Seit nunmehr einem halben Jahr existiert in Oldenburg ein "Verein
für alternative Wohnkultur - Initiativkreis Wagendorf". Wir ,
die ca. 15 MitgliederInnen, leben (teilweise schon seit mehreren Jahren)
in um- und ausgebauten Bau- und Zirkuswagen im Oldenburger Umkreis.
Mit Gründung dieses Vereins ist damit der erste Schritt getan,
an die Öffentlichkeit zu treten und diese Wohn- und Lebensform als
akzeptable Alternative zur herkömmlichen Lebensart darzustellen.
Und wir sind nicht die einzigen, die diese Idee haben. Landauf landab sind
es inzwischen mehr als eintausend (!) Wäglerlnnen mit einer ähnlichen
Zielsetzung; und es werden immer mehr.
Alle nur denkbaren Schattierungen dieser unserer Gesellschaft sind vertreten; sei es der "grüne Aussteiger auf der Suche nach DER Antwort auf alle Fragen" oder die Lehrerin mit Beamtenstatus und Pensionsberechtigung, sei es nun die Philanthropin mit oder der Punk ohne Illusionen.
Ausgehend von den unterschiedlichsten Philosophien und Gedankengebilden sind wir, (mehr oder weniger) mit den Konventionen der Mehrheitsgesellschaft brechend, u. a. aus der "normalen" Wohnung in die Wagen gezogen, um unser Leben nach völlig neuen (oder alten?) Gesichtspunkten zu organisieren; auf der Suche nach einem neuen "Ich", nach, einem ganz und gar individuellem Lebensgefühl, nach einer intakten Umwelt.
Obwohl die Grenzen gefallen und das Europäische Haus (fast) erbaut worden ist, fällt es schwer, in dieser Gesellschaft der Ver- und Gebote, der Verordnungen und Gesetze sich als eigenständiges Individuum behaupten zu können. Um so schwerer, wenn mensch es einmal doch, oder wieder, gewagt hat, den ausgetretenen Pfad der Tradition und der Angepaßtheit zu verlassen. Aber wir wären nicht in Deutschland, wenn da nicht der Gesetzgeber vorgesorgt hätte: Eine Fülle von Gesetzen und Verordnungen regeln (und unterbinden !) das Leben im Wagen. Sei es, daß eine Baugenehmigung für unser rollendes Heim verlangt wird und/oder das Landschaftsschutz- und allg. Wohngesetze zum Tragen kommen.
Unter dem Motto "was nicht ausdrücklich erlaubt ist, bleibt verboten" oder "...wenn das jeder machen würde" werden jegliche Freiräume zerstört. Allenfalls werden wir "geduldet", d.h. behördlicherseits so lange ignoriert, wie wir nicht die "öffentliche Sicherheit und Ordnung" stören, ein mißgünstiger Nachbar oder ein gerade zufällig daherkommender "Aktiv-Bürger" Anzeige erstattet und die Behörden von Amts wegen einschreiten (dürfen). Wir sind Teil dieser Gesellschaft, ob wir nun wollen oder nicht. Aber wir sind es leid, immer nur zu reagieren und zu parieren.
Wir fordern deshalb nicht mehr und nicht weniger als das Menschenrecht auf freie Entfaltung unserer Persönlichkeit, das Recht, nicht nur Mensch zu sein sondern eben auch als solcher leben zu können; in einer Zeit, die geprägt ist von Streß und Unrast, vom Streben nach immer Neuem, Größerem, nach immer mehr Macht und Einfluß, in der der Autowahn ungebremst scheint, das Wirtschaftswunder wiederholbar und die Ökologie immer noch der Ökonomie untergeordnet wird.
Aber auch in einer Welt mit immer mehr Menschen auf immer weniger (Lebens-)Raum, muß es doch möglich sein, in selbatbestimmter, aber verantwortungsbewußter Art und Weise leben zu können. Ehen ohne, daß wir am Gemeinwohl schmarotzen, die Naturschutzgebiete vereinnahmen und/oder uns Rechte herausnehmen, die wir anderen nicht zugestehen würden. Und wer sagt denn, daß die Trabantenstädte, daß die Großstädte, daß all diese Massenmenachhaltung die einzig richtige Antwort auf die uns umgebenden Probleme darstellen.
Es wird dringend Zeit, daß sich etwas ändert in dieser, unserer real existierenden Bürokratie. Zeit, daß Raum geschaffen wird für neue Ideen und Denkweisen. Zeit daß der Staat sein Monopol auf Allgegenwart aufgibt. Zu einem "Aufgeklärten Zeitalter", in der die "Freiheit des Individuums" so vollmundig propagiert wird, gehört ehen auch ein "offenes Denken". Und "MEHR DEMOKRATIE WAGEN", (do you remember?), beinhaltet natürlich auch, Neues und Unbekanntes zuzulassen und bedeutet eben auch Veränderung, soll sie nicht zu einer Denokratur verkommen.
Im weiteren wollen wir noch genauer auf Wesen und Zweck unserer "Wagendorfinitiative" eingehen und versuchen, dieses unser Projekt so plastisch wie möglich zu erläutern:
Die Verwirklichung eines Wagendorfes als solches ist von vielen Basisfaktoren abhängig.
U. a. von: - Bereitstellung eines geeigneten Geländes,
-
Lage und Bodenbeschaffenheit,
-
Größe, davon abhängig die Maximalanzahl der Wagen,
-
politische Durchsetzbarkeit, evt. über eine allgemeine Gesetzeainitiative
zwecks Legalisierung
dieser speziellen Wohn- und Lebensform durch die Partei "DIE GRÜNEN"
im neuen nieders. Landtag oder wenigstens auf der Ebene einer längerfristigen
Duldung durch städtische Adninistrationen,
-
u.a.m.
Im speziellen könnte es folgendermaßen aussehen:
Mit Unterstützung der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, des örtlichen Studentenwerkes, des ASTAs und einer mit unseren Zielen sympathisierenden Öffentlichkeit wird uns ein geeignetes Grundstück entweder auf Uni-Gelände oder durch Vermittlung ders. zur Verfügung gestellt, um eben dort ein Wagendorf mit Modellcharakter aufbauen zu können. Die einzelnen Modalitäten würden in etwa so aussehen:
Wir, der Initiativkreis, erbauen ein "Dorf" mit (vorerst) ca. 20 bis 30 Wagen für dementsprechend viele Bewohner. Die nötige Infrastruktur wird von uns bzw. mit Hilfe der Uni u.a. in Form eines interdisziplinären Uni-Projektes erstellt. Dabai soll besonderer Wert auf eine allgemeine und umfassende ökologische Ausrichtung gelegt werden, d.h.:
1.: die Stromversorgung des Platzes erfolgt so schnell als möglich durch dezentrale Energieformen (Solarmodule, Windkraft)
2.: Anfallende Fäkalien werden kompostiert und zur allg. Düngung verwendet.
3.: Abwässer werden (chemiefrei!) durch sog. "Pflanzenkläranlagen" gereinigt und dann abgeleitet. (In der Anlaufphase werden die Abwässer gesammelt und in die Kanalisation geleitet!)
4.: Anfallender Müll wird gesondert gesammelt und der örtl. Müllentsorgung zugeführt.
Selbstverständlich steht dabei das Abfallvermeidungsprinzip an erster Stelle! Die einzigen Baumaßnahmen dürften sich somit auf Erstellung eines Wasserstandrohres (wenn überhaupt) bzw. Legung einer (provisorischem !) Stromleitung.
Insgesamt soll die Grundstruktur des Platzes nicht irreversibel verändert werden. Schwerpunkt bei allen Aktivitäten und Maßnahmen baulicher Art wird dabei, der "Wesensart" unserer "rolling homes" entsprechend, die Option auf Beweglichkeit und Mobilität sein. Feste Bauten werden nicht erstellt.
Im Gegenteil, sog. Geneinschaftswagen werden die "üblichen Einrichtungen" ersetzen. - Dorfgemeinschaftswagem, - Sanitär- bzw. Toilettenwagen, - Gästewagen, - sonstiges, wie z.B. Saunawagen o. ä.
Interessierte Angehörige und Mitarbeiter der verschiedenen universitären Fachbereiche z. B. der FB 3 (Sozialwissenschaften/Raumplanung), der FB 7 (Biologie), der FB 8 (Physik), der FB 9 (Chemie) sowie die übrigen FB und der Fachhochschule (Architektur etc.) sollten dabei die Möglichkeit bekommen, sich an den Planungen zu beteiligen und u.U. auch aktiv an dem Aufbau und der Gestaltung des "Dorfes" mitwirken.
Denkbar und sicherlich auch wünschenswert könnte ebenfalls sein, dieses "Modelldorf" im Rahmen der üblichen Forschungsarbeit zu sehen und dadurch einzelnen StudentInnen die Möglichkeit zu geben, die außerordentliche Themenvielfalt im Bereich von Prüfungs- und Diplomarbeiten zu bearbeiten.
Mögliche Themen wären z.B.:
- Aufbau und Betreuung einer funktionierenden alternativen Strom und
Energieerzeugumg,
- Abwasser und Fäkalienentsorgung bzw. Aufbereitung,
- praktizierte, erlebte Ökologie,
- Raumplanerische Überlegungen
- architektonische Alternativen zum herkömmlichen Wohnungsbau
- Gruppenstrukturelle Problematiken in sozio-politischen Bereich,
- Untersuchungen im Bereich der allg. gesellsch. Problematiken; insbesondere
Überlegungen über mögliche Übertragbarkeiten auf bestehende
gesellschaftliche Strukturen und deren Auswirkungen im Gesamtzusammenhang,
Nicht vergessen werden soll dabei aber auch, daß das Wagendorf
eigenständig ist und auch bleiben will; die Entscheidungs- und Verfügungsgewalt
bleibt bei den Bewohnern.
Lediglich die Rahmenbedingungen werden von beiden Parteien gemeinsam gesteckt
mit dem Ziel, sich in Form einer offenen und fairen Nachbarschaft gegenseitig
zu unterstützen und in einem immerwährendem Dialog zu stehen.
Dadurch soll sichergestellt werden, daß die gegenseitige Vertrauensbasis
erhalten und eine Kontinuität gewahrt bleibt. Überaus interessant
und ungemein spannend dürfte dabei der Aspekt sein, daß das
gesamte Dorf und wir alle darin wohnende Menschen sowohl einerseits Alternativen
zu herkömmlichen Gesellschaftsmodellen ausprobieren und durchleben
und, das soll hier auch ganz deutlich gesagt werden, uns dem zuvor erfahrenen
Zwängen unterschiedlichster Art ja gerade entziehen wollen, anderseits
aber auch im Spannungsfeld der unterschiedlichsten Interessen stehen und
dadurch zwangsläufig zu "Studienobjekten" werden.
Ob dieses Wagendorfexperiment überhaupt zu realisieren ist, wie es letztlich ausgehen wird und wie weit wir uns dabei der Wissenschaft auszuliefern bereit sind wird innerhalb der angesprochenen Wohngruppe wohl noch intensivst und hoffentlich auch kontrovers diskutiert werden.
Zum Schluß noch einige Anmerkungen zu möglichen Perspektiven:
Warum sollte es nicht möglich sein, daß Wagendörfer in
der eben skizzierten Art und Weise auch in anderen Städten und Gemeinden
im gesamten Bundesgebiet entstünden. Dadurch würden diese Dörfer
eine phantasievolle und ohne weiteres auch akzeptable Alternative zum herkömmlichen
Wohnungsbau darstellen. Mensch denke doch einmal an etwaig notwendig gewordene
Umzüge in andere Städte.
In Städte, in denen bekanntermaßen nur schwer oder gar nicht
Wohnungen zu finden oder die Kosten dafür einfach nicht zu bezahlen
sind. Man nimmt einfach sein Haus mit auf die Reise! Und ohne dabei auf
die gewohnte Umgebung verzichten zu müssen!
Es ist DIE Lösung für fehlende Wohnungen, überhöhte
Mietforderungen etc. Was dies in der heutigen Zeit für die (zum Leben
doch so notwendige) Lebensgualität bedeutet, braucht hier wohl nicht
weiter erläutert werden.
Auf jeden Fall lohnt sich die Auseinandersetzung mit dieser neuen und vielleicht
auf den ersten Blick ungewohnten Lebensart. Und es wäre doch einfach
schade, wenn der Phantasie (wieder einmal!?) nicht der notwendige Raum
zugestanden werden würde.
Kontakt: Verein für alternative Wohnkultur - Initiativkreis "Wagendorf", c/o Herbert Kropp, Jückenweg 1, 2905 Edewecht/Portsloge, Tel.: 04405 / 7521 (nicht mehr aktuell!!!)
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- das Leben wagen!?"