt. "Wir mußten den Beginn der Arbeiten für den zweiten Bauabschnitt der Straße deshalb von September 1994 auf Januar 1995 verlegen", rÄumt Bob Brazier, Sprecher der für das Projekt verantwortlichen Baufirma, ein. Denn die Umweltaktivisten kÄmpfen um jedes Haus. Die FÄden der Anti-Straßen- Initiative laufen in einem kleinen Büro in der Grove Green Road zusammen, das in eine U-Bahn- Brücke eingelassen ist. In dem "Direkt Action Office" herrscht hektische Betriebsamkeit: Telefone klingeln, FlugblÄtter werden verfaßt, Aktionen vorbereitet und das Layout für den Straßenbrecher, die regelmÄßig erscheinende Postille der Initiative, entworfen. Alison Buttler engagiert sich seit Dezember für die Kampagne. Als "Vollzeit-Aktivistin", wie sie es selbst nennt. Ihr Psychologie- Studium hat die 21jÄhrige dafür unterbrochen: "Ich genieße es einfach, mit den Leuten hier zu leben und etwas Sinnvolles zu tun." Daß die Umweltschützer die Verbindungsstraße noch verhindern können, glaubt Alison nicht: "Die Regierung weiß, daß diese Straße keinen Sinn macht, aber sie würde ihr Gesicht verlieren, wenn sie die Bauarbeiten einstellt." Trotzdem sollten die Verantwortlichen spüren, "daß sie solche Projekte nicht mehr widerstandslos durchziehen können". Gegen die StraßenbauplÄne setzen die "Íko-Besetzer" spektakulÄre, gewaltfreie Aktionen, die das Bauprojekt behindern und die Íffentlichkeit wachrütteln sollen. Ende April erklommen sie, von den SicherheitskrÄften unbemerkt, des Nachts das Dach des Wohnhauses von Verkehrsminister John Mac Gregor und entfalteten, unter dem Motto "returned to sender", ein sieben Meter langes Banner mit einer Zeichnung der geplanten Schnellstraße. Mitte Februar kam es zwischen ihnen und der Polizei zu der bislang größten Auseinandersetzung, die als "Schlacht um Wanstonia" in die Analen des East End eingegangen ist. Elf Stunden benötigte die Polizei, um die letzten drei besetzten HÄuser an der Cambridge Park Road, dem ersten Bauabschnitt, zu rÄumen. Die knapp 300 Besetzer hatten Fenster und Türen verbarrikadiert, GrÄben errichtet und die Innentreppen abgebaut. Die 28jÄhrige Becky Lush und ihre Freundin Patricia Braga, die in einem der HÄuser mehr als 16 Jahre gewohnt hatten, ketteten sich an eine mit Beton ausgegossene Waschmaschine an. Andere Besetzer zementierten Arme und Beine in das Mauerwerk ein. Zwei Dutzend Straßengegner, die auf den DÄchern ihre letzte Zuflucht gefunden hatten, mußten per Kran einzeln auf den Boden zurückgebracht werden. Doch die Meinung im Viertel ist geteilt: "Die sind schmutzig und verlottert; nachts krieg' ich hier kein Auge mehr zu", schimpft Jackie Heath, die seit 15 Jahren in Wanstead lebt, über die Polit-Aktivisten, von denen sie meint, sie seien in ihrem Viertel "unpopulÄrer als die neue Straße". Auch die Regierung versucht die Straßengegner in Gut und Böse zu spalten. "Den Protest einiger Anwohner, die um ihre GÄrten fürchten", urteilt Ministeriumssprecher Gibbons, "kann die Regierung akzeptieren." Die New-Age-Traveller hingegen würden versuchen, die der Stadtautobahn meist wohlgesonnenen East-End-Bewohner "von der Straße zu entfremden". Die Londoner "Anti-M11 linkroad campaign" ist kein Einzelfall. Seit sich vor gut anderthalb Jahren im nahe Winchester gelegenen Twyford Down erstmals Anwohner vor die anrückenden Bulldozer warfen, um die geplante VerlÄngerung einer Autobahn zu verzögern, hat eine weitgefÄcherte Verkehrsbewegung wie ein FlÄchenbrand ganz Großbritannien überzogen. Ob im südwestenglischen Bath oder im walisischen Snowdon - wo immer neue Straßengroßprojekte, Autobahnen und Landstraßen geplant sind, blockieren alteingesessene und zugereiste Verkehrsgegner gemeinsam Baufahrzeuge, ketten sich an BÄume oder dringen in BaugelÄnde ein. Direkte Aktionen, gewaltfrei und phantasievoll, bestimmen landesweit das Erscheinungsbild der Bewegung. Auch wenn das britische Verkehrsministerium es lange nicht wahrhaben wollte: Innerhalb weniger Monate ist die ungezügelte Autoflut zum Umweltthema Nummer eins auf der Insel geworden. Jetzt reagiert die Regierung mit der Kriminalisierung der Aktivisten. Vor wenigen Wochen zog das Justizministerium mit der "Criminal Justice Bill" eine den Straßengegnern auf den Leib geschnittene Gesetzesvorlage aus der Schublade. Besetzte HÄuser sollen danach ohne Gerichtsverfahren gerÄumt, daß unbefugte Eindringen in Baustellen und leerstehende HÄuser mit hohen Strafen belegt werden können. "Wenn das Gesetz durchkommt", ahnt Michael Schwarz, Anwalt vieler Gegner der Londoner Verbindungsstraße, "ist das für die Bewegung ein Desaster."

Copyright contrapress media GmbH T941008.34 TAZ Nr. 4437 Seite 3 vom 08.10.1994 276 Zeilen von TAZ-Bericht r. sotscheck / tom levine


Nicht nur in Deutschland wird mit der VerbrechensbekÄmpfung um WÄhlerstimmen geworben / In London wird morgen ein buntes Bündnis gegen die "Criminal Justice Bill" demonstrieren / Auch in Frankreich sind GesetzesverschÄrfungen geplant Kill the bill! A bas la loi! Dixie Dean ist optimistisch: "Es wird die größte Demonstration seit der Kampagne gegen die Kopfsteuer." Die Schatzmeisterin der "Coalition against the Criminal Justice Bill" erwartet, daß morgen mindestens 80.000 Menschen in London gegen das von den Torys geplante Gesetz protestieren. Sie sehen die "Criminal Justice Bill" als den größten Angriff auf die Bürgerrechte, den es in diesem Jahrhundert in England gegeben hat. Der "coalition" gehört ein breites Spektrum von Organisationen an - von Gewerkschaften und linken Labour-Abgeordneten über Professoren, RechtsanwÄltInnen, SchauspielerInnen - darunter Oscar-Gewinnerin Emma Thompson - und JournalistInnen bis hin zu Rockgruppen, HausbesetzerInnen, Arbeitslosen-Initiativen und schwarzen Bürgerrechtlern. "Der Widerstand gegen das Gesetz hat Leute zusammengebracht, die sich bisher gar nicht vorstellen konnten, daß sie dieselben Interessen haben", sagt Dixie Dean. Sie hat in der vergangenen Woche mit einem schwarzen Gewerkschafter aus Südafrika gesprochen. "Er sagte, die südafrikanische Apartheid-Regierung hÄtte liebend gerne ein solches Gesetz zur Verfügung gehabt", meint sie. "Es gibt der Polizei das Recht, Personen ohne ersichtlichen Grund auf der Straße anzuhalten und zu durchsuchen. Das entspricht den berüchtigten Notstandsgesetzen in den siebziger Jahren, die wegen der sogenannten Rassenunruhen verabschiedet worden waren und sich vor allem gegen Schwarze richteten." Deshalb haben sich zahlreiche schwarze Bürgerrechtsorganisationen der Koalition angeschlossen. Aber auch die Gewerkschaften sehen sich bedroht. "Nach dem Gesetz könnten Streikposten jederzeit verhaftet und kriminalisiert werden", sagt Dean. "Selbst die Absicht, an einer friedlichen Demonstration teilzunehmen, wÄre strafbar." - Zielscheibe der Regenbogen-Opposition ist Michael Howard, Majors Innenminister und strahlender Held des rechten Tory-Flügels. Howard hatte im letzten Jahr ein "Law- and-order-Paket" vorgelegt, mit dem er wieder für klare VerhÄltnisse sorgen wollte, eben die "Criminal Justice Bill". Nebenbei wollte er so der Labour Party das Wasser abgraben. Die hatte nÄmlich selber versucht, sich als Law- and-order-Partei darzustellen, indem sie das "unbarmherzige Durchgreifen gegen kriminelle Elemente" gefordert hatte. Howard zögerte nicht mit der Antwort. "Wir müssen der Polizei die Handschellen abnehmen", schrie er auf dem Tory-Parteitag im letzten Jahr, "und sie statt dessen den Kriminellen anlegen." Seine Rechnung, daß Labour- Chef Tony Blair den Schwanz einziehen und ihm dieses Feld überlassen würde, ging jedoch nicht auf: Das Labour-Schattenkabinett beschloß, im Unterhaus nicht gegen die Gesetzesvorlage zu stimmen. Dadurch zog er sich allerdings den Zorn Hunderttausender junger WÄhlerInnen zu und verspielte die Chance, sich an die Spitze einer Bewegung zu stellen, die die Gemüter so stark bewegt wie kein anderes Thema seit der Kopfsteuer. "Das Verhalten der Labour-Führung ist widerlich", sagt Dixie Dean. "Viele Abgeordnete vom linken Labour-Flügel und eine Menge Gewerkschafter sind stocksauer auf Blair." Die 19jÄhrige Caroline Lewis, die im "Freedom Network" gegen die Criminal Justice Bill arbeitet, sagt dazu: "Vielen jungen Leuten ist klar geworden, daß das politische System ihnen nichts mehr zu bieten hat. Früher war das Spektrum breiter." Das Freedom Network hat ein heruntergekommenes ehemaliges Sozialamt besetzt und es mit Hilfe von Spenden in ein Kulturzentrum umgebaut. Es gibt inzwischen rund vierzig Zweigstellen im ganzen Land. "Die Politik wird von alten MÄnnern dominiert, die mit meiner Welt nicht das geringste zu tun haben", so Lewis, "Torys und Labour sind in der Mitte zusammengerückt." WÄhrend der Labour- Vorstand sein Plazet gab, tadelten die Lords verschiedene Teile der Vorlage. Deshalb konnte das Gesetz nicht - wie von Howard geplant - vor der Sommerpause in Kraft treten. Freilich hat der Einspruch des Oberhauses nur aufschiebende Wirkung: Am 19. Oktober, also gleich nach dem Tory- Parteitag, wird Howard sein Paket erneut dem Unterhaus vorlegen, um die EinwÄnde der Lords zunichte zu machen. Wichtigster Paragraph des 27 Punkte umfassenden Paketes ist die Abschaffung des seit 300 Jahren garantierten Rechts auf Aussageverweigerung. Wer schweigt, soll automatisch schuldig sein. "Dieser Paragraph öffnet Justizirrtümern Tür und Tor", sagt Dixie Dean. So gehören auch die "Birmingham Six", die 17 Jahre unschuldig im GefÄngnis saßen, der "coalition" an. Vor zwei Wochen versuchten sie, Howard ihre Bedenken im Unterhaus vorzutragen. Der Innenminister wies sie ab. Howards Gesetz sieht viele weitere VerschÄrfungen vor: - Die Freilassung von Angeklagten gegen Kaution soll erschwert werden. - Die Höchststrafe für jugendliche StraftÄter wird verdoppelt. - Die Polizei wird ermÄchtigt, von Verurteilten einen "genetischen Fingerabdruck" zu speichern. - KinderknÄste für Zwölf- bis VierzehnjÄhrige sollen eingerichtet werden. Der Weg für weitere GefÄngnis-Privatisierungen wird geebnet. Darüber hinaus hat Howard das Vergehen des "verschÄrften unbe- fugten Betretens" erfunden, das gegen Hausbesetzer, die sogenannten "New Age Travellers", Roma und Sinti, Ravers und Jagdsaboteure gerichtet ist. Hier wird die rechtspopulistische Tendenz des Gesetzes am deutlichsten: Soziale Probleme sollen mit juristischen und polizeilichen Mitteln bekÄmpft werden, eine Fülle von bisherigen Ordnungswidrigkeiten wird zu StraftatbestÄnden erklÄrt. Schlecht sieht es aus für alle Nichtseßhaften, die wie "New Age Travellers" mit buntbemalten Wagen durch die Lande ziehen und hÄufig auf "common land" campieren. Wenn mehr als sechs Wagen auf der Wiese stehen oder die Wagen auch nur leicht beschÄdigt wirken, kann die Polizei gegen die Nichtseßhaften einschreiten, sofort und ohne Gerichtsbeschluß. Bloßes Urinieren auf öffentlichem Land gibt der Polizei schon Handhabe zum Eingreifen. Selbst eine Duldung durch den Grundstücksbesitzer hilft nichts, wenn sie nicht schriftlich vorzeigbar ist. Und wer sich wehrt, riskiert - außer empfindlichen Geldstrafen - den Verlust seines Wohnmobils. Die Probleme, die sie da bekÄmpft, hat die Tory-Regierung selbst produziert: zum Beispiel die Wohungsnot, die zwei Millionen Briten betrifft. Daran gemessen und angesichts von 864.000 leerstehenden WohnhÄusern, ist die Zahl von 50.000 Hausbesetzern in England eigentlich noch gering. Auch sie fürchten die drakonischen Paragraphen des neuen Gesetzes. Zu der Regenbogen-Koalition, die sich gegen die "Bill" zusammengetan haben, gehören auch die Raver, die ebenfalls ein von den Tories "selbstproduziertes" Problem darstellen: Raver - Besucher "wilder", nicht lizenzierter Open-Air- Festivals - gibt es genau seit 1982: Seit damals nÄmlich müssen Open- Air-Festivals staatlich genehmigt werden, was mit hohen Gebühren und mal mehr, mal weniger sinnvollen Auflagen verbunden ist. Schließlich kommen die Jagdsaboteure hinzu, eine sehr britische Erfindung: Umweltschützer diverser Couleurs werfen sich als lebende Schutzschilde zwischen Treiber und Füchse, um die "sportliche" Freizeitjagd, durchaus noch britische Allgemeinkultur, zu unterbinden. Bei all diesen Gruppen kann die Polizei nach der Bill schon bei geringsten Verdachtsmomenten Durchfahrts- oder Zugangsrechte verweigern. Doch damit nicht genug, weitere demokratische Grundrechte stehen auf Howards Abschußliste: Der Innenminister denkt laut darüber nach, die Rechte der Verteidigung vor Gericht zu beschneiden und bei bestimmten Gerichtsprozessen die Geschworenen abzuschaffen - das Recht auf Geschworene ist seit 1215 in der Magna Charta verankert. Und weil er gerade dabei ist, hat er für die "Law-and-order-Enthusiasten" noch einen Leckerbissen parat: "Verbrecher" ab dem Alter von zehn Jahren sollen künftig zu "gemeinnützigen Arbeiten" herangezogen werden. - Howard ist trotz der massiven Opposition zuversichtlich, daß er sein Gesetz in elf Tagen unbeschadet durch das Unterhaus schleusen kann. Damit ist der Fall freilich noch lange nicht erledigt. "Falls das Gesetz am 19. Oktober verabschiedet wird, tritt es im Januar in Kraft", sagt Dixie Dean. "Das gibt uns Zeit, unsere Kampagne noch auszuweiten. Die Kopfsteuer war ja auch gesetzlich abgesichert, und dennoch haben viele dagegen verstoßen. Wer weiß? Damals sind wir am Ende nicht nur das Kopfsteuergesetz losgeworden, sondern obendrein auch die Premierministerin."

Ralf Sotscheck/Tom Levine, London


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